Hofacker, Ludwig - Predigt am eilften Sonntag nach Trinitatis.

Text: 2 Kor. 5, 1-10.

Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbauet, ein Haus nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Und über demselbigen sehnen wir uns auch nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, und uns verlanget, daß wir damit überkleidet werden; so doch, wo wir bekleidet, und nicht bloß erfunden werden. Denn dieweil wir in der Hütte sind, sehnen wir uns, und sind beschweret; sintemal wir wollten lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden, auf daß das Sterbliche würde verschlungen von dem Leben. Der uns aber zu demselbigen bereitet, das ist Gott, der uns das Pfand, den Geist, gegeben hat. Wir sind aber getrost allezeit, und wissen, daß, dieweil wir im Leibe wohnen, so wallen wir dem HErrn. Denn wir wandeln im Glauben, und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost, und haben vielmehr Lust, außer dem Leibe zu wallen, und daheim zu seyn bei dem HErrn, Darum fleißigen wir uns auch, wir sind daheim oder wallen, daß wir Ihm Wohlgefallen. Denn wir müssen Alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf daß ein Jeglicher empfahe, nachdem er gehandelt hat. bei Leibes Leben, es sey gut oder böse.

Der Apostel Paulus hat im vierten Kapitel des zweiten Briefs an die Korinther von einem Leiden gesprochen, das über ihn, als über einen Knecht und Apostel Christi, hereingebrochen sey, hat im ganzen Kapitel seine vielen Trübsale auseinander gesetzt, wie er als ein Sterbender durch die Welt wandle, sich aber am Schluß also getröstet: „Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige, über alle Maßen wichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen ans das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“ - Nun fährt er im fünften Kapitel fort: Wenn mich auch die Trübsal vollends aufreibt, wenn auch meine irdische Leibeshütte zerbricht: so verzage ich doch nicht, sondern weiß, daß ich einen Bau erhalte, von Gott erbauet, ein Haus, das ewig ist, im Himmel, in das ich eingehen darf, sobald meine Hütte zerbrochen wird; einen bessern Bau als diese irdische, zerbrechliche, sterbliche Hütte; denn ich darf eingehen in die ewigen Behausungen, wo ich daheim bin bei meinem HErrn. - So spricht der Apostel von seinem Heimgang zu dem HErrn.

Wenn nun ein Mensch dieses liest oder hört, sollte sich da nicht eine Sehnsucht in ihm regen, daß er auch mit solch großer Freudigkeit wie der Apostel von seinem Heimgang möchte sprechen können, daß er auch diesen seligen Gemüthszustand erlangen und genießen möchte? Ich wenigstens erinnere mich: zu der Zeit, als ich noch löcherichte Brunnen grub, die kein Wasser gaben, las ich einmal den Heimgang eines gläubigen Christen im Blick auf die selige Ewigkeit. Da dachte ich: so möchte ich auch stehen, so möchte ich auch sterben können! Ach, eine solche Freudigkeit möchte ich auch dereinst im Tode haben! Aber in meinem jetzigen Zustand könnte ich mich nicht so freuen. - Und so, meine ich, sollte doch ein Jeder unter uns denken: wenn ich nur auch so ruhig und freudig, so ohne Furcht und Angst, wie der Apostel Paulus, von meinem Heimgang reden könnte! - „Ende gut, Alles gut!“ Liebe Zuhörer! Wenn das Ende gut ist, dann erkennt man, was der Weg werth gewesen ist. Assaph sagt im 73. Psalm: „Ich hätte mich fast gestoßen, da ich sah, daß es den Gottlosen so wohl gieng auf Erden, aber ich habe mich gefaßt, da ich in das Heiligthum Gottes gieng, und merkte auf ihr Ende. Wie werden sie so plötzlich zu Nichte! Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken!“ - Ebenso könnte man sagen: ich hatte mich fast gestoßen an den Frommen, da ich sah, daß es ihnen oft übel gieng! Aber ein ganz anderes Licht geht mir aus, wenn ich ihr Ende ansehe; denn ihr Ende ist selig; mit Fried und Freude fahren sie dahin. - In dieser Hinsicht habe ich mir vorgenommen, in dieser dem HErrn geweihten Stunde darüber zu sprechen:

  1. wie der Tod für einen Gottlosen so etwas Erschreckliches, und
  2. für einen Gerechten, oder für ein Kind Gottes, so etwas Seliges sey.

Zuvor aber wollen wir den HErrn um Seine Gnade anrufen: Herr JEsu, der Du dem Tod die Macht genommen, und Leben und unvergängliches Wesen an's Licht gebracht hast! Ach, laß auf unsere armen Herzen etwas von Deinem Leben herabströmen! Gieb uns auch in dieser Stunde Etwas aus Deiner ewigen Gnadenfülle, und erwecke uns, daß wir streben nach dem Einen, was Noth thut. Zerstöre alle Bollwerke und Befestigungen des Satans in unsern Seelen, und laß uns auf Dich, den einzigen Grund, gegründet seyn. Thue Barmherzigkeit an mir und an Allen, die hier sind, und öffne uns Augen und Ohren, damit wir einsehen, wer wir sind, und was wir werden müssen, um zu der Herrlichkeit, die Du Deinen Kindern bereitet hast, zu gelangen. Zeige uns aber auch das Ende der Gottlosen, damit wir in Zukunft erweckt werden zu dem einzig wahren Lauf um das Himmlische! Amen.

Liebe Zuhörer! Ehe wir unsere Betrachtung beginnen, muß uns klar werden, was eigentlich unter einem Gottlosen und unter einem Kind Gottes zu verstehen ist. Ich habe hierüber schon oft gesprochen; Viele werden es auch wissen; ich will es aber noch einmal erklären.

