Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - I. Die Ankündigung.

Die Passionsgeschichte rollt ihre blutigen Geheimnisse und erschütternden Opferscenen vor uns auf. Das Lamm, das der Welt Sünde trägt, schreitet, einem vorweltlichen Friedensrathe unterthänig, zum Brandopferaltare des richterlichen Gottes. Bande, Geißel, Kreuz und Dornenkrone dämmern herzbewegend in unsern Gesichtskreis herein. Die „sieben Worte“ hallen von ferne zu uns herüber: Klänge der Todtenglocke für das Reich der Hölle; Signale der Freiheit und der Freude für die sündige Menschheit! -

„Zeuch deine Schuhe von deinen Füßen“, hieß es nach 2 Mos. 3, 5 aus jenem brennenden Busch heraus zu Mose, „denn der Ort, da du stehest, ist heilig Land!“ - Mit verstärktem Nachdruck tönt jener Zuruf auch zu uns und zwar von dort herüber, wo das sinnvolle Vorbild jener Erscheinung Jehovas in der lodernden Flamme, seine gegenbildliche Erfüllung findet. - O welche Wunder, denen wir uns betrachtend nahen! Das Schauerlichste, was die Welt gesehen, wird zum Mutterschooße, aus dem inmitten der Todeswelt ein neues Paradies des Friedens uns erblüht! - Aus der unerhörtesten Niederlage sehen wir den glorreichsten Triumph erwachsen. Dem furchtbarsten aller Tode entkeimt ein unvergängliches göttliches Leben!

Andacht, Demuth und Kindesglaube, ihr holden Fackelträger aus der Höhe, gebt uns das Geleite, und Thränen Petri und Magdalenens ihr, werdet uns zu unfrei Augensalbe! - Du aber, der die Schlüssel Davids trägt, entsiegle uns selbst die Pforten zum Heiligthume Deiner Passion, und entziffere uns in den blutigen Hieroglyphen Deiner Schmerzen das Geheimniß unserer ewigen Erlösung. -

Luc 18, 31-34.

Er nahm aber zu sich die Zwölfe, und sprach zu ihnen: Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem, und es wird Alles vollendet werden, das geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden und wird verspottet und geschmähet und verspeiet werden; und sie werden ihn geißeln und tödten; und am dritten Tage wird er wieder auferstehen. Sie aber vernahmen deren keines, und die Rede war ihnen verborgen, und wußten nicht, was das gesagt war. -

Der Herr verfährt in unserm Texte nach seinem Wort: „Ein Knecht weiß nicht, was sein Herr thut; euch aber habe ich Freunde genannt; denn Alles, was ich habe von meinem Vater gehört, thue ich euch kund.“ - Er enthüllt den Seinen in Ankündigung seiner bevorstehenden Leiden den letzten und höchsten Zweck seiner göttlichen Sendung. - Diese Ankündigung ist der ernstesten Betrachtung werth, weil sie zuerst des Herrn verborgenstes Innere uns erschließt; sodann das Geheimniß Seiner Passion unserm Verständniß nahe bringt; und endlich prophetisch unsre eigne Zukunft uns entschleiert. Laßt sie aus diesem dreifachen Gesichtspunkte uns näher anschauen. Der Geist des Herrn aber schwebe über unserer Betrachtung!

1.

