Kapff, Sixtus Carl von - Am Feiertag des Apostels St. Andreas.

Text: Röm. 10, 8-18.

Dieß ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. Denn so du mit deinem Munde bekennest JEsum, daß Er der HErr sei, und glaubest in deinem Herzen, daß Ihn Gott von den Todten auferwecket hat, so wirst du selig. Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennet, so wird man selig. Denn die Schrift spricht: Wer an Ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden. Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen; es ist Aller zumal Ein HErr, reich über Alle, die Ihn anrufen. Denn wer den Namen des Herrn wird anrufen, soll selig werden. Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben, von dem sie nichts gehöret haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wo sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben stehet: Wie lieblich sind die Füße derer, die den Frieden verkündigen, die das Gute verkündigen. Aber sie sind nicht Alle dem Evangelio gehorsam. Denn Jesaias spricht: HErr, wer glaubet unserem Predigen? So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes. Ich sage aber: Haben sie es nicht gehöret? Zwar, es ist je in alle Lande ausgegangen ihr Schall, und in alle Welt ihre Worte.

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: dein Gott ist König. Diese Worte des Jesaias (52, 7.) führt Paulus in unserer Epistel an als Beweis, daß der HErr es nicht fehlen lasse, Boten zusenden, die das Wort vom seligmachenden Glauben den Herzen zum Trost und zur Erweckung mittheilen. Solche Boten waren die Apostel, die heute noch durch ihr Wort zu uns sprechen, und durch alle Jahrhunderte hindurch zu Zion den Adventsruf bringen: „Dein Gott ist König, dein König kommt zu dir, und wer an Ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden.“ Diesen Segen des Glaubens hatten sie selbst lebendig erfahren. In JEsu hatten sie Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, ja, ihr Ein und Alles gefunden. Aber ihr Glaube war auch eine recht willige Hingabe und Nachfolge JEsu.

Das sehen wir im heutigen Evangelium an dem Beispiel des Andreas, dessen Andenken wir heute feiern, und seiner Freunde. Auf JEsu Ruf verließen sie Alles, Schiffe, Vater und Freundschaft, und folgten Ihm nach. Was machte sie so willig? Sie hatten schon früher bei ihrem ersten Zusammentreffen mit JEsu einen besondern Eindruck von seiner Freundlichkeit und von seinem überirdischen Wesen bekommen, so daß Andreas schon nach etlichen Stunden des Umgangs mit JEsu seinem Bruder Petrus zurief: Wir haben den Messiam gefunden. Als nun der Heiland zum zweiten Mal mitten in ihrem Geschäft auf dem See mit ihnen zusammentraf, da war sein Ruf: „Folget mir nach, Ich will euch zu Menschenfischern machen,“ hinreichend, sie auf immer an Ihn zu fesseln. Und durch was wurden sie Menschenfischer? Durch das Wort vom Glauben, dessen reiches Evangelium Paulus in unserer Epistel verkündigt.

Wie die Apostel JEsum als den Messias mit Freuden aufnahmen, so freuten sich in allen Völkern alle heilsbegierige Seelen über das Wort vom seligmachenden Glauben, aus dem die Freundlichkeit Gottes gegen alle Menschen so wunderbar hervorleuchtete. Hievon gibt unsere Epistel uns einen tiefen Eindruck. Wir fassen ihren Inhalt zusammen in die Betrachtung:

Wie herzgewinnend die Freundlichkeit Gottes aus dem Wort vom Glauben hervorleuchte,

  1. aus der Verheißung, die dem Glauben gegeben ist;
  2. aus der Art, wie wir zum Glauben gelangen.

HErr! ich glaube, hilf mir Du,
Schreckt mich etwas, gib mir Ruh';
Und das Wort aus deinem Mund
Sei mein fester Herzensgrund.

Zeichne in des Vaters Haus
Mir auch eine Wohnung aus,
Bring' mich ohne Furcht dahin,
Wo ich ewig bei Dir bin. Amen.

I.

