Fliedner, Heinrich - Ein Märtyrervolk ohnegleichen - Die Waldenser und ihre Geschichte

Pfarrer an der Diakonissenanstalt zu Kaiserswerth

Von den Waldensern haben die meisten Leser wohl schon dies oder jenes gehört. Aber der Ursprung, die Art und Geschichte dieses merkwürdigen Völkchens sind bei uns noch wenig bekannt. Nachdem ich selber ihre Täler besuchen und ihre Geschichte eingehend erforschen durfte, drängt es mich, an all dem Schönen, Großen und Ernsten auch andre teilnehmen zu lassen. Denn es gibt wenige Völker, welche in gleichem Grade die warm Teilnahme der evangelischen Christen verdienen. Das muß sogar der katholische Geschichtsforscher de Amicis bezeugen. Seiner ausführlichen Geschichte der Waldenser schickt er einen meisterhaften Überblick voraus, der sich unwillkürlich zu einem Hohenlied und Preisgesang für diese standhaften Zeugen Christi gestaltet:

“Wir sind im Begriff, in eine berühmte und glorreiche Region einzutreten, in eine kleine italienische Schweiz, welche in Torre Pellice ihr 'Genf' hat, inmitten eines seltsamen Volkes, das gleichsam eine Nation für sich bildet, fast ganz zusammengeschlossen in einer großen, quadratischen Bergfestung zwischen dem Hochtal des Po und dem Tal von Susa. Dieses Volk hat seine eigene Geschichte, deren Ursprung sich in dem Dunkel des Mittelalters verliert, seinen eigenen Glauben, sein eigenes Schrifttum, seine eigene Sprache und eigenartige religiös-demokratische Verfassung. Es füllt kaum drei Täler und acht Tälchen aus, hat aber doch Verbindungen und Stationen in allen Teilen Italiens, Kolonien in Deutschland und Amerika. Es rühmt sich der Freundschaft von Völkern und Fürsten, beherbergt Verehrer und ergebene Freunde aus allen Ländern, sendet Streiter und Missionare seines Glaubens in alle Erdteile. - Die Waldenser zählten wohl nie mehr als gegen 20 000 in 15 Kirchspielen. Dennoch zeigten sie die Kraft, erlebten die Wechselfälle eines großen Volkes; sie hatten ihre Heere, ihre Feldherren, ihre Helden, ihre Märtyrer. Sie haben vielmals wie auf gleichem Fuß mit dem hundertmal größern Staat, dem sie angehörten, unterhandelt und 30 Kriege ausgefochten, einige gegen Piemont, andere gegen Frankreich, mehr als einen gegen die beiden vereinigten Staaten.
Wie Israel wurden sie aus ihrem Lande weggerissen und eroberten es wiederum. Zerstreut, getötet, fast vernichtet wie eine abscheuliche Rasse, von der die Erde sich reinigen wollte, sproßten sie um so zahlreicher, widerstandsfähiger empor, bis sie mit ihrer unüberwindlichen Beharrlichkeit ihre Unterdrücker ermüdeten. Dann haben sie mit ihnen zusammen tapfer für das gemeinsame Vaterland gekämpft und sie gezwungen, ihnen die Freiheit zu geben, sich des Vergangenen zu schämen.
Und ungeachtet der tausendfachen Verfolgungen, die jedes Band mit ihrer Umgebung hätten zerreißen müssen, blieben sie immer Italiener im Herzen, und wie vom alten Piemont, so sind sie auch vom neuen Italien eine der patriotischsten Provinzen. Darum: Ehre den Waldensern!“

1. Der Wind bläst, wo er will, oder: Der Ursprung der Waldenser

“Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh. 3,8) - dies Wort Jesu kam mir in den Sinn, als ich in den alten Büchern dem Ursprung der Waldenser nachforschte; denn niemand weiß genau zu sagen, woher sie eigentlich stammen. Die weitverbreitet Annahme, daß der fromme Kaufmann Petrus Waldus der eigentliche Gründer der Waldenserkirche gewesen sei, wird von vielen Forschern bestritten. Sogar ihr Name ist wahrscheinlicher von dem lateinischen Wort vallis (Tal) abzuleiten, so daß die Waldenser damit als Talleute bezeichnet werden. Auch andre Anzeichen deuten darauf hin, daß in jenem Alpengebiet, wie überhaupt in manchen Gegenden Oberitaliens, schon lange vor Petrus Waldus Gemeinschaften und Richtungen bestanden haben, welche dem zunehmenden Aberglauben und den Mißbräuchen der herrschenden Kirche gegenüber an einem reineren biblischen Christentum festhielten.

Und wer diese abgelegenen Gebirgstäler der Westalpen durchwandert, die vom Mont Cenis und Mont Viso sich nach Osten hinziehen, durchströmt von wilden Berggewässern dem Cluson mit der Gemanasca und dem Pellice - diese Täler, die noch heute von dem Weltverkehr so merkwürdig abgeschlossen sind - wer die Art ihrer Bewohner kennenlernt, die jedem Wechsel abhold an den alten Sitten und Trachten mit Zähigkeit halten, so fest und unerschütterlich wie die granitnen Felsen ihrer Berge dem Wechsel der Zeiten trotzen, der findet es wohl begreiflich, daß gerade hier - ähnlich wie seinerzeit in dem gleichfalls abgelegenen Irland - die apostolische Einfalt der christlichen Lehre und Sitte länger erhalten blieb als anderswo.

Dazu kommt, daß zu Anfang des Mittelalters, als die Umbildung der christlichen Kirche zur römischen Papstkirche reißende Fortschritte machte, in Turin ein Mann wirkte, welcher sich der zunehmenden Verderbnis mit ganzer Kraft entgegenstemmte. Das war Klaudius, Erzbischof von Turin. Ihn hatte Kaiser Ludwig der Fromme, der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, vom einfachen Hofkaplan zum Erzbischof erhoben, damit er, als ein tief frommer, in der Heiligen Schrift wohlbewanderter Geistlicher, dem zunehmenden Aberglauben des italienischen Volkes steure. Das hat er getan in großer Geisteskraft durch Wort und Schrift: “Wenn diejenigen, welche den Götzendienst verlassen haben, die Bilder der Heiligen verehren, so haben sie nicht die Götzen verlassen, sondern nur den Namen geändert. Wer nicht denselben Glauben und dieselbe Tugend an den Tag legt, wodurch sie (die Heiligen) allein Gott wohlgefielen, der kann nicht selig werden.“ Mit solchen scharfen, echt evangelischen Worten bekämpfte er die einreißende Heiligenverehrung und den Bilderdienst.