Ein Gottloser ist dem eigentlichen Wortsinn nach los von Gott, losgetrennt von dem Willen seines Schöpfers, wie z. B. jener verlorne Sohn im Evangelium (Luk. 15.), der sich von seinem Vater losriß und in ferne Gegenden zog, um nicht bei seinem Vater seyn zu müssen, sondern thun zu dürfen, was ihm beliebte. Ein Gottloser ist, der nicht nach dem Willen Gottes, sondern nach seinem eigenen Willen und Gutdünken sein Leben einrichtet, und seine eigenen Wege gehen will, und die Bestrafungen seines Gewissens darüber vergißt, verachtet und unterdrückt. - Dem engern Sinn nach aber ist derjenige ein Gottloser, der JEsum nicht kennt und liebt, wie Johannes sagt: „Wer den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater und das Leben nicht.“ - Wer den Heiland nicht sucht und kennt, wer nicht mit Ihm zu inniger Gemeinschaft verbunden ist, wie will diesem der Vater offenbar werden, wie will dieser nach dem Willen des himmlischen Vaters leben? - Da kann es nun freilich recht tugendhafte Leute geben, Leute, die sich wenigstens so vorkommen, die wenigstens dem Worte Gottes gehorchen wollen, so weit es ihnen bequem und auflandig ist: daß sie aber ein Eigenthum des Sohnes würden, das wollen sie nicht, und in diesem Nichtwollen sind sie gottlos. Ein Gottloser muß wohl auch manchmal die göttliche Stimme, die Regungen des Geistes empfinden, daß er denkt: es geht nicht auf diese Weise, sonst kommst du in die Hölle; du mußt anders werden, wenn du nicht verdammt werden willst. Der Heiland muß dein Herz bekommen, denn Er ist's werth, daß du dich Ihm ganz ergibst. - Wenn er aber nicht folgt, sondern wieder im Leichtsinn und Unglauben fortlebt: so bleibt er ein Gottloser, dem Wesen nach ein Atheist, denn er hat den wahren, lebendigen Gott nicht.

Ein Kind Gottes ist dagegen derjenige, der den Heiland lebendig kennt, der durch den Glauben Gemeinschaft mit Ihm hat, und Ihm, dem guten Hirten, nachfolgt; der es weiß und am Herzen erfahren hat, daß er mit dem Blut des Lammes erkauft ist; der da weiß und bekennt, was Paulus sagt: „Wir halten dafür, daß, so Einer gestorben ist für Alle, so sind sie Alle gestorben; Er ist aber darum für Alle gestorben, daß die, so da leben, nicht ihnen selbst leben, sondern Dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.“ Wem dieses tief und fest in dem Herzensgrund eingedrückt ist, daß seine Seele am Heiland hängt und Ihn über Alles liebt und achtet, der ist kein Gottloser mehr, sondern ein Kind Gottes.

Wir könnten demnach unsern Hauptsatz auch so fassen: daß der Tod ohne den Heiland für einen Menschen etwas Erschreckliches, mit dem Heiland aber etwas Erfreuliches sey.

I.

Diese zwei Klassen: Gottlose und Kinder Gottes, wandeln nun so unter einander in der Welt; man merkt's ihnen oft weiter nicht so an, wer sie sind; es ist oft äußerlich fast kein Unterschied zu spüren, und der Gottlose führt oft äußerlich das nämliche ehrbare Leben wie der Liebhaber JEsu Christi; der Unterschied ist oft nur innerlich, nur offenbar vor Dem, der die Herzen und Nieren prüft, von welchem es in einem alten Liede heißt: Wen die Vernunft oft fromm und selig preiset,
Den hast Du längst aus Deinem Buch gethan;
Und wem sie dieses Zeugniß nicht erweiset,
Den führst Du in der Still' doch himmelan.

Ja, in dieser Welt kann mancher, dem Herzensgrund nach gottlose Mensch noch ehrbarer, werkthätiger, im Natürlichen wirksamer und verdienstlicher dastehen als ein Kind Gottes, und unser Auge merkt es nicht, erkennt den Unterschied der Geister nicht.

Aber ein Unterschied wird seyn im Tod, nach dem Tod, und am Tag der Offenbarung, wenn bei dem Einen das köstliche Gold offenbar wird, das er in sich ausschmelzen und ausprägen ließ durch die Hand des göttlichen Schmelzers, und bei dem Andern seine Schande, die Schande seiner Blöße. Da wird ein Unterschied seyn wie zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Tag und Nacht, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Gott und Satan, - wenn man, gleich mit menschlichen Augen hienieden nichts davon entdeckt hat. Da wird erfüllt werden, was der Heiland sagt: „Zwo werden mahlen auf einer Mühle, die Eine wird angenommen, die Andere verlassen werden. Zween werden auf einem Bett liegen, der Eine wird angenommen, der Andere verlassen werden.“ Da wird erfüllt werden, was der HErr bei dem Propheten sagt: „An jenem Tag sollt ihr erkennen, welch' ein Unterschied sey zwischen dem, der Gott dienet, und zwischen dem, der Ihm nicht dienet; denn siehe, es kommt der Tag, der brennen soll wie ein Ofen; da werden alle Verächter und Gottlose Stroh seyn, und der künftige Tag wird sie anzünden, spricht der Herr Zebaoth, und wird ihnen weder Wurzel, noch Zweig, noch Stiel lassen. Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit, und Heil unter derselbigen Flügeln.“ - Da wird ein großer Unterschied seyn!

