Monod, Adolphe - Der Apostel Paulus - Sein Vorbild.

Fünfte und letzte Rede.

Wiewohl auch ich habe, daß ich mich Fleisches rühmen möchte. So ein Anderer sich dünken läßt, er möge sich Fleisches rühmen; ich vielmehr. Der ich am achten Tage beschnitten bin, aus dem Geschlecht Israel, des Stammes Benjamin, ein Ebräer von Ebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeine, nach der Gerechtigkeit im Gesetz gewesen unsträflich. Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Denn ich achte es Alles für Schaden um des Ueberschwangs willen der Erkenntniß Christi Jesu, meines Herrn, um welches willen ich Alles drangegeben habe, und achte es für Unrath, auf daß ich Christum gewinne und in Ihm erfunden werde, daß ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christum kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben wird, zu erkennen Ihn und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, daß ich Seinem Tode gleichförmig werde; ob ich möchte entgegenkommen der Auferstehung der Todten. Nicht daß ich es schon ergriffen habe, oder schon vollendet sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's doch ergreifen möchte, nachdem ich auch von Christo Jesu ergriffen bin. Liebe Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, daß ich es ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, das da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod der himmlischen Berufung Gottes in Christo Jesu. Wie Viele nun unser vollkommen sind, die laßt uns also gesinnet sein; und so ihr in Etwas anders gesinnet seid, so wird euch Gott auch dieses offenbaren. Doch daß wir in dem, wozu wir gelangt sind, nach einerlei Regel wandeln und gleich gesinnet seien. Folget mir nach, liebe Brüder, und sehet auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde.
Phil, 3, 4-l7.

So sind wir denn bei dem Ziel angelangt, zu dem diese Reden führen sollten. Laßt es mich noch einmal wiederholen: indem ich von Paulus zu euch redete, wollte ich ihn nicht verherrlichen, sondern euch ein vor Augen stellen, nach welchem Alle, die gern Gottes Willen thun und die Aufgabe ihres Lebens erfüllen möchten, sich richten könnten. Ein vollkommenes Vorbild haben wir allein in Christo; aber Gott läßt sich zu den Bedürfnissen unserer Schwachheit herab, indem Er uns auch unvollkommene Vorbilder zeigt, die zwar weit hinter dem Meister zurückbleiben, uns jedoch bedeutend vorangehen, in denen die natürliche Schwachheit zwar nicht völlig überwunden, aber doch so sehr beherrscht wird, daß sie einem wahren, vollständigen und siegreichen christlichen Leben das Feld frei läßt, Paulus ist eins dieser unvollkommenen Vorbilder, aber wohl das am wenigsten unvollkommene, welches je der Erde gewährt worden ist.

Bedürfte es nach allem Vorangegangenen noch eines letzten Beweises, so würde ich denselben in unserem Texte finden: „Seid meine Nachfolger!“ Diese Ermahnung findet sich bei dem Apostel sehr oft, er richtet sie bald an die Philipper, bald an die Thessalonicher, bald an die Korinther, kurz an alle Gemeinden. Denkt euch, der musterhafteste Christ, den ihr kennt, spräche zu irgend Jemandem: „Sei mein Nachfolger!“ Eine solche Sprache ließe sich nur auf zweifache Weise erklären: entweder aus der hochmüthigsten Selbstverblendung - urtheilt selbst, ob diese Deutung auf unsern Apostel paßt, - oder aus einer Heiligkeit, die in ihrer Größe und Einfalt sich über die behutsamen Ausdrücke der Bescheidenheit und über die Einbildungen der Eigenliebe erhebt, um der Gnade Gottes allein die Ehre zu geben. Seid ihr nicht auch der Meinung, daß der, welcher sprechen konnte: „Seid meine Nachfolger!“ nicht nur ein treueres, sondern auch ein von dem der Treusten unter uns ganz verschiedenes Leben geführt haben muß?

Wenn ihr diese meine Empfindungen über den Apostel Paulus, die durch das abermalige Studium seines Lebens nur verstärkt sind, theilt; wenn ihr von Ehrfurcht, Dankbarkeit und Liebe für den Heidenapostel durchdrungen seid, so freue ich mich darüber, aber nur unter der Bedingung, daß ihr nicht dabei stehen bleibt, sondern auch für euch selbst erstrebt, was ihr an ihm preiset; und euch nicht etwa durch das Vergnügen der Bewunderung der Pflicht der Nachahmung überhoben glaubt; kurz, daß ihr nicht die hochmüthige und unfruchtbare Forderung: „Seid meine Bewunderer“ mit der eindringenden, fruchtbaren und beschämenden Ermahnung des Apostels: „Seid meine Nachfolger“ vertauscht.

Ja, es ist eine beschämende Ermahnung. Ich hüte mich wohl, euch zu täuschen. Als Diener eines Herrn, der Seinen Jüngern das Schwierige Seiner Nachfolge nicht verhehlte, vielmehr es sich angelegen sein ließ, durch besonders kräftige, seltsam klingende Ausdrücke die Opfer, die Er von den Seinigen forderte, hervorzuheben: „So Jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein; wer nicht absagt Allem, das er hat, kann nicht mein Jünger sein“, - als Diener dieses Herrn will ich euch gegenüber mit derselben Offenheit reden, mit der Er sich gegen sie aussprach. Zudem hat dieser Weg der Entsagung, wenn er klar und deutlich vorgezeichnet wird, für treue Jünger einen geheimen Reiz; er stößt nur die Schwankenden zurück, die früher oder später doch abfallen würden und deren Bund dem wahren Volke Gottes weniger zur Stütze als zum Hinderniß gereichen würde. Geht daher euer Trachten vorzugsweise auf irdische Dinge, auf irdische Ehre, irdisches Glück, irdische Zufriedenheit, oder selbst auf irdische Liebe, dann mißtrauet dem Vorbilde des Apostels Paulus und der Anwendung, die ich davon auf euch mache. Nicht ohne Grund fühlt ihr, während ich von seiner Nachfolge spreche, wie sich gleichsam eine unsichtbare Hand ausstreckt, um euer Geld, euer Wohlleben, eure Ehre bei den Menschen, eure abgöttischen Neigungen zu beschützen. Es ist dies eine Bewegung, welche mit der Raschheit auch die Klugheit des Naturtriebes vereinigt. Wagt ihr es, den Weg Pauli zu betreten, so setzt ihr den ganzen Schatz eures eigenen Willens auf's Spiel: von dem Apostel wurde dies Opfer verlangt, er hat es gebracht; aber auch euch kann es auferlegt werden, - und um so mehr, je schwerer es euch fällt. Wie nun, wenn Christus von euch verlangte, die allgemeine Achtung, deren ihr euch erfreut, mit den Demüthigungen Seines Lebens und der Schmach Seines Todes zu vertauschen; die Reichthümer, die eure Häuser füllen, mit der Niedrigkeit und der Blöße der Armuth - ich sage, der Armuth; euer behagliches Leben, eure ausgesuchte Nahrung, all' eure ebenso schnell erfüllten als ausgesprochenen Wünsche mit den Entbehrungen, Sorgen und Leiden des Körpers und den Qualen der Seele; den süßen Verkehr mit euren Lieben, welche eurer Augen Lust und eures Herzens Wonne sind, mit Trennung. Verlust und bitterer Einsamkeit? Fühlt ihr euch innerlich bereit, „dies Alles für Schaden zu achten, um Christum zu gewinnen?“ Antwortet ihr mit Petrus: „Herr, ich bin bereit, mit Dir in's Gefängniß und in den Tod zu gehen!“ so bleibt euch nur übrig, euch selbst zu prüfen, um euch zu überzeugen, daß ihr euch nicht selbst täuscht. Sprecht ihr aber in eurem Innern: „Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören,“ dann habe ich nichts weiter zu sagen. Ich untersuche hier nicht, ob ihr in diesem Zustande eure Seele erretten könnt; jedenfalls könnt ihr, so wie ihr seid, keine Nachfolger Pauli werden.