Wie große Verheißung dem Glauben gegeben wird, sehen wir aus dem ersten Theil unserer Epistel. Da sagt Paulus: „So du mit deinem Munde bekennest JEsum, daß Er der HErr sei, und glaubest in deinem Herzen, daß Ihn Gott von den Todten auferwecket hat, so wirst du selig.“ Diese Worte zeigen uns, wie außerordentlich leicht Gott den Weg zur Seligkeit macht. Wer selig werden will, der darf nur von Herzen an JEsum glauben und sich zu seiner Wahrheit bekennen, so rechnet Gott ihm seinen Glauben zur Gerechtigkeit und macht ihn selig in Christo. Wie leicht ist dieser Weg und wie herzgewinnend die Freundlichkeit und Gnade Gottes, die auf eine jedem Menschen erreichbare Weise zu dem höchsten Ziele, zur Seligkeit führt! Wie ganz anders war da die Gesetzesanstalt mit allen ihren Geboten und Satzungen und mit ihrer Drohung: „Verflucht sei, wer nicht hält alle Worte dieses Gesetzes!“ Paulus macht es in unserem Text-Kapitel den Juden zum Vorwurf, daß sie durch Erfüllung des Gesetzes selig zu werden hoffen und eine eigene Gerechtigkeit aufrichten, die doch vor Gott nicht gilt, weil kein Mensch das Gesetz recht erfüllt. Er stellt das Bestreben, durch Gesetzerfüllung selig zu werden, als etwas eben so Thörichtes dar, wie wenn Einer gen Himmel fahren und Christum herabholen, oder in die Tiefe fahren und Christum von den Todten holen wollte. Das sei nicht möglich und nicht nöthig, denn, sagt die Schrift: „Das Wort, dessen wir zum Seligwerden bedürfen, ist dir nahe in deinem Munde und in deinem Herzen, nämlich weil dir Christus verkündiget ist und du also nur an Ihn einfältig glauben darfst. Vom Gesetz sagt Paulus (Röm. 3, 20.), „daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor Gott gerecht seyn mag, denn durch das Gesetz kommt nur Erkenntniß der Sünde, es richtet nur Zorn an,“ und heißt daher 2 Kor. 3, 7. das Amt, das durch die Buchstaben tödtet und die Verdammniß prediget. Dagegen das Wort vom Glauben und seine Verkündigung nennt er das Amt, das die Gerechtigkeit prediget und überschwengliche Klarheit hat.

Von dieser Klarheit gibt auch unsere Epistel uns einen hellen Schein, da sie das reiche Evangelium verkündigt, das in dem Wort vom Glauben liegt. Wer die Wahrheit glaubt und bekennt, daß Jesus der HErr sei, wer also seine ewige Gottheit auch vor den Menschen, und zwar auch vor Ungläubigen zu bekennen sich nicht scheut, dem wird solcher Glaube und solches Bekenntniß JEsu zur Gerechtigkeit gerechnet, wie JEsus sagt: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Und so du in deinem Herzen glaubst, daß Gott JEsum von den Todten auferweckt hat, so du also den ganzen wundervollen Lauf JEsu und sein heiliges Erlösungswerk im Glauben dir zueignest, und in seinem Tod deine Versöhnung und in seiner Auferstehung deine Rechtfertigung findest, so wirst du selig nach dem Wort JEsu (Joh. 6, 40.): „Das ist der Wille deß, der mich gesandt hat, daß, wer den Sohn siehet und glaubet an Ihn, habe das ewige Leben, und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage,“ und abermal spricht Er: „Ich bin das Brod des Lebens, wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“

