Hofacker, Ludwig - Predigt am zwölften Sonntag nach Trinitatis.

Text: 2 Kor. 3, 4 - 11.

Ein solches Vertrauen aber haben wir durch Christum zu Gott. Nicht daß wir tüchtig sind von uns selber, etwas zu denken, als von uns selber, sondern daß wir tüchtig sind, ist von Gott: welcher auch uns tüchtig gemacht hat, das Amt zu führen des Neuen Testaments; nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig. So aber das Amt, das durch die Buchstaben tödtet und in die Steine ist gebildet, Klarheit hatte; also, daß die Kinder Israel nicht konnten ansehen das Angesicht Mosis um der Klarheit willen seines Angesichts, die doch aufhöret: wie sollte nicht vielmehr das Amt, das den Geist gibt, Klarheit haben? Denn so das Amt, das die Verdammniß prediget, Klarheit hat; vielmehr hat das Amt, das die Gerechtigkeit prediget, überschwängliche Klarheit. Denn auch jenes Theil, das verkläret war, ist nicht für Klarheit zu achten gegen dieser überschwänglichen Klarheit. Denn so das Klarheit hatte, das da aufhöret; vielmehr wird das Klarheit haben, das da bleibet.

Das Lied, welches wir gesungen, und die Abendlection, welche wir verlesen haben, handeln beide von der Herrlichkeit und von den Vorzügen des Evangeliums. Die Anstalt Gottes im Alten Bunde war ein Schattenbild von dem, was Er im Neuen Bunde geoffenbart hat, und auf dieses weiset auch der Apostel hin, wenn er in unserer Epistel die Klarheit oder Herrlichkeit des Neuen Bundes mit der Herrlichkeit des Alten Bundes vergleicht. Der Alte Bund war die Nacht und die Morgendämmerung; der Neue Bund ist der Tag, und die Sonne dieses Tages ist JEsus Christus.

Wie Viele werden wohl unter uns seyn, denen es schon wichtig geworden ist, daß wir in die Klarheit des Neuen Bundes hereingeboren und hereingetauft sind, daß es uns vergönnt ist, nicht im Schatten des Gesetzes zu leben, sondern im hellen Tag des Evangeliums? Ach, man denkt nicht nach; man achtet's nicht; man lebt so in diesem Tag dahin, ohne sich seiner zu freuen; Gott läßt Seine Wohlthaten immerdar anbieten; täglich, stündlich, alle Wochen hört man davon; sie werden Allen angetragen, - aber man nimmt‘s nicht zu Herzen, man bleibt auf seinem alten Sinn.- Nun, eben um dieser Ursachen willen habe ich mir vorgesetzt, in dieser Stunde zu reden:

von der Herrlichkeit des Neuen Bundes, in Vergleichung mit der Herrlichkeit des Alten Bundes.

  1. In Rücksicht auf die Mittler des Alten und Neuen Bundes.
  2. In Rücksicht auf die Lehre des Alten und Neuen Bundes.
  3. In Rücksicht auf die Kraft dieser beiden Lehren.
  4. In Rücksicht auf die Dauer des Alten und Neuen Bundes.

Der HErr gebe auch zu dieser Betrachtung Seines göttlichen Worts Seine Gnade! Wir wollen Ihn aber noch besonders darum anrufen:

Herr JEsu! Wenn wir uns selbst betrachten, so müssen wir zittern und uns schämen, daß wir die Gnadentage, darin wir leben, bisher so wenig beachtet haben. Ach, mache uns doch aufmerksam auf die Herrlichkeit des Neuen Bundes, damit wir diesen Tag sehen, welchen Du, der Du die Sonne bist, uns bereitet hast; damit wir nicht in der Finsterniß hinwandeln, sondern mit gewissen Schritten auf der Bahn gehen, welche durch Dich uns bereitet ist. Erbarme Dich unser Aller! Amen.

I.

Wir vergleichen also zuerst die Mittler des Alten und des Neuen Bundes. Der Mittler des Neuen Bundes ist JEsus Christus; der Mittler des Alten Bundes, d. h. derjenige, welcher im Namen Gottes mit dem Volk Israel, und hinwieder in dieses Volkes Namen mit Gott redete und handelte, war Moses. Dieser Moses, der Mittler des Alten Testaments, hatte Klarheit und Herrlichkeit; es war eine große Herrlichkeit mit seinem Amt verbunden, eine Herrlichkeit, die aus der Kraft des starken und eifrigen Bundesgottes Jehovah herströmte. - Ich will nur einzelne Beispiele hievon anführen. Die Kinder Israel, von Pharao's Kriegsheer verfolgt, standen am rothen Meer, und war vor menschlichen Augen kein Entrinnen. Da hob Moses seinen Stab auf, und das Wasser zertrennte sich, und stand auf beiden Seiten wie Mauern, so daß die Kinder Israels trockenen Fußes hindurchgehen konnten. Da sie nun hinüber waren, hob er seinen Stab wiederum auf, und das Meer strömte wieder zusammen und bedeckte das Heer der nachsetzenden Aegypter, so daß kein Mann entkam. Dieß geschah auf das Aufheben des Stabs Mosis, des Mannes Gottes. Welch' eine große Herrlichkeit! - In der Wüste, da das Volk an Wasser Mangel litt, schlug er mit seinem Stab an den Felsen, und es floß Wasser heraus, und tränkte Menschen und Vieh. Auf seinen Befehl wurde die aufrührerische Rotte der Kinder Korah von der Erde verschlungen, und fuhr in den Abgrund. Es war ihm erlaubt, mit Gott zu reden, wie ein Mann mit seinem Freund redet; auch durfte er bei dem HErrn Fürbitte für das Volk einlegen, das den Zorn so wohl verdient hatte, und der HErr verschonte das Volk. - Das war eine große Herrlichkeit eines Menschen! - Eine solche Herrlichkeit war es auch, als er mit den Tafeln des Gesetzes von dem Berg Sinai herabkam, und die Kinder Israel sein Angesicht nicht anschauen konnten, weil dieses auf dem Berg im Umgang mit dem HErrn ohne sein Wissen einen blendenden Glanz erhalten hatte, den das Auge des Volks nicht ertrug. Darum mußte Moses eine Decke über sein Antlitz hängen, wenn er mit ihnen reden wollte. - Es war eine große Herrlichkeit.