Der Herr nimmt seine zwölf Vertrauten bei Seite. Wichtige Dinge hat er ihnen zu eröffnen. Sind sie doch berufen, künftig die Gründe seiner Kirche zu legen, und darum darf es namentlich ihnen an umfassender Bekanntschaft mit dem Rathschlusse Gottes zur Erlösung der Welt nicht gebrechen. - Sie merken's bald, was er beabsichtigt, und hangen mit steigender Spannung an seinen Lippen. Freilich rechnen sie auf eine Siegesbotschaft, und erwarten die Mittheilung, daß die triumphirende Entfaltung Seines Reiches vor der Thüre sei. - Aber welche Kurzsichtigkeit und Einfalt dies! - O, der Riesenkluft, die immer noch zwischen ihren Gedanken und den Gedanken Gottes in der Mitte liegt! Als ob die Wiederbringung der verlornen Menschheit auf so ebenem Wege zu bewerkstelligen gewesen wäre! Als ob die Sünde in dem Verhältnisse zwischen Gott und den Menschen nur eine vorübergehende Störung gebracht, und nicht vielmehr einen Riß verursacht hätte, der eben so wenig durch eine willkürliche Gnadenerklärung aus der Höhe, als durch ein Sündenbekenntniß Seitens der Gefallenen zu heilen war! - Der Herr öffnet den Mund, und es erfolgt - dürfen die Jünger ihren Ohren trauen? - eine bestimmte und unzweideutige Ankündigung seiner nahen Passion, aber allerdings auch seines Sieges darnach. „Sehet“, spricht er, „wir gehen hinauf gen Jerusalem, und es wird Alles vollendet werden“, und wie es weiter heißt. Hört aus diesen Worten zuerst den Klang freudigster Entschlossenheit heraus. Sein Herz, von der Liebe gedrungen, ist fest und unverrückt auf die Kreuzesstraße gerichtet. Ihr erinnert euch ja noch, mit welchem Mark und Bein durchschneidenden Ernste Er einst jenen Rathschlag seines Simon, daß er sein selber schonen und nicht nach Jerusalem gehen möchte, von sich wies. „Weiche hinter mich, du Satan“, lautete seine Entgegnung, „du bist mir ärgerlich; denn du meinest nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“. So ausgemacht war es Ihm, es sei die Marter, der er entgegen gehe, nicht etwa nur ein Ausfluß menschlicher Bosheit, sondern zugleich der ausdrückliche Wille und Rathschluß Seines himmlischen Vaters, daß Er in dem abmahnenden Jünger nichts Anderes, als ein freilich unbewußtes Werkzeug des Versuchers aus der Hölle erkennen konnte. Kein Zuspruch der Zärtlichkeit hemmt Ihn mehr in seinem Gange; keine Drohung des Hasses schreckt Ihn mehr zurück. Schon ist der Blutrath zu Jerusalem insgeheim versammelt, und schmiedet den Plan des Verrathes und des Mords. Aber Jesu Losung bleibt: „Sehet, wir gehen hinauf!“ - Und brandete ein rothes Meer zu seinen Füßen, und harreten hundert Tode sein, statt eines: in Seinem Herzen verlautet nur ein Klang: „Wir gehen hinauf!“ Es ist ja seines Vaters Weisung, und die Straße zum großen, heißersehnten Ziele der Welterlösung! O diese Hingebung des Unvergleichlichen aus der Höhe! Dieser Gehorsam, und diese Sünderliebe, „stärker, denn der Tod, und fester, denn die Hölle!“ - Wie schon der bloße Anblick so hehrer sittlicher Erscheinung, wie die des „Menschensohnes“, überwältigt und zum Entzücken fortreißt, zumal in einer Zeit, da, wie in der gegenwärtigen, alles wahrhaft Edle und sittlich Große zu Grabe zu gehen, und die Menschheit, des göttlichen Salzes entleert, mehr und mehr zu einem Leichnam zu werden droht, der nur noch vom Gewürm der gemeinsten Regungen fleischlicher Selbstsucht und des gottentfremdetsten Materialismus bewegt wird! Wie theuer muß uns Christus schon sein als das lebendige Urbild wahrer Menschen-Bestimmung, und das untrügliche sittliche Richtzeichen für das in so namenloses Irrsal verschlagene Geschlecht unsers Jahrhunderts! Schon in dieser Eigenschaft eines geistigen Polarsterns in der materialistischen Weltverfinsterung unsrer Tage sollte Jesus den Mittelpunkt unsrer höchsten Interessen bilden, und Sein Name als Mahnruf an unsre himmlische Berufung Tag und Nacht in unserm Herzen nicht mehr verklingen. Aber freilich tönt er auch wie Posaunengeschmetter des Gerichts über der verkommenen Welt; denn wer müßte sich nicht gestehen, daß wir Alle wie Er unser Wesen treiben, die Sünde hassen, Gotte leben, und die Brüder lieben sollten; - und ach! wo sind sie, die dieser Anforderung auch einigermaßen, nur entsprächen? - So schreitet Er schon jetzt, ehe Sein großer Tag hereinbrach, vermittelst des Eindrucks, den schon seine stumme Erscheinung hervorruft, als Richter durch die Menschenwelt hindurch, und verurtheilt dieselbe, wie das Vollkommene das Verkümmerte, wie das Ideal das verfehlte Afterbild verurtheilt. - Aus diesem Grunde aber muß Er den Gottlosen ja zuwider sein; denn das Zerrbild verlangt keinen Spiegel, sondern weicht ihm aus, oder wirft eine Decke darüber, wo es ihm nicht entgehen kann. Heil uns aber, daß Jesus als eine Sonne an unserm Himmel strahlt, die keine Verhüllung duldet, sondern durch alle Wolkenschleier immer wieder siegreich durchbricht, und die da ewig Zeugniß gibt, daß schön und liebenswürdig nur die Wahrheit, das Leben in Gott, und der Wandel nach Gottes Gebot; widerlich aber und unter allen Umständen verwerflich die Lüge sei, und die Gottentfremdung, und das Leben nach dem Fleisch, mit einem Wort: die Sünde.

