Justin - Auszug: Zweite Apologie

Nach dem Jahre 150

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Was letzthin in eurer Stadt unter Urbikus vorgekommen ist, und auch, was überall ähnlich von Seiten der Behörden wider alle Vernunft geschieht, zwingt mich, ihr Römer, zu vorliegenden Worten: Wer von Vater oder Nachbar, von Kind oder Freund, von Bruder oder Mann oder Gattin eines Fehlers wegen zurechtgewiesen wird, sucht diese zu töten. Er tut die aus Hartnäckigkeit, aus Sinnenlust, und weil er sich zum Guten nicht bewegen lassen will. Die bösen Dämonen aber suchen uns zu töten, weil sie uns hassen, und weil sie entsprechende Richter als Werkzeuge und Diener finden. Es ist gerade, als wenn die Obrigkeiten von ihnen besessen wären. Damit euch aber die Veranlassung des ganzen Vorkommnisses unter Urbikus offenkundig werde, will ich den Hergang erzählen. Eine Frau, die früher selbst ausschweifend gelebt hatte, lebte mit einem lasterhaften Mann zusammen. Nachdem sie die Lehren Christi kennengelernt hatte, war sie anders geworden und sucht nun auch ihren Mann zu einer reineren Lebensführung zu bewegen.

Von den Ihrigen gedrängt, die ihr weiterhin in der Ehe zu bleiben rieten, weil sich eine Besserung des Mannes doch noch hoffen lasse, bezwang sie sich und blieb. Als aber ihr Mann nach Ägypten gereist war und Nachrichten kamen, daß er es dort noch ärger trieb, trennte sie sich von ihm, um nicht an seinen Lastertaten und Freveln Anteil zu haben, wenn sie in der Ehe verbliebe und Tisch und Bett mit ihm gemeinsam hätte. So gab sie ihm nach römischer Sitte den Scheidebrief. Ihr trefflicher Gatte aber, der sich hätte freuen sollen, daß sie nach ihrem leichtfertigen Leben mit Dienern und Söldlingen, in Trunk und allem Laster, nun von diesen Dingen abgekommen war und auch ihn davon abzubringen suchte, erhob nunmehr gegen sie, da sie sich von ihm gegen seinen Willen getrennt hatte, die Anklage, sie sei eine Christin. Da reichte sie bei Dir, Kaiser, eine Bittschrift ein, es möge ihr gestattet sein, zuerst die häuslichen Angelegenheiten zu ordnen und erst nach deren Regelung sich über die Anklage zu verantworten. Und das hast du ihr zugestanden. Ihr ehemaliger Gemahl konnte ihr einstweilen vor Gericht nichts anhaben. Er wandte sich nun gegen Ptolemäus, der nun daraufhin von Urbikus vorgeladen wurde, weil er diese Frau in der christlichen Lehre unterrichtet hatte. Der Vorgang war folgender: Der frühere Gatte beredete einen ihm befreundeten Hauptmann, der den Ptolemäus verhaftete, daß er den Ptolemäus vorladen und nur das eine fragen solle, ob er ein Christ sei.

Als nun Ptolemäus, der die Wahrheit liebte und Lug und Trug verabscheute, sich als Christ bekannte, ließ ihn der Hauptmann einkerkern und peinigte ihn lange Zeit im Gefängnis. Schließlich wurde der Verhaftete dem Urbikus vorgeführt, aber auch hier in gleicher Weise nur das eine gefragt, ob er ein Christ sei. Und von neuem bekannte er sich im Bewußtsein des Guten, das er dem christlichen Unterricht verdankte, zu der Lehre Christi. Als nun Urbikus ihn zum Tode abzuführen befahl, fragte Lucius, der auch Christ war, angesichts dieses vernunftwidrigen Urteilsspruches den Stadtpräfekt Urbikus: „Aus welchem Grunde hast du diesen Mann abführen lassen, der weder als Ehebrecher noch als Mädchenschänder, noch als Mörder, noch als Dieb oder als Räuber noch sonst eines Verbrechens überführt ist, sondern sich nur zum christlichen Namen bekannt hat? Dein Urteil macht dem Kaiser Pius und dem weisheitsliebenden Sohn des Kaisers und dem heiligen Senat keine Ehre, Urbikus.“ Der Stadtpräfekt antwortete nichts weiter, als daß er zu Lucius sagte: „Auch du scheinst mir so einer zu sein.“ Und als Lucius antwortete: „Ja“, ließ er auch ihn zum Tode abführen. Lucius erklärte, er sei ihm nur dankbar in Anbetracht dessen, daß er von derartig schlechten Herrschern befreit werde und daß er zum Vater und König des Himmels gehen dürfe. Auch noch ein Dritter, der hinzukam, wurde zu der gleichen Strafe verurteilt.

5.