“Wenn man jedes Holz in der Form eines Kreuzes anbeten will, weil Christus am Kreuz gehangen, so muß man auch die Krippen anbeten, weil Jesus in eine Krippe gelegt worden, so muß man auch die Esel anbeten, weil Jesus auf einem Esel gesessen, und die Schiffe, weil Er oft von einem Schiff aus zu dem Volk sprach. Es ist uns nicht befohlen, das Kreuz anzubeten, sondern es zu tragen und uns selbst zu verleugnen.“ Er eiferte gegen die Anmaßung des Papstes, sich „apostolischer Herr“ nennen zu lassen, gegen die Wallfahrten nach Rom, welcher Mißbrauch nur in dem unverstandenen Wort Christi seine Ursache habe: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will Ich Meine Gemeinde bauen.“

Man kann wohl begreifen, daß solch reformatorischer Eifer dem frommen Erzbischof viel Feindschaft und Widerwärtigkeit eintrug, so daß er klagen mußte: “Wer mich sieht, spottet über mich und weist mit dem Finger nach mir. Als ich gezwungen die Bürde des Hirtenamts übernahm und nach Italien kam, fand ich der wahren Lehre zuwider alle Kirchen voll des Schmutzes der Weihgeschenke. Weil ich nun, was alle verehrten, allein niederzureißen anfing, wurde ich von allen gelästert; und wäre der Herr nicht mein Helfer gewesen, so hätten sie mich lebendig verschlungen. Der Vater des Erbarmens und des Trostes aber hat mich gestärkt in meiner Not, und durch Ihn werde ich fortbestehen in aller Anfechtung, angetan mit den Waffen der Gerechtigkeit und geschützt durch den Helm des Heils.“

Wenn auf der einen Seite Haß und Verfolgung sein Teil wurde, muß anderseits das Wort und Beispiel eines so bedeutenden Kirchenfürsten gerade in seiner eigenen Kirchenprovinz - und dazu gehörten auch die Waldensertäler - mächtig dazu beigetragen haben, alle diejenigen zu stärken, welche wie er gegen die herrschenden Mißbräuche kämpften, zumal er das dabei nicht bewenden ließ, sondern in seinen Predigten dem Volk fleißig die Bibel auslegte. Das war nicht vergeblich. Spätere römische Chronisten klagen, daß seine Irrtümer bei seinen Schülern fortlebten. Solche Klagen über Irrlehren in den westlichen Teilen von Oberitalien kehren in jedem Jahrhundert wieder. 1028 wird sogar einer ganzen Gemeinde, Monforte bei Asti, der Prozeß gemacht wegen Ketzerei. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir in diesen sogenannten „Irrlehrern und Ketzern“ die Väter und Vorläufer unsrer Waldenser erblicken. Leider sind sichere Nachrichten aus jenen fernen Tagen nicht auf uns gekommen. Dafür mag hier ein merkwürdiges Schriftstück stehen, eine Art Glaubensbekenntnis, das unter dem Titel „Nobla Leyczon“ (die edle Unterweisung) auf uns gekommen ist. Wenn es auch in seiner jetzigen Fassung erst aus späterer Zeit stammt, so ist doch zu vermuten, daß es im wesentlichen die Lehren wiedergibt, welche seit alten Zeiten in den „Tälern“ heimisch waren. Diese alte Handschrift befindet sich jetzt in der englischen Universität Cambridge, wohin sie unter Cromwell gekommen ist. Einige der wichtigsten Abschnitte folgen hier in deutsche Übersetzung:

O Brüder, hört eine edle Unterweisung!
Wir müssen wachen und fleißig sein im Gebet,
Denn wir sehen, daß die Welt ihrem Ende nahe ist.
Schon sind tausendeinhundert Jahre verflossen,
Seitdem geschrieben ist: Es ist die letzte Zeit.
Da aber kein Mensch das Ende wissen kann,
So haben wir uns desto mehr zu fürchten. Verborgen ist es,
Ob heute oder morgen der Tod uns ruft.
Wenn aber Christus kommen wird am Tag des Gerichts,
So wird ein jeglicher seinen Lohn empfangen,
Sowohl wer da Böses als auch wer Gutes getan hat.

Wollen wir Christus lieben und Seine Lehre kennenlernen,
So müssen wir wachen und in der Schrift forschen.
Wenn wir diese lesen, dann werden wir finden,
Daß Christus nur darum verfolgt wurde, weil Er Gutes getan hat.
Es gibt auch heutzutage noch viele,
Die den Weg Christi zeigen wollen.
Aber darüber so verfolgt werden, daß sie wenig tun können.
Die falschen Christen sind so durch Irrtum verblendet,
Und zwar vor allen andern die Lehrer selbst;
Daß sie mißhandeln und töten, die besser sind als sie,
Dagegen die Schlechten in Ruhe leben lassen.
Daran kann man erkennen, daß sie keine guten Hirten sind:
Sie lieben die Schafe nur wegen der Wolle.
Ist jemand, der Gott liebt und Jesus Christus fürchtet,
Nicht verleumdet, nicht schwört, nicht lügt,
Nicht die Ehe bricht, nicht tötet, nicht stiehlt,
An seinen Feinden sich nicht rächt,
So sagen sie: das ist ein Waldenser und verdient den Tod.
Wer aber verfolgt wird wegen seiner Gottesfurcht, der kann sich trösten;
Denn nach seinem Ausgang aus der Welt
Wird sich der Himmel ihm öffnen,
Und dort wird er statt der Schande große Ehre haben.

Ich wage es zu sagen, und man wird finden, daß es wahr ist:
Alle Päpste, von Sylvester an bis jetzt,
Alle Kardinäle, Bischöfe und Äbte zusammengenommen
Haben nicht die Macht, irgend jemand loszusprechen
Und ihm für Todsünden Vergebung zu erteilen.
Gott allein vergibt die Sünde, sonst niemand!
Dagegen ist es die Pflicht der Lehrer,
Zu beten und dem Volk zu predigen,
Es oft zu speisen mit dem Worte Gottes,
Die Sünder mit guter Zucht zu strafen
Und durch ernste Vorstellungen zur Buße zu ermahnen,
Damit sie dem Herrn Jesus nachfolgen, Seinen Willen tun
Und getreulich Seine Gebote halten.

2. Petrus Waldus und die „Armen von Lyon“

Das Ende des 12. Jahrhunderts brachte der französischen Stadt Lyon an der Rhone, der reichsten und mächtigsten Stadt von Südfrankreich, eine gewaltige religiöse Bewegung. Sie ging aus von dem wohlhabenden Kaufmann Petrus mit dem Zunamen Waldus, den er wahrscheinlich von seinem Geburtsort Vaur oder Vallis, d.i. Tal, übernommen hatte.