Und dieser Tag, meine Zuhörer! dieser Tag, armer, verirrter Mensch, der du, betrogen durch die Verführung der Schlange, nach Schatten haschest, nach elenden Scheingütern, die dir unter der Hand zerrinnen, während dir der Himmel angeboten und so sauer erworben ist, - dieser Tag kann geschwind kommen, unversehens, wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Fallstrick. Der Tod kommt! - höre dieses schreckliche Wort - der Tod kann einbrechen, ehe du nur daran dachtest; die göttliche Stimme: „haue ihn ab, den unfruchtbaren Baum! was hindert er das Land?“ kann plötzlich ertönen; das Ziel deines Laufes kann dir von Dem, der alle deine Tage, ach, deine edeln Gnadentage in Sein Buch geschrieben hat, auf heute, auf heute gesteckt seyn! Ach, was willst du dann machen? Weß wird seyn, was du bereitet, was du genossen hast? Was wird dann seyn deine weltliche Arbeit, all' dein Spaß und Scherz, dein Spott und Kurzweil, deine Vergnügungen und dein lustiger Jammer, womit du dich so hingeschleppt hast durch deine edle Gnadenzeit, - was wird das Alles seyn? Dann wirst du erkennen, daß solches Alles nichts war als Elend und Schatten, und Schatten und Spreu, die der Wind zerstreut; daß du ein Thor wärest, und nicht reich bist in Gott; daß du dir äußerliche, nichtige Schätze gesammelt hast, und über dem Allem gerichtet wirst (vergl. Jak. 5, 1-5). Man pflegt, wenn ein Mensch stirbt, zu sagen: er hat Vermögen, viel Vermögen hinterlassen. - Ja, er hat's hinterlassen; aber mitgenommen hat Mancher nichts als eine arme Seele, die keine Schätze besitzt in der Ewigkeit.

Der Tod hat für den Gottlosen etwas Erschreckliches; das leuchtet von selbst ein, ich brauche es euch nicht lange zu beweisen. Denn obgleich Viele dahinfahren wie ein Vieh (Ps. 49,13.), obgleich Viele durch die leichtsinnigen Grundsätze und die lügenhafte Religion unserer Zeit, welche anstecken gleich als ein Pesthauch, ihren unbeschreiblichen Leichtsinn, welchen sie noch Muth, christliche Fassung, Glauben nennen, bis an's Ende festhalten; obgleich Viele mit ihren Werken, mit einigen bürgerlichen Tugenden sich den Eingang in den Himmel bahnen wollen; obgleich Viele sich mit dem elenden Trost behelfen, als ob ein im letzten Augenblick ausgestoßner Seufzer, ein „Gott sey mir Sünder gnädig!“ Alles thue und ausgleiche; obgleich Viele in ihrer stumpfen Gewissenlosigkeit und Fühllosigkeit sich aus dem Sterben so viel machen, als ob sie aus einem Bett in das andere gelegt würden, und sprechen: „man muß ja doch einmal sterben, und somit ist's einerlei, wann's geschieht;“ obgleich Viele schon in hohen Ehren, ja, mit der Meinung und dem Urtheil aller Umstehenden gestorben sind: er ist selig! sie ist selig! da sie doch in ihrem Unglauben zur Hölle gefahren sind; - obgleich die Menschen in der großen Angelegenheit des Sterbens vielmehr ihren eigenen Meinungen, ihren Fündlein und den lauen Urtheilen der Welt mehr glauben als dem untrüglichen Wort Gottes, so bleibt es doch dabei: der Tod ohne den Heiland hat etwas Erschreckliches für den Menschen! Und das kann man auch fühlen bei aller affectirten, oder aus dem versteinerten Herzen entspringenden Ruhe. Fraget einmal einen Menschen, der den Heiland nicht hat! Ja, so lange er gesund ist, kann er etwa noch vom Sterben reden; wenn er aber krank wird, da darf man ihm nichts vom Sterben sagen: er mag nicht daran denken, es ist ihm gar ungeschickt, wann es kommt, und dann - welche Verlegenheit, welche Seelenangst bei aller erheuchelten Ruhe!

- Er erschrickt! - Ach, ach! - Aber warum denn erschrecken, wenn du ein Kind Gottes bist? - Ja, man fühlt es bei dem Sterben! Da sagt ein solcher armer Mensch: „ach, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hatte, um dieß und jenes noch zu thun, - um noch Alles auszuführen, was ich in's Reine zu bringen habe!“ So spricht er in Absicht aufs Zeitliche; aber in Absicht aufs Ewige - da ist schon etwas in ihm von dem Wurm, der nicht stirbt, und von dem Feuer, das nicht verlöscht. Er sieht in sein Herz hinein; was thut er nun? er will sich wehren, damit ihm seine Sünden nicht aufgedeckt werden; er sucht seine Werke, seine guten Sitten und Tugenden hervor, sein gutes Herz und was er sonst noch aufraffen kann, - damit möchte er sein Gewissen stillen, und die Stimme des Verklägers, der ihm seine Missethat vorhält, den Ton der Gerichtsposaune, der ihm schon in die Ohren dringt, übertäuben, damit möchte er noch geschwind in den Himmel fahren. Ach, großer Gott! Welch' elender Betrug! Welch' ein Jammer der Verzweiflung! So betrügt Satan seine Leute; das heißt: um die ewige Seligkeit betrogen seyn! -