Ueberdies befindet ihr euch, wenn ihr darauf verzichtet, ihm nachzuahmen, in sehr zahlreicher und leider in sehr christlicher Gesellschaft. Paulus selbst macht euch darauf aufmerksam; doch sieht er hierin nur einen Grund mehr, euch zur Nachfolge seines seltenen und darum um so köstlicheren Beispiels dringend aufzufordern. „Sehet auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde. Denn Viele wandeln, von welchen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, daß sie wandeln als Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammniß, welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre in ihrer Schande, die nur auf's Irdische denken“ (Phil. 3,17-19). Solcher gibt es Viele, und zwar viele Christen, nicht Heiden, sonst würde der Apostel weniger über ihre Sünden erstaunen und weniger ihr verführerisches Beispiel fürchten. Ja, es sind allem Anschein nach Christen, welche die Kirche nicht einmal aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen hat, da ihre Untreue so beschaffen ist, daß sie außerhalb des Bereichs menschlicher Zucht liegt. Freilich machen sie ihren Bauch zum Gott und suchen ihre Ehre in ihrer Schande; aber dergleichen scharfe Anklagen müssen vom Gesichtspunkte der Heiligen Schrift aus erklärt werden, die mit heiliger Strenge Dinge straft, welche sich dem Tadel der Welt und selbst den Gesetzen der Kirche entziehen. Der wahre Gedanke des Apostels tritt in dem letzten Zuge, womit er sein trauriges Bild schließt, hervor: „Die nur auf's Irdische denken“. Dieser Zug paßt nicht blos auf Menschen, die sich schmachvollen Verirrungen des Fleisches hingeben, sondern auch auf solche, die in den Augen der Welt untadelhafte, für die Kirche unangreifbare Christen sind, deren ganzes Verbrechen darin besteht, daß sie, „deren Bürgerrecht im Himmel ist“, den sinnlichen Interessen in ihrem Leben das Uebergewicht gewähren. Wenn der Apostel sie „als Feinde des Kreuzes Christi“ bezeichnet, so folgt daraus nicht, daß sie sich der Lehre vom Kreuz widersetzen; er klagt nicht über ihre Lehre, sondern über ihr Leben; sie sind Feinde des Kreuzes, weil sie sich dem Leben der Kreuzigung zu entziehen suchen. In diesem Sinne kann man sehr rechtgläubig sein, vielen Eifer für die Verbreitung des Evangeliums beweisen, sich als ein thätiges, einflußreiches Mitglied der besten christlichen Vereine zeigen, das Kreuz mit Eifer und Beredsamkeit predigen, und dabei doch ein Feind des Kreuzes sein. Es drängt sich mir hier ein Vergleich auf, der mich erschreckt. Wenn es in der kleinen, durchaus lebendigen, apostolischen, wohlgeordneten Gemeinde zu Philippi solche Feinde des Kreuzes gab, wie hoch mag sich dann ihre Anzahl in unserer großen, gesunkenen, mattherzigen, der früheren Zucht und Ordnung längst beraubten Kirche belaufen, wo Jeder thut, was ihm recht däucht! Wie hoch vielleicht unter denen, welche die Wahrheit erkannt haben, bekennen und vertheidigen! Ach, um dem Kreuze Christi und der Nachfolge Pauli zu entgehen, braucht ihr nur, wie die Mehrzahl der Christen, selbst der gläubigen, von der Welt geachteten und in der Kirche mit Ehren genannten Christen zu leben!

Viele jedoch sind nicht Alle. Ich weiß, es gibt auch in unsern Tagen hier und anderswo, in dieser wie in andern Kirchengemeinschaften viele Christen, die um jeden Preis in der Weise Nachfolger des Apostels Paulus sein wollen, wie er ein Nachfolger Christi war; die sich im Gefühl ihrer Mängel nach einem wahrhaft christlichen Leben sehnen; die da einsehen, daß es von nun an keinen Frieden mehr für sie gibt, wenn sie dem Licht der Welt nicht bis ans Ende folgen, das Evangelium mit ganzem Ernst ergreifen und ihren Willen ohne Rückhalt mit dem Willen Gottes in Einklang bringen, sich ihm unterwerfen und opfern. Ich sagte, ich weiß es, ich behaupte noch mehr, ich fühle es. Ja. selbst in diesem Augenblicke fühle ich vermittelst der geheimnißvollen Wechselwirkung, die sich in einer großen Versammlung zwischen dem Redenden und den Zuhörern bildet, daß meine Worte in manchen Herzen wiederklingen; ich fühle, daß manches Herz mit dem meinigen in Freude und Wonne erglüht, wenn ich nur den Namen des christlichen Lebens nenne, das uns so bekannt sein sollte und doch so wenig bekannt ist. Auch ist dieser Eindruck für mich kein örtlicher oder vorübergehender; gern gebe ich unsern christlichen Zeitgenossen, denen ich nicht zu schmeicheln pflege, dies Zeugniß. In keinem Zeitraum der religiösen Geschichte der Gegenwart ist meiner Ansicht nach dieser Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit tiefer und allgemeiner empfunden als in unsern Tagen. Zwar höre ich von vielen Seiten sagen, die religiöse Erweckung habe abgenommen; aber ich möchte glauben, diese Abnahme sei mehr scheinbar als wirklich. Daß der Eifer geringer geworden als früher, die Pünktlichkeit in den Andachtsübungen, der frische Trieb zu den Liebeswerken und die Festigkeit in der Lehre, oder richtiger gesagt, in der Auffassung der Lehre sich vermindert hat. gebe ich zu, und ich gestehe, es fällt mir schwer, dies zuzugeben. Aber der Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit hat nicht abgenommen, ich glaube sogar, er hat sich vermehrt, und dies beruhigt mich, weil es die Hauptsache ist. Steht nicht geschrieben: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden?“