„Sehet, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird Alles vollendet werden, das geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn!“ - So der Herr. Hier wird euch kund, was auf Seinem Passionsgange Sein Stab und Stecken war. Er fand ihn in dem „festen, prophetischen Wort“, in welchem er von Sich und dem Rathschluß Gottes über Ihn geschrieben las. Bedarf denn Jemand unter euch noch einer entscheidenden Autorität für die göttliche Eingebung der heiligen Schrift, so beut sie sich hier ihm dar. Christus, der König der Wahrheit, erkennt in der Schrift nichts Geringeres, als die untrügliche Urkunde der Offenbarungen seines himmlischen Vaters; Er trägt sie auf seinem Herzen Tag und Nacht; nach ihren Aussprüchen entscheidet Er als nach dem Kanon, der allem Hader ein Ende mache, die Lebensfragen der Menschheit, und wohin sie ihn weiset, dahin lenkt Er seine Schritte. Sie ist ihm der unfehlbare Leitstern seines Lebens. Ob die Stimme des ewigen Vaters unmittelbar vom Himmel falle, oder aus den Buchstaben dieser ehrwürdigen Pergamentrolle zu ihm herübertöne, das gilt ihm gleich. Hier wiegt sie ihm so schwer wie dort, und vor Tüttel und Jota neigt er ehrfurchtsvoll sein Haupt. So geht er einen festen, gewissen Gang, und die allaugenblickliche Erfahrung besiegelt's ihm, daß er wahrhaftig einem Worte Gottes folge. Es wird Alles zu Wesen und That, wie es das Wort gesagt. Der unscheinbarste Zug zieht Fleisch und Blut an, und wird zu Leben. Mein Gott, welche Verblendung wird dazu erfordert, um zu verkennen, daß alle Weissagung der Schrift entweder schon buchstäblich sich verwirklicht hat, oder in unablässiger Verwirklichung begriffen ist! Wie viel muthwillige Selbstverstockung gehört dazu, um übersehen zu können, daß die wuthschnaubenden Widersacher des biblischen Wortes, wie sie heut zu Tage uns umtoben, es selbst mit ehernen Griffeln in das Buch der Geschichte schreiben müssen, daß die heilige Schrift aus dem Geiste des Allwissenden geflossen sei, indem dieselbe ja auch von ihnen gezeugt, und sowol ihren zeitweiligen Triumph, wie W „Ende mit Schrecken darnach“, ausdrücklich geweissagt hat. Als ein „Darnach“ stand im Buche der Weissagung auch einmal die Sündfluth verzeichnet, und das Gericht über Sodom und Gomorrha, und der Sturz Jerusalems, und wie die Zerstreuung Israels, so der Untergang des vierten, d. i. des römischen Weltreichs, und was Alles mehr noch; - und es hat keine dieser Katastrophen auf ihre Erfüllung warten lassen; es ist Alles zu seiner Zeit gekommen. Gewaltige Bestätigungssiegel hangen an diesem Buche, und längst hat die Weltgeschichte dem Bibelworte stillschweigend das Zugeständniß machen müssen, daß sie in ihrem Entwicklungsgange von Schritt zu Schritt nichts Anderes sei, als eine Umsetzung der in jenem vorgezeichneten Grundrisse in Thatsachen und in Leben. -