Es ist etwas Erschreckliches, ohne den Heiland zu sterben! Das liegt schon in der Natur der Sache. Sehet, liebe Zuhörer! wer keinen Gott, keinen Heiland im Herzen hat, der muß etwas Anderes zu seinem Gott machen, der verfällt auf einen oder mehrere Götzen: denn wir sind einmal so, daß wir irgend einem Gott dienen, irgend einen Herrn haben müssen. Wer nun Christum nicht hat, der hat Götzen, entweder andere Menschen, oder Geld, oder seinen Leib in seinen Lüsten, oder sich selbst im Hochmuth und Ehrgeiz. Von diesen Abgöttern scheidet ihn der Tod, und dann kann man nicht von ihm sagen wie vom Christen, wenn dieser stirbt, er komme näher zu Gott, sondern er muß von seinem Gott hinweg, hinweg von seinem Schatz, wo sein Herz war, hinweg von Allem dem, was seine Seele liebte, - und hinein in eine grauenvolle Ewigkeit, um die er sich nichts bekümmert, die er im Gewühl dieser Welt vergessen, wo er sich nur Schätze des Zorns auf den Tag des Zorns gesammelt hat. Ach, sollte ihm das nicht sein Herz herausreißen? Er soll in die Ewigkeit, in das Unsichtbare, - und sein Herz ist doch in der Welt, im Sichtbaren! Sprich einmal, sorgloser Mensch, wie wäre dir's, wenn du von all' deinen Kameraden davon müßtest, um sie nie wieder zu sehen? Oder von Weib und Kind, die du zu Götzen deiner Seele machst? Oder von deinem Geld und Gut, darin du so eifrig und unablässig wirkst, von deinen Kassen und Kästen, und Allem, was darin ist? Oder von den Vergnügungen und Lustbarkeiten, an welche du gewöhnt bist, von deiner eiteln, vergänglichen Pracht, von deinen schönen Kleidern, die dir so wichtig sind,, oder von deinem Handel, von dem deine Seele lebt? Oder von deinen Feldern und Weinbergen, oder von deinem Leibe, den du so hoch hältst? - Ach, hinweg müssen von dem Allen, und nicht zurückkehren dürfen, und nichts in der Ewigkeit haben, was nur den kleinsten Ersatz dafür leistete, ist das nicht schrecklich? Bei gesundem Leib könnte ein Weltmensch sich etwa noch durch einen schnellen Entschluß fassen, und sprechen: „nun denn, wenn ich von Allem hinweg muß, so sey es!“ - aber nach dem Tod ist das ganz anders; und wenn Jahrhunderte und Jahrtausende hinabgeströmt sind, wird eine solche Seele noch dürsten nach ihrem verlornen Gut, aber sie wird ihren Durst nicht mehr stillen können. Da bleibt nur unerträgliches Heimweh, durchschneidende Seelenpein! Ach, was muß es seyn, wenn man keinen Gott mehr hat, kein Labsal, kein Gut, keine Erquickung, keinen Trost, keine Ruhe, keine Freude mehr - nichts als finstere Oede, Leere und Traurigkeit, und nagende Sehnsucht nach dem, was malt nicht hat, und nicht mehr haben kann, von dem man in Ewigkeit geschieden bleibt! Wenn man einen Fisch aus dem Wasser ans Land bringt, so stirbt er; und wenn eine Seele aus ihrem Element herausstirbt, und dieses Element war das Irdische, - dann hat sie nichts mehr zu ihrer Befriedigung, dann stirbt sie des Todes. Von Solchen redet der Psalmist (Ps. 49,15.): „sie liegen in der Hölle wie Schafe; der Tod naget sie.“ - Wie muß es dem reichen Mann gewesen seyn, als er unversehens aus seinen Purpurkleidern und von seinen glänzenden Mahlen zur Hölle fuhr? Wie dem Mann, der große Güter gesammelt hatte, sein Haus erweiterte, und zu seiner Seele sprach: „iß und trink, nun hast du einen Vorrath auf viele Jahre!“ - als plötzlich die Stimme Gottes kam: „du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und weß wird seyn, das du bereitet hast?“ - Aber nicht allein einem Geizigen, nicht nur einem Hochmüthigen und Wollüstigen, auch dem faulen, bequemen Alltagsmenschen, der so ruhig einen Tag nach dem andern umbringt, und eigentlich an nichts zu kleben scheint, dessen Gott das tägliche Einerlei ist, gilt das: Du Narr, der du in den Ketten der Welt gefangen liegst, was wird dein Erbtheil seyn, wenn du aus dieser Welt hinausstirbst?

Und wäre es mit diesem abgethan, so möchte man's noch für erträglich halten; aber es ist nicht das Einzige. Höret, was der Apostel sagt: „Wir müssen Alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Chrifti, auf daß ein Jeglicher empfahe, nachdem er gehandelt hat bei Leibes Leben, es sey gut oder böse.“

Das ist noch etwas Anderes. Offenbar werden, offenbar vor dem Richter JEsus Christus, - o ein Donnerwort! Wer vermag ihn zu ergründen, den ganzen Schrecken dieses Worts? Sollte nicht einem jeglichen Sünder das Herz im Leibe zittern, wenn er daö Wort höret: „wir müssen offenbar werden!“ Mit andern Worten: dein Innerstes, deine geheimste Finsterniß, dein Verborgenstes, der ganze Rath deines Herzens muß an's Licht kommen; deine Gedanken und Phantasieen, die kein Mensch weiß, müssen herausgestellt und kund werden vor aller Kreatur am Tag des Gerichts! Die Sünde aber hat Etwas, das sich vor dem Offenbarwerden scheut; sie zieht sich gern in die Verborgenheit, in die dunkelsten Kammern des Herzens zurück; denn sie weiß wohl, sie hat sich zu schämen und zu fürchten. Darum sagt der Heiland auch: „Wer Arges thut, der hasset das Licht, und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gestraft werden.“ Aber Er hat einen Tag gesetzt, wo Er alle Sünde und Lüge an's Licht ziehen wird. Mein Gott! Welch' ein Tag! Wenn ein Nebel, ein Schein, ein Hinterhalt, ein Bollwerk nach dem andern fallen, und das Seyn, der Kern, das ganze Thun und Lassen, der eigentliche Wille, die innerste Seelengestalt, - entweder nach dem Bild Christi oder nach dem Bild der Schlange wird offenbar werden! Ach! was wird das seyn! - Wer glaubt es aber, HErr, daß Du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor Deinem Grimm? - Liebe Zuhörer! offenbar müssen wir werden. Fasset es doch, schreibet es tief in euer Herz, und fahret nicht mehr leichtfertig dahin, verberget euch vor dem Licht nicht mehr; denn auch wir müssen offenbar werden, und das nicht nur vor Gott und dem Lamm, nicht nur vor den Engeln, nein, sondern auch vor deinem nächsten Nachbar, der dich für einen ehrlichen Mann, für ein ehrliches Weib gehalten hat; - vor diesem und vor aller Menschen Augen wirst du offenbar werden. Wie bitter ist es, wenn man auf dieser Welt in einer Schande entdeckt und solche bekannt gemacht wird! Aber was wird alle irdische Schande gegen die ewige Schmach des Heuchlers seyn! - Aufschließen wird sich der Kerker deines Herzens; der Herr JEsus wird vor dir stehen mit Seinen feuerflammenden Augen, und du wirst auch vor Ihm stehen, ganz wie du bist, um kein Haar besser; dein ganzes Innere muß heraus vor Ihm, und wenn du dich krümmtest wie ein Wurm, der sich in der Sonne krümmt.