Es geht heutzutage mit der religiösen Erweckung, wie es zuweilen dem Gläubigen ergeht. Auf die selige Zeit der ersten Liebe, wo das Gebet häufig, die Arbeit süß. das Leben leicht, der Himmel heiter und die Erde ergiebig war, folgt bei Manchem eine Zeit der Dunkelheit, der Ermattung und Erkaltung. In mancher frommen Erwartung getäuscht, in manchem Kampf, in welchem sie für immer gesiegt zu haben glaubte, durch bittere Erfahrungen belehrt, sich selber zu mißtrauen, verwirrt, muthlos und niedergeschlagen, beginnt die gläubige Seele zu fragen, ob das Evangelium ihr wohl Alles gehalten habe, was es ihr verhieß. Sie beklagt sich über sich selbst, über Andere, vielleicht gar über Gott und Sein Wort; aber sie klagt wie Hiob, ohne auf ihre Hoffnung zu verzichten, und wie er, wird auch sie die Frucht ihres Glaubens ernten (Hiob 13, 15). Auf diese Weise geht in ihr ein innerer schmerzlicher, aber heilsamer Kampf vor, und wenn ihr anders die Geduld des Abwartens besitzt, so werdet ihr sie aus demselben hervorgehen sehen, „vom Herrn gesegnet mehr denn vorhin“ (Hiob 42,10 u. 12), zwar minder feurig, aber ernster, weniger zuversichtlich, aber demüthiger, weniger selbstzufrieden, aber geheiligter.

Ebenso geht es mit der religiösen Erweckung. Sie befindet sich jetzt in einer Entscheidungs- und Uebergangszeit. Trübe, träumerisch, unzufrieden mit sich selbst, ungewiß über die Zukunft, wendet sie sich nach allen Seiten und findet doch nirgends Ruhe. Sie prüft ihre Lehre und diese Lehre hat an Bestimmtheit verloren; sie untersucht ihre Moral und diese Moral hat an Strenge eingebüßt; sie forscht in der Schrift, und in ihren Augen scheint es der Schrift selbst an Klarheit und Autorität zu fehlen. Aber alles dies ist der Erfolg einer innern Arbeit, deren Endergebniß der Erweckung nur unter der Bedingung heilsam werden kann, daß sie nicht auf der erreichten Stufen stehen bleibt, sondern von Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit ohne Unterlaß getrieben erst nach völliger Sättigung dieses Bedürfnisses durch die Heiligkeit der Wahrheit stille steht. Nun wohl, beruhigt euch, die Erweckung erfüllt diese Bedingung; Beweis dafür ist das Seufzen in ihren Gebeten, in ihren Unterredungen, ihren Zuneigungen, ihren Freuden, ihren guten Werken, ihren erbaulichen Zusammenkünsten, die so verschieden sind von dem. was sie einst waren. Dies Seufzen ist eine Schwäche, ich gebe es zu. aber eine Schwäche, aus welcher Gott für Sein Volk neue Stärke schöpfen wird.

Warum soll ich es verschweigen? Der Prediger des Evangeliums kennt die Schmerzen dieser schwierigen Neugeburt in zwiefacher Weise; er kennt sie als Christ und auch als Prediger. Mit stiller Wehmuth erinnert er sich der Tage, wo sein Wort wie eine Quelle hervorsprudelte, seine Feder leicht dahinglitt, der Inhalt seiner Rede sich ihm von selber darbot und er mit sichern, festen Schritten auf einem deutlich bezeichneten Weg einem klar erkannten und unwandelbar verfolgten Ziele zustrebte. Diese Zeit ist nicht mehr. Abgesehen von den großen Fragen, oder vielmehr von der großen Frage über Leben und Tod, über die ein christliches Gewissen nie in Schwanken gerathen kann, zeigt sich ihm das Uebrige nur wie in Wolken gehüllt. Bei einem steten Wechsel von Licht, Finsterniß und Halbdunkel schreitet er tastend vorwärts. Er weiß nicht immer, was er sagen muß. weil er nicht bestimmt weiß, was er thun muß. Die zahlreiche Gemeinde, die sich am festgesetzten Tage versammelt um das Wort der Wahrheit aus seinem Munde zu vernehmen hört so wenig das stumme Gebet seiner geängsteten Seele als sie Tags vorher seine Kämpfe und den unfruchtbaren Schmerz seiner Arbeit gesehen. Ach, die blinde, kalte oder vielmehr unwissende Menge ahnt nicht, was das evangelische Predigtamt einem ernsten Gemüthe in unsern Tagen bedeutet! Inzwischen steht der Prediger zur bestimmten Stunde auf seinem Platze; er hat schon angefangen, die ersten Worte seiner Rede zu stammeln, während er kaum noch weiß, wie er sprechen soll. Was liegt daran? Er blicke nur auf den Gott, der ihn sendet! Sieht er nicht hinter den Wolken, mit denen der Himmel bedeckt ist, eine Hand hervorlangen, welche die seinige sucht? Er lege seine Hand nur muthig in diese väterliche Hand und schreite kühn voran! Dann kann er mit dem Propheten und das ganze Volk der Gläubigen mit ihm sagen: „Ich will auf den Herrn schauen und des Gottes meines Heils erwarten, mein Gott wird mich hören. Denn ob ich darnieder liege, werde ich wieder aufkommen; und ob ich im Finstern sitze, so ist doch der Herr mein Licht. Er wird mich ans Licht bringen, daß ich meine Lust an Seiner Gerechtigkeit sehe“ (Micha 7,7-9).

Jedenfalls ist es jetzt nicht an der Zeit, den Muth zu verlieren, sondern sich in Gott zu kräftigen; denn wenn Er auch Sein Volk einen kleinen Augenblick verläßt, so geschieht dies nur, um es mit großer Barmherzigkeit wieder zu sammeln. Es ist die Stunde Maria Magdalenas. Maria Magdalena sucht den Leichnam Jesu und ruft in der Bekümmerniß ihres Herzens: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben“. Und siehe, da steht Jesus vor ihr, nicht todt, sondern lebendig, ja mehr als das, als der Auferstandene und Verherrlichte, der sich anschickt, ihren Augen nur deshalb zu entschwinden, um in ihrem Herzen zu wohnen. Ergreifendes Bild unserer jetzigen Kirche: Die Tage der Entscheidung sind Tage der Erneuerung.