„Freilich“, höre ich sagen, „müßte das ja wol die Knie zur Wegefahrt stählen, wo man, wie Christus, seinen Lebensgang nicht allein im Allgemeinen göttlich überwacht und geordnet wüßte, sondern denselben sogar im Lichte einer untrüglichen Gottesoffenbarung von Stufe zu Stufe bis zum glorreichen Ziele überblicken könnte!“ - Nun, in der That bist auch du in diesem Falle, wenn du anders aufrichtig, gläubig dem Herrn dich hingegeben hast. Kann es dann auch für dich eine Lage geben, in der dich das Wort mit seinem Rath im Stiche ließe? Steht dann nicht auch von dir geschrieben, „der Herr werde dir's an keinem Guten mangeln lassen?“ „Durch viele Trübsal zwar werdest du zum Himmelreich eingehn;“ aber ,wenn du durchs Wasser gehen werdest, würden dich die Ströme nicht ersäufen, und wenn du durch's Feuer, die Flammen dich nicht anzünden: denn der Herr sei bei dir?„ Nicht werde es zwar fehlen, daß man dich um des Namens Christi willen “ schmähen und verfolgen werde„, aber es werde dir, dem treulich Aushaltenden, „reichlich vergolten“ werden; „das Licht dir immer wieder aufgehn nach der Nacht“, nach dem Schmerz immer wieder die Freude deiner Schwelle nahen; und „Niemand werde dich aus deines Herrn Händen reißen;“ vielmehr werdest du schließlich, nachdem du „einen guten Kampf gekämpft“, die „Krone der Gerechtigkeit empfahen“, „den Tod nicht sehen, sondern vom Tode zum Leben hindurchdringen und ewig triumphiren.“ Steht nicht alles dieses, und noch ein tausendfältig Mehreres, auch von dir geschrieben, und ist nicht somit auch dir deine Straße gewiesen und prophetisch vorgezeichnet? Darfst also nicht auch du in deinem Sinn und Maaße mit dem Herrn sagen: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird Alles vollendet werden, das geschrieben steht durch den Griffel Gottes von mir, dem armen Sünder, der aber nicht sein eigen, sondern Christi Jesu ist und bleiben will?“ O, gewiß darfst du dies. - Wie denn, daß bei solchem Bewußtsein nicht eine hohe Marsch- und Pilgerlust uns erfassen, und uns nicht zu Muthe werden sollte, als schmetterte eine himmlische Fanfare vor uns her auf unserm Lebenswege? - Brüder, nur festiglich denn dem Worte vertraut, und in seinem Lichte die steile Bahn hinangezogen! Nach des Wortes Weisungen, unbekümmert um der Welt Getobe, mit festem, sicherem Tritte vorwärts! Nicht eine Handbreit gewichen von der vorgeschriebenen Straße! Wer uns anders weisen wollte, den treffe auch von unserer Lippe das Donnerwort: „Weiche hinter mich, Satan; denn du meinest nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!“ So wird der Allmächtige uns freundlich sein. So tragen wir der Kleinode höchstes, den Frieden Gottes, in unserer Brust; und alle Tage werden uns, gleich himmlischen Lichtern, buchstäbliche Erfüllungen des Wortes auf die Straße fallen, das wir zu unserm Kompaß und zur Leuchte unsrer Füße uns erlasen. -

2.