Das war ein Kaufmann, ähnlich jenem im Evangelium, der auszog, Perlen zu suchen. Und da er eine köstliche fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte dieselbe. Petrus Waldus hatte sein Herz niemals an die Güter dieser Welt gehängt, welche Gott ihm reichlich beschert hatte, sondern hatte vielmehr nach himmlischen Schätzen getrachtet, die weder Motten noch Rost fressen. Darum nahm ihn Gott noch ähnlich wie unsern Luther in eine besondere Schule. Er befand sich gerade in einer größern Gesellschaft von Freunden und Bekannten, da stürzte einer derselben, wie vom Blitz getroffen, zu Boden und war sofort tot. Im tiefsten Herzen erschüttert, fragte sich Waldus: „Wo wärest du jetzt, wenn es dich anstatt des Freundes getroffen hätte?“ Der Gedanke an Tod, Gericht und Ewigkeit verließ ihn nicht mehr. Er begann mit doppeltem Eifer das Heil seiner Seele zu suchen. Und Gott, welcher es den Aufrichtigen gelingen läßt, führte auch diese suchende Seele zum rechten Ziel.

Durch das Lesen von Andachtsbüchern und Schriften der Kirchenväter kam er zu der Erkenntnis, welche damals selten war, daß die Heilige Schrift die eigentliche Quelle des christlichen Glaubens sei, und nun ruhte er nicht, bis er zu dieser Quelle durchgedrungen war.

Das war in jener Zeit freilich schwerer als heutzutage, wo jeder das Wort Gottes in seiner Übersetzung kaufen kann. Die Heilige Schrift war damals nur in lateinischer Sprache vorhanden, und Waldus verstand kein Latein. Aber er wußte sich zu helfen. Denn wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, sagt das Sprichwort. Er kannte zwei fromme Priester. Ihre Namen sind uns aufbewahrt. Stephan de Ansa hieß der eine, Bernhard Idros der andre. Die waren des Lateins wohl kundig, auch besser als die meisten ihrer Genossen in der Heiligen Schrift bewandert. Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit, das teure Evangelium für den Kaufmann Petrus in die Landessprache zu übersetzen. Stephan, der gelehrter war, diktierte Bernhard, im Schreiben wohl geübt, schrieb es nieder. So übersetzten sie in treuer Arbeit ein Evangelium, ein Buch der Bibel nach dem andern.

Wie froh war Waldus, nun die herrlichen Worte Jesu, Seine Gleichnisse, Seine Wundertaten zum allererstenmal ungehindert lesen und betrachten zu können! Von der hohen Freude des Mannes können wir uns kaum eine Vorstellung machen, weil wir es eben von Jugend auf so gut gehabt haben.

Das viele Geld, das er den Priestern für ihre mühsame Arbeit zahlen mußte, tat ihm nicht einen Augenblick leid. Im Gegenteil! Nun, nachdem er die eine köstliche Perle gefunden, ihren Glanz und Wert so recht erkannt hatte, wollte er den Schatz nicht für sich allein behalten, sondern brannte darauf, auch andern davon mitzuteilen. Deshalb verwandte er einen beträchtlichen Teil seines großen Vermögens dazu, das Gotteswort, das ihn so glücklich gemacht hatte, unter seinem Volk auszubreiten.

Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst waren die Bücher bekanntlich sehr teuer, weil alles abgeschrieben werden mußte und die Zahl derer, die sich darauf verstanden, nicht groß war. So kostete damals eine ganze Bibel wohl mehrere hundert Mark und war ein dickleibiger, unheimlicher Foliant. Darum ließ Waldus zwar eine ganze Anzahl Evangelien und einzelner biblischer Bücher abschreiben, suchte das Wort Gottes zugleich aber durch mündliche Verkündigung zu verbreiten. Seine Freunde und Bekannten lud er in sein Haus, las ihnen Gottes Wort vor und legte es aus, schlicht und einfach, wie eifriges Studium und Gebet um den Geist von oben es ihn gelehrt hatte. Diese Bibelstunden, so würde man sie heute nennen, zogen immer mehr Leute an.

Ein Zimmer nach dem andern mußte hinzugenommen werden, und als endlich der Raum im Hause nicht mehr ausreichte, drängten sich die Leute sogar draußen auf der Straße zusammen, um das Wort Gottes zu hören, das ihnen die Kirche nicht bot. Das Feuer der Liebe, das die Predigt des Waldus in vielen Herzen entzündet hatte, brannte weiter. Einige Gesinnungsgenossen verbanden sich mit ihm, um auch den umliegenden Dörfern und Städten das Evangelium zu bringen.

Als Wanderprediger zogen sie hinaus ins Land und fanden überall freudige, ja begeisterte Aufnahme. Die Botschaft ihrer Lippen wurde durch das Zeugnis ihres Lebens kräftig unterstützt. Während die römische Geistlichkeit durchweg in Reichtum und Üppigkeit praßte, ahmte Waldus mit seinen Genossen das Vorbild des 'armen Jesus' so genau nach, daß sie alle ihre Habe den Armen schenkten, um selbst als arme Leute durchs Land zu pilgern, und lebten in allen Stücken streng nach Jesu Wort.

Je größer der Zulauf des Volkes zu ihren Predigten wurde, desto heftiger entbrannte die Feindschaft der Geistlichen wider sie.

Zuerst hatte man sie als seltsame Schwärmer verlacht und verachtet, nun aber verbot ihnen der Erzbischof von Lyon ihre Wirksamkeit mit scharfen Worten. Denn das Predigen und Auslegen der Schrift stehe ungebildeten Laien nicht zu, sondern allein den Priestern.

Waldus war bisher ein treuer Sohn seiner Kirche gewesen, der nur daran gedacht hatte, ihre Mängel durch seine bescheidene Wirksamkeit auszufüllen, so gut er es vermochte. Diesem Verbot des Erzbischofs vermochte er aber nicht Gehorsam zu leisten, denn er hatte in seiner Bibel gelesen, daß Christus befiehlt: “Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“ (Mk. 16,15). Weil nun die Priesterschaft diesem Gebot Christi nicht mehr nachkam, so fühlte er sich dazu berechtigt, ja von Gott berufen, den Befehl des Herrn auszuführen. Dennoch versuchte er alles, um einen offenen Bruch mit der Kirche zu vermeiden.

Deshalb sandte er einige seiner treuesten Anhänger nach Rom und berief sich von dem Spruch des Erzbischofs auf die päpstliche Entscheidung.

Mit dem Papst erging es ihm aber ebenso wie einige Jahrhunderte später unserm Luther.