Grade an solche hungernde und dürstende Seelen richte ich die Ermahnung unsers Apostels: „Seid meine Nachfolger“. Die Zeit, in welcher der Apostel Paulus lebte, erinnert in mancher Beziehung an unsre Zeit, nur war sie noch tiefer und mächtiger erschüttert als die, in welcher wir leben. Das römische Reich durch das Evangelium zu erneuern, während das Heidenthum in Auflösung begriffen und das Judenthum auf falsche Wege gerathen war, das war das dem Apostel von Gott übertragene Werk, und dies Werk hat er ausgeführt. Was hat er dafür gethan und was würde er jetzt an unserer Stelle thun, wenn Gott ihn dazu beriefe, die verfallene Kirche und die gefährdete Gesellschaft durch die Wiederbelebung des christlichen Glaubens aufzurichten? Wir sind mit unserer Antwort nicht auf Vermuthungen angewiesen. Ehe er schrieb: „Seid meine Nachfolger!“ hat er erklärt, worin er unsre Nachfolge wünscht und wodurch er das geworden ist, was er war. Sich Jesu Christi rühmen, und zwar Seiner allein, ist sein ganzes Geheimniß.

Diese vor achtzehnhundert Jahren gegebene Erklärung läßt sich noch ebenso gut auf uns und unsere Bedürfnisse anwenden, als wenn sie der Geschichte der Gegenwart entnommen wäre. Das Eigenthümliche der von Gott getriebenen Männer besteht darin, daß sie für alle Zeiten sprechen; an diesem Zeichen allein kann man sie schon als besondere Menschen erkennen. Obgleich sie „von der Erde“ reden, theilen sie doch in gewisser Hinsicht das Vorrecht Dessen, der vom Himmel redet, weil er vom Himmel gekommen ist. Ihr Wort beherrscht den Lauf der Zeiten und geht durch alle Umwälzungen der Geschichte hindurch, ohne etwas von ihrer Wahrheit zu verlieren. Augustin hat gealtert, weil seine Werke mit Dingen angefüllt sind, die nur seiner Zeit angehören; aus demselben Grunde auch der heilige Bernhard, Calvin und Luther; aber Paulus, Johannes und Petrus haben nicht gealtert und werden nie altern. Jedes vorübergehende Geschlecht schöpft aus dem unergründlichen Schatze ihres Wortes; ein schlagender Beweis, daß es aus einem über alle menschliche Wechselfälle erhabenen Gebiete kommt, und daß die Männer Gottes geredet haben, getrieben vom Heiligen Geiste. Sich Jesu Christi rühmen und Seiner allein, das war Alles in Allem für Paulus im ersten Jahrhundert und hierin würde er auch im neunzehnten Jahrhundert seine ganze Aufgabe finden, denn Jesus Christus ist derselbe, gestern und heute und in alle Ewigkeit. Und unsre Aufgabe besteht nicht darin, einen neuen Christus zu erfinden, wie es sich Einige angelegen sein lassen, sondern immer tiefer in die Erkenntniß und den Dienst des alten, immer gleichen und immer neuen Christus einzudringen, der aus einem Saulus einen Paulus gemacht hat und uns zu Pauli Nachfolger machen kann.

Auch ist Paulus um so mehr berechtigt, uns sein Vorbild zur Nachfolge hinzustellen, als dies Vorbild, wie er es uns hier zeigt, weit mehr das eines Christen als eines Apostels ist, oder vielmehr nur deshalb das Vorbild eines Apostels ausmacht, weil es zugleich das eines Christen ist. Leset die Verse, die meinem Text vorangehen, ihr werdet kein Wort darin finden, das an einen Apostel erinnert; der Apostel tritt ganz zurück, der Christ allein, und zwar der in Christo aufgegangene Christ ist sichtbar. - Ich habe es anderswo gesagt und komme gern auf diesen für unsern Gegenstand so wichtigen Gedanken zurück: Paulus ist Apostel hauptsächlich durch sein persönliches Christenthum, ein so ausgezeichneter Apostel aber durch sein außergewöhnliches Christenthum; ja man kann sagen, nur weil er Christ ist, ist er Apostel, ist er der Apostel. Das ist bewunderungswürdig und höchst belehrend. Nirgends zeigt sich bei Paulus eine Spur priesterlichen Hochmuths. Er läßt es sich ebenso angelegen sein, sich mit dem einfachen Volke Gottes zu vermengen, als es diejenigen, die sich für die Erben der Apostel ausgeben, drängt, sich von dem Volle zu sondern. Mögen sie sich ihres priesterlichen Charakters und ihrer apostolischen Nachfolge rühmen, gleich als ob eine Stimme in ihrem Innern sie anklagte und drängte, die fehlenden innern Merkmale ihres Berufes durch äußerliche Zeichen zu ersetzen; er rühmt sich nur dessen, was er mit den geringsten Kindern Gottes gemein hat, und hebt eben dadurch den wesentlichen, nämlich den geistlichen Anspruch auf sein Apostolat recht deutlich hervor, wie er uns auch gerade dadurch am kräftigsten zu seiner Nachfolge ermuntert, daß er durch diese Gleichstellung unsern Muth und unsre Verantwortlichkeit erhöht. Fürchtet daher keinen blendenden Glanz; Paulus stellt sich ohne Heiligenschein mit Zügen dar, die Jeder von euch sich aneignen kann.

Diese Züge (ich erwähne nur die bedeutenden) lassen sich auf zwei zurückführen, die jederzeit den wahren Christen ausmachen: sein Leben und der Grund dieses Lebens, sein Glaube: zwei Dinge, die in Wahrheit so eng zusammengehören, daß Paulus von einem zum andern übergeht, ohne daß irgend etwas den Wechsel des Gegenstandes andeutet. Beides aber trifft zusammen in Jesu Christo: Der Glaube stellt unsern Heiland im Herzen und das Leben stellt Ihn in den Werken dar; der Glaube erfaßt den für uns sterbenden, das Leben den in uns lebenden Christus.

Das Leben des Apostels Paulus, dem auch wir uns bemühen sollen nachzustreben, besteht darin, „zu erkennen Ihn und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, daß wir Seinem Tode gleichförmig werden“ Phil. 3, l0. Der Mittelpunkt, die Seele dieses Lebens liegt in den Worten: „daß wir Seinem Tode gleichförmig werden“. Wenn sich Paulus mit der Kraft der Auferstehung Seines Herrn verbindet, so geschieht dies durch die Gemeinschaft Seiner Leiden; wenn er der Herrlichkeit Christi zueilt, so geschieht es auf dem Wege des Kreuzes.