Hinauf gen Jerusalem strebt der Herr. Zu welchem Ende, habt ihr bereits vernommen. Leiden und sterben will er. O, es muß mit seiner Passion eine große und tiefe Bewandtniß haben. Sie erscheint als ein unbedingt nothwendiges Moment des Werks, zu dessen Vollführung er aus des Vaters Schooß zur Erde herniederkam. War sie ein solches nicht, so war es, gelindest geurtheilt, gottversucherisch vom Herrn, daß er sich derselben entgegenstürzte, nachdem er sein Lehramt in Jerusalem vollendet hatte; ja, so stellte der Ewigwaltende in der Höbe Seine Gerechtigkeit gegründeter Lästerung blos, indem Er einen Heiligen, der Sein Gebot erfüllte, in himmelschreiendem Widerspruch mit Seiner eigenen Reichsordnung dem grausigen Geschicke eines Gottlosen und Verworfenen preisgab. - Aber Der in der Höhe wohnt, hatte viel eher schon in Seinem Rathschlusse das Kreuz, die Geißel und die Dornenkrone im Grundriß fertig, als die Belialsrotten auf der Erde daran dachten, an diese Marterinstrumente ihre Hand zu legen; und alle Seine Propheten sahen sich, wie sie auch dawider sich streuben mochten, vom Geiste genöthigt, diese grausen Embleme überall mit dem hehren Messiasbilde, das sie zeichneten, zu verweben. So konnte der Herr mit tiefer Wahrheit sagen: „Es wird Alles vollendet werden, das geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn: denn er wird den Heiden überantwortet, verspottet, geschmäht, verspeit, gegeißelt und getödtet werden.“ - Mit solchen Ingredienzien gefüllt, tauchte im Spiegel der Weissagung schon das Bild des Kelches auf, den freilich der Satan, aber in Gemäßheit eines ewigen Rathes, dem Sohne des Allerhöchsten reichen sollte, lind glaubt nur, dieser Rath ging weit, weit über alles das hinaus, was Märtyrerthum genannt wird, oder gar Züchtigung, Läuterung und Prüfung heißet. Es bedurfte der Makellose und Gerechte für seine Person der Züchtigung nicht; und war etwa auch Ihm eine Läuterung heilsam, so durfte dieselbe wenigstens nicht, sollte nicht ein verdunkelnder Riesenschatten über Gottes Gerechtigkeit sich lagern, in der Form einer so ausgesuchten Infamie, einer so unerhörten Schmach und Erniedrigung, einer so beispiellos grausamen Marter über den einzig Heiligen auf Erden kommen, wie Er sie erduldet hat. Nein, die Passion unsers Herrn hat eine unendlich tiefere Bedeutung, und es bedarf nur eines flüchtigen Blickes in unsern Text hinein, um dieselbe auch hier schon deutlich zu erkennen. Beachtet, was der Evangelist über die Art und Weise uns berichtet, wie die Zwölfe die Eröffnung ihres Meisters entgegennahmen. „Sie aber“, meldet er, „vernahmen deren keins, und die Rede war ihnen verborgen, und sie wußten nicht, was das gesagt war.“ In dreifacher Form bezeichnet Lucas das Nichtverstehen der Apostel. Wie auffallend dies! Wem drängt sich hin nicht die Frage auf, was es denn gewesen sei, das sie „nicht verstanden“? Daß der Meister sagte, ei würde zu Jerusalem leiden und sterben, das konnten sie unmöglich überhören. Daß er mit seinem Tode etwa die Wahrheit seiner Lehre werde besiegeln wollen, war ein Gedanke, der doch auch all zu nahe lag. Dennoch versichert Lucas: „Sie vernahmen deren keins, und wußten nicht, was das gesagt war.“ Liegt's nicht auf der Hand, daß des Evangelisten Meinung dahin geht, daß, wer nur das Geschichtliche der Leiden Christi kenne, und Christi Passion nur als Märtyrerthum, von der Blutzeugenschaft anderer Heiligen wesentlich nicht unterschieden, fassen wolle, von den Leiden Christi, d. i. von deren wahrer Bedeutung noch nichts verstehe? - Ganz unverkennbar haben wir hier eine Hindeutung auf einen unendlich tiefern Grund des tragischen Lebensausganges unsers Meisters vor uns.

Wo aber liegt derselbe? - Hört es! - Es singt Einer in geheimnißvollen Lauten:

„Mehr, als vernichten, dünket Ihm versöhnen,
Mehr, als erschaffen, dünket Ihm erlösen.
Zermalmen konnte Er den Baum der Sünden;
Doch Ihm gefiel, Sein Haus darauf zu gründen.