In Rom tagte gerade eine Kirchenversammlung (Konzil); dem wurde die Frage unterbreitet. Die Freunde des Waldus legten ihre Bibelübersetzung vor und gaben auf alle spitzfindigen Fragen nach ihrer Lehre so klare und treffliche Antwort, wußten auch die Einwendungen, die man ihnen machte, mit Stellen der Schrift so wohl zu widerlegen, daß sie ihren Hauptgegner, einen Dominikanermönch, Walter Mapes mit Namen, arg in die Enge trieben. Er konnte sie nicht widerlegen, und eben das reizte ihn. Zwar ihren apostolischen Lebenswandel mußte er anerkennen und bewundern: „Sie haben keinen bestimmten Wohnsitz, sondern wandern zu zwei und zwei umher, barfuß in wollenen Kleidern, und indem sie nichts besitzen, sondern wie die Apostel alles untereinander gemein haben, folgen sie nackt dem nackten Christus.“ Zugleich aber fühlte er die Überlegenheit ihrer Predigt und warnt das Konzil eindringlich, sie ja nicht zu bestätigen und ihnen die nachgesuchte Erlaubnis zum Predigen zu erteilen. „Sie fangen jetzt,“ sagte er, „auf die demütigste Weise an, weil sie noch keinen festen Fuß gefaßt haben; wenn wir sie aber festen Fuß gewinnen lassen, so werden wir selber bald von ihnen aus der Kirche herausgetrieben werden.“ Diese Warnung machte leider auf die Mehrheit der Bischöfe solchen Eindruck, daß man den Boten die nachgesuchte Erlaubnis rund abschlug und ihnen befahl, sich dem Verbot des Erzbischofs zu unterwerfen.

Damit war aber für Waldus und die Seinen der Augenblick gekommen, wo es galt: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Sie konnten und wollten es nicht lassen, zu zeugen von dem, was ihres Herzens Trost, ihrer Seele Freude geworden war. Als der Erzbischof sie mit Gewalt aus Lyon vertrieb, wanderten sie durchs ganze Land, und es ging wiederum wie zu der Apostel Zeit: „Die aber zerstreut waren in der Trübsal, so sich über Stephanus erhob, gingen umher und redeten das Wort, und die Hand des Herrn war mit ihnen, und eine große Zahl wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn“ (Apg. 11, 19-21). Bald war das ganze südliche Frankreich, besonders die Landschaften der Provence und der Dauphine, erfüllt von dem neuen Schall des süßen Evangeliums. Je verachteter und unbeliebter die alte Kirche geworden war, um so williger öffnete das Volk Ohr und Herz der neuen Lehre, die es als das wahre Evangelium Christi erkannte und annahm, allen Widersachern zum Trotz.

Natürlich war das Haupt der Bewegung, Petrus Waldus, am meisten der Verfolgung ausgesetzt. So handelte er nach der Weisung des Meisters: „Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine andre.“ (Mat. 10,23)

Von nun an sind die Nachrichten über ihn sehr unsicher. Er scheint über die Alpen nach Oberitalien gewandert zu sein. Von dort soll er sich nach Deutschland und schließlich nach Böhmen gewandt haben. Jedenfalls finden wir die Spuren der Wirksamkeit der Waldenser in vielen Städten am Rhein, ebenso in Böhmen und Mähren, wo sie später so zahlreich wurden, daß sie sich zur mährischen Brüderkirche zusammenschlossen.

Ja, die Hand des Herrn war mit dieser armen, geringen Schar Seiner treuen Jünger. Die „Armen von Lyon“, wie sie damals meist genannt wurden, haben viele reich gemacht. Weil sie gesandt waren als die Schafe mitten unter die Wölfe, so suchten sie bei aller Taubeneinfalt doch klug zu sein wie die Schlangen.

Ein alter Chronist, Rainerius Sacconi, entwirft uns ein anschauliches Bild von der Art und Weise ihres Wirkens: Vielfach reisten sie als wandernde Händler durch die Lande und fanden mit ihren Waren Eingang bei reich und arm. Wenn sie ins Haus traten, fragten sie mit Bescheidenheit: „Wünschen Sie einen Ring, ein Halstuch, eine Stickerei mir abzukaufen?“ Über dem Handeln suchte der Hausierer die Gemütsart seiner Kunden zu erforschen; und wenn er zum Schluß gefragt wurde, ob er nicht noch mehr zu verkaufen hätte, antwortete er: „Ja, ich habe noch weit größere Kostbarkeiten, als alle die sind, welche Sie gesehen haben, und ich bin bereit, sie Ihnen mitzuteilen, wenn Sie mich den Priestern nicht verraten wollen.“ Dieses Versprechen wurde meist gern gegeben, denn die Geistlichkeit hatte in jenen Tagen durch Herrschsucht und lasterhaftes Leben sich verhaßt gemacht. „Wir haben einen Edelstein,“ fuhr der Waldenser fort, „welcher so hell strahlt, daß man in seinem Licht Gott sehen und erkennen kann. Er strahlt ein solches Feuer aus, daß er das Herz zur Gottesliebe entzündet. Das unschätzbare Kleinod, welches ich meine, ist das Wort, durch welches Gott Seinen Willen offenbart.“ Alsbald zog der Hausierer aus einer verborgenen Tasche oder einem Schubfach seines Warenkastens ein Evangelium hervor und begann daraus zu lesen: die Bergpredigt, das Gleichnis vom Sämann, vom barmherzigen Samariter und andres. Die Leute waren Auge und Ohr, denn das war ihnen alles so neu, so unbekannt und doch so überaus köstlich. Der fremde Kaufmann wurde ihnen gar bald ein lieber Gast. Sie nötigten ihn zu bleiben, um noch mehr zu hören und von seinen verborgenen Schätzen reich zu werden.

In solcher Weise verstanden die Waldenser das Wort Gottes immer weiter auszubreiten, und auch in unser Vaterland haben sich damals manche Segensbächlein ergossen. Sagte man doch, ein Waldenser könne von Mailand bis Köln wandern und jede Nacht bei einem Glaubensbruder einkehren - so zahlreich sollen sie das Rheintal entlang vertreten gewesen sein. O hätte doch diese gesegnete Aussaat in Frieden wachsen und reifen können!

Aber es sollte nicht sein. Furchtbare Wetterstürme, Blitz, Donner und Hagelschloßen sind auf sie niedergeprasselt und haben sie schier zu Boden geschlagen.

3. Die ersten Verfolgungsstürme

Um das Jahr 1200 hatten die „Armen von Lyon“ und verwandte Richtungen im südlichen Frankreich dermaßen zugenommen, daß die römische Kirche befürchten mußte, ihre Herrschaft im Volk gänzlich zu verlieren. Um diese Zeit regierte in Rom einer der mächtigsten und tatkräftigsten Päpste, die je gelebt haben, Papst Innozenz III. Seine Macht und sein Einfluß in ganz Europa waren so groß, daß er es wagen durfte, Könige und Fürsten ab- und einzusetzen, je nachdem sie dem Papst zuwider oder zu Willen waren.

