Lisco, Friedrich Gustav - Paulus und Silas im Kerker zu Philippen.

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23 - 25. von Friedrich Gustav Lisco, Pfarrer an der St. Gertraudkirche zu Berlin.

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Text: Apstgesch. 16, 23 - 25.

Und da sie sie wohl gestäupet hatten, warfen sie sie ins Gefängniß, und geboten dem Kerkermeister, daß er sie wohl bewahrete. Der nahm solches Gebot an, und warf sie in das innerste Gefängniß, und legte ihre Füße in den Stock. Um die Mitternacht aber beteten Paulus und Silas, und lobten Gott. Und es höreten sie die Gefangenen.

Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, und folget mir nach, der ist mein nicht werth, spricht unser hochgelobter Erlöser Jesus Christus, und bezeichnet damit sein Reich auf Erden als ein Kreuzreich, in welchem jeder seiner Jünger auf mancherlei Leiden und Trübsal gefaßt, und dieselben zu ertragen bereit sein muß, wenn er anders in Wahrheit ein Jünger Christi und der Liebe seines Erlösers werth sein will. Hat er selber, unser Herr und Meister, das Kreuz getragen, sollen wir nun besser sein? ist es dem Jünger nicht genug, wenn es ihm geht, wie dem Meister? Und daß den Seinigen viele Leide n von der Welt würden bereitet werden, daß man sie um seines Namens willen hassen, verfolgen, ja tödten werde, das hat er selbst, der treue und wahrhaftige Zeuge vorausgesagt; und so ist es denn auch geschehen; und zu allen Zeiten haben die echten Nachfolger Christi sein Kreuz auf sich genommen, haben sich nicht geweigert, es dem Gekreuzigten nachzutragen, nicht gezwungen, wie einst Simon von Cyrene, sondern williglich. Wir sollen als Jesu Jünger unser Kreuz auf uns nehmen, wir können es aber auch liegen lassen, es hängt ganz von uns ab; denn das Kreuz, von dem Jesus redet, ist nicht jegliches Leiden wie es auch die Weltkinder trifft, sondern es ist das ganz besondere Leiden um seines Namens willen, weil man sein Jünger ist, um der Gerechtigkeit und Wahrheit willen, weil man sich zum Evangelium bekennt und für dasselbe zu wirken bemüht ist. Es steht bei dir, mein Christ, ob du solch Leiden erdulden willst oder nicht; verleugne Christum, so wirst du mit der Schmach Christi verschont, halte es mit der Welt, so hat die Welt das Ihre lieb, und verfolget dich nicht. Bedenke aber: Wer sein Leben findet, der wird es verlieren, und wer sein Leben um Christi willen verliert, der wird es finden; ja bedenke, was es dir hülfe, wenn du die ganze Welt gewönnest, und nähmest Schaden an deiner Seele! ist Seelenverlust nicht schrecklicher, als Weltgewinn freudenreich ist! Nun so nimm denn das Kreuz Christi getrost und willig auf, reihe dich an der großen Schaar aller derer, die um Christi willen gelitten haben, siehe die zukünftige Belohnung an, daß derer das Himmelreich ist, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, und sei getreu bis in den Tod, so wird dein Herr auch dir die Krone der Lebens geben. Nach der Erzählung unseres Textes sehen wir um der Sache des Evangeliums willen

Paulus und Silas zu Philipp!' im Gefängniß,

und davon wollen wir Veranlassung nehmen, unsere Betrachtung hinzurichten:

  1. Auf den Apostel im Gefängnisse;
  2. auf Gefängnisse überhaupt.

I.

