Monod, Adolphe - Der Apostel Paulus - Sein Werk.

Erste Rede.

„Ich habe mehr gearbeitet, denn sie Alle“
1. Kor. 15, 10.

Liebe Brüder!

Die Wiedergeburt der christlichen Gesellschaft durch die Erneuerung der christlichen Kirche - das ist das Ziel, welches der wahre Jünger und ganz besonders der wahre Diener Jesu Christi in unsern Tagen erstrebt. Alles deutet darauf hin und ein Jeder ahnt es: Die Zeit naht heran, wo sich die christliche Arche jener großen Menge, welche sie in der Verwirrung und Gefahr der gegenwärtigen Verhältnisse so sehr vergessen hat, auf's neue zuwenden wird. Die Zeit naht heran; aber ist sie schon da? Ich kann es kaum glauben; denn wäre sie gekommen, so würden die Besten in ihrer Ansicht, wie die Kirche auf den festesten und zugleich breitesten Grundlagen zu erneuern sei, nicht so weit auseinander gehen.

Unsere Aufgabe ist es jedenfalls, ihr Erscheinen, bis sie wirklich kommt, durch ein, wenn auch verschiedenes, doch ähnliches Werk zu beschleunigen, nämlich durch ein geistliches Werk, welches dem kirchlichen vorangehen muß, durch jenes Werk, von welchem ich mehr als einmal zu euch gesprochen und von dem ich, will’s Gott. noch öfter reden werde, weil es zu den wichtigsten Arbeiten meines Amtes gehört.

Es muß sich auf dem Grunde der höchsten, innerlichsten Lebenskraft des christlichen Glaubens, aus allen christlichen Gemeinschaften ein Volk Christi im engern Sinne bilden, ein Volk, welches durch Christi Gnade und in Christi Liebe in Christi Fußstapfen wandelt, umhergeht und wohlthut, und das in der Meinung der Menschen gesunkene Christenthum wieder in seine Rechte einsetzt, und zwar dadurch einsetzt, daß es klar zeigt, was es ist und was es vermag.

Damit sich aber ein so wohlthätig wirkendes Volk zu bilden vermag, bedarf es eines Vorbildes, nach welchem es sich richten kann. Die Darstellung des christlichen Lebens im Evangelium allein reicht nicht aus; die Kluft zwischen Wollen und Ausführen ist in uns und außer uns so groß, daß die bestbegründete Theorie, wenn ihr die Praxis nicht zu Hülfe kommt, unwillkürlich ein gewisses Mißtrauen in uns hervorruft. Je heiliger die Moral des Evangeliums ist, desto mehr verlangt uns darnach, sie in einem lebenden Menschen oder wenigstens in einem Menschen, der gelebt hat, verwirklicht zu sehen.

Besitzen wir denn dies gewünschte Vorbild nicht schon in dem Menschen Jesus Christus, diesem lebenden Gesetze, in welchem das Ideal sich mit der Wirklichkeit einigt? Ohne Zweifel; ihr wißt auch, daß ich mich auf Sein allein vollkommenes Beispiel in allen meinen Predigten berufe. Aber gerade die Vollkommenheit dieses Vorbildes, dem wir einen ganz einzigen Werth zuerkennen, veranlaßt uns, nach einem weniger erhabenen und minder unerreichbaren uns umzusehn, welches gerade dadurch zugänglicher für unsere Nachahmung und zugleich demüthigender für unsere Treue ist. Nun wohl, dies Vorbild zweiten Ranges, welches hervorragend und doch nicht vollkommen ist. bietet sich uns in der Person eines Apostels, der sich durch seine Treue in der Nachfolge des Herrn das Recht erworben hat, sich als Vorbild hinzustellen. „Seid meine Nachfolger, gleich wie ich Christi“. (1 Kor. 1l. 1.)

Ist nun auch Paulus nicht das einzige Vorbild, welches ich aus der evangelischen Geschichte wählen könnte, so ist er doch nach meinem Erachten das vollendetste Muster. Wenn ich auch die Frage seiner persönlichen Ueberlegenheit ganz übergehe, so habe ich doch zwei andere Grunde, um ihm den Vorzug zu geben. Paulus ist unter allen Aposteln derjenige, dessen Geschichte wir am genauesten kennen, und zugleich derjenige, der uns persönlich am meisten interessirt, da ihn Gott zum Heiden-Apostel, folglich auch zum Apostel für uns, die wir von den Heiden abstammen, bestimmt hat. Fürchtet übrigens nicht, daß ich ihm eine Lobrede halten werde, in welcher sich der Heilige des Tages den Platz anmaßt, der seinem und unserm Herrn gebührt. Abgesehn davon, daß die Unvollkommenheit des Gemäldes für die Zeichnung, die ich zu entwerfen mir vorgenommen habe, ebenso nothwendig ist als seine Schönheit, würde ich wenig in Pauli Sinnesart eingehen, wenn ich ihm das zuschreiben wollte, was nur dem Herrn gebührt. Könnte ich mich so weit vergessen, so würde ich glauben, Paulus stünde vor mir und riefe mir zu, was er einst den Bewohnern von Lystra zurief: „Ihr Männer, was macht ihr da? Wir sind auch sterbliche Menschen gleich wie ihr!“ (Apost. l4, l5.) Wahr zu sein ist die einzige Gnade, um die ich Gott bitte; weiß ich doch, daß unser Apostel heilig genug ist, um hoch über uns, und unvollkommen genug, um tief unter dem Herrn der Herrlichkeit zu stehn.

Wenn man mich fragte, welchen unter allen Menschen ich für den größten Wohlthäter unseres Geschlechtes hielte, so würde ich ohne Zögern den Apostel Paulus nennen. Mir vergegenwärtigt sein Name die umfassendste und zugleich die nützlichste menschliche Thätigkeit. deren Andenken uns die Geschichte aufbewahrt hat.

Weder Gläubige noch Ungläubige werden bestreiten, daß die durch Jesum Christum bewirkte Umwälzung die größte und segensreichste gewesen ist, die je in der Welt vollbracht wurde. Dafür bürgt mir ein Zeugniß, welches noch unumstößlicher ist, als das der Geschichtsschreiber: das Zeugniß aller gebildeten Völker. Wie lebhaft sie es empfunden haben, daß Christus der Schlußstein am Gewölbe der Menschheit und der Mittelpunkt ihrer Geschichte ist, beweisen sie dadurch, daß sie von Ihm an ihre Zeitrechnung begonnen haben. Wir leben jetzt im Jahre 1851, und warum? weil 1851 Jahre verflossen sind, seit Christus auf Erden erschienen ist. Ja, noch mehr: sogar die Seiner Erscheinung vorangegangenen Zeiten berechnet man trotz der Unbequemlichkeit des Rückzählens nach Ihm. Die Stelle, welche ein Ereigniß oder ein Mensch in der Geschichte einnimmt, wird nach dem Verhältniß zu Christi Geburt bestimmt, mögen sie nun vorher oder später aufgetreten sein. Kurz, die Gründung des Christenthums ist die Begebenheit aller Begebenheiten.

Der Urheber dieser Umwälzung war mehr als ein Mensch, aber Seine Werkzeuge waren Menschen, jene Apostel, die unter Seiner Leitung die Organe der umfangreichsten und fruchtbringendsten Bewegung, die je das Menschengeschlecht ergriffen hat, geworden sind. Der von ihnen aller Orten in den Schooß unserer armen Erde niedergelegte geistige Keim hat die Gestalt derselben verändert: Die Befreiung der Sklaven, die Emancipatien des Weibes, die Veredlung des häuslichen Gebens, die Verbesserung der Gesetze, die Milderung der Sitten, die Ausbreitung der Wissenschaften, der Fortschritt, oder richtiger gesagt, die Gründung der Wohlthätigkeit, kurz, die zu einem neuen Leben erstehende Welt, das Alles sind die Früchte ihrer Arbeit, die wir täglich genießen, ohne uns, undankbar wie wir sind, der treuen Hände zu erinnern, durch welche Gott sie unter uns gesäet hat.