Er war klug genug zu erkennen, daß seine Vorgänger einen großen Fehler begangen hatten, als sie mit den Waldensern, die so voller Begeisterung waren, offen brachen, anstatt ihre Kraft und Opferwilligkeit irgendwie für den Dienst der Kirche zu gewinnen. Er versuchte den Fehler wieder gutzumachen, indem er sie durch fromme sanfte Legaten (Abgesandte) auffordern ließ, eine kirchlich geordnete Gemeinschaft zu bilden und als eine Art Bettel- oder Predigerorden, der natürlich unter die Oberleitung des Papstes hätte treten müssen, ihre Arbeit fortzusetzen.

Das Anerbieten war sehr verlockend. Mit einem Schlag wären die „Armen von Lyon“ aller Bedrückung enthoben gewesen, hätten dazu noch die Begünstigung des mächtigen Papstes und der Bischöfe gewonnen. Einige wenige ließen sich durch solche Schlangenlist verlocken; die allermeisten aber erkannten die gefährliche Versuchung, daß sie um weltlicher Vorteile willen ihr Bestes, die volle Wahrheit des Evangeliums und ihre Freiheit als Zeugen desselben, drangeben sollten. Die bisher erlittenen Verfolgungen hatten nach Gottes Rat dazu helfen müssen, ihnen die Augen zu öffnen, über die tief eingefressene Verderbnis des römischen Kirchentums. Darum sprachen sie mit ihrem Herrn und Meister zu dem Versucher: „Hebe dich weg von mir, Satan, denn es steht geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und Ihm allein dienen.

Als der stolze Papst merkte, daß er mit seiner List und Schlauheit an dem Wahrheitssinn der schlichten Christen zuschanden geworden, entbrannte sein Zorn, und er beschloß, die argen Ketzer mit Feuer und Schwert zu vertilgen.

Dabei kam ihm zustatten, daß im südlichen Frankreich neben den „Armen von Lyon“, die fest am schlichten Bibelglauben hielten, eine andre Richtung verbreitet war, welche allerlei Irrtümer mit der Wahrheit des Evangeliums vermengt hatte. Nach den Berichten ihrer Widersacher, welche allerdings nicht ganz zuverlässig sind, scheinen sie gelehrt zu haben, daß es außer dem guten Gott, dem Vater unsers Herrn Jesus Christus, noch eine böse Gottheit gebe. Den Ehestand und die heiligen Sakramente achteten sie gering, enthielten sich des Fleischessens und andres mehr. Von der Stadt Albi in Südfrankreich, wo sie ihren Hauptsitz hatten, erhielten sie den Namen Albigenser.

Recht geflissentlich haben von jeher die römischen Geschichtsschreiber die Albigenser und die Waldenser miteinander verwechselt oder gleichgestellt, um die einen mit den anderen dem gleichen Haß und der gleichen Verfolgung preisgeben zu können. Zuerst versuchte der Papst, die Fürsten des Landes, namentlich den reichen und mächtigen Grafen Raimund von Toulouse, zur Verfolgung ihrer ketzerischen Untertanen zu bewegen. Der aber widerstand mannhaft solchem Ansinnen, denn er wollte seine besten und treusten Untertanen nicht mit eigener Hand verderben. Als der Gesandte des Papstes immer zudringlicher und unverschämter wurde, wies er ihm endlich die Tür. Das war sein gutes Recht. Leider aber ließ sich ein Ritter des Grafen dazu hinreißen, um die gekränkte Ehre seines Fürsten zu rächen, dem Legaten nachzureiten und ihn zu erschlagen. Diese Bluttat gab dem Papst Innozenz einen doppelt willkommenen Anlaß, nunmehr durch ganz Frankreich einen Kreuzzug gegen die Ketzer und Priestermörder predigen zu lassen.

Die Kreuzzüge, diese gewaltigsten Unternehmungen des Mittelalters, galten ja ursprünglich nur dem einen Ziel, das Heilige Land (Palästina) den Händen der Ungläubigen zu entreißen. Dieser Gedanke hatte damals die ganze weite Christenheit des Abendlandes mit heiliger Begeisterung erfüllt, hatte Tausende und aber Tausende veranlaßt, Haus und Herd zu verlassen, um in gefährlichen und beschwerlichen Kriegszügen über Land und Meer, in vielen blutigen Kämpfen für ihres Herrn und Heilandes Ehre, wie sie meinten, das Leben zu wagen. Die ungeheuren Anstrengungen der ganzen abendländischen Christenheit durch mehr als ein Jahrhundert hindurch waren im Grund vergeblich gewesen. Sie hatte das Land zwar gewonnen, aber auch wieder verloren; gewaltige Opfer an Geld und Gut und Menschenleben waren ganz umsonst gebracht worden. Dennoch war die Begeisterung nicht erloschen. Ein Kreuzzug erschien den meisten immer noch als das heiligste und beste Werk, das ein Christ tun könne, wodurch er ganz gewiß die Seligkeit erlange.

Nun rief der mächtige Papst Innozenz aufs neue zum Kreuzzug auf wider die Ungläubigen, aber nicht wider die ungläubigen Türken im fernen Morgenland, sondern wider die ungläubigen Ketzer daheim in Frankreich. Er versprach den völligen Ablaß für alle Sünden, dazu Ruhm und reiche Beute einem jeden, der an diesem gottgefälligen Werk teilnähme. Was Wunder, daß auf solchen Ruf hin, den die Abgesandten des Papstes, Legaten, Priester und Mönche durchs ganze Land trugen, sich in kurzer Frist gewaltige Scharen zusammenfanden - sie sollen an die 500.000 Mann gezählt haben - die einen voll flammender Begeisterung, wider die Ketzer und Ungläubigen zu streiten, die andern - und das mag wohl der größere Teil gewesen sein - gelockt durch die Aussicht auf die Beute. Denn der ganze Süden Frankreichs glich damals einem Garten Gottes, voll Ölbäumen und Weingärten, mit reichen Dörfern und blühenden Städten.

Der Papst bestellte zum Anführer der Kreuzfahrer den Abt Arnold von Citeaux. Wes Geistes Kind dieser Abt gewesen, geht klar hervor aus seinen urkundlich bezeugten Worten bei der Belagerung der volkreichen Stadt Bezières. Als einige Soldaten ihn fragten, wie sie es machen sollten, um bei der bevorstehenden Erstürmung die Gläubigen (d.h. die guten Katholiken) von den Ungläubigen, den Ketzern, zu unterscheiden, da gab des Papstes Legat die grausige Antwort: „Schlagt sie alle tot! Der Herr kennt die Seinen!“ Dieser furchtbare Blutbefehl wurde nur zu wörtlich ausgeführt. Die Tore wurden erbrochen, die Mauern erstiegen, ein entsetzliches Gemetzel begann. Kein Alter, kein Geschlecht wurde verschont. Viele hatten sich in die geräumige Kirche geflüchtet und flehten um Erbarmen. Vergebens! In den geweihten Hallen wütete das Schwert mit der gleichen Grausamkeit gegen die Männer wie gegen die Weiber und Kinder. In dieser einzigen Kirche sollen 7.600 Menschen hingeschlachtet worden sein.