Vielleicht aber ist Einer oder der Andere so hochmüthig oder so verstockt, daß er sich nicht einmal fürchtet vor dem Offenbarwerden seiner Seelengestalt, daß ihm in seinem finstern Zustand ein solches mächtiges Wort Gottes wie nichts gilt. - Ach, merke es, höre jetzt noch, armer Mensch, so lange es heute heißt! - Vor dem Richterstuhl JEsu Christi, du magst nun an Ihn glauben oder nicht, mußt auch du, wie Jeglicher, offenbar werden, offenbar vor Dem, der einst in Knechtsgestalt auf Erden gewandelt hat, und gekreuzigt ist in Schwachheit, nun aber angezogen hat Majestät und große Kraft, vor welchem nichts verborgen und unaufgedeckt bleiben kann, und dessen flammender Blick das Wesen aller Kreaturen durchdringt. Ach, wie werden vor diesen durchdringenden Augen die Lappen verbrennen, die du jetzt noch vielleicht dir umhängst, die Entschuldigungen und Vorwände, die guten Einbildungen und Meinungen, die Vorsätze und Tugenden, der Werkruhm und die Lügen! Wie wird dieser Blick hineinflammen in das innerste Geistesleben, der Blick des Schöpfers der Natur, die Augen, die weder Trug noch Heucheln leiden, die Augen, vor deren Blick einst entfliehen werden Himmel und Erde, - vor deren mächtigem Strahl heulen werden alle Geschlechter der Erde! Wer wird den Tag Seiner Zukunft erleiden mögen, und wer wird bestehen vor Seiner Erscheinung? Er wird sich setzen als Richter auf Seinen Thron, nicht mehr als der Menschensohn, den sie verachten und verspotten durften, - nicht mehr als das duldende Lamm, das Seinen Mund nicht aufthat, als es zur Schlachtbank geführt wurde, - nicht mehr in der Knechtsgestalt, sondern mit dem Antlitz, das Heller leuchtet als die Sonne, und vor welchem die Sonne entflieht. Er wird erscheinen, nicht mehr als der leidende Christus, sondern als der Herr aller Herren, und als der König aller Könige, als Derjenige, von welchem Jesajas im 63. Kapitel schreibt: „Wer ist Der, der von Edom kommt, mit reichlichen Kleidern von Bozra, der so geschmückt ist in seinen Kleidern, und einhertritt in seiner großen Kraft? Warum ist denn dein Kleid so rothfarb, und dein Gewand wie eines Keltertreters? Ich trete die Kelter allein, und Niemand unter den Völkern ist mit mir. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm; daher ist ihr Vermögen auf meine Kleider gespritzt, und habe all' mein Gewand besudelt. Denn ich habe einen Tag der Rache mir vorgenommen, und das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen.“ - Der Tag ist gekommen, woran Alles, was man längst vergessen und vernarbt glaubte, wieder hervorbrechen und aufgehen muß, alle alten Gewissenswunden, über welche man nach Belieben eine selbstgemachte Tugendhülle geworfen hatte; Alles, was in finsterer Nacht oder in der Tiefe des Herzens vorgieng, Alles, was man durch Unterdrückung des Gewissens auch unterdrückt und erstickt zu haben meinte; das Alles wird wiederkommen wie Meereswellen aus der Tiefe, und sich erheben wider Alle, die nicht geschrieben sind im Buch des Lammes. Der König aber wird anfangen zu rechnen, - welche Rechnung! Und es wird nicht bloß eine Rechnung seyn, sondern eine Vergeltung, wo Offenbarung und Richterspruch beisammen sind; Er wird vergelten Jeglichem, wie er gehandelt hat bei Leibes Leben, ihm messen mit demselben Maaße, mit dem er gemessen, ihn wägen mit demselben Gewicht, womit er gewogen hatte, und dann wird es offenbar werden, daß wer sich hienieden nicht unter den sanften Hirtenstab Christi beugen wollte, sich nun beugen muß unter den eisernen, zerschmetternden Stab des Gerichts.

Sehet, meine Zuhörer! Das wartet auf Alle, die nichts vom Heiland wollen; das wartet auf die Verachter und Spötter, auf die, welche im Leichtsinn, in Gottesvergessenheit, im Schlaf und Traum ihre Tage zugebracht haben; das wartet auf die Götzendiener, auf die sichern Seelen; die nicht wollen, daß JEsus über sie herrsche, und in ihrem Herzen Sein Reich aufrichte. Solchem Elend fallen diese Seelen anheim bei dem Austritt aus dem irdischen Leben, - und nun urtheilet, ob ein Gottloser Ursache hat, sich über seinen Tod zu freuen, ob es nicht vielmehr das Schrecklichste ist, was ihm begegnen kann? Bedenket die Folgen, wenn der Herr des Weinbergs spricht: „haue den unfruchtbaren Baum ab; was hindert er das Land!“ Bedenket die Schrecken, wenn Er einem Menschen zuruft: „du Narr! diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern!“ Stoßet euch nicht an denen, die ohne Erkenntniß des Heilands, ohne Glauben an Ihn, ohne Liebe zu Ihm, ohne wahres Vertrauen auf Sein Verdienst so dahinfahren in die Ewigkeit, und haben weiter keine besondere Angst, kein besonderes Gefühl von dem Jammerzustand ihrer Seele. Stoßet euch nicht daran; ihr stumpfer blinder Geist ist kein Zeugniß, daß der HErr Sein ewiges Recht beugen, oder urtheilen wird wie die freche Welt, die nur ansieht, was vor Augen ist; - ach nein! sie sind unbekannt mit sich selbst, diese armen Geister; sie kennen ihr Herz und die Hölle nicht, die in ihrem Herzen von wegen des Unglaubens ist; sie wissen selbst nicht, welche Forderungen und Urtheile in ihrem Seelengrund liegen. Denn in jedem Ungläubigen ist ein bedeckter Abgrund der Hölle, und ein heimliches Warten des Gerichts; aber die Meisten nehmen sich keine Mühe, das zu sehen, und fahren darüber hin, so lange es geht. O lasset euch nicht irren! Nur wer an den Heiland glaubt, und Ihn lebendig im Herzen hat, der ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.