Unter den Aposteln findet ein großer Unterschied statt. Christus hat unter die Zwölf, die durch Pauli Bekehrung zu dreizehn anwuchsen, die zwei großen Aufgaben, an deren Lösung sich die Wiedergeburt der Menschheit knüpfte, die Bekehrung der Juden und der Heiden vertheilt. Die Juden bildeten nur ein kleines, verachtetes Volk; die Heiden behaupteten die ganze übrige Welt und zählten in ihren Reihen die ruhmreichsten Völker der Erde. Nicht wahr, ihr würdet für die Ausführung des größten dieser beiden Werke die größere Zahl Apostel bestimmt haben? Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Abgerechnet das unvermeidliche Ineinandergreifen und den dem Petrus verheißenen Beginn dieser beiden Werke, läßt Gott den Juden die zwölf ersten Apostel und gibt den Heiden nur einen Einzigen, den Er ganz eigens für sie bildet und der darum der Heiden-Apostel, auch wohl schlechtweg der Apostel genannt wird, weil dieser Name ihn bei den Kindern der Heiden ganz deutlich bezeichnet. Mit dieser ganz besonderen Berufung, die aus Paulus einen Apostel für sich macht, stimmt bei ihm sein, ich möchte fast sagen eifersüchtiges Bestreben überein, seine Thätigkeit von der aller Andern zu trennen. Wie ein geistiger Atlas trägt Paulus die ganze heidnische Welt allein auf seinen Schultern. Das römische Reich, zu dessen Bildung ein ganzes Volk, und zwar das mächtigste der Erde, sieben Jahrhunderte gebraucht, erneuert dieser eine Mensch in einem Vierteljahrhundert. Es ist sein Werk, sein besonderes, ich möchte fast sagen, sein ausschließliches Werk; so sehr verschwindet das Wirken des Petrus zu Cäsarea oder Antiochien. des Johannes in Ephesus oder Patmos, geschweige das der Apostel zweiten Ranges, des Barnabas. Timotheus, Titus und vieler Andern vor seiner Thätigkeit. Er hat sich das Recht erworben, im Geiste der Demuth und der Danksagung im Vergleich mit allen andern Aposteln von sich sagen zu können: Von Gottes Gnaden bin ich, der ich bin, und Seine Gnade ist an mir nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe vielmehr gearbeitet, denn sie Alle, nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. So ist Paulus der größte unter den Aposteln, durch Jesum Christum zum größten aller Menschen gemacht.

Lassen wir jedoch diese beiläufige Schätzung; richten wir unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf die Thätigkeit unseres Apostels und geben wir uns womöglich Rechenschaft von dem Segen, welchen Paulus der Erde gebracht hat.

Denket übrigens nicht, daß ich mit euch unserm Apostel in allen seinen Arbeiten, die er in den dreißig Jahren seines Amts vollbrachte, nachgehen will. Wollte ich ihm folgen, wie er die ganze Welt durchreist, und zwar zu einer Zeit, wo die Reisen so langsam, so schwierig und so gefährlich waren, wollte ich ihm folgen in seiner vier- bis fünfjährigen Zurückgezogenheit in Arabien, in welcher er sich zu seinem Missionsleben vorbereitete; ihm folgen zur Verkündigung des Evangeliums nach Damaskus, auf die Flucht von Damaskus nach Jerusalem und von Jerusalem nach Tarsus, zur Leitung der neuen Gemeinde nach Antiochien, wo der Name der Christen zuerst gebraucht wurde; wollte ich ihn begleiten, wie er, der Stimme des heiligen Geistes gehorsam, das römische Reich durchzieht, und zwar, wenn man die weite Strecke, die er zurücklegt, überschaut, in größter Eile, und doch, wenn man die Spur, die er hinterläßt, betrachtet, überall tiefe Furchen ziehend, das Erdreich besäend, und Bahn brechend von Jerusalem nach Rom, wenn nicht noch weiter, und von Rom nach Jerusalem eine Reihe neu entstehender Gemeinden gründend; wollte ich ihm folgen, wie er auf seiner ersten Missionsreise die Insel Cypern von Salamis bis nach Paphos durchstreift, den Proconsul bekehrt, dem falschen Propheten den Mund stopft, von da nach Pisidien, Antiochien, Lystra. Derbe, Perge und Attalien eilt, von den Juden zu den Heiden geht und oft von beiden zurückgestoßen wird; wie er von einem und demselben Volke bald in wahnsinniger Begeisterung als Gott angebetet und bald aus Wuth gesteinigt wird und dennoch zu allen diesen Gemeinden zurückkehrt, um ihnen Hirten zu geben; wollte ich ihm auf seiner zweiten Missionsreise folgen, wie er nach erneuerter Wirksamkeit in Antiochien und Jerusalem jene Länder zum zweiten Mal besucht, dann die Meerenge überschreitet und unser Europa mit dem Namen des unbekannten Gottes erfüllt, in Philippi, Thessalonich, Beroea, Athen, Korinth und vielen anderen Städten Gemeinden gründet; wollte ich ihn auf seiner dritten großen Rundreise begleiten, die in ihrer weiten Ausdehnung Europa und Asien umfaßt, namentlich Galatien (ich zähle hier nur nach Provinzen). Phrygien. Ephesus, d. h. den ganzen Westen Klein-Asiens, Mazedonien, Griechenland und auf der Rückkehr Troas, wo er jenen Todten erweckt. Milet, wo er jene unvergleichliche Abschiedsrede hält, Cypern, Tyrus, Ptolemais, Cäsarea und endlich Jerusalem, wo ihn die Wuth der Juden und die Ketten der Römer erwarteten; wollte ich ihm ferner auf seiner vierten Reise folgen, wo er als gefangener Missionar, oder vielmehr als missionirender Gefangener auf einem Schiffe, welches nicht untergegangen wäre, wenn man auf ihn gehört hätte, durch die Stürme dahingetragen wird, seinen Leidensgefährten das irdische wie das ewige Leben mittheilt, als armer Schiffbrüchiger die Gastfreundschaft Maltas mit der Gründung einer Gemeinde lohnt und endlich nach Rom nur kommt, um hier das Evangelium selbst in den Palast des Kaisers zu tragen; wollte ich ihm auch auf seinen letzten Wanderungen folgen, von denen die Apostelgeschichte schweigt. so daß wir auf einzelne zerstreute Andeutungen in seinen letzten Briefen angewiesen sind, ihn geleiten bis zu seiner zweiten Gefangenschaft in Rom, wo er die von seinem nahen Märtyrerthum ganz erfüllten Worte sprach: „Ich werde schon geopfert und die Zeit meines Abscheidens ist vorhanden“ (2 Tim. 4) - wollte ich ihm in dieser Weise folgen, so vermöchte ich, selbst wenn die Zeit es mir erlaubte und der Muth mir nicht dazu fehlte, dennoch nicht meinem Gegenstande Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wie ließe sich durch Menschenworte die ganze Bewegung und Handlung eines Lebens wiedergeben, dessen Held den Geschichtschreiber schier ermüdet! Wie wäre es möglich, diese Kämpfe, diese Freuden, diese Leiden, diese Gebete, diese ganze innerliche Thätigkeit darzustellen, ohne welche die äußere Wirksamkeit uns nur einen seelenlosen Körper darbieten würde! Lieber möchte ich wahrlich den Apostel selbst anführen und mit ihm entweder sein äußeres Wirken in das einfache Zeugniß zusammenfassen, welches er sich im Römerbriefe gibt, als er erst die Hälfte seiner Laufbahn vollendet hatte: „Denn ich will’s nicht wagen etwas zu reden, wo dasselbige Christus nicht durch mich wirkte, zum Gehorsam der Heiden, durch Wort und Werk: durch Kraft der Zeichen und Wunder, durch Kraft des Geistes Gottes; also daß ich von Jerusalem an und umher bis an Illyricum das Evangelium Christi voll aufgerichtet habe,“ (Röm. 15. 18 u. 19.) Oder ich möchte seine innern Kämpfe in jenem Ausruf schildern, den er nach einer gedrängten Aufzählung alles dessen, was er um des Herrn willen gelitten, an das Gewissen der Korinther richtet: „Ohne was sich sonst zuträgt, der tägliche Anlauf an mich, die Sorge für alle Gemeinden. Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird geärgert, und ich brenne nicht“ (2 Kor. 11, 28 u. 29)? Das Missionsleben Pauli ist ein zu großartiges Gemälde, als daß man den Versuch wagen dürfte, es seinem ganzen Umfange nach aufzunehmen, man muß es vielmehr in seinen Einzelheiten darzustellen suchen. Begnügen wir uns deshalb damit, sein Werk mittelbar zu würdigen; beurtheilen wir es nach seinen Erfolgen.