Was ist aber Moses gegen den Mittler des Neuen Bundes! - Moses, ein Mensch wie wir, ein geborner Sünder; - Christus, Gott über Alles, hochgelobt in Ewigkeit; - der Herr der Herrlichkeit, eben Derselbe, welcher Mosen und das Volk vierzig Jahr lang mit so großen Zeichen und Wundern durch die Wüste geführt und in das Land Canaan geleitet hat. Moses hatte alle Gewalt, die er handhabte, als etwas Geliehenes aus der Hand Jehovah's; Christus hat die Gewalt, die Er handhabt, aus sich selbst; denn Er hat das Leben in sich selbst. Moses, ein Diener; Christus, der HErr; wie der Diener denn auch dem HErrn auf dem Berg Tabor aufwartete. Moses, ein Mittler, der da aufhörte; denn nach hundert und zwanzigjährigem Leben und vierzigjähriger Amtszeit starb er; Christus aber ein Mittler, in der Kraft des unauflöslichen Lebens, ein ewiger Hohepriester nach der Weise Melchisedeks! - O liebe Zuhörer! Wir haben einen viel herrlicheren Mittler als die Väter des Alten Bundes! Lasset uns desselbigen wahrnehmen! Sehet einmal an Seine Macht, Größe und Majestät: was ist mit Ihm zu vergleichen? So wenig ein Mensch mit Gott, - so wenig kann Moses mit Ihm verglichen werden. Er ist der Glanz der Herrlichkeit des unsichtbaren Gottes, das Ebenbild Seines Wesens, der alle Dinge trägt mit Seinen, mächtigen Wort; der zwar eine Zeit lang erniedrigt war unter die Engel, und Seine Herrlichkeit verhüllte, nun aber sich gesetzt hat zur rechten Hand der Majestät in der Höhe, über alle Fürstenthümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und Alles, was genannt mag werden, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen; dem alle Dinge unter Seine Füße gethan sind. Nichts ist mit Ihm zu vergleichen, mit Ihm, der da ist, der da war, und der da kommt, mit Ihm, der von Anfang an die Erde gegründet hat, und dessen Hände Werk die Himmel sind, der da war im Schooße des Vaters, ehe die Berge worden, und die Welt geschaffen worden, von Ewigkeit zu Ewigkeit; der das Wort ist, durch welches Alles gemacht ist, was da gemacht ist; der der Glanz der Herrlichkeit Seines Vaters und das Ebenbild Seines Wesens war, ehe Er im Fleisch erschien, und nun Er erschienen ist im Fleisch, alle Gewalt hat in dem Himmel und auf der Erde! - Wer kann vor Ihm, vor dem Strahl Seiner Gottesmajestät bleiben und seine Augen erheben, um mit Ihm sich zu messen? - Siehe, das ist der Mittler des Neuen Bundes! .

Als der HErr in Seinem Inwendigen den Rathschluß gefaßt hatte, für die gefallenen Sünder zu leiden und zu sterben, da kam Er auf die Erde; ja wohl, klein, in Knechtsgestalt wie ein anderer armer Mensch, und hatte nicht, da Er Sein Haupt hinlegte. Aber auch da leuchtete immer Seine Herrlichkeit hervor aus Seinen göttlichen Wundern und Reden, aus Seiner gewaltigen Predigt, ans Seinem Leidens-, Sterbens- und Auferstehungsgang, den Niemand mit Ihm gehen konnte unter den Völkern, und endlich aus Seiner Auffahrt über alle Himmel, wo Er nun herrscht und thront über alle Kreatur, wie es im Liede heißt:

JEsus Christus herrscht als König,
Alles ist ihm unterthänig,
Alles legt Ihm Gott zu Fuß;
Jede Zunge soll bekennen:
Jesus sey der HErr zu nennen,
Dem man Ehre geben muß.

Fürstenthümer und Gewalten,
Machten, die die Thronwacht halten,
Geben Ihm die Herrlichkeit.
Alle Herrschaft, dort im Himmel,
Hier im irdischen Gewimmel,
Ist zu Seinem Dienst bereit!

Ja, Er ist's allein! Fraget nach in den Himmeln: sie werden euch Seinen Namen sagen; fraget bei den Erzengeln, die vor dem Thron der Majestät stehen: sie werden mit bedecktem Angesicht von Ihm zeugen, Ihn preisen und rufen: „heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth! Alle Lande sind Seiner Ehre voll!“ Fraget nach bei aller Kreatur, die am Schöpfer hängt: sie wird dem Lamme Preis und Ehre bringen, und sagen: „Lob und Preis und Ehre und Gewalt sey Ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ - Das ist Christus, der Herr des Himmels und der Erde, der große Jehovah! - Was ist mit Ihm zu vergleichen? Moses, oder einer der Propheten, oder ein Engel? Nimmermehr! Sie sind Strahlen von Seinem Licht; aber Er ist der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende, der Allmächtige! - Doch, Er unterscheidet sich auch noch auf eine andere Weise von dem Mittler des Alten Testaments, und wer dieses faßt, der entdeckt eben darin den Hauptcharakter der Herrlichkeit des Neuen Bundes. - „Du bist der Schönste unter den Menschenkindern!“ So heißt es im Psalm von dem Mittler des Neuen Testaments.