Was mag wohl den Apostel Paulus und seinen Gefährten Silas getröstet haben, als sie im Kerker zu Philippi waren? Gewiß zuerst der Gedanke, daß sie auf den Wegen des Herrn, auf ihren Berufswegen sich befanden. Nicht eigenmächtig waren sie nach Philippi gegangen; nicht nach eigener Willkühr, sondern unter unverkennbarer göttlicher Leitung waren sie aus Asien, wo bisher nur allein das Evangelium gepredigt war, nach Europa gekommen, um auch denen in Makedonien zu helfen, und dieses Bewußtsein, nur höherem Rufe gehorsam gewesen, höherer Leitung nur gefolgt zu sein, mußte für den Apostel und seinen Begleiter etwas außerordentlich Beruhigendes und Tröstliches haben. Wenn uns allerlei Schmerzliches und Beugendes in Folge unserer Thorheiten und Verkehrtheiten trifft, wenn wir leiden müssen, was wir selbst verschuldet haben, dann sind die Anklagen des innern Richters schmerzlich und seine Vorwürfe bitter; wenn wir uns aber das Zeugniß geben können, oder vielmehr Gottes Geist es uns gibt, daß wir als gehorsame und folgsame Kinder in den Willen unsers Gottes und Vaters uns geschickt haben, dann verlieren die uns treffenden Leiden ihren herben Stachel, und wir schmecken den Trost, daß auf den Wegen des Herrn kein Herzeleid ist. Getrost also, mein Christ, wenn du auf den Wegen des christlichen Berufes wandelst, und Leidenssturm über dich kommt, Trübsalswellen dich zu versenken drohen, glaube nur gewißlich, daß der Herr seinen Engeln über dir Befehl thun wird, und daß sie dich auf ihren Händen tragen werden! Harre nur aus, du wirst die Treue deines Gottes und Herrn schon erfahren, und wenn du wirklich untergehen solltest in den Leiden, was ists anders, als daß der Herr dich erlöset von allerlei Uebel Leibes und der Seele, und dir aushilft zu seinem himmlischen Reiche.

Ein Trost mußte es ferner dem Apostel sein, daß, obwohl er von aller menschlichen Hülfe und Liebe weit geschieden war, in einem fremden Lande, ja Welttheile, allein, ohne Beistand und mächtigen Helfer, daß er doch nicht von der Liebe und Macht und Hülfe seines Gottes und seines Erlösers geschieden und ferne war. War Jesus Christus, an den er glaubte, nicht der Herr, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben war? hatte dieser Herr nicht die Zusage gegeben: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende; wußte der Apostel nicht, daß die Gedanken des Herrn, wenn sie auch nicht unsre Gedanken sind, und daß seine Wege, wenn sie auch nicht die unsern sind, doch so viel höher, besser, näher und gütiger, als unsere Gedanken und als unsere Wege sind, wie der Himmel höher ist, denn die Erde? Durfte er sich nicht mit den Worten des Psalmisten trösten: Herr, du erforschest mich und kennest mich; ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, ich gehe oder liege, so bist du um mich, flehest alle meine Wege; du hältst deine Hand über mir; Finsternisse decken mich zwar, aber es muß die Nacht auch Licht um mich sein, denn Finsterniß nicht finster ist bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsterniß ist wie das Licht. Der Glaube an den allgegenwärtigen, allwissenden und allwirksamen Gott, an seine unveränderliche Liebe, Treue und Gnade, an die Wahrheit seiner Zusagen wird den Apostel im Gefängniß zu Philippi getröstet haben, und auch uns ist solcher Glaube tröstlich, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, daß ohne den himmlischen Vater kein Haar von unserm Haupte fällt, daß er uns in seine durchgrabenen Hände gezeichnet hat, daß er alles herrlich hinausführt, und daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht werth sind, die an uns soll offenbaret werden.