Ich nehme die Karte des römischen Reichs zur Hand, und mein Blick fällt auf jene berühmten Städte, die Mittelpunkte der Macht und Bildung im Morgen- und Abendlande, Antiochien, Tarsus, Ephesus, Thessalonich, Athen, Korinth, Rom und viele andere. Und nun frage ich mich: Welches war der sittliche und religiöse Zustand der Bevölkerung in diesen Städten und den durch sie vertretenen Ländern vor der Sendung Pauli, und welches war ihr Zustand, als er seine Mission mit dem Märtyrerthum besiegelte? Um die Frage noch bestimmter zu stellen, wollen wir sie auf eine dieser Städte beschränken. Ephesus mag uns z. B. für alle anderen dienen.

Ein blinder und kindischer Aberglaube beherrschte diese Stadt, die unter dem Schutz einer erlogenen Gottheit, der stolzen, rachsüchtigen Diana zu stehen wähnte. Ihr durch die Pracht seiner Bauart, den Reichthum seiner Ausschmückung und die Schönheit seiner Bildsäulen weltberühmter Tempel vereinigte, um desto sicherer alle Geister anzulocken, jede Art des Götzendienstes in sich. den der Bilder, des Goldes und der alten Kunst. Ein Sittenverderben, wie es selbst unserm tief gesunkenen Zeitalter unbekannt ist, war die Folge dieser falschen Lehre, in der dasselbe seine Rechtfertigung und Nahrung fand. Nur einzelne edlere Menschen widerstanden diesem allgemeinen Strom des Verderbens, aber doch nur, um sich, wenn sie alle Hülfsquellen des Geistes und des Nachdenkens erschöpft hatten, dem trostlosesten und verzweifeltsten Unglauben, dem traurigen Ergebniß aller Weisheit der Weisen, in die Arme zu werfen. Oder, schlössen sie sich dem einen oder dem andern der beiden philosophischen Systeme an. die sich rühmten, den höheren Bedürfnissen der menschlichen Natur Genüge zu leisten, so betäubte sie entweder der Stoismus durch geistigen Hochmuth und Selbstvergötterung. oder der Platonismus verleitete sie zu einem empfindelnden Spiritualismus, welcher, statt den gemeinen Irrglauben kühn anzugreifen. ihm unter dem Scheine eines Reinigungsprozesses erst die rechte Weibe gab. Was blieb dem menschlichen, jedes dichtes und jedes Glaubens baaren, in der Materie versunkenen und doch nach Wahrheit dürstenden Geiste übrig, als seine Zuflucht zu der Thorheit der Zauberkünste zu nehmen, die. wenn wir sie auch nicht als einen gottlosen Vertrag mit dem Geiste der Finsterniß wider den Geist Gottes betrachten, doch jedenfalls ein trügerischer Versuch sind, die Hülle auszufüllen, welche die sichtbare Welt von der unsichtbaren trennt? Denken wir uns nun noch hinzu, daß ein Theil der Bewohner der Stadt dem andern als Sklaven diente, daß der Arme unterdrückter als irgendwo in der neueren Zeit war, daß das Weib und mit ihm das ganze häusliche Leben erniedrigt, und die Unzucht Sitte geworden war, so haben wir, so gut es geht, ein Bild der entsetzlichen Verwirrung, welche ein solcher Zustand der Dinge in den Köpfen und Sitten erzeugen mußte. Wir haben nichts als eine Welt vor uns, die der Auflösung entgegengeht, ohne daß sie weiß, woher sie die Mittel nehmen soll, um dieser moralischen Auflösung zu wehren, während das edle, aber unbestimmte Bemühen einiger Geister, einiger Herzen, vielleicht einiger auserwählten Gewissen sich wie ein leerer Schall in der Luft verliert und vergeht. Dies ist das demüthigende und traurige Bild, welches das stolze Ephesus. um von Antiochien, Rom und Athen zu schweigen, dem Auge des unparteiischen und urteilsfähigen Beobachters darbietet, so lange die Lehre Christi die engen Gränzen Judäa's noch nicht überschritten hatte.

Versetzen wir uns nun dreißig Jahre später dorthin. Dreißig Jahre sind eine kurze Zeit für eine geistige Reform. Die letzten dreißig Jahre gehören z, B. in der Geschichte Frankreichs zu denen, welche auf die Gesinnungen und Ideen besonders stark eingewirkt haben, und doch, was ist trotz so vieler bewunderungswürdigen Erfindungen, so vieler überraschenden Entdeckungen, so vieler seltsamen Neuerungen während dieser dreißig Jahre für die Religion und die Sittlichkeit erreicht worden, obgleich sie gar keine Veränderung zu erleiden, sondern nur zu den alten Grundsätzen des Evangeliums zurückzukehren brauchen? Eins haben wir gewonnen, das erkenne ich an: es hat sich die allgemeine Aufmerksamkeit mit größerem Ernste den göttlichen Dingen zugewandt; ein kleines Häuflein ist sich seiner Berufung zur Erkenntniß Christi bewußt geworden und verherrlicht Ihn durch ein neues Leben; aber Anzeichen einer allgemeinen und tiefen Reform finden sich nicht. Anders ist es in Ephesus während der dreißig, ja ich möchte sagen während der zwanzig Jahre, die dem Jahre 65 unserer Zeitrechnung vorangehen.