In derselben Weise wurde eine Burg, eine Stadt nach der andern berannt, erobert, ausgeplündert und angezündet, bis das so blühende Land weithin in eine Wüstenei verwandelt war.

Um aber die heimlichen Ketzer aufzuspüren, nachdem der offene Widerstand gebrochen war, setzte der Papst das schreckliche Inquisitionsgericht ein, ernannte die Dominikaner zu Inquisitoren und stattete sie mit solcher Vollmacht aus, daß die Fürsten und Ritter, ja sogar hohe Geistliche, wer nur immer der Ketzerei verdächtig schien, vor ihr Gericht ziehen konnten. Sie walteten ihres Amtes mit so blutgierigem Eifer und Spürsinn, daß das Volk sie nur „Domini canes“, d.i. „Gottes Spürhunde“ nannte.

Was dem Schwert entronnen war, das fiel nun dem Kerker oder dem Flammentod zum Opfer, falls es den Verfolgten nicht gelang, sich in die verborgenen Schluchten und Täler der Pyrenäen oder der Alpen zu retten. So kam es, daß die unwirtlichen und bisher nur spärlich bewohnten Täler der westlichen oder kottischen Alpen eine starke Zunahme der Bevölkerung aufwiesen, während der fruchtbare Süden Frankreichs fast verödete. Seit dieser Zeit erst werden die Nachrichten über die Waldenser häufiger und bestimmter. Wir begegnen geschlossenen Gemeinden; wir hören von ihren Geistlichen, die sie Barben nannten (wohl von barba = Bart abgeleitet) oder auch Oheim, als Ausdruck der kindlichen Hochachtung, die man ihnen zollte.

Diese Barben besaßen nur geringe weltliche Gelehrsamkeit; es fehlte ihnen in den Gebirgstälern ja auch jede Gelegenheit, sie zu erwerben. Aber es waren Schriftgelehrte zum Himmelreich gelehrt. Die meisten Bücher des Neuen Testaments konnten sie auswendig und wußten sie so erbaulich auszulegen, so passend anzuwenden, daß die Gemeinden an ihren Lippen hingen und keine andern Prediger hören mochten. Ein berühmter römischer Kanzelredner versuchte umsonst durch die Macht seiner Beredsamkeit die schlichten Talleute wieder für Rom zu gewinnen und durch seine Gelehrsamkeit die einfältigen Barben zu verwirren. Er mußte nach manchen Jahren angestrengter Arbeit von dannen ziehen, ohne etwas ausgerichtet zu haben.

Die Barben hatten keinen festen Wohnsitz wie jetzt die Geistlichen, sondern sie waren, ähnlich dem Petrus Waldus und seinen Genossen, Wanderprediger, die von Ort zu Ort zogen und oft weite Reisen unternahmen, um das Evangelium auch nach solchen Gegenden zu tragen, wo es noch unbekannt war. In apostolischer Einfachheit und Genügsamkeit pilgerten sie ihre Straße, von dem lebend, was die Gläubigen aus gutem Willen ihnen spendeten.

Jedoch die Barben waren es nicht allein, die das Volk in Gottes Wort unterwiesen. Noch höher ist der Eifer zu schätzen, den die armen Bergbewohner selbst bewiesen, um sich und ihre Kinder immer vertrauter zu machen mit dem Wort der Wahrheit. Sogar katholische Schriftsteller sprechen bewundernd von dem Fleiß, mit welchem der Arbeiter bei den Geschäften, die Mutter im Hause mit ihren Kindern, der Bauer mit seinen Knechten lehrte und lernte. Wollte sich einer mit seinem schlechten Gedächtnis entschuldigen, so wurde ihm erwidert: „Lerne täglich nur einige Worte, so wirst du doch in Jahr und Tag dir einen Schatz gesammelt haben.“ Neben dem Bibelwort wurden gute Sprichwörter und Lehren der Jugend eingeprägt: „Nackt und arm kommen wir in die Welt, nackt und arm verlassen wie sie wiederum. Des Lebens Anfang und Ende ist gleich bei Reichen und Armen, bei Herren und Knechten.“ - „Die Undankbarkeit ist ein Wind, der die Quellen der göttlichen Gnade austrocknet.“ - „Eine gute Handlung ist ein gutes Gebet.“ - „Der Mund, welcher lügt, tötet die Seele.“ Solche Kernsprüche prägten sich leicht dem Gedächtnis ein und pflanzten sich fort von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht.

Die Talleute hielten untereinander auf strenge Zucht und Sitte. Der Besuch von Musik, Tanz und rauschenden Lustbarkeiten galt ihnen als schwere Sünde, die Schenken und Wirtshäuser als des Teufels Werkstätten. „Gott beweist seine Wunder,“ pflegten sie zu sagen, „indem Er die Lahmen gehen, die Tauben hören, die Blinden sehen macht. Der Teufel tut im Wirtshaus von allem das Gegenteil. Denn wenn ein Trinker aus dem Wirtshaus kommt, so hat er nicht bloß seinen festen, aufrechten Gang verloren, sondern auch Gehör und Sprache, Gesicht, Verstand und Gedächtnis.“ Ihre Streitigkeiten brachten sie nicht vor die Gerichte, sondern schlichteten sie untereinander durch den Schiedsspruch ihrer Ältesten. Diese erfreuten sich wegen ihrer weisen, gerechten Entscheidungen eines solchen Ansehens, doch nicht selten auch die Anhänger der römischen Kirche ihrer Streitsachen vor sie brachten. Muß doch selbst der schon genannte Ketzerrichter Rainerius Sacchoni den Waldensern das Zeugnis geben: „Die Waldensersekte ist durchaus verschieden von den andern Sekten, welche bei denen, die ihre schändlichen Lehren hören, sogleich Abscheu erregen. Diese Sekte verführt vielmehr durch einen gewissen Schein der Frömmigkeit. Sie führen einen rechtschaffenen Wandel vor den Leuten, und sie glauben in Bezug auf Gott alles, was man glauben soll, alle Artikel des apostolischen Glaubens. Nur lästern sie die römische Kirche und Geistlichkeit. - Sie sind in ihren Sitten ordentlich und bescheiden, tragen keine Kostbarkeiten, sondern die meisten gehen ganz ärmlich einher. Ihre Frauen zeichnen sich durch Sittsamkeit aus, meiden die Klatschereien, leichtsinnige Reden und Flüche. Viele wissen das ganze Neue Testament und einen großen Teil des Alten auswendig und wollen nicht, daß man sie etwas andres lehre. Denn sie sagen, alles, was die Prediger ertragen, ohne es durch die Bibel zu beweisen, sei nichts als Lüge.“

Man sollte erwarten, daß die verschiedenen Grafen und adeligen Herren, welchen die Waldensertäler unterworfen waren, solche treuen, fleißigen Untertanen geschätzt und gegen ihre Widersacher geschützt hätten. Bei einigen traf das auch zu. Diese haben es wohl nicht ungern gesehen, daß aus Südfrankreich ein Häuflein der Versprengten und Verfolgten nach dem andern sich in die wilden Alpentäler flüchteten, den magern Boden urbar machte und in den Tälern Dörfer anlegte, die heute zum Teil zu saubern Städtchen angewachsen sind, wie Pomaretto und andre. Auf den hohen Almen trieben sie Viehzucht, und durch das eine wie das andre mehrten sie den Wohlstand des Landes.