Aber du sprichst: ich habe einen Heiland; ich bekenne, ich ehre, ich liebe Ihn. Ist das Wahrheit, dann wohl dir! Allein prüfe dich, untersuche deinen Glauben, ob er göttlicher Art sey. Wehe, wie schlimm wäre es, wenn dein Friede erst noch am Todestag oder am Tag der Auferstehung zusammenbrechen, und dich unter seinen Trümmern begraben würde! O wie Viele, die den Heiland im Munde führen, betrügen sich auf diese Weise; wie Viele läßt ihr selbstgemachtes Christenthum zu der Zeit im Stich, wenn ihnen Hülfe nöthig ist! JEsus selbst sagt es, daß sich Viele betrügen bis an den Tod, ja bis an den jüngsten Tag, wenn Er spricht: „Es werden nicht Alle, die zu Mir sagen: HErr! HErr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen thun meines, Vaters im Himmel. Es werden an jenem Tag Viele kommen und sagen: Haben wir nicht in Deinem Namen geweissaget? Haben wir nicht in Deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in Deinem Namen viele Thaten gethan? Dann werde ich ihnen bekennen und sagen: „Weichet Alle von mir, ich habe euch nie erkannt, ihr Uebelthäter!“ - Darum untersuche dich, ob du auf dem rechten Grund stehst. - Ich sage dieß nicht den ängstlichen Seelen, welche an ihrem Glauben zweifeln, und gern ganz des Heilands wären, aber noch in allerlei Bußkämpfen stehen; sondern ich sage es Solchen, die da meinen zu stehen, und doch nicht recht stehen: Mensch, siehe zu, daß nicht dein Glaube und dein ganzes Christenthum am Tag des Todes und des Gerichts im Rauch aufgehe! Bedenke es, - wenn du dich betrögest, wie schrecklich ständest du dermaleinst vor dem Richterstuhl des HErrn! Du wähntest ein Urtheil des Lebens zu empfangen, und empfiengest ein Loos der Verdammniß! Darum

Wach' auf, o Mensch, vom Sündenschlaf!
Ermunt're dich, verirrtes Schaf,
Und bessre bald dein Leben!
Wach' auf! es ist jetzt hohe Zeit;
Es rückt heran die Ewigkeit,
Dir deinen Lohn zu geben.
Vielleicht ist heut' der letzte Tag!
Wer weiß, wie man noch sterben mag?

Ach, der große Gott lasse doch keines mehr so leichtsinnig dahin gehen! Denn Viele - mit Lachen gehen sie in die Kirche, mit Lachen aus der Kirche; mit Lachen bringen sie ihr Leben zu, und träumen vom Himmel, während sie dem Verderben entgegen taumeln. O es ist keine Zeit zum Lachen, zum Tändeln, zum Spielen, zum Schlafen; sondern an unser Herz ruft der HErr: „Wache auf, der du schläfest, und stehe auf von den Todten, so wird dich Christus erleuchten!“ Wie viele Menschen sind heute hier versammelt, frisch und gesund; wie viele davon werden in dreißig Jahren noch hier seyn? Und wo wird dann unsere Wohnung seyn? Sollte uns das nicht aufmerksam machen?

Ihr werdet es nun erkennen, daß der Tod ohne den Heiland etwas Erschreckliches sey; daß es schrecklich sey, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Wir kommen nun

II.

an unsern andern Satz: daß der Tod für ein Kind Gottes etwas Seliges sey. Darauf weiset uns unsere Abendlection hin; denn der Apostel sagt mit großer Freudigkeit, er habe Lust, abzuscheiden und daheim zu seyn bei seinem HErrn. Seine ganze heutige Abendlection ist voll Trostes und Freude; sein Sinn ist: lebe ich, gut, so lebe ich dem HErrn; sterbe ich, gut, so bin ich daheim bei dem HErrn.

Man soll nach Melanchthon's Tod Papiere bei ihm gefunden haben, auf deren eines er noch kurz vor seinem Tod die Ursachen schrieb, warum er sich auf den Tod freue. Die erste war: weil er dann von allen Sünden los seyn werde; die zweite: weil er dann so vieles auf Erden Dunkle im Licht erkennen werde. - So kann auch ein Kind Gottes sich aaf den Tod freuen; es entgeht dem Uebel, und geht ein zur Freude. Welches sind nun diese Uebel?

Der Apostel, welcher hier von sich selber als Christ redet, deutet darauf hin, wenn es heißt: „dieweil wir in der Hütte sind, sehnen wir uns, und sind beschweret.“ -

Liebe Zuhörer! Ein Christ genießt schon in dieser Welt unaussprechlich viel Gutes; er genießt, wovon Andere nichts wissen; er genießt die Gemeinschaft des Heilands; er hat durch Christi Blut ein leichtes, fröhliches Gewissen; er hat Frieden mit Gott; er weiß, daß sein Name im Buch des Lebens steht, und daß er ein Bürger ist in der himmlischen Stadt Gottes; er empfängt das verborgene Manna, das Niemand kennt, denn der es genießt, und obgleich er unter der Larve des Kreuzes hingeht, so hat er doch ein Leben auf dieser Welt, wobei er mit Niemand tauschen, was er um keine Schätze der Welt geben würde. Er steht in Liebe mit Gottes Kindern; er ist frei von den Lüsten und Zwistigkeiten der Weltmenschen; er kennt ihre Langeweile nicht, von der sie oft geplagt werden; er muß nicht in den elenden Sitten und traurigen Heiterkeiten mit ihnen wandeln, sondern er genießt Freiheit vor dem Geist, der sie beherrscht; er erfährt Tag für Tag die Gnade, die Langmuth, die Barmherzigkeit und Treue Gottes seines Heilands, so daß er bekennen muß:

Ach ja, wenn ich überlege,
Mit was Lieb' und Gütigkeit
Du durch so viel Wunderwege
Mich geführt die Lebenszeit:
So weiß ich kein Ziel zu finden,
Noch die Tiefen zu ergründen.
Tausend, tausend Mal sey Dir,
Großer König, Dank dafür!