Aus solchem Glauben quillt denn Gebet. Paulus und Silas beteten um die Mitternacht. Im Gebete haben sie Gott angerufen, um Schutz und Hülfe und Rettung werden sie zu dem gefleht haben, der einst Christum erhörte; rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen, das glaubten und hofften und thaten sie; im Gebete werden sie dem Herrn alle ihre Wege befohlen, alle ihre Sorge auf ihn geworfen haben. Sie beteten laut, denn es höreten sie die Gefangenen. (V. 25.) Wohl mögen schon manche unter uns die Erfahrung gemacht haben, wie segensreich das laute Gebet ist; es dringt zum Himmel empor, und senkt sich, wie erquickender Thau wieder auf unsere schmachtenden Seelen hernieder, es steigt himmelan aus umnachteten Herzen, und bringt von oben her Licht in unsere Finsterniß; wie das gehörte Wort tiefer eindringt, als das bloß gelesene, so ists auch mit dem Gebete, das mündlich ausgesprochene Wort des Gebetes ist kräftiger Balsam, und tröstet oft mit größerer Macht, als das stille innere Gebet. So mag es auch bei Paulus und Silas gewesen sein. Sie beteten, beteten aus Glauben, und das Gebet wiederum stärkte ihren Glauben, und ihr gestärkter Glaube ward immer muthiger und freudiger, und die gegenwärtige Trübsal verschwand vor ihrem Glaubensauge, und sie wurden so erquickt und erfreut in ihrem Gemüthe, daß sie Gott lobeten. Sonst pflegt es freilich so zu sein, daß die Trübsal, wenn sie da ist, uns nicht Freude zu sein dünket, und daß sie erst nachher denen, die dadurch geübet sind, eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit gibt, aber hier, bei dem Apostel und seinem Freunde, sehen wir etwas Größeres und weit Herrlicheres. Der Herr schenkt ihnen mitten in der Trübsal eine solche Glaubensstärke und eine solche Glaubensfreudigkeit, daß sie den Frieden schmecken, der höher als alle Vernunft ist, daß sie in lautes Lob Gottes ausbrechen, als ob ihnen etwas besonders Frohes, Glückliches, Freudenreiches begegnet sei, und doch schmachteten sie im Gefängniß, und ihre Füße lagen im Stock. Ja hier erlebte und erfuhr der Apostel am eigenen Herzen, was er nachmals im Briefe an die Römer aussprach (5, 2. 3.): Wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll, nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, - denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist welcher uns gegeben ist. Wer nur auf das Sichtbare sieht, vermag nicht so zu thun, wie Paulus und Silas: wenn wir aber auf das Unsichtbare sehen, wenn wir uns im Glauben an des Herrn Wort und Zusage halten, wenn wir ihn treu erachten, der uns die köstlichsten Verheißungen gegeben hat, dann, m. Th. und in dem Maaße, wie wir es thun, werden wir auch den gegenwärtigen Schmerz überwinden, und Gott preisen, der uns durch Leiden zur Herrlichkeit bereitet.

II.

Laßt uns nun noch, Geliebte in dem Herrn, von dem Kerker aus, in dem der Apostel schmachtet, einen Blick auf Gefängnisse überhaupt thun. Lasset uns diese traurigen Stätten im Lichte des Evangeliums betrachten, und je weniger und je seltener die christliche Betrachtung auf diesen Gegenstand sich hinwendet, desto williger und mit sanftmüthigem Geiste nehmt diese Worte auf, die eine Sache berühren, die für jedes bürgerliche Gemeinwesen, für die Menschheit überhaupt, und für Christen insonderheit von der größten Wichtigkeit ist, denn geleugnet kann es nicht werden, daß unser Glaube an Christum und das theure Evangelium, welches wir bekennen, uns auch hinsichtlich der Gefängnisse heilige Pflichten auferlegt, die wir ohne Verletzung des Gebotes von der Liebe nicht unerfüllt lassen dürfen, und die doch so oft unerfüllt bleiben. Ach! ich wünschte, daß dies schwache Wort, welches ich zu euch rede, durchdringen, zu allen denen hindurchdringen möchte, die einen mittelbaren oder unmittelbaren Einfluß auf Gefängnisse haben; möchte es an heilige Obliegenheiten erinnern, gute Entschließungen erwecken, zu kräftiger Wirksamkeit antreiben und segensreiche Früchte bringen vielen Unglücklichen zum Heil ihrer unsterblichen Seelen.