Zwar sind einzelne Inquisitoren im 13. und 14. Jahrhundert auch bis in diese weltfernen Täler vorgedrungen; doch sind die Nachrichten darüber spärlich. Genauere Kunde besitzen wir nur von dem Überfall, welchen eine Schar fanatischer Römlinge unter der Führung des Inquisitors Borelli ums Jahr 1400 auf die friedlichen Bewohner des Tals von Pragelas machte. Das ist ein Hochtal der kottischen Alpen am Fuß des gewaltigen Albergian, der fast 3000 Meter hoch aufragt, so wild und abgelegen, daß seine Bewohner bis auf diesen Tag ihre Reisen zu Fuß oder auf einem Saumtier machen. Deshalb sind die Frauen, ja die halbwüchsigen Kinder des Reitens ebenso kundig wie die Männer. Wie unwegsam muß es dort vor 500 Jahren gewesen sein und wie groß die Verfolgungswut des Inquisitors, den weder die himmelhohen Berge noch der metertiefe Schnee hemmte.

Denn es war gerade am Abend vor Weihnacht, dem Fest des Friedens, als die Rotte der Mordbrenner über die ahnungslosen Talbewohner herfiel, welche diesem plötzlichen Angriff gegenüber an keine Abwehr denken konnten. Das einzige Rettungsmittel war schleunige Flucht in die Berge. So nahmen die Mütter ihre Säuglinge auf den Arm, die Väter trugen etlichen Mundvorrat auf dem Rücken, faßten die älteren Kinder an der Hand, und fort ging's in die schnee- und eisbedeckten Berge. Viele wurden von ihren Verfolgern eingeholt und niedergemacht, andre verirrten sich und erfroren im Schnee, darunter gegen 80 Kinder! Die meisten retteten sich auf einen hohen, unwegsamen Berg, 3000 Meter hoch, welcher seit jenen Tagen den Namen Albergian (Herberge oder Zufluchtsort) führen soll; andre erklären den Namen als Alp Bel Gian (schöne Riesenalp).

Jedoch folgen auf dieses plötzlich ausgebrochene Unwetter lange Jahre verhältnismäßiger Ruhe. Einem Kreuzherr, das von Papst Innozenz VIII. im Jahr 1488 gegen sie gesandt wurde, widerstanden sie mit solcher Tapferkeit, daß die Angreifer gewinn- und ruhmlos wieder abziehen mußten.

Der damalige Erzbischof von Turin, Klaudius Seyffel, war ein milder und verständiger Mann, der die Abtrünnigen lieber durch Belehrung als durch Gewalt in den Schoß der Kirche zurückführen wollte. Er studierte ihre Einrichtungen, Sitten und Lehren sorgfältig und gibt ihnen folgendes Zeugnis: „Sie halten die christlichen Gesetze und Ordnungen besser als viele unter uns, außer in den Stücken, welche sie wider unsern Glauben lehren. Im übrigen führen sie einen bessern Wandel als alle andern, welche sich Christen nennen. Sie schwören nur dann, wenn sie dazu gezwungen werden, halten treu ihr Wort und leben in der größten Dürftigkeit.“

Ein besseres Zeugnis über die angeblichen Ketzer läßt sich von einem römischen Kirchenfürsten jener Tage wahrlich nicht erwarten.

4. Waldensergemeinden am Rhein

Wenn der Eifer jener „Armen aus Lyon“ sie nicht im eigenen Vaterland bleiben ließ, so folgten sie dadurch dem Befehl Christi, hinzugehen in alle Welt, um das Evangelium aller Kreatur zu predigen. Dazu trieben die Verfolgungen sie gerade in solche Gegenden, wo man ihnen weniger nachspürte. Wenn die einen sich in die Gebirgszüge der Westalpen flüchteten, so pilgerten andre nach Norden, nach Lothringen und Metz. Von da aus sind sie nach Trier und Köln gekommen. Auch hier gewann ihr frommer Wandel und ihre schlichte Bibelauslegung ihnen viele Freunde. Der Propst Everwin von Steinfeld schreibt um 1140 an den Abt Bernhard von Clairvaux: „In neuerer Zeit haben sich bei uns in der Nähe von Köln gewisse Ketzer gezeigt, von denen einige gern in die Kirche zurückgekehrt sind. Einer aber, der ein Bischof unter ihnen war, widersprach in einer Versammlung, in welcher der Erzbischof samt vielen Adeligen zugegen war, ganz offen und verteidigte seine Ketzerei mit den Worten Christi und Seiner Apostel. Wie sie allein stehen mit ihrer Verachtung aller weltlichen Größe, ebenso streben sie danach, in der Nachfolge Christi und Seiner Apostel allein dazustehen und also die einzige wahre Kirche Christi auf Erden zu sein. Indem sie sich eines fleckenlosen Wandels befleißigen, sich auf ihren Fleiß, ihre Mäßigkeit, auf die Einfachheit ihrer Gottesdienste berufen, vergleichen sie ihren Zustand mit dem der alten Märtyrer, welche von einer Stadt zur andern flohen, als Lämmer unter den Wölfen. - Sie tadeln die Geistlichen als solche, die der Welt anhängen, als falsche Apostel, die das Wort Gottes verderben und der Heiligkeit ihres Berufs völlig entfremdet sind. - Das Fegfeuer betrachten sie als eine Fabel, die Anbetung der Heiligen verwerfen sie als Gotteslästerung und verweigern dem Papst den Gehorsam. Mit einem Wort, alles, was in der Kirche beobachtet wird, ohne von Christus selber oder Seinen Aposteln eingerichtet zu sein, bezeichnen sie als Aberglauben.“

Man muß sich wahrlich wundern, daß ein aufrichtig frommer Mann, wie Everwin es gewesen zu sein scheint, solche Leute als Ketzer bezeichnet. Weniger darf es uns wundernehmen, daß es den Priestern gelang, in Köln, dem deutschen Rom, solchen Haß des Pöbels gegen diese Ketzer zu entflammen, daß er sie ergriff und mit Wutgeschrei in die Flammen warf.