Wir sind zu Ephesus im Jahre 65. Es trennen uns kaum fünf Jahre von dem Tage, wo die Zerstörung des israelitischen Tempels und der jüdischen Rationalität den Heiden das Reich Gottes vollends übergeben soll. Zwanzig Jahre mögen ungefähr verflossen sein, daß sich eine kleine, und doch auch wieder große Begebenheit in unserer Stadt zutrug, aus dem Schooße des Heidenthums ist, wie eine Insel aus dem Meere, eine christliche Gemeinde emporgestiegen. Es ist keine außergewöhnliche Gemeinde wie ihre ältere Schwester in Jerusalem; sie hat sich nicht, so viel wir wissen, einer für unsere Erde beinah zu himmlischen Liebe zugewandt; aber es ist doch eine Gemeinde, die Leben entfaltet, die nach Maßgabe ihres Glaubens und ihrer Liebe der Welt den Geist Christi offenbart und verkündigt. Sie zählt auch ihre neuen Jünger nicht nach Tausenden an einem Tage; aber sie ist doch zahlreich genug, um die Thätigkeit mehrerer Hirten in Anspruch zu nehmen. Zudem entscheidet nicht die Zahl, sondern die Treue über den Einfluß. Jesus Christus steht allein, und doch zieht Er gleich anfangs die Aufmerksamkeit eines ganzen Volkes und später aller Völker auf sich; so geht es mit jeder Gemeinde, sie mag groß oder klein sein, wenn sie nur Seinen Geist geerbt hat; folglich auch mit der Gemeinde zu Ephesus. Als Beweis ihrer Thätigkeit könnte ich anführen, wie das Wort Gottes aus der Synagoge in eine Philosophenschule getragen wurde, und von da sich in die ganze Umgegend verbreitete; könnte ich hinweisen auf den gewaltigen Eindruck dieses Wortes bei Sündern, welche offen bekennen. was sie gethan haben, auf das Verbrennen von Zauberbüchern auf dem öffentlichen Marktplatze im Werth von 50.000 Silberlingen; auf die Besorgniß jener Verfertiger von Tempeln der Diana, die für ihre Göttin den Verlust ihres Ruhmes und für sich selbst den ihres Handels fürchteten. Aber sehen wir davon ab. halten wir uns nur an das Vorhandensein, an das Bestehen einer christlichen Gemeinde in Ephesus. Sie ist da, diese Gemeinde, unter den Augen der Epheser; das genügt.

Von nun an können weder Wahrheit und Heiligkeit für Täuschung gelten, noch Aberglaube. Unglaube. Unmäßigkeit als beklagenswerthe Bedingungen des menschlichen Daseins angesehen werden. Wer in der Nähe dieser christlichen Gemeinde zu Ephesus nach dem Guten und Wahren sich sehnt, der hat etwas gefunden, das ihn befriedigen kann. Wer sich angesichts dieser Gemeinde noch ferner dem Irrthum und der Sünde hingibt, der ist der Lüge und der absichtlichen Verirrung überführt. Den Einen sind die Quellen des Heils geöffnet, den Andern ist das Urtheil gesprochen. Für den Augenzeugen dieser moralischen Erscheinung bedarf es jetzt nur des reinen Herzens, welches selbst Jesus Christus bei dem Menschen nicht vermissen darf, um sein Werk an ihm ausführen zu können. Nun ist er da, und zwar in der neuen Gemeinde, dieser Keim, der nur zu wachsen braucht, um der Bevölkerung von Ephesus die köstliche Frucht zu geben, nach der sie unbewußt Verlangen trägt. Nun mag er wachsen, und siehe, bald tritt dies Leben im Geist, „dies Leben der vollen Genüge“, an die Stelle des üppigen, aber wilden und verdorbenen Triebes eines ganz der Sinnlichkeit hingegebenen Wandels. Nun mag er wachsen, dieser Keim, und siehe, eine göttliche Liebe und Brüderlichkeit, eine dem Alterthum bis dahin selbst dem Namen nach unbekannte Wohlthätigkeit im öffentlichen wie im Privatleben treten an die Stelle einer zügellosen und schamlosen Selbsucht. Nun mag er wachsen, dieser Keim, und siehe, bald erglänzt die Morgenröthe einer innigeren Neigung zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, Herren und Dienern, welche die Familie zur Wiege, zur Schule und Kirche eines wiedergebornen Volkes macht. Er mag nur wachsen, dieser Keim, denn schon ersteht in Ephesus auf den Trümmern der alten eine neue Welt, in welcher der Mensch, indem er den wahren und lebendigen Gott findet, sich selber wieder findet. - Ich habe nur von Ephesus gesprochen; aber dasselbe Licht ist in Antiochien, in Tarsus, Thessalonich, Athen, Korinth, Rom und vielen minder bedeutenden Städten angezündet worden. Laßt diesen vereinzelten Stätten christlichen Geistes nur Zeit, mit einander in Verbindung zu treten, und bald wird die himmlische Flamme sich immer weiter verbreiten, endlich über das ganze römische Reich sich ausdehnen, bis sie später über die ganze Erde sich erstreckt.

Es scheint fast, als prophezeite ich. und doch berichte ich nur Geschichte. Ja, die Folgezeit hat diese glücklichen Voraussagungen genau in dem Maße gerechtfertigt, als die Kirche treu blieb. Weil sie nach und nach im Glauben und im Leben ermattet, erfüllt sie ihre große Bestimmung nur noch unvollkommen; da ihr jedoch noch immer etwas von Jesu Christo bleibt, so kommt sie derselben doch einigermaßen nach. Und gewiß, wie viel auch unseren jetzigen Bedürfnissen fehlt, man müßte sehr blind, sehr ungerecht und undankbar sein, wollte man nicht ihre Vorzüge vor der Gesellschaft zur Zeit Christi anerkennen: Die Hälfte des Menschengeschlechts in Sklaverei, das Weib verkannt, erniedrigt, das Heiligthum des häuslichen Heerdes durch Sündendienst entweiht, der Materialismus als Ziel, beinahe als Ruhepunkt des menschlichen Geistes betrachtet, Gladiatoren, die sich zur Unterhaltung der römischen Frauen erwürgen, fremde Könige, die in Ketten hinter den Triumphwagen ihres Ueberwinders einherziehen, dergleichen entsetzliche Dinge tragen sich bei uns nicht zu. Ja, während der Jahre 30, bis 65 ist über das römische Reich eine Saat des ewigen Lebens ausgestreut worden, welche im Keime eine völlige Umwälzung, und zwar nicht blos eine sittliche, sondern auch eine häusliche, bürgerliche, völkische, ja materielle enthält, wenn anders die Welt dieser vom Himmel gekommenen, aber der Menschheit anvertrauten Saat eine treue Pflege angedeihen läßt.

Und wer ist nun der Säemann dieser segenspendenden Saat auf diesem Acker der heidnischen Welt? Fragt Ephesus, wem es eine christliche Gemeinde verdankt, und es wird einstimmig antworten: Dem Apostel Paulus, Fragt Tarsus, dem Apostel Paulus; Thessalonich. dem Apostel Paulus; Athen, dem Apostel Paulus; Corinth, dem Apostel Paulus. Ermüdet euch diese Aufzählung? Nun gut, wir wollen uns kürzer fassen. Salamis, Paphos, Antiochien in Pisidien, Ikonien, Lystra, Derbe. Perge. Troas. Philippi, Beroea, Kenchrea, Galatien, Phrygien, Mysien, Pamphlien, Cilicien und wie viele andere - alle nennen den Apostel Paulus. Und wenn auch die beiden Hauptstädte des griechischen Morgen- und des römischen Abendlandes, Antiochien und Rom, den Apostel Paulus nicht als Stifter ihrer Gemeinden angeben können, so werden sie euch doch sagen, wie er sie durch sein Wort der Art befestigt hat, daß sie ihre Gründung weit eher für sein Werk, als für das ihres wirklichen Gründers halten. Wie oft hat er die eine im Herrn ermahnt, während er die andere zweimal besuchte, nachdem sie zuvor durch jenen herrlichen Brief, den Chrysostomus „den goldenen Schlüssel der Schrift“ nennt, von ihm gekräftigt worden war.