Gefängnisse sind nothwendig, sind ein nothwendiges Uebel, nothwendig durch die Sünde, welche zu allen hindurchgedrungen ist, und in vielen zu den schädlichsten und verderblichsten Früchten, in Werken der Bosheit und der Lasterhaftigkeit sich entwickelt. Wenn in einer Stadt, in einem Staate, in einem ganzen Volke nur Gottesfurcht und Gottseligkeit sich fänden, wenn Gerechtigkeit und Friede sich küßten, Liebe und Eintracht sich begegneten, wenn jeder nur thäte, was Recht ist, was Gott will, was Gottes Wort gebietet, was die Gesetze des Staates vorschreiben, was zum Wohle des Ganzen, wie des Einzelnen dient, dann waren Gefängnisse nicht nöthig. So aber ist es nicht; es werden Ungerechtigkeiten begangen, Laster ausgeübt, Verbrechen vollbracht, Schandthaten und Werke der Finsterniß vollzogen; überall, in jedem größeren und kleineren Gemeinewesen gibt es solche, die ihre Freiheit zum Schaden ihrer Mitbürger mißbrauchen; Ehe und Eidschwüre werden gebrochen; Wittwen und Waisen um Hab und Gut gebracht, öffentliche Kassen treulos verwaltet, Diebe und Räuber und Mörder sind ein Schrecken der bürgerlichen Gesellschaft, in unzähligen Verbrechen wird den Gesetzen Hohn gesprochen, und dadurch wird es leider nöthig, daß Gefängnisse eingerichtet, und in ihnen diejenigen ihrer persönlichen und bürgerlichen Freiheit beraubt werden, welche in keine gesetzliche Ordnung sich fügen, und durch Mißbrauch ihrer Freiheitsrechte, die Rechte ihrer Mitbürger verletzen, und die Sicherheit derselben gefährden. Es ist eine traurige, aber doch unvermeidliche Nothwendigkeit, in Gefängnissen diejenigen unschädlich zu machen, die nur Schaden anrichten, wenn sie frei sind, durch Gefängniß diejenigen zu bestrafen, die dem öffentlichen Gemeinewesen nur Unheil zufügen; abgesondert müssen sie werden aus der bürgerlichen Gesellschaft, die Uebelthäter, die ihren Verstand und ihre Kräfte und die von Gott ihnen verliehenen Gaben nur schändlich anwenden, zum Verderben derer, mit denen sie frei in glücklicher Gemeinschaft leben könnten und sollten. Die Obrigkeit, die Gott eingesetzt, und der er das Racheschwert zur Strafe über die Uebelthäter in die Hände gegeben hat, thut nur ihre Pflicht und was Recht ist, wenn sie die von Gott ihr verliehene Strafgewalt anwendet, um die Missethäter zur gefänglichen hast zu bringen und in Gefängnissen sie zu bewahren, damit sie nicht andern Unheil und Verderben bereiten.

Durch die Sünde und das allgemein gewordene sittliche Verderben sind Gefängnisse ein nothwendiges Uebel geworden; und daß der Gefängnisse so viele, und daß die vielen überfüllt sind, und kaum Raum genug darbieten, um alle aufzunehmen, die ihre Freiheit verwirkt haben, ist ein trauriges Zeugniß der weit verbreiteten Nacht und Herrschaft der Sünde unter uns. So sind denn die Gefängnisse Stätten menschlicher Schlechtigkeit und Verworfenheit, zugleich aber auch Stätten göttlicher Gerechtigkeit, welche die Sünde und das Verbrechen schon auf Erden nicht ungerächt, nicht ungestraft läßt. Seid ihr jemals in Gefängnissen gewesen? Habt ihr je diese traurigen Oerter der Erde besucht? wenn es der Fall gewesen ist, so werdet ihr euch überzeugt haben, wie sehr, wie tief, wie über alle Maaßen tief der Mensch, zum Bilde Gottes geschaffen, sinken kann, so daß ihm kaum noch etwas übrig bleibt von der Menschheit, als die menschliche Gestalt. Thierische Rohheit und teuflische Lüsternheit und Bosheit bieten in den Gefängnissen auf den Angesichtern derer sich uns dar,! die auch berufen waren, in das Bild Christi verklärt zu werden! Ach, ist es möglich, daß es mit dem Menschen dahin, zu solchem Abgrunde des Verderbens und sittlichen Elends kommen kann! möchte man ausrufen, wenn man diese Stätten menschlicher Versunkenheit betritt. Und doch muß man wiederum auch bekennen: Gott du bist gerecht in allen deinen Wegen, du läßt deine Gesetze und Ordnungen ungestraft nicht übertreten! du suchest die Sünde heim bis in das dritte und vierte Glied; ach, es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!