Paulus lebt nur, um zu leiden. Sein Leben ließe sich wie das Davids mit den Worten bezeichnen: „Meine Thränen sind meine Speise Tag und Nacht“. Das ist so wahr, daß wir in einer früheren Rede sein Christenthum aus seinen Thränen erklären und schon auf ihrer Spur allein seinen ganzen Lebenslauf verfolgen konnten. Er spricht sich in dem weiteren Verlauf unseres Briefes deutlich genug darüber aus. Als Jünger eines Meisters, der darum über Alles erhöhet ist, weil Er sich selbst erniedrigte und gehorsam ward bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze, trachtet Paulus danach, morgen die Seligkeit Christi zu theilen, indem er heute Seine Schmerzen theilt; bis dahin erscheint ihm der Tod nur als das ersehnte Ziel seines lebenden Märtyrerthums: „denn Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“. Der Meister nennt die Stunde Seines Opfertodes die Seiner Verklärung und vergleicht sich in wehmüthiger und liebevoller Hoffnung mit einem in die Erde fallenden Weizenkorn, welches nur dann viele Frucht bringen kann, wenn es erstirbt; und der Jünger gehört zu denen, die durch die Welt gehen, „allezeit das Sterben des Herrn an ihrem Leibe tragend, auf daß auch das Leben des Herrn Jesu an ihrem Leibe offenbar werde“. Der Meister stirbt am Kreuze für Seine Gemeinde; der Jünger - o der Kühnheit, der heiligen Thorheit! - „freut sich in seinem Leiden, die er für seine Brüder leidet, und erstattet an seinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen Christi, für seinen Leib, welcher ist die Gemeine“ (Kol. 1,24). Mögen die, welche die Gnade empfangen haben, in die Geheimnisse des Glaubens, der Liebe und des christlichen Lebens einzudringen, dies erstaunliche Wort erklären; eins ist gewiß und dies genügt für meinen jetzigen Zweck. Die Feder, welche diese Worte geschrieben, war von der Erfahrung eines mit dem gekreuzigten Christo gekreuzigten Lebens tief durchdrungen. So war das Leben des Apostels Paulus, und so muß auch das eurige sein, wenn ihr seine Nachfolger sein wollt. O, liebe Freunde, in diesem Punkte bedarf unser Christenthum nicht nur eines allmäligen Wachsthums. sondern einer völligen Erneuerung. Wo sucht man unter uns diese Gemeinschaft der Leiden Christi, wo kennt und versteht man sie? Durch das Leben in und mit der Welt gewöhnen sich die Christen, ich meine die wahren Christen, unvermerkt daran, gleich der Welt ihrem eigenen Willen zu folgen, statt der ernsten und doch zugleich sanften Stimme des Evangeliums zu gehorchen, die sie auffordert, in der Nachfolge des Gekreuzigten ihre Ehre zu suchen. Nicht als ob diese Christen vorsätzlich sich den Opfern des christlichen Lebens entziehen; o nein, sie sind meiner Meinung nach aufrichtig in ihrem Glauben. Hätten sie zwischen Untreue und Entbehrung, zwischen Untreue und Leiden, ja sogar zwischen Untreue und Tod zu wählen, so würden sie, glaube ich, eher Entbehrung, Leiden und Tod ertragen, als den Herrn verlassen. Aber diese schreckliche Wahl kommt nur in seltenen, außerordentlichen Fällen vor; in den gewöhnlichen Verhältnissen des täglichen Lebens tritt uns das Kreuz in einer weniger furchtbaren und zugleich weniger bestimmten, aber doch nicht minder thatsächlichen und ernsten Gestalt entgegen, in der Gestalt des unbedingten Gehorsams gegen Gott, der Hingabe an den Nächsten und der völligen Selbstverleugnung. Grade vor diesem täglichen Kreuze schaudert das Fleisch zurück; man geht diesem Kreuze, das man nicht anzunehmen und nicht zu verschmähen wagt, auf dem Wege; man meidet es, man will es nicht sehen, um der Wahl, es auf sich zu nehmen oder sich ihm zu entziehen, enthoben zu sein. So besteht das christliche Leben der Meisten unter uns in dem beständigen Bemühen, sich mit der christlichen Treue abzufinden, ohne dem Tode Christi gleichförmig zu werden.

Was will ich damit sagen? Fordere ich damit, daß der Christ sich Kasteiungen und Büßungen auferlegen soll? Gewiß nicht; das wird nicht von ihm verlangt, das würde ihn der Gefahr des Hochmuths, der Selbstgerechtigkeit und demüthigender Niederlagen aussetzen; denn warum sollte Gott verpflichtet sein, uns gegen willkürlich erwählte und vermessen herausgeforderte Versuchungen zu stärken? Es handelt sich für uns, wie für den Herrn nicht darum, das Kreuz zu suchen, sondern durch das Kreuz die Herrlichkeit der Auferstehung, die auf keinem andern Wege gefunden wird. Das Kreuz um des Kreuzes willen, nimmermehr! Aber das Kreuz um des Herrn willen, immerdar! Denn wer den Gekreuzigten ohne das Kreuz annimmt, der nimmt den Schatten für das Wesen; ein Christenthum ohne Kreuz ist ein Christenthum ohne Christum. Was habt ihr denn, frage ich unser dem Wohlleben so ergebenes, dem Dulden so abgeneigtes Geschlecht, was habt ihr aus dem Worte des Herrn gemacht: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folget mir nach, der kann nicht mein Jünger sein?“ Euer Kreuz! Ehe ihr es auf euch nehmt, muß man es sehen; zeigt es mir doch, wo ist es? Wißt ihr auch nur so viel, daß ihr eins habt, das wahrhaft das eure ist, das euch ganz besonders von Gott auferlegt ist, wie das auf Golgatha Christo bestimmt war? Wollte man das Christenthum dieses Geschlechts mit einem besondern Namen bezeichnen, so könnte man es ein bequemes Christenthum nennen. Hat das Urchristenthum in den Tagen der Trauer und der Herrlichkeit die Frage gelöst, welches Maß von Leiden der Glaube ertragen kann, ohne zu wanken und zu zagen, so scheint sich dagegen die Kirche des neunzehnten Jahrhunderts die Aufgabe gestellt zu haben, zu ermitteln, bis zu welchem Grade sie es ohne Selbstverleugnung beschränken kann. Ihr Märtyrer früherer Jahrhunderte, ihr Schlachtopfer des heidnischen wie des christlichen Roms, ihr Alle, die ihr es mit dem Kreuze ernst genommen habt, kommt her und lernt von uns das Geheimniß, wie man dem Herrn dient, ohne daß es etwas anderes kostet als einige armselige Vergnügungen, denen man nicht ohne Erröthen irgend einen Werth beilegen könnte, als einige weltliche Freundschaften, auf die man doch nichts gibt; als etwas Geld, das der Tod uns am Ende doch raubt und das ohne irgend empfindliche Opfer von uns entbehrt werden kann.