Der Vater des Alls ist ungezeugt. Deshalb kann er keinen ihm beigelegten Namen haben. Denn wenn jemand einen Namen erhält, so ist der Geber des Namens der Ältere. Vater, Gott, Schöpfer, Herr und Gebieter sind keine Namen, sondern nur Bezeichnungen von Eigenschaften, die von seinen Wohltaten und von seinen Werken hergenommen sind. Sein Sohn jedoch, der allein im eigentlichen Sinne sein Sohn heißt, der Logos, der vor aller Schöpfung in ihm war, ist gezeugt worden, als er im Anfang alles durch ihn schuf und ordnete; er wird Christus genannt, weil er gesalbt wurde, und weil Gott durch ihn alles ordnete. Christus ist ein Name, der ebenfalls einen unfaßbaren Begriff umschließt, wie die Bezeichnung „Gott“ kein Name, sondern vielmehr eine Vorstellung eines unerklärbaren Wesens ist, die der Menschennatur angeboren ist. „Jesus“ aber weist Namen und Begriff eines Menschen und Erlösers auf. Denn, wie wir schon gesagt haben: Er ist Mensch geworden. Er ist nach dem Willen Gottes des Vaters zur Welt gekommen für die gläubigen Menschen und zum Sturz der Dämonen, wie ihr es noch jetzt aus dem ersehen könnt, was vor euren Augen geschieht. haben doch viele von den Unsrigen, nämlich von den Christen, eine ganze Menge von Besessenen, die von allen anderen Beschwörern, Zauberern und Kräutermischern nicht geheilt worden waren, in der ganzen Welt und auch in eurer Hauptstadt, durch Beschwörung im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, geheilt.

7.

Auch von Anhängern der Stoa wissen wir, daß sie gehaßt und getötet worden sind; weil sie sich wenigstens in ihrer Ethik kraft des Logoskeimes, der dem gesamten Menschengeschlecht eingepflanzt ist, als Liebhaber der Ordnung gezeigt haben. Ähnlich steht es mit manchen Dichtern. So ist es mit dem von mir gern erwähnten Heraklit, so mit unserem Zeitgenossen Musonius und mit anderen. Wie wir schon zeigten, haben die Dämonen zu allen Zeiten darauf hingearbeitet, daß die, die irgendwie nach dem Logos zu leben und also das Böse zu meiden suchten, verhaßt wurden. Es ist also kein Wunder, daß die Dämonen gerade die noch weit mehr verhaßt zu machen suchen, welche nicht bloß nach einem Teilchen des keimhaft ausgestreuten Logos, sondern nach der schauenden Erkenntnis des ganzen Logos, also des Christus, leben. Es mußte so sein, nachdem durch ihn die Dämonen entlarvt worden sind. Und sie werden es immer so treiben, bis sie in ewiges Feuer eingeschlossen, die verdiente Strafe und Qual finden werden, während sie jetzt schon von Menschen durch den Namen Jesu Christi überwunden werden.

10.

Offenbar ist unser Glaube erhabener als jede menschliche Lehre, eben weil Christus, der unseretwegen erschienen ist, der ganze Logos ist, sowohl der Leib als auch der Logos und die Seele.

Sokrates schon, der unter jenen allen hierin der Entschiedenste war, wurde derselben Vergehen angeklagt wie wir. Man brachte gegen ihn vor, er führe neue Gottheiten ein, und er verwerfe die Götter, welche der Staat anerkenne.

„Den Vater und Schöpfer des Weltalls zu finden, ist nicht leicht; und wahrhaftig, nicht ungefährlich ist es, ihn vor allen zu verkünden, wenn man ihn gefunden hat.“ All das hat unser Christus durch seine Macht zustande gebracht. Denn Sokrates hat niemand soweit geglaubt, daß er für seine Lehre in den Tod gegangen wäre; und doch hatte Sokrates Christus schon zum Teil erkannt.

War und ist er doch der Logos, der jedem innewohnt, der auch durch die Propheten und vor allem in eigener Person das Zukünftige vorher gesagt hat, als er unsere Menschennatur annahm und diese Lehre zu uns brachte!

Christus aber haben nicht allein Philosophen und Gelehrte geglaubt, nein, vielmehr auch Handwerker und ganz gewöhnliche Leute, und zwar mit Verachtung ihrer Ehre, ihrer Furcht und ihres Todes. So offenbart er sich als die Kraft des unnennbaren Vaters, als etwas ganz anderes gegenüber bloßen Gefäßen menschlicher Vernunft.

12.

Möchte doch jemand eine hohe Bühne besteigen und mit mächtiger Stimme herabrufen: „Schämt euch, schämt euch, das, was ihr offenkundig tut, auf Schuldlose zu schieben, und was euch und euren Göttern zugehört, solchen anzuhaften, die auch nicht das Geringste damit zu tun haben. Ändert euch, kommt zur Besinnung!“

13.

Als Christ befunden zu werden, das ist - ich gestehe es - der Gegenstand meines Gebets und meines angestrengten Ringens. Nicht als ob die Lehren Platos denen Christi fremd seien, sondern ich stelle nur fest, daß sie ihnen nicht in allem gleichkommen, wie ebenso wenig die jener anderen, der Stoiker, der Dichter und Geschichtsschreiber. Jeder von ihnen hat treffliche Aussprüche getan, soweit er Anteil an dem keimhaft ausgestreuten göttlichen Logos hat, und soweit er für das diesem Wesensverwandte ein Auge hat. Sie widersprechen sich aber in wesentlicheren Punkten. Sie zeigen also, daß sie es nicht zu einem weitblickenden Wissen, nicht zu einer unfehlbar klaren Erkenntnis gebracht haben. Was alles sich bei ihnen als gut gesagt findet, gehört uns Christen. Denn wir beten nächst Gott den Logos an, der vorn diesem ungezeugten und unnennbaren Gott ausgegangen ist, und wir lieben ihn, nachdem er unseretwegen Mensch geworden ist, um sogar an unseren Lieben teilzuhaben und uns dadurch Heilung zu schaffen. Alle jene Schriftsteller konnten kraft des ihnen innewohnenden, angeborenen Logoskeimes nur dämonenhaft das Wahre schauen. Denn der Keim einer Sache und das Nachbild einer Sache - je nach Empfänglichkeit verliehen - bleibt immer etwas ganz anderes als die Sache selbst.

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