Aber die Gefängnisse, diese Stätten menschlicher Verworfenheit und der Offenbarung göttlicher Gerechtigkeit, sind ferner auch Stätten, wo oftmals die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Menschen sich zu offenbaren pflegt. In den Gefängnissen offenbaren sich die Ungerechtigkeiten der Menschen, wenn Unschuldige wider Recht und Gerechtigkeit in dieselben geworfen werden, und die Grausamkeit der Menschen, wenn die Gefangenen hart ohne Noth, oder härter, als die Noth es erfordert, behandelt werden. Beides war im Kerker zu Philippi der Fall; Paulus und Silas saßen nicht um irgend einer Bosheit oder Schalkheit willen gefangen, und der Kerkermeister hatte, hart ohne Noch sie behandelnd, ihre Füße in den Stock gelegt. Wie oft, ja wie unzählige Mal hat sich ähnliche Ungerechtigkeit, wie hier zu Philippi, früher schon und später auch, selbst unter der Gerechtigkeitspflege christlicher Staaten zugetragen! War Joseph um eines Verbrechens willen, oder nicht vielmehr wegen seiner Gottesfurcht und Keuschheit ins Gefängniß geworfen? ist er der Einzige, der auf falsche Anklage und Verläumdung hin, wie ein Uebelthäter behandelt worden ist? Warum ward Johannes der Täufer im Kerker zu Machärus bewahrt, und nachher sogar enthauptet? war er der bürgerlichen Gesellschaft gefährlich, hatte er Sünde auf Sünde gehäuft, Ungerechtigkeiten begangen, verderbliche Grundsätze gepredigt, böses Beispiel gegeben? nichts von dem allen! menschliche Ungerechtigkeit nur beraubte ihn der Freiheit und des Lebens. Und ähnliche Ungerechtigkeit war es, die die Apostel ins Gefängniß warf (Apstgesch. 5, 18.), Und den Petrus seiner Freiheit beraubte. (Apstgesch. 12, 31.) Wenn die Gerechtigkeitspflege es bisweilen erheischen mag, daß solche schon, auf denen ein schwerer Verdacht ruht, und wider die viele Zeugnisse zu sprechen scheinen, in Verwahrsam gebracht und darin behalten werden, bis ihre Unschuld erwiesen ist, und sie von allem Verdacht sich gereinigt haben, ist es dann nicht die größte Ungerechtigkeit, ja eine himmelschreiende Grausamkeit, sie wie Missethäter zu behandeln? können, die da Gewalt haben, vor ihrem eigenen Gewissen und vor Gott es verantworten, mit größerer Härte und Strenge zu verfahren, als es noth ist? ist es nicht besser, daß sehr Angeklagte und Verdächtige, deren wirkliche Schuld nachher offenbar wird, vorher gelinde behandelt werden, als daß man mit zu großer Härte gegen einen Unschuldigen, dessen Schuldlosigkeit sich später ergibt, einschreitet? Gebietet es nicht die Pflicht der Gerechtigkeit und der Menschenliebe, gänzlich von einander zu scheiden Gefängnisse, die nur zu vorläufigem Verwahrsam dienen, und solche, in denen die wohlverdiente und gesetzlich zuerkannte Strafe der Gefangenschaft geduldet wird?