Verzeiht mir, wenn ich bitter werde. Aber ich frage im Ernst, ob der Geist Pauli, der Geist Christi bei dieser Lebensrichtung nicht noch mehr verkannt werde als bei der entgegengesetzten, die in selbsterwählten Entsagungen und sühnenden Leiden ihre Befriedigung sucht. Jedenfalls ist keins von beiden Extremen nothwendig, die Nachfolge Pauli wird uns vor beiden bewahren. Sein Beispiel lehrt uns, uns nicht mit selbsterwählten Lasten zu beschweren, treibt uns aber auch an, uns keiner der Prüfungen, die Gott uns schickt, geflissentlich zu entziehen, wenn wir nichts wissen wollen als Christum den Gekreuzigten. Laßt uns muthig in seinen Fußstapfen wandeln; geben wir keinen Anlaß, zu glauben, daß der Irrthum, das Gesetz und die Furcht größerer Selbstverleugnung fähig seien als die Wahrheit, die Gnade und die Liebe. Beweisen wir durch die That den schönen Einklang der an Verheißungen reichsten Lehre mit der an Opfern fruchtbarsten Moral. Dann wird es uns freilich so wenig wie dem Apostel an Thränen fehlen; gleich ihm werden uns aber auch Freuden, große Freuden zu Theil werden. Dann wissen wir, was wir denen zu antworten haben, die vom Evangelium der Gnade übel reden; während heutzutage manche gläubige Seele sich zur Selbstgerechtigkeit hingezogen fühlt, um dem Wohlleben, in welchem die meisten Kinder Gottes einschlafen, das Gegengewicht zu halten. Dann werden wir uns mit Christo vereinigen und Ihm angehören; und diese Welt, der wir so vielen Anstoß gegeben, wird von uns erfahren, wie groß die Macht des Glaubens und die Uneigennützigkeit eines Christenherzens ist. Dann… aber verlieren sich meine Worte nicht in der Luft? Sind denn hier wirklich Seelen, in denen sie ein verwandtes Streben erwecken? Oder spottet vielleicht ein Pharisäer im Herzen über mich? Noch einmal, ich verlange von euch, von mir nicht nur einen Fortschritt, sondern eine ganz neue Lebensrichtung. Unser Christenthum muß von Grund auf anders werden!

Ohne Wurzeln erhält sich kein Baum aufrecht. Das Leben der Entsagung und Kreuzigung, welches Paulus zu dem seinigen machte, dies dem Eigenwillen und dem ganzen natürlichen Menschen widerstrebende Leben, hätte bei ihm weder beginnen noch bis ans Ende bestehen können, wenn es nicht durch eine innere Ueberzeugung erweckt und täglich wäre unterhalten worden. Diese innere Ueberzeugung aber, dieser Grund des Lebens Christi in dem Apostel Paulus ist sein Glaube an Christum. Höret darüber den Apostel selbst. „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Ja, ich achte noch Alles für Schaden um des Ueberschwanges willen der Erkenntniß Christi Jesu, meines Herrn, um welches willen ich Alles daran gegeben habe, und achte es für Unrath, auf daß ich Christum gewinne und in ihm erfunden werde, daß ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christum kommt, die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben wird“ (Phil. 3,7-9). Die Gerechtigkeit Gottes in Christo Jesu allein und zwar, wie sie allein durch den Glauben mitgetheilt wird, „auf daß sie aus Gnaden komme“, das ist die Quelle, aus welchem das Leben des Leidens und Sterbens unseres Apostels entspringt: so wenig denkt er daran, irgend eine persönliche Sühne, eine verdienstliche Kraft oder sonst eine Nahrung der Selbstgerechtigkeit zu suchen. Wunderbar! der heiligste und aufopferungsvollste aller Menschen, der, wenn es eine eigene Gerechtigkeit gäbe, sich am kühnsten auf sie berufen könnte, ist gerade der, welcher unter Allen am entschiedensten alle Selbstgerechtigkeit verworfen und ganz ausschließlich auf die freie Gnade Gottes vertraut hat. Und dies ist kein zufälliges Zusammentreffen, glaubt das ja nicht, es ist eine tiefe Uebereinstimmung: Niemand war heiliger und aufopferungsvoller als Paulus, weil Niemand seine Seligkeit für so unverdient hielt. Minder erleuchtete Geister, minder erhabene Seelen aus allen christlichen Gemeinschaften und allen Religionen der Welt konnten in Entsagungen oder Leiden ein eingebildetes Mittel erkennen, Gott zu versöhnen, ihre Sünden zu tilgen und den Himmel zu verdienen; aber was in unsers Apostels Herzen und Werken eine so rückhaltslose Aufopferung hervorruft und unterhält, ist die klare Anschauung, das tiefe Bewußtsein des Opfers, durch welches Christus ohne seine Werke, vor seinen guten Werken und trotz seiner schlechten Werke ihm zuvorgekommen ist. Die gekreuzigte Liebe des verlorenen Geschöpfes ist nur die Erwiderung der gekreuzigten Liebe des göttlichen Erlösers.

Soll ich die Zeugnisse sammeln, die Paulus der Gnade Gottes ertheilt? Es wäre dies eine leichte, aber darum auch überflüssige Mühe. Ich berufe mich auf Jeden, der eine wenn auch nur oberflächliche Kenntniß seiner Reden und Briefe hat. Die Rechtfertigung aus Gnaden durch den Glauben nimmt in denselben überall die erste Stelle ein; sie ist der Mittelpunkt, an welches sich alles Andere anschließt; sie ist nicht sowohl eine der Lehren des Apostels, sondern recht eigentlich seine Lehre; nur für sie ist er Apostel, wie er nur durch sie Apostel geworden ist. Denn ehe sie der Gegenstand seines ganzen Predigtamtes wurde, war sie schon das Prinzip und die Seele seiner Bekehrung; denn der Uebergang vom Saulus zum Paulus ist nichts anderes als der Uebergang vom Gesetz zur Gnade. Paulus und die Gnade, die Gnade und Paulus, dieser Name und dieser Gedanke sind so unzertrennlich, daß der eine nur als die lebendige Verwirklichung des andern angesehen werden darf. Wozu auch noch weiter nach Zeugnissen suchen, wenn man eine so klare, so reiche und dabei so feste Sprache wie die unsers Textes vor Augen hat? Lesen wir ihn nur noch einmal wieder. „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Ja, ich achte noch Alles für Schaden um des Ueberschwangs willen der Erkenntniß Christi Jesu, meines Herrn, um welches willen ich Alles darangegeben habe, und achte es für Unrath, auf daß ich Christum gewinne.“ Wofür hält er seine eigenen Werke? „Schaden und Unrath“ nennt er sie; und wie redet er von der Erkenntniß Christi? Er spricht von dem Ueberschwang der Erkenntniß Christi, seines Herrn. Bedürft ihr noch einer deutlicheren und ausführlicheren Erklärung? Ihr findet sie in dem, was unserm Texte folgt. „Auf daß ich in Ihm erfunden werde, daß ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christum kommt, die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben wird.“ Ich würde mich schämen, eine solche Sprache auslegen zu wollen, würde auch in Verlegenheit gerathen, so einfach und kräftig ist sie. Nie hat ein Gottesgelehrter die freie Gnade Gottes in wenigere und zugleich inhaltsreichere Worte zusammengefaßt. Niemand schmeichle sich daher, das Leben unsers Apostels nachahmen zu können, wenn er nicht zuvor seinem Glauben nachfolgt, wenn er sich nicht als ein armer, jeglichen Ruhmes ermangelnder Sünder der alleinigen Gerechtigkeit Gottes überläßt, um aus freier Gnade und ohne Verdienst durch die Erlösung, so durch Christum geschehen ist, gerechtfertigt zu werden.