Daher sagt unser Text: so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht, und so man mit dem Munde bekennet, so wird man selig. Diese Worte machen uns den Glauben recht groß und geben uns einen herrlichen Blick in das Vaterherz Gottes hinein, der unserer Schwachheit zu Hülfe kommt und vorerst nichts als Glauben von einem armen, zu nichts Gutem fähigen Sünder verlangt und dann durch den Glauben alles Weitere selbst uns schenkt, was Er an uns sehen möchte, damit wir seinen heiligen Augen Wohlgefallen können. Nicht verlangt Er zuerst gute Werke und schöne Tugenden, wie sie sein Gesetz vorschreibt, nicht thut Er die Thüren zu seinem Reich blos Denen auf, die bereits als rein und heilig zu Ihm kommen, sondern

Ihr dürft, so wie ihr seid, zum Heiland kommen,
Und kommt ihr nur, so werdet ihr angenommen.
Wer nur ein Sünder ist in seinem Wesen
Und nicht aus eigner Kraft sucht zu genesen,
Und liegt zu JEsu Füßen als erstorben.
Von solchen ist kein Einz'ger noch verdorben.

Denn - fährt unser Text fort: wer an Ihn glaubet, wird nicht zu Schanden werden. Warum gilt doch der Glaube so viel vor dem HErrn? Nicht sehen und doch glauben, glauben, da Nichts zu hoffen ist, das ist für unsere Natur eine Aufgabe, und es gehört dazu ein Aufgeben unseres eigenen Willens, unserer eigenen Gedanken und Wege, kurz ein Gehorsam, der sich Gott hingibt im Gefühl des eigenen Nichts und in der Ueberzeugung, daß wir ohne JEsum ewig verloren wären, und daß Niemand und Nichts uns helfen könne, als Er. Solchen Gehorsam des Glaubens rechnet der HErr zur Gerechtigkeit, wie Paulus Röm. 4 sagt: „Dem, der nicht mit Werken umgehet, d. h. der nicht durch Werke oder Tugenden gerecht werden will, glaubet aber an Den, der die Gottlosen gerecht machet, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.“

Und dieses Evangelium ist für alle Menschen da. Alle ohne Unterschied sind eingeladen, durch den Glauben an JEsum selig zu werden. Daher fährt unser Text fort: „Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen, es ist Aller zumal Ein HErr, reich über Alle, die Ihn anrufen.“ Wie herrlich lautete dieser allgemeine Gnadenruf in einer Zeit, wo Israel allein zur Seligkeit berufen zu seyn wähnte, und wo auch von den Gläubigen noch Viele meinten, daß nur durch Erfüllung des mosaischen Gesetzes die Heiden fähig werden für die Segnungen des Neuen Bundes. Wie weit thut da der Apostel, oder vielmehr der Geist des HErrn durch ihn die Gnadenthüre auf, da er über Juden und Heiden, d. h. über die ganze Menschheit es ausruft: „Es ist Aller zumal Ein HErr.“ Ein Gott und Vater, Ein Heiland JEsus Christus, für Alle gestorben und reich über Alle, die Ihn anrufen. Wie die Sonne alle Theile der Erde bestrahlt und überall hin Licht und Wärme und Freude und Lust ausbreitet, so ist die Gnade Gottes allgemein und Alle sollen selig werden, die Ihn ernstlich anrufen und denen es um Rettung aus ihrem Sündenelend, um Seligkeit zu thun ist.

Also hat Gott die Welt geliebt,
O Abgrund heil'ger Liebe'.
Die, so sein Vaterherz betrübt,
Küßt Er mit zartem Triebe!
Wer gründet dieses tiefe Meer?
Wer bringt nur einen Abriß her
Von dieser hohen Gnade!

Wer den Namen des HErrn wird anrufen, soll selig werden, sagt unser Text weiter. So freundlich ist das Vaterherz Gottes gegen uns, daß, wenn ein armes Menschenkind aus der Tiefe seines Sündenelends zu dem HErrn hinaufruft, Er es hört in seiner heiligen Wohnung, und erläßt die Schuld und macht los von den Banden, und sendet Hülfe und Trost, Gerechtigkeit und Friede und die ganze Seligkeit, die in der Kindschaft Gottes liegt.