Es kann leider nicht abgeleugnet, nicht widerlegt werden, daß die Gefängnisse, selbst unter christlichen Völkern und unter christlicher Obrigkeit, häufig nicht sind, was sie sein sollen, daß ihre Beschaffenheit und die ihnen gegebene Einrichtung den Endzwecken keineswegs immer und ganz entspricht, welche durch Gefängnisse erreicht werden sollen. Und welches ist die Bestimmung der Gefängnisse, welchen Endzwecken sollen sie dienen? Sie sollen allerdings Strafanstalten sein, und das sind sie schon dadurch, daß der Schuldige seiner Freiheit beraubt ist; sie sollen aber auch Zucht- und Besserungs-Anstalten sein, wie ihr Name selbst sagt. Der Obrigkeit hat Gott das Racheschwert über die Uebelthäter, und das Strafamt den Richtern verliehen, aber deshalb soll auch die Obrigkeit, die von ihr verhängten Strafen nach dem Muster der göttlichen Strafgerichte einrichten. Alle göttliche Strafe ist nicht bloß Strafe, ist zugleich auch heilsame Zucht und rettendes Besserungsmittel; und wenn die Gefängnisse dieser Bestimmung nicht dienen, nur den Namen der Zuchthäuser führen, aber ihrem Endzwecke nicht entsprechen, so sind sie nur Stätten, wo menschliche Ungerechtigkeit und Grausamkeit sich offenbaren.

Man hat in der neuesten Zeit die mangelhafte Beschaffenheit der Gefängnisse gefühlt, und die christliche Liebe hat auch hier zu rathen, zu bessern und zu helfen gesucht; es ist deshalb in unsrer Stadt schon seit Jahren ein Verein zur Verbesserung der Gefängnisse zusammengetreten, und wenn man bedenkt, wie viel auf diesem, bisher nur allzu sehr vernachläßigten und aus den Augen gelaßnen Gebiete zu thun ist, so mag man wohl diesem Vereine, der seinen Ursprung der christlichen Liebe verdankt und ein christliches Liebeswerk treibt, weite Verbreitung, viele Hülfsmittel, eine gesegnete Thätigkeit, viel erfreuliche Früchte und stille Fürbitte wünschen, damit er seine Endzwecke erreiche, daß unter seiner Mitwirkung die Gefängnisse Stätten werden, in denen nur die göttliche und menschliche Gerechtigkeit sich offenbare.

Wie, Th., ist es nicht Pflicht der Gerechtigkeit und Liebe, den Gefängnissen solche Einrichtungen zu geben, daß sie der körperlichen Gesundheit nicht nachtheilig werden, viel weniger sie gar zu Grunde richten? Und das ist noch das Geringste und Wenigste; mehr als der Leib ist die Seele, die theuer mit dem Blut Christi erkaufte und zum ewigen Leben berufene Seele! Und es wäre nicht heilige Pflicht, für die Gesundheit, für die Genesung der Seele, für die Besserung und sittliche Veredlung der Gefangenen, der Sträflinge, der Verbrecher Sorge zu tragen? Ist nicht in dem Versunkensten auch der Keim des bessern Lebens, der der Pflege und. Entwickelung bedarf? Dürfen wir irgend einen als unverbesserlich aufgeben? sind jene Elenden und Unglücklichen nicht unsere Brüder, die gerade wegen ihrer sittlichen Verworfenheit zehnfache, und gerechte Ansprüche haben auf die Bemühungen bessernder Liebe Wie werden wir es so schwer verantworten können, wenn wir diesen Acker der Menschheit, der ganz vom Unkraut der Sünde durchwuchert ist, nicht eine vervielfachte Sorgfalt zur Besserung und Rettung zuwenden? Wenn es aber der Fall ist, daß Unschuldige mit Schuldigen, daß solche, die das erste Verbrechen begingen, mit ergrauten Verbrechern in einem Raume zusammensitzen, wenn nicht für zweckmäßige Beschäftigungen der Sträflinge gesorgt wird, - ach! sind dann die Gefängnisse nicht Stätten menschlicher Ungerechtigkeit und Grausamkeit!? Lehrt es nicht die Erfahrung sagt es die öffentliche Stimme nicht, daß die von den Zuchthäusern und Besserungsanstalten Entlassenen oft in größerer sittlichen Versunkenheit zurückkommen, als sie dieselben betraten? Und wenn für die Entlassenen nicht eine wahrhaft väterliche und mütterliche Sorgfalt getragen wird, wenn sie nicht gewissenhaft beaufsichtigt und behütet werden, wenn man ihnen nicht behülflich ist, sich von ihrem tiefen Fall zu erheben, hat da das öffentliche Gemeinewesen seine Obliegenheiten gegen die Verirrten und Gesunkenen erfüllt? Ist es gleichgültig für die bürgerliche Gesellschaft, für die öffentliche Sicherheit, Ruhe und Ordnung, wenn die Zahl der Verbrecher zunimmt, wenn die Gefängnisse ihrer Bestimmung nicht entsprechen, wem für die sittliche Veredlung der Uebelthäter nicht alles geschieht, was das Evangelium verlangt, die Liebe gebietet, die Klugheit räth, und wozu die Mittel niemals fehlen dürfen?