„Was ist das?“ höre ich sagen. „Das klingt ja wie Sibyllenspruch!“ - Es mag wohl sein; aber es ruht tiefe Wahrheit in diesem dunkeln Worte. - „Wie aber?“ - „Zermalmen konnte Er den Baum der Sünden?!“ Mit einem Schlage konnte Er's. Er brauchte nur das verkommene Geschlecht, in welchem die Sünde wurzelte, durch ein allmächtiges „Seid gewesen!“ wieder zu vernichten, und Er war am Ziele. Aber leben sollten wir, nicht sterben; und so hat Er nicht allein unsre Sünde zur Folie sich erkoren, über welcher der volle Glanz aller Seiner Tugenden, Seiner Liebe aber zumeist, herrlicher, als selbst im Werke der Schöpfung sich entfalte, sondern er hat dieselbe gar dazu sich dienen lassen, daß er durch Hinopferung Seines Sohnes für sie eine Anstalt des Heils gründete, in der wir nun zu einer noch viel höheren Stufe der Herrlichkeit und Gottverwandtheit gelangen können, als wir sie in unserm Urahn einst besahen, oder als wir sie erreicht haben würden, wenn wir nicht gefallen, sondern in der Probe bestanden wären. Unser Fall schuf Raum Ihm und Gelegenheit, thatsächlich darzuthun, daß Er nicht blos im Zermalmen der Sünde Seine Gerechtigkeit erweisen, sondern auch im Erlassen und Vergeben der Sünde unbeschadet Seiner Gerechtigkeit Seine Barmherzigkeit verherrlichen könne. Wir sündigten, und waren dem Fluche verfallen. Da wurde das Wort, das bei Gott, und selbst Gott war, Fleisch. Der ewige Sohn ward unser Bruder, nahm im Wege einer geheimnißvollen Zurechnung unsre Sünde auf sich, zahlte der Majestät des unverbrüchlichen Gesetzes unsre Schuld, deckte mit seiner Gerechtigkeit unsre Blöße, stellte uns als seine Vertretenen dem Vater unsträflich und wohlgefällig dar, weckte ein Jauchzen der Engel über unsere Erhöhung, erhub uns zur Gemeinschaft seiner eigenen Schätze, Seligkeiten, Rechte, bauete uns Friedenszelte am Throne Gottes, und knüpfte uns an sich mit Banden einer ewigen im Thaue heiliger Dankesthränen sich badenden Liebe. - Dies ist das „Haus“, das Gott in Christo auf „den Baum der Sünden“ gegründet hat; und von dem die Apostel damals noch nicht die entfernteste Ahnung hatten. Nachmals erkannten sie diese Heils- und Friedensgründung, und wie waren sie seitdem so selig in dem kündlich großen Geheimniß!“