So auch Allen, die in mancherlei äußerlichen Nöthen sich befinden, ist Er nahe, wenn sie im Glauben Ihn anrufen; Er thut, was die Gottesfürchtigen begehren, Er höret ihr Schreien und hilft ihnen. O, ein gnädiger Gott und Heiland! Wer wollte nicht Ihm sein Herz aufthun und in willigem Glaubensgehorsam sich Ihm überlassen und seines vollen Heiles sich theilhaftig machen! So groß ist der Segen des Glaubens, daß, je mehr wir nehmen, desto mehr gibt Er. Ja, der Heiland sagt: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“ (Marc. 9, 23.). Und wie durch solchen Glauben alle unsere Sehnsucht gestillt werde, sagt er in den Worten (Joh. 6, 35.): „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubet, den wird nimmermehr dürsten!“ Wie mächtig ziehen solche Versicherungen von der Kraft des Glaubens und solche Beweise von der Freundlichkeit Gottes und Jesu, wie mächtig ziehen sie uns an und locken uns, im Glauben uns dem Herrn völlig hinzugeben! Und daß wir nicht glauben, es sei schwer, solchen Glauben zu bekommen, so gibt uns unser Text auch noch Veranlassung,

II.

die Art zu betrachten, wie wir zum Glauben gelangen, und auch darin die Freundlichkeit Gottes zu erkennen. Indem Paulus nach dem Bisherigen den Segen des seligmachenden Glaubens und der Anrufung Gottes so hoch pries, so fiel ihm ein, daß der Glaube nicht Jedermanns Ding sei, daß viele Tausende sich dagegen versperren und den Namen des HErrn nicht oder nicht recht anrufen. Daher macht er die fragenden Einwürfe: „Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben, von dem sie nichts gehöret haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wo sie nicht gesandt werden?“

So möchte man auch in unserer Zeit fragen. Wenige werden gesandt, Wenige von ihren Lehrern so ausgerüstet, daß sie Prediger der Gerechtigkeit, Prediger des Wortes vom Glauben werden könnten. Es gibt viele Gelehrte, die viel wissen, es gibt Philosophen, die Alles ausdenken, nur nicht das Eine, was Noth thut, ja, die dem Wort vom Glauben geradezu widerstreiten; aber rechte Theologen, d. h. von Gott gelehrte, vom heiligen Geist erleuchtete Lehrer werden wenige herangezogen, und das leider auch von den Gemeinschaften nicht so, wie sie es sollten und könnten. Es ist zu wenig geistliche Zeugungskraft da, weil es so vielfach an der rechten Kraft des geistlichen Lebens fehlt, weil der Weltgeist so viel Einfluß auch über die Kinder Gottes hat, so daß unter ihnen sogar offenbare Aergernisse vorkommen, wodurch Andere vom Glauben eher abgehalten, als dazu ermuntert werden. Was unser Text sagt: „sie sind nicht Alle dem Evangelio gehorsam, “ ach, wie sehr gilt es in unserer Zeit, selbst von den Gläubigen! Daher kommt es dann auch, daß wir so oft seufzen müssen: HErr, wer glaubt unserem Predigen? Würden wir ernstlicher beten, auch für die Welt, würde unser Wandel mehr predigen, so würden mehr Leute gläubig.