Vor fünfzehn oder zwanzig Jahren würde ich nicht so eindringlich über diesen Gegenstand gesprochen haben. In jener ersten Zeit unsrer religiösen Erweckung, der ersten Erkenntniß, ach, und des ersten Eifers, war die freie Gnade, die Rechtfertigung durch den Glauben allein das ABC, Das Evangelium für einen Jeden, der sein Herz der Wahrheit geöffnet hatte; und wir, die Prediger, konnten nicht ausdrucksvoll genug Zeugniß davon ablegen; oder richtiger gesagt, wir konnten die Sprache des Apostels nicht treu genug wiedergeben. Aber heutzutage verbreitet sich in der Luft, ich weiß nicht, was für eine nebelhafte Theologie, die sich von der Festigkeit der Lehre in der ersten Zeit entfernt, ja sich ihrer fast schämt. Die Rechtfertigung durch den Glauben ist nahe daran, von Manchen als abgenutzte Redensart angesehen zu werden; von Sühne kann man nicht mehr reden, ohne hie und da anzustoßen, man darf sie nur durch Umschreibungen verhüllt zeigen, um es nicht mit der Philosophie zu verderben; die Gnade, dies inhaltsreiche, süße Wörtlein, diese einem christlichen Ohre so lieblich klingende Musik, hat viel von ihrem Reiz verloren und kommt weniger oft über die Lippen; sogar die Erlösung, die alte, unerschütterlich gegründete Erlösung, jene ewige Freude des Volkes Gottes, macht einer modernen Erlösung Platz, die sich auf das ganze Leben Christi beruft, ohne sich auf den Tod zu stützen, und die etwas darin sucht, das Opfer des Menschensohnes in der Menschwerdung des Sohnes Gottes ausgehen zu lassen.

Es würde zu schwierig sein, den Apostel Paulus mit diesen neuen Lehren in Einklang zu bringen; man hält daher als Beruhigung über die Abweichung von seinen Lehren eine beliebige Theorie bereit. Paulus hatte, heißt es, seine ganz besondre Aufgabe unter den Aposteln des Herrn, ähnlich wie Petrus und Jakobus. Beauftragt, die Seite des Evangeliums hervorzuheben, durch welche die Heiden gewonnen werden sollten, konnte und mußte er ihr einen klaren, bestimmten und scharfen Ausdruck geben, die nothwendig durch die weniger systematische, weniger theologische, und außerdem einer andern Richtung zugewandte Lehrweise eines Petrus und Jakobus gemildert, um nicht zu sagen, berichtigt werden muß. Was mich anlangt, so würde ich diesen Einwand hinreichend durch das widerlegt glauben, was von der Sprache der Propheten gesagt worden ist und gewiß eben so gut für die der Apostel gilt: „Es ist niemals eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben die heiligen Menschen Gottes geredet.“ Fügen wir jedoch diesem Beweise, der diejenigen Gemüther, welche nicht an die Eingebung der Heiligen Schrift glauben, wenig berühren würde, noch andre Betrachtungen hinzu, die aus der Natur der Dinge selbst geschöpft sind.

Paulus ist der Apostel der Heiden, also unser Apostel; folglich derjenige unter allen Aposteln, den wir, wofern wir zu wählen hätten, mit dem vollsten Vertrauen anhören können, weil er mit einer ganz besondern Botschaft Gottes zu uns kommt; weder Petrus noch Jakobus, nicht einmal Johannes hat gleiche Rechte an uns. Paulus als Apostel der Heiden, was so viel heißt als Apostel aller Völler mit Ausnahme eines einzigen, war durch seinen Beruf darauf hingewiesen, das Evangelium nach seinen allgemeinsten und wesentlichsten Zügen darzustellen. Wäre irgend eine Sonderauffassung (ein Partikularismus) zu fürchten, so würde sie sich eher bei Petrus oder Jakobus finden; aber der Heidenapostel ist der allumfassende Apostel, bei dem man nur die allgemeine, bleibende und wesentliche Grundlage des Evangeliums voraussetzen muß. Paulus allein hat mehr Briefe geschrieben als die übrigen Apostel zusammen, abgesehen davon, daß auch das Evangelium des Lukas unzweifelhaft seiner Schule angehört. Wo wird man nun, unter sonst gleichen Umständen, mit größerer Sicherheit die vollständige Offenbarung der Wahrheit suchen: bei Paulus, der nacheinander alle großen Fragen der Lehre, der Moral, des Gottesdienstes und der Kirchenzucht behandelt und unter den verschiedensten Gesichtspunkten beleuchtet hat, oder bei Petrus und Jakobus, deren Unterweisung auf wenige Seiten und einen verhältnißmäßig engeren Kreis beschränkt ist? Paulus endlich war im Judenthum geboren und im Pharisäismus erzogen. Das Vorurtheil hatte ihn nach einer der Lehre von der Gnade entgegengesetzten Richtung gezogen, und diese Lehre, weit entfernt, bei ihm die Merkmale der Gewohnheit oder der Befangenheit zu tragen, zeigt vielmehr alle Spuren eines mühsam errungenen Sieges über alte Neigungen und eingewurzelte Gewohnheiten. Bei Jakobus und Petrus könnte es den Anschein gewinnen, als ob ihre Richtung nicht ganz vorurtheilsfrei gewesen wäre, weil sie noch immer einige Hinneigung zu ihren früheren Ansichten an den Tag legen; bei Paulus aber ist hievon auch nicht ein Schatten sichtbar; er ist ein ganz neuer Mensch geworden und verkündigt eine Lehre, die er früher mit Wuth verfolgt hatte. Nein, nein, wir dürfen auf die Reinheit der Lehre des Apostels Paulus auch nicht das Geringste kommen lassen. Der Glaube unsers Apostels, der, die Schattirungen seiner Gemüthsart und seiner besonderen Sendung abgerechnet, kein anderer ist als der eines Petrus, Jakobus und Johannes, ist der Glaube des apostolischen Zeitalters, der Glaube der Reformation, der Glaube unserer Erweckung, der Glaube an Jesum Christum, der Kern und das innerste Lebensmark des Evangeliums. Greift doch auch eben deßhalb der Geist des Zweifels oder der Halbglaube ihn vorzugsweise an!