Wunderbar, wie viel ein Mensch, ein einzelner Mensch vermag! Diese staunenswerthe Thätigkeit verleiht unserm Apostel gleichsam eine Allgegenwart im ganzen römischen Reiche, über dessen ungeheure Ausdehnung die Erscheinung Pauli ihren Riesenschatten wirft. Was sind wir Prediger oder Missionare der jetzigen Zeit einem solchen Charakter gegenüber? Wahrlich, es thut Noth, sich daran zu erinnern, daß er ein Mensch, nichts als ein Mensch war! Würde uns seine Geschichte nicht unglaublich erscheinen, wäre sie uns anderswo, als in der heiligen Schrift berichtet? Denkt man nicht dabei an einen Helden der Sage, zu deren Abenteuern die Wirklichkeit nur einen geringen Beitrag, vielleicht den sehr bescheidenen Anfangspunkt geliefert hat? Was ist aus diesen großen Gestalten des ersten Jahrhunderts geworden? Ist ihr Geschlecht ausgestorben, die Form zerbrochen, die Ueberlieferung verloren, wie bei jenen Thiergeschlechtern, deren Vorhandensein auf unserer Erde sich nur durch Ueberreste verwitterter Knochen kund gibt? Doch nein; in demselben Lichte wie Paulus vor unserm verweichlichten Geschlecht dasteht, muß ein Moses oder Samuel dem mehr als verweichlichten Geschlecht, aus dem Saul von Tarsus entsproß, erschienen sein, ungefähr also, wie uns heutzutage ein Luther oder ein Calvin scheint. Propheten. Apostel. Reformatoren. alle diese großen Gottesmänner. wie viele Jahrhunderte sie auch von einander trennen, fanden sich immer in dem Augenblick, wo Gott ihrer bedurfte; und auch in unsern Tagen würden sie erstehen, wenn der Glaube ihres Herzens in einem ihrer Nachfolger wiedergeboren würde. „Hätte ich Abrahams Glauben, so wäre ich Abraham“, sagt Luther sehr wahr und schön. Wie dem auch sei, ob dies wunderbare Leben zu andern Zeilen möglich ist oder nicht, der Apostel Paulus hat es gelebt. Ihr könnt die Bedeutung dieses Lebens nicht besser würdigen, als wenn ihr euch fragt, wie viel in der Geschichte der Menschheit anders wäre, wenn dieser eine Mensch nicht gelebt hätte. Wenn wir. du oder ich, in der Welt fehlten, so würde sich die Wirkung hiervon kaum in dem Kreise einiger Freunde, eines beschränkten Publikums, höchstens in ein oder zwei Geschlechtern fühlbar machen. Aber kein Paulus in der Welt, - wer vermag die unermeßlichen Folgen einer solchen Lücke in den Grundsätzen, in den Sitten, in der Literatur und Geschichte, in dem ganzen Entwickelungsgange des Menschengeschlechts zu beschreiben! Wie stände es mit unserm gealterten Europa, das vollständig das Wort Pauli an die Thessalonicher auf sich anwenden kann: „Wer ist unsere Hoffnung oder Freude, oder Krone des Ruhms? Ihr seid ja unsere Ehre und Freude“. (1 Thess. 2. 19 u. 20.) Kein Paulus - nehmt euch in Acht, oder fürchtet unter den Trümmern des achtzehnhundert Jahre alten sozialen Baues, dessen Grundpfeiler im Umstürzen begriffen sind, begraben zu werden. Kein Paulus - nun, dann vernichtet alle Gemeinden, die zu Hunderten auf seinem Wege entstanden; dann richtet alle Tempel und Götzenbilder wieder auf, die er nicht mit roher Gewalt, das ist nicht apostolische Art, sondern durch die Macht seines Wortes umgestürzt hat; dann unterdrückt die fruchtbaren Keime der Wiedergeburt in den Einzelnen, in der Familie, in der Gesellschaft, die er von Ort zu Ort erweckte; dann stürzt Europa, das römische Reich in die Barbarei einer Civilisation, „ohne Gott und ohne Hoffnung“ zurück. Doch von wem spreche ich? Von Gottes Sohn? Nein, ich spreche nur von Seinem demüthigen Apostel, aber von einem Apostel, den Seine Gnade beseelt und der uns in einem gebrechlichen Leibe und mit schwachem Worte gezeigt hat, was ein Mensch, ein einfacher Mensch vermag, wenn er nur das will, was Gott will.

Gestehen wir übrigens, daß noch etwas an dem Maße der also beurtheilten Arbeit des Apostels fehlt; es fehlt noch der Vergleich mit uns selbst, das Verhältniß zu uns und unserer persönlichen Erfahrung. Das wird uns klarer werden, wenn wir die Arbeit unseres Apostels in demjenigen seiner Werke betrachten, welches noch jetzt besteht und unter dessen unmittelbarem Einfluß wir täglich leben: ich meine das Werk seines geschriebenen Wortes.

Die von Petrus gebrauchte Vorsicht: „Ich will Fleiß thun, daß ihr allenthalben habet nach meinem Abschied solches im Gedächtniß zu halten“ (2 Petr. 1, 15). Diese Vorsicht hat auch Paulus, und zwar in noch umfassenderer Weise als Petrus oder irgend ein anderer Apostel angewandt. Auch hier kann er mit Recht sagen: „Ich habe mehr gearbeitet, denn sie Alle“. Zwei Drittel aller apostolischen Briefe tragen den Namen unseres Apostels.

Ihr wundert euch vielleicht über die Bedeutung, welche ich dem Briefwechsel des Apostels in seinem Wirken einräume. Sind denn vierzehn Briefe, deren längster nur sechzehn Kapitel enthält, eine so bedeutende Arbeit? Und ist es auch der Fall, gebührt denn hier nicht der göttlichen Eingebung weit mehr die Ehre, als der menschlichen Thätigkeit? Ein solcher Einwand ist unbedacht oder er setzt vielmehr sehr beschränkte Begriffe von menschlicher wie göttlicher Tätigkeit voraus,