Als Moses von dem Berg herabstieg, und sein Antlitz von den Strahlen der göttlichen Herrlichkeit glänzte, da war es wohl auch schon; aber was war dieß für eine Schönheit für die Kinder Israel? Die Sünder konnten ihm nicht in das Gesicht sehen; sie erschrocken vor einer solchen göttlichen Klarheit, weßwegen er eine Decke vor sein Antlitz hieng, so oft er mit ihnen reden wollte. Das war ein Widerschein der Majestät des starken, eifrigen Gottes, ein Glanz der Gerechtigkeit, wie er einst ans den feuerflammenden Augen des Herrn JEsu hervorblitzen wird, wenn Er nun erscheint, zu richten die Lebendigen und die Todten, und die Uebelthäter sich verkriechen werden in den Klüften der Berge und rufen: „Fallet über uns und bedecket uns! denn wir vergehen vor dem Zorn Deß, der auf dem Throne sitzt, und vor dem Zorn des Lammes!“ So ist es nicht bei dem Mittler des Neuen Bundes. Wir schauen im Neuen Bund des HErrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht; wir dürfen nicht erschrecken, nicht zurückbeben vor der Herrlichkeit des Angesichts JEsu Christi; denn es ist darin Etwas, das den Sünder nicht abstößt, sondern anzieht, Etwas, das ihm Muth und Freudigkeit gibt, noch ferner hineinzublicken in dieses holdselige, freundliche, leutselige Antlitz. Nicht die Strenge des Gesetzes, nicht der gegen die Sünder ausgesprochene Fluch tritt uns daraus entgegen, nein, Er hat Alles in sich, was den Sünder anlockt, sein Herz vor Ihm auszuschütten, alle Sorgen auf Ihn zu werfen, seine Sünden zu bekennen, und von Ihm zu nehmen Gnade um Gnade, Licht um Licht, Frieden um Frieden.- Wir dürfen uns mit unsern Sünden nicht vor Ihm verbergen, wie sich die Israeliten vor dem Angesicht Mosis verbergen mußten; denn Er kommt zu uns nicht in rächender Heiligkeit, um den Sünder zu verderben, nicht als ein verzehrendes Feuer, sondern als der gute Hirte, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, der sich nie geschämt hat, arme Sünder Seine Brüder zu heißen, der da tröstet und heilt, und Frieden bringt in die Gewissen, und Alle, auch Seine Feinde, zu gewinnen sucht, und am Kreuz für uns starb, und die Versöhnung geworden ist nicht allein für unsere, sondern für der ganzen Welt Sünde. „Wir sahen“ - sagt Sein Lieblingsjünger von Ihm - „Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.“ Ja, Gnade und Wahrheit, das sind die eigentlichen Hauptzüge Seines göttlichen Angesichts! Und bekennet es Alle, die ihr diese Klarheit JEsu mit Geistesaugen geschaut habt: Er hat nichts Abschreckendes, sondern nur Holdseliges und Göttlich-mildes, so daß der Sünder sein Herz ganz vor Ihm aufthun, und sich Ihm anvertrauen darf mit Leib, Seele und Geist, ganz, wie Er uns gemacht ist zum Hohepriester, der Mitleiden haben kann mit Seinen armen Brüdern, und mit den Müden zu rechter Zeit zu reden weiß. Ach, wer noch scheu vor den Heiland tritt, und Ihm seine Sünden und Anliegen nicht frei herauszusagen wagt, der kennt Ihn auch nicht. Wenn wir aus seinen ganzen Erdenlauf blicken: so hatte Er nichts Furcht Erregendes wie Moses, noch wie Elias, der wie eine feurige Fackel hervorbrach, noch wie Johannes, der mit dem Eifer Eliä die Sünder erschütterte; nein, Er trat auf als Arzt der Sünder, nicht der Frommen, als ein Erbarmer, der das zerstoßene Rohr nicht zerbrach, und den glimmenden Docht nicht auslöschte; als ein Heiland, der die mühseligen Herzen herbeizog, um sie zu erquicken, und ihnen zu predigen das gnädige Jahr des HErrn. Sehet, darum hatten Ihn auch die Sünder und Zöllner so lieb, und kamen so gern zu Ihm, denn es war ihnen wohl in Seiner erbarmungsvollen Nähe, in dem Licht Seines sanften Antlitzes, in den erquickenden Reden Seines Mundes. So wandelte Er unter Seinen armen, verlornen Brüdern umher, heilte, segnete, tröstete, that ihnen lauter Gutes; denn Er wußte wohl, daß Er auf dieser Erde keine Gerechten und Heiligen finde, sondern lauter Sünder, die eines Sünderfreundes bedurften; und als Solcher hat Er sich in Seinem ganzen Leben und Lehramt bis zum Tode dargestellt. -

Als Pilatus den Heiland herausführte auf Gabbatha, und Ihn dem Volk zeigte in Seinem blutigen Angesicht, eine Dornenkrone auf dem Haupt, ein Rohr in der Hand und einen alten Purpurmantel um Seine Schultern, - da sprach er zu dem Volk: „sehet, welch' ein Mensch!“ - Ja wohl! „Sehet, welch' ein Mensch!“ Da heißt es ja gewiß: „Du bist der Schönste unter den Menschenkindern!“ Ach, wem es vergönnet ist, Ihn im Geist in Seiner Leidensherrlichkeit zu erblicken, der weiß nichts Schöneres, nichts Höheres mehr als dieß.

Wiederholt's mit süßen Tönen!
Wiederholt mir's: welch' ein Mensch!
Und besingt mir meinen Schönen,
Meinen Schönen: welch' ein Mensch! -
Ach ich möchte die Gestalten
Immer im Gesicht behalten,
Denn an Seiner Marterschön'
Kann ich mich nicht müde seh'n!

Welch' ein Mensch! Nicht wie Moses, - ach, ein Freund der Sünder, ein Freund, ein Freund von uns! - Mit Seinem verwundeten Antlitz, mit Seinen durchgrabenen Händen und Füßen, so können wir Ihn brauchen, - denn das sind die Siegel Seiner Liebe! Sagt es selbst: könnten wir einen andern Hohepriester brauchen? Für unsere armen, blöden, scheuen Herzen bedurften wir eines solchen Hohepriesters, der sich für uns erniedrigt und in des Todes Staub gelegt hat, der von sich selbst sagte: „ich bin ein Wurm und kein Mensch.“ Nicht, wie die Strahlen der furchtbaren Majestät von Ihm ausblitzen, ach nein, sondern wie Er für uns aus Liebe leidet und stirbt, - so können wir Ihn brauchen. Ach, wenn eine Seele in diese Tiefen der leidenden und sterbenden Liebe hineinblickt, dann will sie von nichts Anderem mehr wissen, da möchte sie in Dank und Liebe zerfließen, und sich Ihm auf ewig opfern; da weiß sie nichts Anderes zu geben als Dankesthränen, und liegt ihr nichts mehr im Sinn als Er, der sie so hoch geliebet hat.'

Das ist die Herrlichkeit im Angesicht JEsu Christi, und diese wird noch droben angebetet von Allen, die vor Seinem Thron stehn, von Allen, die errettet und eingegangen sind in die ewigen Hütten. Alle Engel beten das Lamm an, das erwürgt ist; alle vollendeten Geister rufen von einer Ewigkeit zur andern: „Lamm, Dir sey Ehre und Preis und Anbetung, denn Du bist erwürgt, und hast uns Gott erkauft mit Deinem Blut aus allerlei Geschlechtern und Zungen und Völkern und Heiden!“ - Und auf Erden heißt es bei den Seinen:

Du bist's werth, Lamm, für Deine Todesmüh',
Daß Dich jeder Blutstropf' ehre,
Daß das Herz nach Dir stets glüh',
Jeder Pulsschlag Dein begehre,
Und die ganze Seele für und für
Hang' an Dir!

Das ist Seine Herrlichkeit; nichts geht über dieß! Wie Er am verhöhntesten, ist Er mir am schönsten, und so ist Er allen denjenigen am schönsten, die Ihn kennen. -

Aber diese Herrlichkeit gefällt den Kindern dieser Welt nicht; sie schämen sich ihrer; sie können sie nicht fassen, drücken die Augen davor zu, und möchten davon laufen, wenn man sie ihnen vor die Seele hält. Denn „der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Thorheit.“ Da ist ihnen Moses mit seinem verhüllten Angesicht noch lieber! - Alles ist ihnen lieber als der Gekreuzigte. Es sey! Sie mögen schön finden, was sie wollen, so ist doch Christus, das Lamm Gottes, herrlicher, schöner denn Alles. Ja, Du, o JEsus, bist der schönste unter den Menschenkindern; holdselig sind Deine Lippen; holdselig und lieblich bist Du in Deinem Bluten, Leiden und Sterben; holdselig und lieblich in Deiner Auferstehung und in Deiner Himmelsglorie für Alle, die Deiner bedürfen, die Dich kennen.