In einer so kalten, liebe- und glaubensleeren Zeit scheint es nun freilich schwer, zu dem Wort vom Glauben und zu einer recht kindlichen Anrufung Gottes zu gelangen, besonders wenn man an so viele Zweifel denkt, die in unserer Zeit wie eine schlechte Münze verbreitet sind, so daß fast bei jedem Schritt, den Einer auf dem Glaubensweg thun will, ein kalter Zweifel ihn zurückhält und zurückruft. Und doch zeigt der Apostel in unserem Texte, daß es nichts so Schweres sei um das Glauben. Zuerst führt er die Worte, des Jesaias an: „Wie lieblich sind die Füße derer, die den Frieden verkündigen, die das Gute verkündigen.“ Darin liegt die Wahrheit: es gibt doch noch immer liebliche, das Herz gewinnende Boten und Prediger, sowohl unter dem geistlichen als unter dem weltlichen Stand, Prediger und Priester, die durch Wandel, Wort und Gebet Andern die Lehre des Heils lieblich machen und ihnen das Gute und den Frieden, das theure Evangelium von der Gnade Gottes in Christo und von den Seligkeiten des Neuen Bundes so anpreisen, daß sie gern und willig sich JEsu im Glauben ergeben. Man denke nur an die Jugend. Wie Viele bekommen doch auch in unserer Zeit noch schon von Kindheit an die lieblichen Lehren und besonders die anziehenden Geschichten des Wortes Gottes aus dem Munde ihrer Eltern oder treuer Lehrer! Und was sich so in der Jugend anseht, das ist dann fester und mächtiger, als die Zweifel, die etwa nachher aus der Welt oder aus dem eigenen Fleisch sich erheben.

Das sehen wir auch an den Aposteln im heutigen Evangelium. Die ersten Eindrücke, die JEsus und seine Worte und Werke auf sie machten, waren so stark, daß alle nachherigen Einreden der Pharisäer oder ihrer Verwandten oder ihres eigenen Fleisches und Blutes sie nicht mehr aus der Nachfolge Christi zu reißen vermochten. So kommt jetzt noch bei Unzähligen der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes, d. h. dadurch, daß einfach Gottes Wort in seiner göttlichen Kraft den Seelen verkündigt wird. Deßwegen freuen wir uns des neuen Kirchenjahres, in dem auf's Neue so manche Thüre sich aufthut und so manche Glocke ertönt, die zu der Gnadentafel des HErrn uns einladet. In so vielen Gottesdiensten und häuslichen Versammlungen, in Gemeinschaft der Heiligen und im stillen Kämmerlein, im Gebet und Betrachtung des göttlichen Wortes, wie viele Mittel und Gelegenheiten sind da uns gegeben, im Glauben zu wachsen und so in Allem, was zum göttlichen Leben und Wandel dienet.

Und da dürfen wir nicht sagen, daß so Vielen das Wort Gottes nicht verkündiget werde. Paulus fragt in unserem Text: „haben sie es nicht gehört? es ist ja in alle Lande ausgegangen ihr Schall und in alle Welt ihr Wort.“ Zu welcher Zeit kann das wahrer seyn, als zu unserer! Wann war das Wort Gottes, das theure Bibelbuch, so weit verbreitet, wie jetzt. In unserem Land ist beinahe kein Haus, das nicht seine Bibel hat. Die Bibel aber ist der beste Prediger. Schon Tausende sind blos durch das Lesen der Bibel erweckt und bekehrt worden. Wer also nur will, der hat die Mittel zum seligmachenden Glauben gar nahe, und Gott hilft ihm noch überdieß theils durch menschliche Prediger, Lehrer, Führer und Wegweiser, deren es doch überall zu finden gibt, wenn man sie nur ein wenig suchen und recht benützen will, theils besonders durch den allerbesten Prediger, durch den heiligen Geist, dessen Arbeit immer darauf geht, die Seelen zuzubereiten für willige Aufnahme des Wortes Gottes.

Wie Er das Verlorene sucht, sagt Paulus gleich nach unsern Textesworten, da der HErr bei Jesaias spricht: „Ich bin erfunden von denen, die mich nicht gesucht haben, und bin erschienen denen, die nicht nach mir gefragt haben; ja, sogar den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu dem Volk, das sich nicht sagen läßt und widerspricht.“ Diese treu besorgte Liebe Gottes sucht als vorbereitende Gnade die Herzen für das Wort vom Glauben empfänglich zu machen, ein Verlangen und eine Sorge um die Ewigkeit in sie zu werfen, von ihrer Sünde sie zu überzeugen und die Welt ihnen zu entleiden. Wer sich so bereiten läßt, dem ist das Wort Gottes die höchste Weisheit und das höchste Gut, und wer sich dann so im Glauben dem HErrn öffnet, den leitet der Geist Gottes nach und nach in alle Wahrheit. Da ist es nicht schwer zu glauben, und aus dieser Art, wie der HErr uns zum Glauben führt, erhellt die Freundlichkeit Gottes auf eine so herzgewinnende Weise, daß Jeder, dem es um das Seligwerden ernstlich zu thun ist, gewiß zum Glauben und durch den Glauben zum Leben gelangt.