Ein Christ genießt viel, viel Gutes unter dem Hirtenstab seines Heilands, und hat das beste Loos, das ein Mensch haben kann: aber - es ist immer noch, wie man zu sagen pflegt, ein Aber dabei, - er lebt bei dem Allem noch in der Welt; es ist nichts Vollkommenes auf Erden. Daher der Apostel spricht: „wir sehnen uns und sind beschweret.“ Vorher sagte er: „wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängsten uns nicht; uns ist bange, aber wir verzagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“ Damit erklärt er uns aufs Beste seinen Ausdruck: „wir sehnen uns und sind beschweret.“ - So viel Hohes und Herrliches ein Christ im Innern hat, so gibt es doch im Aeußern viel Beugendes und Demüthigendes, viel Elend und Prüfung für ihn. Bald stören ihn des Körpers Schmerzen, bald das Geräusch dieser Welt; bald die Anfechtungen Satans, bald der Jammer der Menschheit, die Blindheit und das Verderben seiner Brüder; bald das Seufzen der Kreatur, bald und hauptsächlich die Sünde, mit welcher er im Leibe des Todes noch immer zu kämpfen hat, die ihn als sein tägliches Kreuz übt und läutert; - das Alles gebiert Sehnsucht nach dem Vollkommenen, das erweckt die Seufzer: „komm, Herr JEsu!“ das ist's, warum der Apostel Herz, Haupt und Hände zum Himmel aufhebt und ruft: „unser Wandel ist im Himmel!“ warum der Psalmist ruft: „wann werde ich dahin kommen, daß ich das Angesicht meines Gottes schaue?“

Dazu kommt, daß ein Christ im Glauben wandeln muß, und nicht im Schauen. „Wir wandeln“ - spricht der Apostel - „im Glauben, und nicht im Schauen.“ Glauben ist kein Meinen, keine ungewisse Annahme, sondern etwas göttlich Gewisses, das so gewiß ist, als ob man es hätte; Etwas, das viel gewisser ist als das Schauen mit leiblichen Augen; denn mit diesen kann man sich noch täuschen: der Glaube aber, der ans Gottes Wort ruht, kann sich nun und nimmermehr täuschen. Er ist also kein Wahn, sondern es ist im Glauben eine große, göttliche Gewißheit der unsichtbaren und zukünftigen Dinge. Aber doch ist Glauben noch nicht das Schauen von Angesicht zu Angesicht, das uns in der lichten Ewigkeit bevorsteht. Er schaut noch als durch einen Spiegel in einem dunkeln Ort: das Schauen aber geht vor in den Wohnungen des Lichts, wo die Nacht zum hellen Tag wird, wo kein Wechsel des Lichts und der Finsternis) mehr ist. Denket euch einen Menschen, der den Heiland liebt, über Alles liebt, der mit Ihn, in Gemeinschaft, in wahrer, wesentlicher Gemeinschaft steht, der Tag und Nacht, wie der Apostel von sich bezeugt, mit nichts Anderem umgeht, als Ihm wohlzugefallen, der sagen kann mit Paulus: „ich lebe, aber nicht ich, sondern Christus lebt in mir;“ - meint ihr, es sollte bei einem solchen Menschen sich nicht auch hin und wieder ein Heimweh regen, daß er doch Den, welchen seine Seele liebt, ohne Ihn zu sehen, auch schauen möchte von Angesicht zu Angesicht, und möchte Ihm seinen Dank vor Seinen durchgrabenen Füßen ausweinen, und möchte Ihn von Nahem lieb haben, und einstimmen dürfen in die Lobgesänge der vollendeten Gerechten, und dem Lamm sein Loblied bringen, und seine Harfe am krystallenen Meer erheben, zum Preise Deß, der todt war und nun lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Ja, bei all' dem Guten, das er hier genießt, ist es doch noch nicht das Ganze; Trübsal ist Trübsal, und Kreuz ist Kreuz, und ob er gleich die Sünde unter seinen Füßen hat, so bleibt doch noch der Kampf mit derselben, und ihm zur Demüthigung ihr Angriff; und obgleich sein Glaube gewisser ist als das leibliche Sehen, so ist es doch kein Schauen im Licht des Reiches Gottes. , Darum heißt es: „wir sind beschwert, und sehnen uns,“ nämlich nach der Freiheit und nach dem Schauen. Ein Kind Gottes möchte die Hütte mit Freu» den ablegen und heimfahren zu seinem HErrn. Doch ist dieses Eilen nach dem Himmel verbunden mit Gelassenheit.