Wir aber, die Nachfolger Pauli, laßt uns fest und unerschütterlich zu diesem Glauben stehen! Laßt uns in der Wahrheit wachsen, bereitwillig jede neue Erleuchtung, deren Gott uns würdigt, aufnehmen und allen Fleiß beweisen, unsere Hoffnung, unsere einzige, ewige Hoffnung auf Christum, den Gekreuzigten, bis an's Ende festzuhalten. Zeigen wir uns jederzeit also eingewurzelt und gegründet in der uns vom Apostel verkündigten Gnade, daß man unsern Namen ebenso wenig von ihr zu trennen vermag als den seinigen!

Dem Christenthum des Apostels nachzufolgen ist, wie es scheint, ein so großer Beruf, daß er den höchsten christlichen Wetteifer reizt; und doch, liebe Brüder und Schwestern, sehe ich, indem ich diese Reden schließe, einen noch größeren sich vor uns öffnen. Wenn wir dem Apostel durch seinen christlichen Glauben in seinem christlichen Leben nachwandeln, werden wir nicht blos Nachfolger seines Christenthums, sondern auch seines Apostelamtes. Ich sagte früher, Paulus sei nur darum Apostel, weil er Christ ist; wir aber werden auf dem Wege, zu welchem ich euch und mich selbst auffordere, durch unser Christenthum von selbst zu Aposteln. Denn auch wir haben sicherlich unsere apostolische Sendung. Es ist nicht die Sendung des ersten, sondern des neunzehnten Jahrhunderts; hier handelt es sich nicht darum, das Evangelium den Heiden zu verkünden, sondern es bei den Christen wiederum zu Ehren zu bringen. Das Evangelium ist bei der Erweckung unserer Zeit eben deßhalb nicht recht zu Ehren gekommen, weil man zwischen dem Leben der Gläubigen und dem der Nichtgläubigen keinen der Verschiedenheit ihrer Grundsätze hinlänglich entsprechenden Unterschied wahrgenommen hat. Es handelt sich hier darum, vor Aller Augen die Wirklichkeit und die Macht des Glaubens zur Anschauung zu bringen. „Das Salz ist dumm worden, womit soll man salzen?“ Diese schwer zu erfüllende Aufgabe ist der Beruf unserer Zeit, und ihre Lösung, dies wahrhaft apostolische Amt, kann nur durch die Werke der jetzigen Kinder Gottes, oder richtiger gesagt, durch die Werke des jetzigen Volkes Gottes gegeben werden. Es ist, wie gesagt, nicht das Werk eines Menschen, und wäre er selbst ein Apostel Paulus; es ist das Werk eines Volkes von Brüdern nach der Weise des Paulus. Was würde, fragt man sich oft, Paulus thun, wenn er in unsern Zeiten lebte? Ich weiß es nicht, darauf kommt es auch jetzt nicht an; das Evangelium bleibt, die Mittel ändern sich. Vielleicht gibt es im Rathschluß Gottes jetzt keine Aufgabe für einen Paulus; aber es gibt eine, erlaubt mir den Ausdruck, für ein paulinisches Volk, und ich meinerseits arbeite durch diese Reden daran, dies Volk zu bilden und zu erwecken.

Man mochte glauben, daß der Apostel selbst in diesen Gedanken eingeht. Er schreibt in jener Stelle nicht nur: „Seid meine Nachfolger!“ sondern: „Seid allesammt meine Nachfolger!“ wodurch er zu einer Gesammtnachfolge auffordert. Nicht als ob nicht auch ein einzelner Christ für die Sache jenes praktischen Apostolats sehr viel zu thun vermöchte; er kann, wie Paulus, durch sein Beispiel beweisen, daß das Evangelium nichts Unmögliches fordert: und damit ist eins der abschreckendsten Hindernisse, das der Wahrheit in aufrichtigen Herzen entgegentritt, aus dem Wege geräumt. Damit aber dieser Beweis recht handgreiflich und schlagend sei, muß er nicht von einer außergewöhnlichen, vereinzelten Persönlichkeit, sondern von einer organischen Gemeinschaft ausgehen, in welcher derselbe nicht sowohl aus jedem einzelnen Gliede als auch aus den Beziehungen der Glieder untereinander hervorstrebt. Ich spreche absichtlich von einer organischen, nicht von einer organisirten Gemeinschaft; denn ich meine hier jene natürliche Einheit, welche ein gemeinsames Lebensprinzip aus innerer Notwendigkeit erzeugt, nicht aber die künstliche Einförmigkeit, die durch eine gemeinsame Verwaltung in Folge der Wahl des menschlichen Willens hervorgebracht wird. Das Volk, welches ich ausrufe, ist kein neuer Verein, auch keine neue Kirche, sondern ein geistliches, in Freiheit und Notwendigkeit geeinigtes Volk, innerlich geeinigt durch das Leben des Geistes und äußerlich durch ein Leben guter Werke. Paulus schilderte bereits dasselbe in den schönen Worten, die den ganzen Inhalt dieser Reden zusammenfassen: „Es ist erschienen die allen Menschen heilvolle Gnade Gottes, und züchtigt uns, daß wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt, und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi, der sich selbst für uns gegeben hat, auf daß Er uns erlösete von aller Ungerechtigkeit und reinigte Ihm selbst ein eigenthümliches Volk, das fleißig wäre zu guten Werken“ (Tit. 2. 11-14).

Christen, Nachfolger des Apostels Paulus! Das Eigenthümliche des Evangeliums in allen Dingen ist die Wirklichkeit, oder sagen wir es ganz, die Menschwerdung. Der Sohn Gottes, das lebendige Wort ward Fleisch in des Menschen Sohn; so muß auch das geoffenbarte Wort seine ihm eigenthümliche Menschwerdung haben in dem Volke Gottes, in welchem Jeder unsere Predigt und Lehre ausgeübt und verkörpert sehen kann. - Dies ist die religiöse Aufgabe der Gegenwart, eine Aufgabe, die sogar größer ist als die des Apostels und allein die Verheißung der geistlichen Erneuerung der Christenheit hat. Dies ist die einzige Hoffnung einer geistlichen, kirchlichen, sogar einer politischen und socialen Wiedergeburt, nach welcher die Welt aller Orten schmachtet. Möchte nicht meine, sondern Gottes Stimme, deren schwacher aber treuer Wiederhall ich bin, zu den Herzen der Kinder Gottes, die mich hören, reden, und möchte an dem Tage, da „Gott sein Heer versammeln wird“ - und ist dieser Tag nicht bereits angebrochen? - Sein Volk sich erheben als „ein williges Volk im heiligen Schmuck“ und „Seine Kinder Ihm geboren werden wie der Thau aus der Morgenröthe“! Amen.

autoren/m/monod/monod-der_apostel_paulus/fuenfte_rede.txt · Zuletzt geändert: von aj