Wie es einem Kranken leicht ist, den Arzt um Hülfe zu bitten und seiner Verordnung sich zu unterwerfen, so ist es einer Seele, die ihr Sündenelend tief fühlt und erkennt, daß sie ohne JEsum keinen Frieden und keine Hoffnung hat, solcher heilsbegierigen Seele ist es nicht schwer, das, was ihr bisher nur Noth und Unruhe machte, fahren zu lassen, und dagegen JEsum zu ergreifen in lebendigem Glauben. Wie wohl war es den Aposteln bei JEsu, und wie gern ließen sie ihre alten Ansichten und Gewohnheiten fahren, je mehr der Geist sie von Glauben in Glauben führte. Wie gerne haben ihnen nach viele Tausende ihr jüdisches, heidnisches und sonst ungöttliches Leben aufgegeben, weil die Süßigkeit des Evangeliums ihnen über Alles ging, so daß sie auch gerne das Leben für JEsum ließen, oft unter den bittersten Qualen.

Da hat der HErr gar verschiedene Wege, auf denen Er die Seelen zum Glauben führt. Da sind die Dreitausende am ersten Pfingstfest, die durch eine schnelle und starke Wirkung des Geistes empfänglich gemacht wurden für den Glauben; da ist der Kämmerer aus Mohrenland, dessen schon vorher Gott verlangendes Herz durch kurzen Unterricht aus dem Worte Gottes für Christum gewonnen wurde; da ist ein wilder Saulus, der mitten aus seiner Feindschaft heraus die Majestät JEsu sehen, drei Tage blind seyn, und nach schwerem Bußkampf von JEsu Freundlichkeit überströmt, sich Ihm völlig ergeben mußte; da ist der Hauptmann Cornelius, der auf dem lieblichsten Weg durch Gesichte und Engel zu JEsu gewiesen und in Einer Predigt Petri bekehrt wurde. So that der HErr auch der Lydia das Herz auf, daß sie auf Pauli Rede merkte und alsbald sich taufen ließ. Dagegen der Gefangenwärter in Philippi mußte die Kerker offen und die Riegel und Ketten sprengen sehen, um zerschlagen und zu JEsu bekehrt zu werden. So führt Gott zum Glauben, bald durch innerliche Wirkungen seines Geistes und Wortes, bald durch äußerliche Schickungen, Krankheiten und Erschütterungen aller Art. So mußte bei Luther ein Blitzstrahl, der seinen Freund tödtete, der erste Bote seyn, nachher hatte er lange Kämpfe und harte Bußübungen, in denen er sich selbst zerarbeitete, um Frieden mit Gott zu erlangen. Als dann in diese Wunden der Balsam des Wortes vom Kreuze drang und die Rechtfertigung in JEsu Gnade ihm den seligen Frieden Gottes brachte, da ließ er freudig alles Eigenwert und alle Satzungen der katholischen Kirche fahren, und fand seine ganze Freude und Seligkeit im Wort vom Glauben.