Aber wenn nun das Stündlein kommt, daß ein Christ heimgehen darf, daß er abgeholt wird von den Engeln, nicht mehr in Abrahams Schooß, wie zur Zeit des Alten Bundes, sondern zu Christo, unserm HErrn; - wenn es ihm nun gegeben wird, seine matten Glieder nach des Tages Last und Hitze niederzulegen, - ja dann wird es heißen: ein Christ stirbt nicht, obgleich man so spricht, fein Elend stirbt nur, er aber steht da in der neuen Natur! „Wir wissen,“ - sagt der Apostel - „so unsere irdische Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Ban haben, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das“ ewig ist im Himmel.“ - Ach, wie wird es uns seyn, wenn diese Sündenhütte, dieser Todesleib abgelegt wird, wenn wir eine neue Hülle des Geistes empfangen, die geschickt ist zu den ewigen Lobpreisungen Gottes und des Lammes! So spricht der Seher Johannes: „Und ich sah eine große Schaar, die Niemand zahlen kann, angethan mit weißen Kleidern und Palmen in ihren Händen, - Friedenszweige in den Friedenshütten, - die schrieen mit großer Stimme: Heil sey Dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott und dem Lamm! Und Alles betete an und sprach: Amen! Lob und Preis und Dank und Weisheit und Macht und Kraft sey unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ - O, nur ein Thürhüter zu seyn in den Wohnungen des Himmels, in dem Hause Gottes, wie ganz etwas Anderes und Herrlicheres ist das, als wenn man hier in den glänzendsten Verhältnissen lebte! - Ein Christ kommt in den Himmel; aber noch mehr, er darf daheim seyn bei seinem HErrn. Ohne den Heiland wäre der Himmel kein Himmel, aber mit Ihm wäre auch die Hölle ein Himmel. Ach, bei Ihm zu seyn, Ihn, Tag und Nacht dienen zu dürfen in Seinem Tempel, und geweidet zu werden von Ihm, dem guten Hirten - welche Freude! Ihn nicht mehr betrüben zu dürfen, nicht mehr fündigen zu müssen, Ihm allein die Ehre zu geben, und in ewigen Anbetungen vor Seinem Thron zu versinken: - „das ist in kein Auge, in kein Ohr, in keines Menschen Herz gekommen: das hat Gott bereitet denen, die Ihn lieben,“ und Alles aus Gnaden, Alles umsonst!

Ach, euch Allen darf ich den Himmel umsonst verkündigen! Kommet und nehmet das Wasser des Lebens umsonst! Kommet zum Heiland! - Sehet, ihr dürfet nichts mitbringen als eure Sünden. Kommet zu Ihm, und lasset euch überwältigen von der Kraft Seiner ewigen Liebe! Kommet! Aus ewigem Erbarmen dürfet ihr, die ihr die Hölle verdient hättet, in den Himmel eingehen durch das Verdienst JEsu Christi und durch die Kraft Seines Blutes! - Umsonst! - O wer kann diese Tiefe ergründen? diese Liebe messen? Ach, es wird mir unaussprechlich groß, daß kein Einziger hier ist, dem ich nicht sagen dürfte: umsonst kannst du selig werden!-Armer Mensch, der du aus der Tiefe deines Elends nicht selbst herauskommen kannst, komme doch heute noch zum Heiland; Er kann dir helfen, Er wird dich annehmen; Er gibt dir Alles umsonst! - Was wollen wir hiezu sagen? Wollen wir nicht umsonst angenommen werden? - Ihr, die ihr euch bisher mit den Träbern dieser Welt zu sättigen begehrtet, meine Brüder, o meine armen Brüder! verlasset doch die Welt, und die löcherichten Brunnen, die ihr euch gegraben habt, und kommt zum Heiland. Sehet doch an die Belohnung! Ihr dürfet eingehen zu den Thoren des neuen Jerusalems, das keiner Sonne bedarf, wo die Herrlichkeit Gottes das Licht, und das Lamm die Leuchte ist! Kommet heute noch; denn es ist ja wohl der Mühe Werth, um die Seligkeit zu ringen. Wie streben doch die Menschen nach dem Irdischen! Da ist ein Rennen und Jagen, ein Suchen und doch kein Finden, ein Rennen und doch kein Ziel, ein Treiben und doch keine Ruhe! Aber ich bitte euch inständig und herzlich: kommet noch heute recht ernstlich zum Heiland, und wenn ihr ganz kommet, so werdet ihr ganz angenommen, und ganze Erben Seines ewigen Königreichs.

Ihr aber, die ihr unter dem Kreuz seufzt, das euch der HErr auferlegt hat, - sehet auf das, was denen bereitet ist, die Gott lieben, und JEsu Sein Kreuz nachtragen. „Leiden wir mit, so werden wir mit herrschen; sterben wir mit, so werden wir auch mit Ihm leben und zur Herrlichkeit erhoben werden.“

Christen! Wenn das Kreuz uns drücket,
Rechnen wir die, kurze Zeit;
Die Geduld und Hoffnung blicket
Auf die lange Herrlichkeit.

Nehmet auf euch die Leiden, die der HErr sendet, und traget sie still; denn es dauert nur kurze Zeit, so wird Er sie euch abnehmen, und

Euer Grämen Zu beschämen,
Wird es unversehens seyn!

Wo denn nun eine angefochtene Seele unter uns ist, dieser sage ich: Glaube nur! Siehe, Er, der die Schlüssel der Hölle und des Todes hat, hat auch den Schlüssel zu deiner Trübsal; Er kann den Kerker deines Herzens aufschließen, und Er wird ihn auch aufschließen, daß Sein Licht hineinfalle; warte nur! - -

O Herr JEsus Christus! Du siehst uns Alle, die wir hier sind, und weißest die Bedürfnisse einer jeglichen Seele unter uns! Ach, gib uns doch deinen Sinn, daß wir uns von ganzem Herzen zu Dir bekehren und unser Keines dahinten bleibe! Du hast uns so theuer erkauft, wir haben dich so viel gekostet; wer weiß, wie lange wir noch Zeit haben, uns zu bekehren! Unsere Gnadenfrist kann so schnell zu Ende gehen. Ach, so gib denn, daß wir eilen und unsere Seelen erretten, damit wir eingehen dürfen in Dein himmlisches Königreich, um Dich, Herr JEsu, zu finden nach dem Streit in der süßen Ewigkeit! Amen.

autoren/h/hofacker/hofacker-predigt_am_elfen_sonntage_nach_trinitatis.txt · Zuletzt geändert: von aj