Die Gefängnisse, diese Stätten menschlicher Verworfenheit und göttlicher Gerechtigkeit, sind oft auch schon Schauplätze göttlicher Barmherzigkeit und Gnade geworden, und daß sie dies allesammt und allenthalben werden mögen, dazu soll die christliche Liebe das Ihre thun, und hülfreiche Hand leisten, und das ist ja auch der schöne und wahrhaft löbliche und christliche Zweck des unter uns bestehenden Vereins zur Verbesserung der Gefängnisse. Die göttliche Barmherzigkeit, welche will, daß allen Menschen geholfen werde, und daß Niemand verloren gehe, hat sich auch zu den Gefängnissen und zu den Gefangenen gewendet; und wie Christus einst den Geistern im Gefängnisse, die vormals nicht glaubten, gepredigt hat, so hat seine ewige Liebe, die sich stets zu den Sündern neigt, auch später in den Gefängnissen auf Erden die Verlornen gesucht, und mit den Gnadenwirkungen seines Geistes sie zu rühren und zu bessern stets neue Versuche gemacht. Erst in der Stille und Einsamkeit des Gefängnisses ist mancher aus dem Taumel wilder Leidenschaft und des eitlen weltlichen Strebens, dem er ganz hingegeben war, erwacht und zu sich selber gekommen; erst im Gefängnisse, als er schon die bittern Früchte der Sünde schmeckte, ist mancher zu gründlicher Selbsterkenntniß, zu aufrichtiger Reue und zu flammendem Haß gegen die Sünde hingeführt; im Gefängnisse erst hat manchem die Noth beten, und Gott und seine Gnade suchen gelehrt; im Gefängnisse erst ist mancher zu heilsamen Vorsätzen erweckt, und ist gereinigt, gebessert, veredelt aus ihnen hervorgegangen. Dem Wirken der göttlichen Gnade in Gefängnissen soll menschliche Sorgfalt und christliche Liebe die Wege bahnen, und fortschaffen soll sie alles, was jenem Wirken hinderlich oder nachtheilig sein könnte. Ist es nicht eine so weise, wie gütige Verordnung unserer Obrigkeit, daß Gottes theures Wort in jedem Gefängniß sein, und den Gefangenen zur Lesung desselben Gelegenheit gegeben werden soll? Haben nicht schon unsere Vorfahren für die laute und mündliche Verkündigung des göttlichen Wortes in den Gefängnissen Sorge getragen, Prediger und Seelsorger bei denselben angestellt? Müssen wir nicht auf diesem schon betretenen guten Wege weiter fortschreiten? Ist es nicht heilige Christenpflicht, dafür zu sorgen, daß alle welche unmittelbaren Einfluß auf Gefangene haben, vom Geiste Christi durchdrungen, mit dem heiligen Geiste und mit Weisheit erfüllt sind? Wenn so durch zweckmäßige Einrichtungen der Gefängnisse, durch gewissenhafte Wahl der dabei anzustellenden Personen, durch Gelegenheit für die Gefangenen, Gottes Wort zu vernehmen, dem Geiste Gottes Bahn und seinen Gnadenwirkungen Raum gemacht wird, dann werden die Gefängnisse immer mehr werden, was sie sein sollen, Stätten göttlicher Barmherzigkeit und Gnade; und dazu wolle Gott Segen schenken, daß bald alle Gefängnisse allenthalben ihrer wichtigen Bestimmung entsprechen. Amen.

Quelle: http://glaubensstimme.de/doku.php?id=verzeichnisse:quellen:karlshuld

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