Die Arbeit eines Schriftstellers wird nicht nach der Seitenzahl seiner Bücher geschätzt. Ein großer tragischer Schauspieler der neueren Zeit hat irgendwo gesagt (verzeiht mir diese Zusammenstellung, aber ich bedarf ihrer zur Verdeutlichung meiner Ausführung): „Man weiß mir Dank, daß ich durch ein scheinbar ganz einfaches Wert eine Menge Ideen in der Seele erwecke; meine Betonung scheint eine ganze Seite eines Buches zu enthalten; dies kommt daher, daß sie in der That das Ergebniß eines ganzen Bandes von Gedanken ist“. Ein Gedanke, dessen Tiefe in seiner Wahrheit begründet liegt und der, wenn er auch einem Gebiete entlehnt ist. das in Mißachtung gefallen, dennoch auf viele über das Gewöhnliche hinausliegende Dinge ein helles Licht wirft, - berühren sich doch alle menschlichen Größen an gewissen Punkten. Es ist mit einem Meißelhiebe Michael Angelo's. mit einem Pinselstrich Raphaels gerade wie mit der Betonung eines Roseius: Sie bedürfen nur eines Augenblicks zu ihrem Entstehen, aber mancher Jahre zu ihrer Vorbereitung. Sprechen wir jetzt nur von der Kunst des Schriftstellers, die der Arbeit, auf welche ich bei unserm Apostel aufmerksam mache, am nächsten liegt. Ein jedes fruchtbare Wort, welches wir bei einem großen Schriftsteller bewundern, ist das Ergebniß einer langen Reihe von Gedanken und Erfahrungen; um dasselbe hervorzubringen, bedurfte es einer zwiefachen Anstrengung, nämlich des vielfachen Ansammelns und des Zusammenfassens in einen verständlichen Ausdruck. Beim Lesen sagt ihr wohl: Es ist nur eine Zeile; aber die zahllosen Versuche und Verbesserungen, die vorangegangen sind, bemerkt ihr nicht. Ich meine nicht die Versuche und Verbesserungen, die auf dem Papiere geschehen, obgleich man auch dieser gedenken muß; ich spreche von den Versuchen und Verbesserungen, die im Innern des Menschen, im Geiste, im Herzen, im Gewissen, durch Nachdenken, durch Lesen, durch Nachtwachen, durch Prüfungen, durch Unglücksfälle, durch Blut und Thränen hervorgebracht werden. Ist nun der große Schriftsteller zugleich ein großer Apostel, das heißt mehr als ein großer Philosoph, weil sein Geist aus den Tiefen der göttlichen Wahrheit schöpft; mehr als ein großer Dichter, weil seine Einbildungskraft zu den Höhen des göttlichen Geistes hinaufragt; ist er zugleich ein Apostel, d. h. eine der zwischen Himmel und Erde wandelnden Wolken, die, von himmlischem Feuer erfüllt, Blitze in die Tiefe unserer Erdennacht schleudern, welche den geistigen Gesichtskreis des Menschen, oder richtiger gesagt, der Menschheit durch plötzliche Helle erleuchten, wie wenn er sagt: „Ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht, Christum“, oder: „wenn ich schwach bin, bin ich stark“, oder auch: „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“, - wer kann da noch zweifeln, daß jedes dieser Lichtworte in dem Geiste und Herzen, dem sie entströmen, einen langen, ernsten und schweren Kampf offenbaren?

Ihre göttliche Eingebung ändert daran nichts, besonders im Neuen Testamente. Die Vereinigung des göttlichen Geistes mit dem menschlichen gleicht ungefähr der Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur in der Menschwerdung. So wenig der in Christo gegenwärtige Gottessohn den schmerzvollen Antheil des Menschensohnes an dem der Menschheit gewordenen Heil aufhebt, ebenso wenig hebt das in dem Menschenworte wiederhallende Gotteswort den mühevollen Antheil des menschlichen Wortes an der Verkündigung des Heils auf. Im ersten Fall verringern sich nicht der Gott und der Mensch, und im zweiten nicht der Geist Gottes und der Geist des Menschen, beide bestehen ungeschmälert neben einander. Und darum sind auch die eben angeführten Worte, die ich wie zufällig aus der ersten besten Seite der Briefe unseres Apostels ausgewählt habe, obwohl sie gleichfalls aus den himmlischen Regionen des göttlichen Geistes stammen, nichtsdestoweniger aus dem tiefsten Grunde des menschlichen Geistes, aus den Lehren der Erfahrung, aus der Bitterkeit der Prüfung, aus der Bildung und Entwickelung des neuen Menschen, aus den langen Lehrjahren des geistlichen Lebens geschöpft. Wer sagt uns, wie vieler Kämpfe mit dem natürlichen Herzen es bedurfte, ehe Johannes das vierte Kapitel seines ersten Briefes verfassen, oder soll ich lieber sagen, empfangen konnte! In den Augen der Menge gelten die Werkzeuge des heiligen Geistes für verwöhnte Kinder der Eingebung, während sie die Märtyrer derselben sind. Gesegnet sei das Feuer, das vom Himmel kommt; aber wehe der Wolke, die es der Erde zuführen soll; denn entweder wird sie in der Kraft, es zu bewahren, ermüden, oder von dem durchbrechenden Elemente zerrissen werden.

So kann ich denn mit vollem Recht von der wunderbaren Arbeit reden, welche die uns vom Apostel Paulus überkommenen Briefe voraussetzt. Aber dieser Gedanke wird nicht auf alle Gemüther den gleichen Eindruck hervorbringen; darum will ich es lieber mit den Briefen des Apostels, wie mit seinen Reisen machen. ich will sie nach den Früchten, die sie getragen, und nach dem Segen, den sie der Welt gebracht, zu würdigen suchen.

Welche Früchte die Schriften des Apostels getragen, welchen Segen sie der Welt gebracht haben? Um das zu erkennen, brauchen wir weder das ferne Alterthum, noch unbekannte Gegenden zu befragen; fragt euch selbst und schließt darnach auf Andere. Ihr kennt Paulus nur aus seinen Schriften, und doch ist es euch, als hättet ihr ihn persönlich gekannt. Sein Wort athmet so viel Leben und Wärme, daß man sich versucht fühlt, die Hand daran zu legen, zu fühlen, wie das Herz, welches vor ungefähr achtzehnhundert Jahren zu schlagen aufhörte, noch klopft. Dich, dankbarer Leser der Briefe Pauli, der du mit heiliger Ungeduld dem Tage vorauseilst, wo du ihm in den himmlischen Hütten erzählen kannst, was Gott durch seine Hilfe für deine Seele gethan, dich fordere ich auf, schon heute zu bezeugen, welchen Antheil die Briefe Pauli an deiner geistlichen Entwicklung gehabt haben. Erinnerst du dich des Briefes an die Römer? Hast du irgendwo, selbst in der Bibel, eine erschöpfendere, treffendere und überzeugendere Darstellung des Prophetenwortes: „Der Gerechte wird seines Glaubens leben“ gelesen, ich meine eine Darlegung des Heils, das Gott durch den Glauben an Christum umsonst und aus Gnade gewährt, und das der Seele zuerst das Leben der Gerechtigkeit und dann das Leben des Friedens und der Heiligkeit zu Theil werden läßt? Erinnerst du dich des Briefes an die Galater? Hast du irgendwo, selbst in der Bibel, eine bestimmtere, lichtvollere Erklärung der geheimen Beziehungen zwischen dem Alten und Neuen Bunde gelesen, oder einen gründlicheren Nachweis von der Ueberlegenheit der Heilsordnung des Geistes über die des Buchstabens, indem die erstere die sichtbare Herrlichkeit der zweiten nur zum Vortheil der unsichtbaren, allein wahren Herrlichkeit zurückstellt? Erinnerst du dich der beiden Briefe an die Korinther? Hast du irgendwo, selbst in der Bibel, eine lehrreichere, reichhaltigere Sammlung praktischer Anweisungen über die Führung des christlichen Lebens, die Leitung der Kirche, die Feier der Sakramente, den rechten Gebrauch der Gaben Gottes, den Beruf des Weibes, die Ausübung der Wohlthätigkeit gefunden? Denke an den Epheserbrief, mit seiner Belehrung über den natürlichen Unterschied und die geistliche Einigung der beiden Völker, aus denen das neue Volk Jesu Christi besteht; denke an die Hirtenbriefe über das Amt der Hirten, an den Brief an Philemon über den Geist der christlichen Barmherzigkeit. Ich habe nicht Alles genannt, wie ließe sich auch Alles anführen?