O wie Vieles könnte ich noch von der Herrlichkeit des Neutestamentlichen Mittlers sagen! Es wird aber erst recht davon geredet werden, wenn das Lamm auf dem Berg Zion stehen wird mitten unter seinen unzähligen Schaaren.

Wir vergleichen nun .

II.

Die Herrlichkeit des neuen Bundes mit der des Alten in Absicht auf die Lehre.

Der Apostel weiset darauf hm, wenn er im Text sagt: „denn so das Amt, das die Verdammniß predigt, Klarheit hatte: vielmehr hat das Amt, das die Gerechtigkeit predigt, überschwängliche Klarheit.“ - Demnach wäre also die Lehre des Alten Bundes eine Predigt der Verdammniß. Aber, könnte man fragen, wie kommt der Apostel dazu? Hat denn Gott den alten Vätern ein Gesetz gegeben, das sie verdammt, während wir ein seligmachendes haben? - Sehet, das ist so zu verstehen: Gott hat sich im Alten Bund zwar auch nach Seiner Güte geoffenbart, hatte die Kinder Israel wie ein Vater geführt und auf Adlerflügeln getragen, hatte die Feinde vor ihnen her verstoßen, und ihnen unzählige Wohlthaten erzeigt, - lauter Liebe. Und als auf dem Berg Sinai der HErr in Seiner Herrlichkeit vor Moses vorübergieng, rief dieser: HErr, HErr Gott, barmherzig und gnädig, geduldig, und von großer Gnade und Treue, der Du beweisest Gnade bis in's tausendste Glied, und vergibst Missethat, Uebertretung und Sünde!„ - Es war also viel Evangelisches im Alten Bunde: aber die Hauptsache desselben war doch das Gesetz, das drohende, strafende, zwingende Gesetz, da es hieß: „du sollst nicht tödten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen,“ - und so immer: du sollst, und: du sollst nicht! Alle Gebote waren aber in zwei Hauptgebote zusammengefaßt: „du sollst lieben Gott, deinen HErrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen deinen Kräften, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Hinter dem ganzen Gesetz aber kam das furchtbare Wort: „wer nicht hält alle diese Gebote, der ist verflucht!“ Und alles Volk sprach: „Amen!“ - Es hat sich also im Alten Bund die unerläßliche Heiligkeit der Gesetze Gottes geoffenbart, und der strafende Eifer Jehovah's über allen und jeden Ungehorsam gegen Sein göttliches Gesetz. Nun konnte Niemand das Gesetz ganz halten, wie es auf die heutige Stunde noch Keiner vermag; so ruhte demnach auf dem ganzen Volk Israel der Fluch des Gesetzes, wie er noch auf Jedem ruht, der, ohne die Versöhnung aus dem Verdienst JEsu Christi empfangen zu haben, in dieser Welt lebt, und etwa durch eigene Tugend und Heiligkeit selig werden will. Diesem Elend abzuhelfen, traf der HErr die Veranstaltung, daß Jeder, der gesündigt hatte, ein Sündopfer vor den HErrn bringen durfte; der Mensch bekannte seine Sünde, nahm ein reines Thier, schlachtete und opferte es, und so war seine Seele ausgesöhnt und sein verwirktes Leben bezahlt mit dem Blut und Leben dieses Thiers. Weil aber das Volk so viele Sünden begieng, die nicht alle mit Opfern gesühnt werden konnten, so gab Gott dem Volk noch besonders ein großes jährliches Versöhnungsfest, wo der Hohepriester in, Namen Aller mit Blut in das Allerheiligste gieng, den Gnadenstuhl damit besprengte, und so die Sünden des ganzen Volks versöhnte. - Lauter Anstalten und Vorbilder, welche ihre Kraft und Bedeutung hatten in dem großen künftigen Opfer des Leibes JEsu Christi; denn es ist an sich unmöglich, daß Kälber- oder Bocksblut die Sünden wegnehme. Aber diese herrliche Veranstaltung war denn doch nicht im Stande, die Gewissen ganz zu reinigen; denn alle Jahre mußte geopfert werden, und wenn geopfert war, so kamen immer wieder neue Verschuldungen hinzu, und so kam man bei allem Opfern doch zu keinem rechten Frieden, zu keiner gründlichen Zuversicht.

Dachte man bei dem Altare,
Die Versöhnung sey gescheh'n,
So hieß Gott nach einem Jahre
Immer wieder opfern geh'n.

Das Gesetz mahnte und forderte immer fort: du sollst, und: du sollst nicht; der Mensch konnte nie Genüge leisten, folglich dauerte unter der ganzen Opferanstalt der Fluch der Verdammung des Gesetzes immer fort. Das Amt des Gesetzes war ein Amt, das die Verdammniß predigt. -