Oft braucht Gott besonders schwere Wege, um ein hochmüthiges, in's Irdische versunkenes Herz zu brechen und nach dem ewigen Heil begierig zu machen. Aber ist der Bruch geschehen, wie schnell und wie wohlthuend bewirkt Er dann eine neue Schöpfung im Herzen durch das Wort vom Glauben! Ein Pfarrer im vorigen Jahrhundert war im Unglauben und Leichtsinn versunken, machte durch seinen Eigensinn und Leidenschaft seiner Familie große Noth und durch seine schlechten Predigten seiner Gemeinde großes Aergerniß. Die Regungen des Gewissens unterdrückte er durch allerlei Zerstreuungen, und beredete sich, es sei eigentlich kein Unterschied zwischen gut und bös. Da ließ ihn Gott in einer finstern Nacht vom Pferde stürzen, daß er auf Händen und Knieen nach Hause kriechen mußte. Da betete er zum ersten Mal ernstlich und gelobte Aenderung seines Lebens. Aber bald war's wieder vergessen. Da verbrannte sein Haus mit allen Geräthen und besonders mit den schlechten Büchern der Irrlehrer, die er so gerne gelesen hatte. Von da an war er schwermüthig und wollte sich vor keinem Menschen sehen lassen, weil er glaubte, der Teufel gucke ihm aus den Augen. Sein Amt war ihm so entleidet, daß er beschloß, es niederzulegen. Als er noch einmal das heil. Abendmahl austheilte, befiel ihn eine wahre Höllenangst. In dieser aber lernte er sich als armen Sünder vor Gott bekennen und Ihn um Gnade anrufen. Aber erst nach einem halben Jahr, in der heiligen Pfingstzeit, wurde ihm der volle Trost: „deine Sünden sind dir vergeben.“ Nun aber kam Licht und Freude in seine Seele, alle Melancholie war vorbei, er war freundlich gegen Jedermann, er drang immer tiefer in die Geheimnisse der Bibel, er zeugte mit hoher Freude vor seiner Gemeine vom Heiland der Sünder, den er jetzt ganz anders kennen gelernt habe, als in seiner früheren Blindheit, und von da an wirkte er in hohem Segen an Alten und Jungen.

Schneller wurde ein Bauer zum Glauben an JEsum und zur Bekehrung geführt. Als er in seiner Gottvergessenheit auf der Straße fuhr, sah er einen in der Trunkenheit verunglückten und gestorbenen Fuhrmann. Wo wird seine Seele seyn? fragte eine Stimme in seinem Herzen, und die nächste Stimme war: wenn du stirbst, gehst du verloren. Immer quälender wurde seine Angst. Er suchte im Wirthshaus sich zu zerstreuen. Aber umsonst. Da sah er am Fenster ein Buch liegen, und das Erste, was er aufschlug, waren die Worte: „Die Sünde macht Leid. Christus bringt Freud'.“ Das Erste hatte er erfahren, das Andere gab ihm Hoffnung. Unter vielen Thränen schlug er zu Hause seine Bibel auf, und das Erste, was er las, war die Hülfe, die Blinde und Lahme bei JEsu fanden. Sein Glaube wuchs, im Kämmerlein fiel er nieder und rief Gott um Erbarmen an. Sein bisheriges Leben eckelte ihn an, und im bußfertigen Glauben ergab er sich Jesu und wandelte von da an treulich den Weg des Lebens. Seine Frau, die ihn zuerst verspottet hatte, wurde durch sein Gebet und durch seinen Wandel nach drei Monaten auch für Christum gewonnen, und nun wurde ihr Haus ein Tempel des HErrn und sie waren selig in Ihm. Diese Seligkeit wolle der HErr uns Allen schenken und täglich erneuern durch die Kraft des Glaubens, daß auch wir sagen können:

O JEsu, Du bist mein,
Und ich will auch dein seyn.
Herz, Seele, Leib und Leben
Sei dir, mein Hort, ergeben,
Nimm hin den ganzen Mich.
Wie Du in deinen Händen
Mich kehren willst und wenden,
So müsse werden ich.

Denn Du, Du bist mein Heil
Und meines Herzens Theil,
Mein Trost in meinem Zagen,
Mein Arzt in meinen Plagen,
Mein Labsal in der Pein,
Mein Leben, Licht und Sonne
Und freudenreiche Wonne;
O JEsu, Du bist mein. Amen.

autoren/k/kapff/andreastag.txt · Zuletzt geändert: von aj