Ich fragte so eben: Was wäre die Welt ohne Paulus? Jetzt frage ich: Wie stände es um eure Seele, wäre Paulus nicht in eurer Bibel? Reißt einmal die hundert Seiten, an deren Spitze ihr Pauli Namen leset, aus eurem Neuen Testamente heraus. Ich gehe nicht so weit, zu behaupten, daß dann nicht genug in der Bibel bliebe, um euch selig zu machen. Dazu genügt uns Christus allein, und um Christum zu erkennen, bedarf es nur eines Wortes aus Seinem Munde, eines Wortes von einem Seiner Jünger, eines Wortes aus dem Alten Testamente, ja weniger noch; es bedarf dazu nur eines einfachen, in das Ohr des ersten Menschen als dunkle Verheißung gestammelten Wortes, lange bevor etwas geschrieben worden und von der Bibel die Rede war. Aber zum Leben reicht auch etwas Brod und Wasser hin, und doch empfangen wir mit Danksagung sowohl die nährende Speise, die uns Gott im Fleisch der Thiere gibt, als auch die köstlichen Früchte, die Er zur Erfrischung unseres lechzenden Gaumens aus den Bäumen wachsen läßt und den Saft der Traube, den Er, um „das Herz des Menschen zu erfreuen“, dem Weinstock hervorzubringen gebeut (Ps. 104, 15). So könnten wir auch ohne Pauli Briefe in unserer Bibel selig werden; gewiß, aber welche kräftige Speise, welche köstliche Erfrischungen, welche heilsame Kraft würden wir durch den Verlust dieser hundert Seiten entbehren! Wo hättet ihr den neuen und doch so einfachen Weg der Rechtfertigung durch den Glauben ohne die Werke so richtig erkannt, hätte Paulus nicht die vier ersten Kapitel seines Römerbriefs geschrieben? Wo den unschätzbaren, unvergleichlichen und einzigen Werth der Liebe zu Gott und den Menschen, wenn Paulus nicht das theure, köstliche dreizehnte Kapitel seines ersten Korintherbriefs geschrieben hätte? Wo die christliche Herrlichkeit des Familienlebens, die Stellung Christi zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Herren und Dienern, hätte Paulus nicht das fünfte Kapitel seines Epheserbriefes geschrieben? Wo die mächtige Kraft jedes der Hülfsmittel, die Gott uns für den heiligen Kampf zu Gebote stellt, hatte Paulus nicht die vollkommene Waffenrüstung des Streiters Christi in dem sechsten Kapitel desselben Briefes geschildert? Wo den wahren heiligen Ehrgeiz des Christen, hätte Paulus nicht das letzte Kapitel seines ersten Briefes an die Thessalonicher geschrieben? Wo das Gesetz, wie es uns unter der Sünde geknechtet hält, ohne das siebente Kapitel an die Römer; wo die Berufung der Heiden durch die Verwerfung der Juden, ohne das eilfte Kapitel an die Römer; wo die Quelle der wahren Kraft, ohne 2 Kor. 12; wo die tiefe Bedeutung des mosaischen Gesetzes, ohne Galater 4; wo das Verhältniß des Glaubens zu den Werken, ohne Ephes. 2; wo alles Uebrige, ohne das Uebrige? Wenn du nicht der undankbarste oder ungläubigste aller Menschen bist, so stehe auf und bekenne, daß wir keinem unter allen Sterblichen, die je unter dem Himmel gewandelt, mehr, ja keinem auch nur ebenso viel zu verdanken haben, als dem Apostel Paulus.

Das Gesagte galt nur uns. Aber nun blickt etwas weiter um euch zur Rechten, zur Linken, vor euch und hinter euch, und sehet, wie diese in zwei hundert Sprachen übersetzten hundert Seiten überall dem Herzen dasselbe Zeugniß abnöthigen; ich sage nicht, dem Engländer, dem Deutschen, dem Italiener, dem Spanier, dem Griechen, dem Russen, sondern dem Bewohner Asiens bis in das Innere Sibiriens, dem Bewohner Amerika's bis zu den Eisfeldern Labradors, dem Bewohner Afrika's, kurz, jedem der Millionen Getauften, der ein christliches Herz hat. Nöthigen sie es selbst denen ab, die nur dem Namen nach Christen sind, wenn sie nur als Ersatz für den fehlenden Glauben Einsicht genug besitzen, um zu begreifen, daß Paulus, indem er jene Grundwahrheiten des ewigen Lebens, auf die ich allein eure Aufmerksamkeit richten wollte, verbreitete, zugleich mit vollen Händen die Keime der Kultur, der Erziehung, der Gerechtigkeit, Ordnung, Freiheit und Gesittung ausgestreut hat. Nachdem ihr nun die Stimme der Gegenwart vernommen habt, verfolgt den Lauf der Jahrhunderte rückwärts und ermesset, wenn ihr könnt, wie viel wir Paulus verdanken bei allem Guten, was in der christlichen Welt geschehen ist, den Antheil, den er an dem religiösen Erwachen unserer Tage gehabt hat, er, der bei jeder religiösen Regung unter den von den Heiden abstammenden Völkern immer zuerst befragt wurde; erwägt seinen Antheil an der Reformation, wie er Luther, der die Kirche erwecken sollte, in der Bibliothek zu Erfurt erweckte; den Antheil, den er, von dem jene Sekte der morgenländischen Kirche, die seinen Namen trägt (die Paulinianer), abzustammen scheint, am Glauben der Waldenser und der Armen von Lyon, an der Arbeit eines Columban, Bonifacius, Patrick, Cyrillus und Methodius und aller Missionare Europas hatte, die nur seinem Beispiel nachzufolgen und sein Werk fortzusetzen brauchten; den Antheil, den er an der Bekehrung und Entwicklung der Kirchenvater hatte, er, der Freund eines Barnabas und eines Clemens von Rom, der Lieblingslehrer eines Athanasius und Chrysostomus - bis ihr bei dem feierlichen Augenblick anlangt, wo vor den Thoren Roms sein Haupt fiel. Welche Leere würde damals in der Menschheit entstanden sein, hätten nicht die Briefe unseres Apostels, diese vierzehn kleinen, eifrig gesuchten und von Hand zu Hand gehenden Briefe sogleich die große Wirkung des lebendigen Wortes durch die noch größere des geschriebenen erhöht! Um nichts zu vergessen, müßten wir ihm auch noch in die dunkle Zukunft folgen, die noch verhüllt vor uns liegt; müßten wir versuchen, den täglich an Tiefe und Ausdehnung zunehmenden Einfluß zu würdigen, der ihm auf die kommenden Geschlechter vorbehalten ist bis zur vollen Erfüllung der von ihm selbst geschriebenen Weißsagungen und bis zur Wiederkehr Dessen, den er so sehr geliebt und so ungeduldig erwartet hat. Ach, wer wird es berechnen, was die Erde dem Apostel Paulus schuldig ist, was sie ihm jetzt schon schuldig ist, was sie ihm noch schuldig sein wird an frommen Hirten, an eifrigen Sendboten, an ausgezeichneten Christen, an nützlichen Büchern, an milden Stiftungen, an Beispielen des Glaubens, der Liebe, der Reinheit und der Heiligkeit! Wer wird es auch nur versuchen, eine solche Berechnung aufzustellen! Die ganze Menschheit müßte sich erheben und bekennen, daß unter allen Namen ihrer Wohlthäter, die sie von Jahrhundert zu Jahrhundert preist, keiner ist, den sie so einstimmig und mit so vieler Dankbarkeit und Liebe feiert als den des Apostels Paulus.