3. Doch blicken wir noch einmal auf die Ankündigung in unserm Texte zurück. Wer erkennt nicht mit mir darin zugleich ein prophetisches Sinnbild für uns, eine Entschleierung unserer eigenen Zukunft? Nichts hindert uns heute, das „Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem,“ und zwar in gleichem Doppelsinn, in welchem unbezweifelt auch der Herr es aussprach, zu dem unsrigen zu machen. Freilich war, was dem Heiland zunächst vor Augen schwebte, das irdische Jerusalem, wo die Macht des Bösen damals ihren Zentral- und Thronsitz hatte, und eben über ihrem schauerlichen Mordplan brütete. Aber er ging nach diesem Jerusalem zugleich im Hoffnungsblicke auf ein anderes, dessen blntgenetzte Gründe er eben legen wollte. Wir dürfen auch heute wieder mit ihm sagen: „Es wird Alles vollendet werden, was geschrieben steht durch die Propheten von des Menschen Sohn: Er wird überantwortet werden den Heiden, und wird verspottet, geschmähet, verspeiet werden; und sie werden ihn geißeln, ja, (in einem gewissen Sinne) tödten.“ Nicht minder jedoch sind wir auch berechtigt, hinzuzufügen: „Am dritten Tage aber wird er wieder auferstehen.“ Eine neue Passionszeit steht Ihm, steht seiner Kirche auf Erden bevor. Ja, mehr, als dem Anfange nach, ist sie bereits hereingebrochen. Schaut nur scharf, und es wird euch nicht entgehen können, wider wen seiner innersten Tendenz nach der Krieg unserer Tage entbrannt ist. Auf die Vertilgung Christi und seines Reiches ist's abgesehen. Schon haben sie Ihn aus Millionen Herzen weggeschafft; hinweg aus Tausenden von Häusern, und hin und wieder auch aus dem Staate weg, der grundsätzlich kein christlicher mehr sein soll. Sie hoffen Ihn auch wegzubringen aus dem Unterricht unserer Jugend, was in nur zu weiten Kreisen schon gelungen ist; aus dem Bekenntniß der Kirche gar; und so endlich selbst aus der Erinnerung der Völker, aus dem Gedächtniß der gesammten Menschheit. Und sie operiren mit ihren auf die Vertilgung des Glaubens an Christum und Dessen Evangelium berechneten Unternehmungen ganz richtig und ihrem Plan entsprechend, wenn nemlich dieser darauf angelegt ist, die sittliche Weltordnung zu stürzen, das heilige Institut der Familie aufzulösen, die Schranken des Eigenthums zu entfernen, und jede Pietät, jede Ehrfurcht vor Obrigkeit und Gesetz zu untergraben. Denn dieses Alles wurzelt im Christenthum, und wird von demselben allein getragen. - Wie falsche Rechnung machen sie sich aber, die nach solcher Zerstörung sich ein irdisch Himmelreich versprechen. Sie selbst, welche dieses Himmelreich uns bauen wollen, spiegeln in ihren Personen schon genugsam die unheimliche Gestalt uns ab, in welcher jenes Reich erscheinen würde. Was eintreten wird, wenn jene Brut ihre Operationen gelingen sieht, will ich euch sagen: Zuerst ein gesellschaftliches Chaos, ein Untergang alles sittlich Edlen und Großen; eine Barbarei und Zuchtlosigkeit, wie sie die Welt noch nicht gesehen; eine Roth, allgemeiner und größer, als jede frühere; ja eine Hölle auf Erden; dann aber Verzweiflung, Hülfeschrei, wie Schrei einer versinkenden Welt; stürmisches Fragen und Forschen nach Heilmitteln für die ungeheuren Schäden der Menschheit; aber in Folge dessen nun die entsetzliche Entdeckung, daß alle menschlichen Mittel erschöpft und verbraucht sind, und daß die Hoffnung, es werde das Gute von selbst schon aus dem Menschengeschlecht erwachsen, wenn demselben nur Raum gewährt würde, der allergrund- und bodenloseste Wahn war, der je ein verbranntes Hirn beherrschte. - Die Probe, daß nur da, wo das Christenthum Herberge findet, Heil und Segen sprießen, ist schon tausendfältig gemacht worden. Es scheint mit der Zeit nun auch zur Gegenprobe in dem thatsächlichen Erweise kommen zu sollen, daß man dem Evangelium den Scheidebrief nicht geben könne, ohne dadurch zugleich einer Sündfluth allen erdenkbaren Unheils und Verderbens die Bahn zu brechen. - Nachdem die Welt auch diesen galten-bittern Kelch bis auf die Hefen geleert haben wird, dürfte eine Umkehr in Masse zum Panier des Kreuzes zu erwarten stehen. Ja, noch einmal wird Gott sein Haus auf den „Baum der Sünden“ gründen, und zwar so, daß der Unglaube, für immer gewitzigt, dessen Grundvesten hinfort nicht mehr erschüttern wird. -

Wir ziehen also „nach Jerusalem“, im bösen wie im guten Sinne. - Christus wird leiden in seiner Kirche, und gekreuzigt werden; aber „auch wieder auferstehen am dritten Tage.“ - Nach den Fasten kommt uns ein Ostern. - In dem Schifflein dieser gewissen Zuversicht steuern wir getrost über das sturmbewegte Meer der Gegenwart dahin. - Und erlebten wir auch das Ostern des großen Endsieges Christi hienieden nicht, nun, dann stimmen wir droben in das „Nun sind die Reiche dieser Welt unsres Gottes und seines Christus worden“ ein. Wir wissen, wer uns, die wir glauben, mit seinem Blute erkauft und dort die Stätte uns bereitet hat, und singen fröhlich mit einem unsrer deutschen Kirchensänger dem Herrn Jesu zu:

Große Menge wird dir Gott
Zur Verehrung schenken,
Dafür, daß du dich mit Spott
Für uns lassen kränken.
Hilf, Herr, daß wir mehr und mehr
Auf dich sehn und hören
Und mit Lust, zu deiner Ehr,
Unsern Glauben mehren! Amen.

autoren/k/krummacher_f.w/dlc/krummacher_dlc_1.txt · Zuletzt geändert: von aj