Wie Viele werden wohl seyn, denen das, was ich hier von der Verdammung des Gesetzes und von den Opfern sagte, thöricht vorkommt! Sie werden denken: wofür denn das? - Natürlich; der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes. Ich berufe mich auf die Erfahrung. - Nämlich das, was äußerlich durch die Haushaltung des Gesetzes und des Evangeliums vorgestellt wird, erscheint auch wieder innerlich in den meisten Herzen derjenigen, die zum Leben eingehen und des Reiches Gottes theilhaftig werden. Sehet, damit ich's deutlicher sage: so bald eine Seele aus ihrem Sündenschlafe erwacht ist und ein anderes Leben beginnen will, da denkt sie: ach, was soll ich machen? So schlecht, wie ich bin, darf ich nicht zum Heiland kommen. Ich sollte dieß und jenes haben, so und anders seyn, dann würde Gott Gefallen an mir haben. Sie strebt also darnach, will sich reinigen mit eigener Kraft, strengt sich mannigfaltig an, ehe sie zum Heiland geht und es bedenkt, daß nur Er sie rein machen kann. Das ist der Irrthum vieler Seelen; heute reinigen sie sich, morgen sind sie wieder unrein; heute sind sie mit sich zufrieden, morgen wieder unzufrieden; heute fröhlich, morgen wieder finster und betrübt, und so geht es aus der Hölle in den Himmel, und aus dem Himmel in die Hölle, weil sie den Grund ihres Friedens in sich selbst, in ihrer eigenen Gerechtigkeit, und nicht in der ewigen Erbarmung Gottes suchen. Das Gesetz treibt sie immer mehr in die Enge, ihre Verdammlichkeit und das grundlose Vertrauen auf ihre Werke stellt sich immer stärker hervor, und wenn sie auch hie und da Erleichterung bekommen, so hält es doch nicht an, - der böse Schaden bricht immer wieder aus. Sie kommen, so lange sie auf diesem Weg bleiben, zu keiner Ruhe; entweder gehen sie in einem lauen, lahmen Christenthum hin bis aus Ende, oder es kommt mit ihnen zur Verzweiflung; denn das Gesetz, unter dem sie stehen, predigt die Verdammniß. O ein jämmerlicher Zustand - so traurig als irgend einer möglich ist! - Wie ist hier zu helfen? - Höret den Apostel! Er redet von einem Amt, das die Gerechtigkeit predigt. - Höret es doch, ihr Sünder, ihr vom Gesetz niedergedrückten Seelen! Gerechtigkeit, - das ist ja das rechte Wort, dessen ihr bedürfet! Gerechtigkeit darf man euch predigen. Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott; tröstet meine Mühseligen und Beladenen; sagt meinem Volk, daß seine Ritterschaft, sein elendes Leben des Kampfes ohne Sieg, sein Streitleben ein Ende hat, und seine Missethaten vergeben sind! - Aber womit soll man trösten? Mit dem Wort, von welchem in der Gemeinde JEsu Tag und Nacht kein Schweigen seyn soll, mit der großen Wahrheit: Gott ward Mensch, und ist als Mensch für uns gestorben; - mit dem herrlichen Satze: „was dem Gesetz unmöglich war (sintemal es durch das Fleisch geschwächt ward), das that Gott, und sandte Seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches, und verdammte die Sünde im Fleisch durch Sünde;“ - mit dem göttlichen Evangelium: „Gott hat Den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir in Ihm würden die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt,“ mit der Hinweisung auf das große Opfer, das Einmal geschehen ist, und wodurch wir Alle vollendet und geheiligt sind; mit der Hinweisung auf das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt! Das ist die Predigt, welche die Gerechtigkeit verkündigt, die vor Gott gilt, nicht eine Gerechtigkeit von uns, sondern eine Gerechtigkeit Gottes, welche von Gott dem Glauben zugerechnet wird. - Es ist eine ganz freie Gnade Gottes, daß Jeder, wer er auch sey, gerecht werden kann durch Christum, und in Seiner Gerechtigkeit hintreten darf vor den Thron des Vaters.

Alle unsre Schuldigkeiten,
Die Gott von uns fordern kann,
Sind hinaus auf alle Zeiten
Schon auf einmal abgethan;
Einer hat sie übernommen;
Alles steht in Richtigkeit,
Und seitdem der Bürg' gekommen,
Ist es nimmer Zahlungszeit.

Liebe Seelen, die ihr über eure Sünden betrübt seyd, - Christus für uns geschlachtet, Sein Verdienst, das über all' unsere Sünde und Gerechtigkeit weit hinausreicht, das ist's, was ihr bedürfet, das ergreifet im Glauben, und wenn ihr's nicht könnet, so bittet darum, daß ihr's ergreifen lernet, dann ist euch geholfen.

O ihr halb gewes'nen Knechte
Und halb Kinder in dem Haus,
Macht's vor Gott in Christi Rechte
Nun auf alle Sünden aus! -

O süßes Evangelium! O herrliche Botschaft für mühselige, beladene Seelen, wie köstlich bist du, zuheilen alle müden, zerschlagenen Herzen, wie tröstlich für arme Sünder! Du bist süßer als Honig und Honigseim, du Freundlichkeit und Leutseligkeit unsers Gottes! Ach! was ist es doch, daß wir in den Zeiten des Neuen Bundes leben! Wie sehr sollten wir's doch schätzen, daß nicht mehr der Stab Mosis über die Seelen soll geschwungen, und sie zur Liebe Gottes genöthigt werden, sondern daß man ihnen zurufen darf: wir bitten, o wir bitten euch, ihr unter dem Gesetz schmachtenden Seelen, lasset euch versöhnen mit Gott! Der Vorrath der Gnaden Gottes liegt offen vor uns, der HErr steht hier, und bietet sie euch an, - und ihr saget: ich darfs nicht nehmen, ich bin's nicht werth! - O lasset's euch doch schenken, und weigert euch doch nicht länger; greifet zu, und lasset Gnade Gnade seyn, so wird eure Seele in Gerechtigkeit aufleben! „Wie lieblich sind auf den Bergen die Fuße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes und Heil predigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! Ja, das ist die Herrlichkeit des Evangeliums! Halten wir das Gesetz und das Evangelium einander gegenüber, so dürfen wir ausrufen, wie wir gesungen haben:

Wort aus Gottes Munde,
Wort vom Friedensbunde,
Evangelium!
Quelle wahrer Freuden,
Süßer Trost im Leiden, \ Unser höchster Ruhm! -

Ja, aller armen Sünder höchster Ruhm; der selbstgerechten und stolzen Sünder höchster Abscheu, - der höchste Abscheu aller Pharisäer! -

Aber, könnte Jemand sagen, macht das nicht leichtsinnige Leute, die mit der Gnade spielen? Muß nicht etwas vom Gesetz hinzugethan, und das Evangelium damit vermischt werden? - Nein, lieber Mensch, wo es recht verstanden wird, aber allerdings nur, wo es recht verstanden und treulich gefaßt wird, da macht es keine leichtsinnigen, sondern ernsthafte, göttliche Menschen. - Denn

III.

das Evangelium gibt Kraft; und dieß ist der dritte Punkt, davon wir zu reden haben. Es ist im Neuen Bund auch in Absicht auf die Kraft, die ein Mensch darin erlangen kann, eine viel größere Herrlichkeit als im Alten Bund. Dieß können wir aus dem Wort des Apostels deutlich abnehmen, wenn er spricht: „der Buchstabe tödtet, der Geist aber macht lebendig. So aber das Amt, das durch die Buchstaben tödtet, und in Steine gebildet ist, Klarheit hatte, also daß die Kinder Israel nicht ansehen konnten das Angesicht Mose um der Klarheit willen seines Angesichts, die doch aufhört: wie sollte nicht vielmehr das Amt, das den Geist gibt, Klarheit haben?“ -

Der Apostel deutet hier auf die Art, wie das Gesetz gegeben wurde. Gott der HErr schrieb das Gesetz, nämlich die zehn Gebote, auf zwei steinerne Tafeln, - ein wahres Bild von der Art und Weise, wie das Gesetz auf die Menschenherzen wirkt. Es ist etwas Göttliches, die göttliche Beurkundung im Gesetz, wie dieß die Schrift ausdrückt, daß es mit dem Finger Gottes geschrieben sey.

