Magnus, Albertus - Das Anhangen an Gott - Das 8. Capitel.

Wie sich ein geistlicher Mensch bey allen äussern Zufällen Gott ergeben und vertrauen soll.

Ich glaube nun, daß du aus denen bisherigen Vorstellungen wirst erkennen, wie du nemlich durch Entblössung von aller Creatur, Bildern und Begierden, in den Stand der Unschuld mögtest treten. Was ist aber besser, glückseliger und lieblicher als Er? So ist dann sehr vonnöthen, daß du dein Gemüth von allen Verbildungen und Zerrüttungen entledigest, dich nicht bekümmerst um Welt, Freunde, Glück, nicht um vergangene noch künftige Sachen, nicht um dich, nicht um andere, ja nicht um die Sünde und Fehler. Gedenke bloß allein in reiner Einfalt, als wenn du bey Gott in der Welt seyst, ja als wenn deine Seele vom Leib abgeschieden in der Ewigkeit wallete. Dann allda würde sie zweifels ohne kein weltlich Ding mehr anfechten, sondern sie würde gleichförmig an Gott denken, ihm dienen, ihn lieben, ihn loben, ihm anhangen. Auf solchen Grund verlasse auch deinen Leib, alle gegenwärtige und zukünftige Geschöpfe, die dir noch so nahe stehen; ja hefte das Angesicht deines Geistes steif nach allem deinen Vermögen bloß und ernstlich an das unerschaffene Licht. Also kann und soll dein Geist von allen äussern Eingebungen, Verbildungen und Zerstreuungen entladen, als ein Engel seyn, der nur mein einem Leib umgeben ist, nur aber durch die Wirkungen des Fleisches nicht verhindert, noch mit vergeblichen Sorgen, Gedanken und Sehnen verwickelt wird. So soll man auch den Geist befestigen gegen alle von aussen kommende Versuchungen, gegen Schmach und Schaden, damit er unverhindert und unverändert bey Gott in Glück und Unglück beharre. Wenn dir einige Zerstreuung, geistliche Trägheit, Zerrüttung des Gemüths begegnet; so werde deshalben nicht ungeduldig und kleinmüthig, eile auch nicht zum äussern Mund-Gebeth oder zu andern sinnlichen Trost und Uebung. Eile zu dem Innern, daß du mit ganzem Gemüth Gott anhangest, und dich in ihm aufmunterst, es gefalle oder mißfalle der sinnlichen Empfindlichkeit. Denn es muß eine zu Gott einmal gewandte Seele also mit ihrem Ursprung vereiniget seyn, ihren Willen mit dem göttlichen dermassen verbunden haben, daß sie sich in allen zukommenden innern und äussern Veränderungen und Anfechtungen mit keiner Creatur mehr beschäftige und ihr anklebe, ja sich so gegen sie verhalte, als wann sie noch nicht erschaffen wäre, und nichts anders als Gott und die Seele in der Welt sey. Dergestalt soll sie alle Dinge sicher, gleichmäßig und unfehlbar von der Hand göttlicher Vorsehung annehmen, und sie dem Herrn darinnen in Ruhe und Stillschweigen gleichförmig ertragen. So ist also die Entblössung des Gemüths von allen Verbildungen zum geistlichen Leben sehr ersprießlich, damit du bloß in deinem Willens-Geist mit Gott vereiniget seyst, sonst wird zwischen dir und Gott kein Mittel seyn. Dann wird durch die freywillige Armuth aller Creatur dir entzogen, durch Enthaltung und Mäßigkeit der Leib dir geraubet, durch Gehorsam der Wille genommen; so ist die Seele dir entzogen, daß kein Mittel zwischen dir und Gott mehr übrig bleibt. Nichts äusseres kann dieses innere beweisen, es sey dieses oder jenes geistliche Bild. Merke dann, wie gröblich du mißhandelst, und wider Gott deinen Herrn sündigest, wann du anders thust, mehr dem Geschöpfe als Schöpfer mit deiner Liebe anhangest, ja gar das Geschöpf vorziehest.

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