Kurz: Ohne Paulus wäre das Evangelium vielleicht Jahrhunderte hindurch innerhalb der Gränzen Asiens geblieben, fern von unserm Europa, das Paulus zum Mittelpunkte der Bekehrung und Gesittung des Erdkreises machte; wäre Paulus nicht in der Bibel, so würde die christliche Wahrheit nur halb offenbart, das christliche Leben nur halb verstanden, die christliche Liebe nur halb erkannt, der christliche Glaube nur halb zum Siege gelangt sein. - Jedoch genug von der Größe seines Werkes. Wir möchten sonst den Schein auf uns laden, als ob wir dem Apostel zuerkennten, was nur dem Herrn gebührt. Darum noch einmal: Kein Götzendienst! Zwischen dem Apostel und dem Herrn bleibt immer der wesentliche Abstand zwischen Unvollkommenheit und Vollkommenheit, zwischen dem Erlösten und dem Erlöser, zwischen Mensch und Gott. Ich bin weit entfernt, wie ich schon erwähnt habe und ihr im Verlauf dieser Reden sehen werdet, die Schwachheiten des Apostels verhehlen zu wollen; ich bedarf ihrer sogar, um euch sein Beispiel recht zugänglich zu machen. Nur vermittelst dieser Schwachheiten kann er uns sagen: „Seid doch wie ich, denn ich bin wie ihr!“ (Gal. 4, 12.) Meine Absicht ist eine zu ernste, als daß ich Vergnügen daran fände, mich auf den Wolken einer blos bewundernden Predigt zu wiegen. Ich eile zur praktischen Anwendung meines Gegenstandes, und wenn ich eure Blicke auf Paulus richte, so geschieht es nur, damit sich unter uns ein Volk von Nachfolgern des heiligen Paulus bilde, die ihr Werk ebenso begreifen und ausüben, wie er das seinige begriffen und ausgeführt hat.

Er hat seine Aufgabe gelöst, lösen wir die unsrige; Jeder thue das Seine, Ich predige keinen Ehrgeiz, nicht einmal einen geistlichen, sondern nur Treue. Fern sei es von mir. euch euer Werk zu verleiden, indem ich euch ein eingebildetes vorhalte, dem ihr nicht gewachsen seid und welches obendrein nicht in eurem Berufe liegt. Dem Apostel Paulus bleibe das Werk des Apostels Paulus, zu dem ihn Gott berufen und zubereitet hat; euch bleibe euer Werk, zu dem ihr gleichfalls berufen und - zweifelt nicht daran - ebenfalls zubereitet seid. Ihr sollt nicht die Welt durchwandern und bekehren, ihr habt zur Verherrlichung eures göttlichen Erlösers etwas Anderes zu vollbringen. Du hast eine Heerde mit dem Worte Gottes zu speisen, du eine Familie zu erhalten und auf die Wege des Herrn zu leiten; du, meine Schwester, hast ein Hauswesen zu führen und kleine Kinder zu unterweisen: ihr Jünglinge müßt euch den für euren bekannten oder noch unbekannten Beruf nothwendigen Studien widmen. Nun wohl, wer ihr auch seid und was ihr auch zu thun habt, seid mit der euch zugefallenen Aufgabe zufrieden, und wenn ihr sie, falls euch Gott Gelegenheit dazu gibt, erweitert, so trachtet weniger darnach, sie zu erweitern, als sie auszufüllen, nach einem treffenden, in alle Sprachen übergegangenen Ausdruck, nach welchem ausfüllen so viel bedeutet, als in seinen Verpflichtungen nichts übrig zu lassen, was wir mit unserer Thätigkeit nicht erfassen und erfüllen.

Sind wir doch auch nur schlechte Beurtheiler der Tragweite, die Gott unserer Arbeit verleihen kann. Als Paulus das Evangelium predigte und seine Briefe schrieb, gab er sich auch keine Rechenschaft von dem vielen Guten, was Gott durch ihn der Welt erwiesen hat - eine solche Kenntniß wäre vielleicht ein zu gefährlicher Fallstrick für die Demuth eines Menschen gewesen. Seien wir nur treu und überlassen wir Gott die Erfolge! Was wir auch sein mögen, wir werden unsern Lohn nicht einbüßen und er wird weniger nach dem Erfolge, als nach der Arbeit, und weniger nach der Arbeit, als nach dem Geiste, in welchem wir sie vollbringen, bemessen werden. Und bedeuteten auch unsere Erfolge nichts, so hätten wir doch wenigstens so viel gewonnen, um mit den Worten des Propheten sagen zu können: „Ich dachte, ich arbeitete vergeblich und brächte meine Kraft am Leeren und Nichtigen zu; doch ist mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott“ (Jes. 49, 4). Aber unsere Arbeit wird nicht vergeblich sein; derjenige, welcher die Sprache führt, die ich dem Propheten entlehnt habe, ist nicht der Prophet selbst, es ist der Messias, der Messias, dessen Werk nach kurzer Prüfungszeit die ganze Erde umfassen und unterwerfen sollte.

Lege nur Jeder in seinen Beruf den Geist, den der Apostel in den seinigen gelegt hat und der Zweck dieser Rede ist erreicht. Wollt ihr das? Ich sage nicht: möchtet ihr das? sondern: wollt ihr es? Wir möchten es, sagen Alle, von den Unwürdigsten an, die sich der Sünde hingeben, ohne zugleich die Rechte des Guten verkennen zu können, bis zu denen, die beinahe Christen sind, die von der Schönheit des christlichen Lebens angezogen, sich dennoch nicht entschließen können, Alles zu thun, was Gott will, die da traurig sind wie der junge Reiche, sich aber eher in diese Traurigkeit finden als in das verlangte Opfer.

Auf diese jedoch rechne ich nicht, es sei denn, daß ihr Herz sich ändert. Aber die, welche da wollen - und es gibt deren hier mehr, als man glaubt, mehr, als ich selbst in meinem Kleinglauben annehme, - die, welche da wollen wie der Apostel Paulus, sollte es ihnen auch ihren Lieblingsgötzen, ihre anziehendsten Genüsse, ihren tief eingewurzelten Eigenwillen kosten, die, welche zu Gott in ihrem Gebete sprechen: „Mein Gott, sieh an mein Herz, hie bin ich, Deinen Willen zu thun!“ - Diese allein bilden im besonderen Sinne das Volk des Herrn, von welchem ich im Anfange sprach und das ich im Geiste durch das Wort bilden möchte, bis es mir oder einem Auserwählten gegeben sein wird, das Wort zur That umzuwandeln und das Volk zu sammeln zu einem sichtbaren Leibe, der da sei das auf den Leuchter gestellte Licht, die Stadt auf dem Berge.

Bei dem praktischen Ziele jedoch, das ich vor Augen habe, ist es nur erst etwas Geringes, euch durch die Treue des Apostels zur Nacheiferung anzuspornen; wir müssen auch den Geist dieser so thätigen und seltenen Treue aufsuchen. Wodurch ist Paulus fähig geworden, das zu leisten, was er geleistet hat? Die Prüfung dieser Frage wird bei der Fülle des Stoffes nicht weniger als drei Reden erfordern. Wir werden bei Paulus, wenn wir den Lauf der Zeit zurückverfolgen, eine dreifache Vorbereitung zu seinem Werke kennen lernen: Eine innere Vorbereitung oder sein Christenthum; eine geschichtliche oder seine Bekehrung; eine natürliche oder seine Persönlichkeit. Der Apostel muß nicht sowohl in Paulus und Saulus, als auch im Uebergange des Saulus in den Paulus gesucht werden.

Erst wenn wir diesen ganzen Weg in den Fußstapfen des Paulus zurückgelegt haben, können wir in einer letzten Rede beurtheilen, ob wir bereit sind, ihm nachzufolgen und uns jenem Apostelvolke anzuschließen, dem der Herr die Wiedererhebung der Kirche und die Wiedergeburt der Welt vorbehalten hat.

autoren/m/monod/monod-der_apostel_paulus/erste_rede.txt · Zuletzt geändert: von aj