Der Mensch, der es hört, muß ihm Beifall geben; denn das da gesagt ist: du sollst Vater und Mutter ehren, du sollst nicht tödten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht lügen u. s. f., das ist so, daß kein Mensch widersprechen kann, daß auch der roheste Weltmensch Ja und Amen dazu sagen muß: - Gott hat es ihm in sein Herz und Gewissen geschrieben. - Wie geht es aber mit der Kraft des Gesetzes? was wirkt es im Menschen? kann es ihn umändern, kann es, wenn es in sein Herz gedrückt wird, eine Erneuerung und Verwandlung darin hervorbringen? Nimmermehr, dazu ist das Gesetz durchaus unvermögend, und das Herz bleibt nach wie vor steinern, auch wenn die Gebote hineingeschrieben sind. Ach, es haben's schon Manche versucht, durch beständiges Vorhalten des Gesetzes, durch stetes Predigen, wie der Mensch seyn müsse, sich selbst und Andere zu ändern: aber sie sind mit Schanden abgezogen; die Meisten blieben, wie sie waren, - blind und todt, Andere geriethen in Verzweiflung. So sagt Luther von sich und seinem Zustand, da ihm die Kraftlosigkeit des Gesetzes und die Gotteskraft des Evangeliums noch nicht offenbar war:

Die Angst mich zum Verzweifeln trieb,
Daß nichts denn Sterben bei mir blieb, - ,
Zur Hölle mußt' ich sinken.

Könnte das Gesetz Kraft und Leben mittheilen, so wäre das Evangelium von der Liebe Gottes in Christo JEsu nicht nöthig gewesen: aber es kann den Menschen nicht ändern und bekehren; nur aufschrecken kann es ihn durch Vorhaltung der unverbrüchlichen Heiligkeit Gottes, in Noth und Jammer bringen, und in die äußerste Verzweiflung treiben; es hat keine belebende, sondern tödtende, Leben nehmende Kraft. Das hat Gott wohl gesehen; darum hat Er in der Haushaltung des Gesetzes, die nothwendig war, und in welcher Israel bis auf Christum verschlossen blieb, gleich neben der Strenge des Gesetzes auch Seine erbarmende Liebe angetragen, sowohl im Wort als besonders in der Anstalt der Opfer und der jährlichen Versöhnung, welche war ein Bild Deß, der kommen sollte, Christi. Sehet, das Gesetz gibt keine Kraft, sondern es entkräftet vielmehr; wenn ich euch fort und fort predigen würde, wie ihr seyn, was ihr thun und lassen sollet, verkündigte euch aber nicht den freien Rath Gottes zu eurer Seligkeit, so würdet ihr mir jedesmal mit Recht entgegenhalten: aber wie mache ich das? wo nehme ich Kraft dazu her? oder ihr würdet verdrossen, verzagt werden, Einige von euch wohl gar in Schwermuth und Verzweiflung sinken.

Der Buchstabe, das ist: das Gesetz, gibt keine Kraft; der Geist aber, nämlich das Evangelium Christi, macht lebendig, kräftig und willig. Wenn man einem Heiden, der noch nie etwas von dem Heiland vernommen hat, predigt: siehe, lieber Mensch! dem Schöpfer der Alles, was du siehest, Himmel und Erde, Berge und Thäler, Flüsse und Seen, und dich selbst gemacht hat, - siehe, Dieser ist um deinetwillen auf die Erde gekommen, hat in großer Armuth gelebt, hat für dich, und nur aus Liebe zu dir, so viele Schmerzen erlitten bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, damit Er dich selig machte von deinen Sünden und von den Strafen des gerechten Gerichts Gottes: - sollte das ihn nicht durchdringen, ihm nicht den innersten Grund seiner Seele enthüllen? Muß es sich da nicht bald zeigen, weß Geistes Kind er ist, ob er ein Kind des Teufels seyn und bleiben, und also die große Liebe seines Gottes verachten und mit Füßen von sich stoßen, oder aber, ob er ein Kind Gottes werden, und sich durch die Liebe, die ihn zuerst geliebt hat, will beseligen lassen? Und wenn einem Menschen die Gnade gegeben wird, das Hephata vom HErrn zu vernehmen, von Herzen sich in das Opfer des Lammes Gottes zu versenken, und das ewige Verdienst Christi zu seiner Seligkeit zu fassen: das gibt Geist und Kraft, das gibt neues Leben, das gibt Muth und Freudigkeit, den alten Menschen auszuziehen und den neuen anzuziehen, das gibt Kraft, die Welt, und was in der Welt ist, unter die Füße zu treten, das gibt Sehnsucht und Eifer, nur dem wohlzugefallen, der uns bis in den Tod geliebt hat. - O wenn der Todeskampf des Heilands in Gethsemane, wenn Sein blutiger Schweiß, Seine große Noth und Schmach, Seine Wunden und Striemen, und was er Alles für die Sünderwelt erduldet hat, der Seele innerlich offenbar wird, da zerfließt das Eis des Herzens, da geht ein Leben voll Dank und Anbetung ans, da heißt es: O Du ewige Liebe! So lange hast Du mich schon gelockt und geliebt, und ich bin so spät daran, so spät auf dem Weg zu Dir, und hätte Dich schon so lange lieben können!

Ach. daß ich Dich so spät erkennet,
Du hochgelobter Heiland Du,
Und Dich nicht bälder mein genennet,
Du höchstes Gut, Du süße Ruh'!
Es ist mir leid, ich bin betrübt,
Daß ich Dich erst so spät geliebt!

Da geschieht eine Wiedergeburt, alle Lappen der Selbstgerechtigkeit fallen hinweg, der Mensch wird ganz klein, arm, niedrig, ein Nichts in seinen Augen, und doch froh, selig zu den Füßen Christi, bildsam für des Meisters Hand wie ein Thon, aus dem der Töpfer machen kann, was ihm beliebt. Das Evangelium wirkt eine Wiedergeburt und Umwandlung zum ewigen Leben.

Das Gesetz tödtet. Es ist aber nothwendig, daß es tödtet, den Menschen niederschlagt, und ihm seine Ohnmacht aufdeckt; damit ist es ein Zuchtmeister auf Christum; es stellt dem Menschen die Nothwendigkeit eines Heilands in's Licht, und treibt ihn zu diesem; aber Kraft, Ruhe, Frieden, Geist, Leben, Füße zum Lauf in den Wegen Gottes, und ein neues Herz, ein freudiges Aufthun des Mundes von der Liebe Gottes und wahre Liebe zu Gott und dem Nächsten in die Seele geben, - das Alles vermag es nicht; das kann allein das Evangelium.

Hat nun das Amt Klarheit gehabt, das die Verdammniß predigte und in Steine gebildet war, hat das tödtende, strafende Gesetz in Herrlichkeit geglänzt: welche göttliche Herrlichkeit muß das Evangelium haben, das den Geist gibt, das lebendig macht, und arme Sünder zu Erstlingen der Kreaturen Gottes umwandelt. Das fühlt Jeder, der in Christo JEsu ist, und wollte Gott, daß diese Klarheit sich in aller Augen und Herzen spiegelte!

IV.

Nun fährt der Apostel fort: „denn so das Klarheit hatte, das da aufhört, wie viel mehr wird das Klarheit haben, das da bleibet!“ Und hier kommen wir auf unsern letzten Theil, indem wir die Herrlichkeit des Alten und Neuen Bundes in Absicht auf die Dauer vergleichen.

Die Haushaltung des Gesetzes hat aufgehört: aber der Neue Bund besteht und wird bleiben. Der Alte Bund war nicht auf ewige Dauer berechnet; schon in den meisten seiner Einrichtungen lag der Keim zu ihrer künftigen Auflösung und Erfüllung; sie waren ja nur der Schatten der zukünftigen Güter, nicht das Wesen selbst. Zudem war es auch deutlich geweissagt, daß es ein Anderes werden würde. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HErr (Jer. 31,31.), daß ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund machen will; nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern machte, da ich sie bei der Hand nahm und aus Egypten führte; welchen Bund sie nicht gehalten haben, so daß ich sie zwingen mußte - (dieß war so eigentlich die Natur des Alten Bundes: „ich mußte sie zwingen“) - sondern das soll der Bund seyn, den ich mit dem Hause Israel machen will nach dieser Zeit, spricht der HErr: ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk seyn, so will ich ihr Gott seyn.“ Das ist die deutliche Beschreibung der neutestamentlichen Anstalt.

Ueber fünfzehnhundert Jahr lang war Israel unter das Gesetz verschlossen. Da erschien die angenehme, heißersehnte Stunde, daß der Morgenstern aufgieng, und Gott seinen Sohn sandte, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz gethan, auf daß Er die, so unter dem Gesetz waren, erlösete, und wir die Kindschaft empfiengen.

Was der alten Väter Schaar
Höchster Wunsch und Sehnen war,
Und was sie geprophezeit,
Ist erfüllt in Herrlichkeit.

Nun kam die Haushaltung des Evangeliums, der Heiland, als der von Anfang verheißene Wiederbringer der Sünderwelt, die Haushaltung der Gnade; denn der Grund des Evangeliums ist Gnade, Wahrheit und Siebe, und Gnade, Wahrheit und Liebe hört nimmer auf. Diese Heilsanstalt, um welcher willen der erste Bund gemacht war, und in welche wir hereingeboren sind, die uns angeboten ist, bleibt stehen. Es ist uns vergönnt, unsere Tage im Glanz eines ewigen Tags zuzubringen.

Freilich wird sich an dieser Haushaltung noch Manches ändern: sie wird herrlicher werden, sie wird schöner und klarer hervorbrechen. Wie ganz anders als jetzt wird es seyn in dem tausendjährigen Sabbath, den der HErr Seiner Kirche noch vorbehalten hat! Wie ganz anders, wenn erscheinen wird, Der da spricht: „siehe, ich mache Alles neu!“ Wenn diese elementarische Erde wird vom Feuer verzehrt, und ein neuer Himmel, eine neue Erde, ein Neu-Jerusalem entstanden seyn, von keiner Sünde mehr entweiht, wo kein Leid, kein Geschrei, keine Trübsal mehr ist, wo verstummt das Geschrei der Dränger meines Volks, wo nicht mehr gesehen werden die Thränen derer, so Unrecht leiden und keinen Tröster haben, weil die zu mächtig sind, die ihnen Unrecht thun; wo nicht mehr die Stimme des Bruderbluts emporschreit zum Vater der Gerechtigkeit, sondern wo Gerechtigkeit und großer Friede wohnt wie Meereswellen, nach des Apostels Wort: „wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, darauf Gerechtigkeit wohnet!“ Wie ganz anders wird es seyn, wenn JEsus Christus, den diese Welt nicht kennt noch achtet, weil sie Ihn nicht sieht, nun wird offenbar seyn mit Seinem Reich, und alle Kinder Gottes als Könige und Priester mit Ihm! Ja, dann wird es ganz anders seyn. Freuet euch ihr Gerechten, die ihr wartet auf die Barmherzigkeit Gottes, freuet euch, die ihr lieb habet die Erscheinung des HErrn! Es kommt eine Zeit da Alles anders seyn, da Alles neu werden wird. Herrliche Dinge stehen euch bevor, denn

So lange JEsus bleibt der HErr,
Wird's alle Tage herrlicher.

Aber wenn gleich sich Manches an der Haushaltung des Neuen Bundes ändern und herrlicher werden wird, so wird sich doch der Grund nicht ändern, sondern bleiben. JEsus Christus hat ein Reich gegründet, darin Er König bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der Vater hat Ihn eingesetzt auf Seinem heiligen Berg; Er hat zu Ihm gesprochen: „heische von mir, so will ich Dir die Völker zum Erbe geben, und der Welt Ende zum Eigenthum.“ Das spricht der Vater zu Ihm, und diese Worte werden bleiben. Wer will Ihm, dem Sohn Gottes, Sein Erbtheil nehmen? Wer will Ihn stoßen vom Thron Seiner Majestät? Er wird herrschen mitten unter Seinen Feinden, und wenn Alles vollendet und die gefallene Kreatur wiedergebracht ist, dann wird Er noch, wie gestern und heute, so in Ewigkeit Derselbe seyn, das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte, der Allmächtige.

Das Evangelium wird bleiben. Er, der da ist, der da war, und der da kommt, weiß es wohl zu erhalten durch alle Anfechtungen, Stürme und Versuchungen hindurch; Er hat es bis jetzt gethan durch alle Zeiten des Aberglaubens und des Unglaubens; der Satan, die Welt und die Kinder dieser Welt, die Feinde der Wahrheit mögen treiben und thun, was sie wollen, sie mögen die höchste Kraft, die grimmigste Wuth aufbieten: es wird bleiben, wie es bisher geblieben ist, auch bei den Stürmen, welche der Kirche noch bevorstehen; und wenn es wird aufs Höchste gekommen sehn, wenn sie meinen werden, es sey nun unterdrückt, so wird Der, der es gegeben hat, der König des Reichs Gottes, sich darstellen und beweisen als Der, der nicht lügt, als der göttliche Beschützer Seiner Kirche, der gesagt hat: „es ist Meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Diese Gemeinde, die einem Senfkorn gleich entstanden ist, muß unter allen Stürmen wachsen und siegen, und aller Streit ihrer Feinde muß nur dazu dienen, um ihren ewigen Triumph zu erhöhen, und ihre unerschütterlichen Grundsäulen offenbar zu machen vor aller Kreatur.

Das Evangelium wird bleiben. Es wird sich, wie gesagt, an der Haushaltung Gottes noch Manches ändern; es wird aus dem Kreuzreiche, aus der streitenden Kirche eine triumphirende werden; es wird ein neues Jerusalem vom Himmel herabfahren, zubereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. Aber der Grund der triumphirenden Kirche wird der nämliche seyn wie die der leidenden und des Kreuzreiches; was jetzt die Hauptsache und das Fundament unsers Glaubens ist, das wird auch dann die Hauptsache und das Fundament des ganzen, freilich noch viel herrlicheren Heilsgebäudes seyn. Sehet hinauf in das neue Jerusalem, auf welchen Grund es gebauet ist! In seinen zwölf Gründen glänzen die Namen der zwölf Apostel des Lammes, und seine Leuchte ist das Lamm, der gekreuzigte und verherrlichte JEsus. Die Hauptsache des Evangeliums und der Grund unsers Glaubens ist die Liebe Gottes und JEsu Christi, das Lamm der Versöhnung, das auf Golgatha geschlachtet wurde, der Sohn Gottes, in welchem Gott die Welt also geliebet hat, daß Er Ihn, Sein Liebstes, dahingab in Marter und Tod, damit Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben; der Geliebte des Vaters, der gestorben, begraben, auferstanden, gen Himmel gefahren, und unser Priester und König geworden ist in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks. Das ist der Grund der ganzen Heilsanstalt, und dieser Grund wird bleiben.

Wenn eine Seele wirklich zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen ist, so weiß sie nichts Höheres als die Liebe Christi, des erwürgten Lammes. Das ist der Gegenstand ihrer Anbetung, der Grund ihrer Buße, der Grund ihres Glaubens, ihrer Hoffnung, ihrer Liebe, ihrer ganzen Bekehrung.

Was sie mit Frieden und Trost erfüllt,
Was sie allein erquickt und stillt,
Was sie täglich muß in dem Herzen finden,
Das ist die Versöhnung für ihre Sünden
Durch JEsu Blut.

Auf diesen Grund ist die ganze Gemeinde JEsu Christi, die hienieden pilgert, erbauet, und was nicht auf diesen Grund gebaut wird, das wird am Tag der Offenbarung vom Feuer des göttlichen Eifers verzehrt.

Das ist auch droben die Hauptsache bei der Gemeinde, die vor dem HErrn steht. Schauet hinauf zur Schaar der vollendeten Gerechten, wie sie rufen: „das Lamm, das erwürget ist, ist würdig, zu nehmen Kraft, Reichthum und Ehre, und Lob und Segen und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ - Das ist die Sprache, die sie führen, das ist der Lobgesang des neuen Jerusalems. Die Berge weichen und die Hügel fallen; der Himmel wird entweichen wie eine aufgewickelte Rolle, und nicht mehr gesehen werden; Erde und Himmel werden entfliehen vor dem Angesicht Deß, der auf dem Thron sitzt, - aber das Lamm Gottes, das der Welt Sünden trug, wird bleiben und herrschen. Und wenn tausend Mal tausend und Millionen Jahre millionenfach werden hinabbgezogen seyn, so wird, wie der erste Sünder, der zunächst am Thron Gottes steht, und am meisten Klarheit aus Seiner Fülle genommen hat, so auch derjenige, bei welchem die Spuren des Falles noch am wenigsten verwischt sind, der Thürhüter im Hause Gottes, - Alle, die ihre Kleider gewaschen und hell gemacht haben im Blut des Lammes, - Alle, die schon um den Thron her sind, und die noch hinüber kommen werden, - Alle werden in die ewigen Ewigkeiten nichts wissen, und nichts können, und nichts wollen, als vor dem erwürgten Lamm in ewigen Anbetungen und Lobpreisungen niedersinken, und ihre Kronen in den Staub legen, ihre Harfen rühren, und immer Heller, mächtiger sprechen, und rufen und jauchzen: „Lamm! Du bist würdig, zu nehmen Kraft und Reichthum und Weisheit und Ehre und Lob, und Dank und Stärke und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ -

Ich auch auf den tiefsten Stufen,
Ich will glauben, zeugen, rufen,
Weil ich noch ein Pilgrim bin:
Jesus Christus herrscht als König!
Alles sey Ihm unterthänig;
Ehret, liebet, lobet Ihn!

Sehet an die Herrlichkeit JEsu Christi, die Herrlichkeit des Evangeliums! Bis in die tiefen Ewigkeiten hinein ist nichts als Er, nichts als JEsus! Wer denn Ohren hat, zu hören, der höre, wer Augen hat, zu sehen, der sehe; wer Füße hat, zu gehen, der mache sich auf, und komme zum Heiland, und nehme das lebendige Wasser umsonst! Ach, der große Gott, Der uns das Evangelium gegeben, so gern und umsonst gegeben hat, lasse doch in die Herzen meiner Brüder und Schwestern, in Aller Herzen einen Strahl der ewigen Barmherzigkeit und Liebe fallen, die den Sohn in Leiden und Tod getrieben hat für uns, damit wir Ihn, unsern Freund und Hohepriester, über Alles liebgewinnen! Er verherrliche Sein Evangelium an uns, und gebe uns den ganzen Willen: nur JEsu, ja nur Ihm und Ihm auf ewig anzugehören, so werden wir bei Ihm finden Ruhe, Frieden und Seligkeit. Nur bei Ihm kann unser Herz ausruhen. Ach, die arme Welt hat ja nichts Bleibendes, nichts, das unsere Seelen stillen und sättigen könnte: aber in JEsu ist das Element der Geister, in Ihm ist ewiges Leben und unvergängliches Wesen. Er schenke uns den Sinn jenes Gottesmannes, der da sprach:

Ich hab' nur Eine Passion,
Und die ist Er, nur Er!

O liebe Zuhörer! Diese Leidenschaft wünsche ich mir und euch allen, damit wir in Zeit und Ewigkeit Ihm angehören, und bei Ihm seyn dürfen. Er kann uns solchen Sinn geben, wenn wir Ihn bitten, und Er gibt es gern dem, der Ihn von Herzen bittet; es ist unbegreiflich und überschwänglich, was Er geben kann; was keinem Menschen möglich ist, das ist Ihm, unserem HErrn, möglich. Wollte Gott, daß wir Alle bäten um diese Liebe, um diese Passion, die nur Er, nur Er ist! - Nun, der Herr JEsus lasse uns nach Seiner großen Barmherzigkeit hineinschauen in die Breite und Länge, in die Tiefe und Höhe Seiner Liebe, die nicht zu ermessen, nicht zu ergründen ist! Er gebe, daß wir sein Eigenthum werden und seyen und bleiben in Ewigkeit! Amen.

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