In Straßburg, das damals unter allen blühenden Städten des Oberrheins die blühendste und reichste war, sich aber auch durch frommen Sinn der Bürger auszeichnete, entdeckten zu Anfang des 13. Jahrhunderts die spürenden Dominikanermönche eine Gemeinde, die in Lehre und Leben durchaus den Waldensern Italiens glich, obgleich sie, um der Verfolgung zu entgehen, sich diesen Namen nicht beilegte. Das Volk nannte sie mit dem seltsamen Namen „Das Brot durch Gott“, weil sie den Armen und Bettlern wohl reichlich Almosen spendeten, aber nie mit dem sonst üblichen Zusatz „um St. Peters, um unserer lieben Frauen willen“, sondern stets „um Gottes willen“ oder „durch Gott“. Dadurch verrieten sie, daß sie die Heiligen nicht verehrten. An die 500 Seelen sollen sich zu dieser verborgenen Gemeinde gehalten haben, darunter auch manche reiche und vornehme Bürger. Deshalb wagte der Bischof von Straßburg nicht alsogleich, mit Gewalt gegen sie vorzugehen, sondern suchte sie durch Religionsgespräche von ihrer Ketzerei zurückzubringen. Doch schlugen die Waldenser, wohl bewandert in der Schrift, ihre Gegner stets aus dem Felde. Da ließ der Bischof ausrufen, daß er forthin die größte Strenge walten lassen werde und alle, so die Ketzerei nicht abschwören wollten, ohne Erbarmen dem Feuertod überantworten. Durch diese Drohung wurden viele schwankend, baten um Gnade, lieferten ihre Schriften, Bibelübersetzungen und Andachtsbücher aus und gestanden, daß die Gemeinschaft drei Oberhäupter habe. Der erste und vornehmste (ihr „Obrist“) wohne in Mailand, ein zweiter, mit Namen Birkhardus, in Böhmen, der dritte sei der Priester Johannes in Straßburg selbst.

Der wurde sogleich in ein peinliches Verhör genommen. Als aber die Richter nicht gegen ihn aufkommen konnten, da er sich beständig auf die Schrift berief, so verlangten sie, er solle die Wahrheit seiner Lehre durch ein sogenanntes Gottesurteil beweisen, durch die Probe mit glühendem Eisen. Schlicht und fest erwiderte Johannes: „Es steht geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen. Er hat uns dazu Sein Wort gegeben, daß wir erkennen, was wahr und was falsch ist.“ Da höhnten die Feinde: „Seht da, der will sich die Finger nicht verbrennen!“ „Ich habe Gottes Wort,“ erwiderte der Zeuge Christi, „dafür will ich mir nicht nur die Finger, sondern den ganzen Leib verbrennen lassen.“

Und so geschah es. Er selbst und gegen 80 seiner Glaubensgenossen wurden zum Scheiterhaufen verurteilt. Vorher aber wurde ihnen die Ursache ihres Todes vorgehalten. 17 Sätze ihrer Lehre, die ganz besonders ketzerisch erschienen. Die wichtigsten wenigstens sollen hier stehen. Denn damit haben die Feinde selber wider Willen bekannt, daß sie treue Zeugen und Jünger Jesu umbrachten:

„Zum ersten: Sie glauben und lehren, man solle Gott allein durch Christus im Geist und Glauben anbeten. Darum seien alle Bilder und jegliche Verehrung derselben zu verwerfen. Das ist eine Ketzerei wider die heilige römische Kirche und ärgerlich zu hören.

Daß der Papst ein Herr sei über die ganze Welt und alle Königreiche auf Erden, auch die Macht habe, Gottes Wort zu mehren oder zu mindern, glauben sie nicht. Das ist eine Ketzerei usw.

Des Papstes Ohrenbeichte, Absolution und Bann halten sie für unnötig; denn Menschen könnten trügen und lügen. Der Papst sei ein Mensch, darum könne er irren. Ein frommer Laie könne besser absolvieren denn ein böser Priester, weil Gott spricht: Ich werde euren Segen verfluchen. (Mal. 2,2). Das ist eine Ketzerei.

Der Priester Messe komme den Toten nicht zunutz, denn es könne kein Fegfeuer bewiesen werden. Nur der Geiz habe solches erdacht, damit die Geistlichen der Welt Güter an sich bringen. Denn ohne Geld beten sie weder für Tote noch Lebendige. Das ist eine große Ketzerei.

Christus und seine Jünger sind arm gewesen, haben der Welt Güter verschmäht. Der Papst nimmt mit Gewalt aller Welt Güter an sich, verschwendet alles auf schändliche Weise, so doch solches den Armen sollte gegeben werden. Das ist eine Ketzerei.

Ein jeder, er sei geistlich oder weltlich, möge trotz seines Gelübdes zur Ehe schreiten. Das sei besser, als ein anstößiges Leben zu führen. Das ist eine ärgerliche Ketzerei.“

Diese und andre „Irrlehren“ wurden Johannes und den Seinen vorgehalten. Vergeblich rechtfertigte er sich mit beredten Worten aus der Heiligen Schrift. Noch einmal wurden sie gefragt: „Wollt ihr auf eurem Glauben bestehen?“ und als sie unverzagt entgegneten: „Ja, wir wollen!“ führte man sie unter dem lauten Jammer ihrer Verwandten und Freunde vor die Stadt hinaus in eine tiefe, große Grube, die bei dem St.-Galler Kirchhof gegraben und rings mit Holz umgeben war. Das Feuer wurde angezündet. Aus Rauch und Flammen vernahm man noch die Psalmengesänge der Märtyrer, bis sie, schwächer und schwächer wurden und endlich Todesschweigen sich über der grausen Stätte lagerte, auf welche man im Volk noch nach Jahrhunderten schaudernd hinwies als auf die „Ketzergrube“.

Aber das Evangelium war damit noch nicht ausgerottet in Straßburg. In aller Stille und Heimlichkeit wurde es weiter gelesen, bewegt und gepflegt, namentlich in dem Verein der sogenannten „Gottesfreunde“, aus welchem der berühmteste und gesegnetste Prediger des Mittelalters, Johannes Tauler, hervorging. Der hatte schon manches Jahr in Beweisung des Geistes gepredigt und innere Herzensfrömmigkeit gefordert statt der äußern Zeremonien. Das Volk nannte ihn nur seinen „lieben Vater Tauler“. Doch war er noch nicht zur vollen Erkenntnis der Wahrheit hindurchgedrungen, Da machte sich der ehrwürdige Bruder Nikolaus von Basel, das Haupt aller „Gottesfreunde“ am Oberrhein, auf nach Straßburg, um dem berühmten Prediger die Binde von den Augen zu nehmen, daß ihn das volle Licht des Evangeliums erleuchte. Zuerst ward Tauler erzürnt, da jener ihm seine Irrtümer vorhielt, und begehrte auf. Doch Nikolaus zeigte ihm, daß gerade sein ungöttliches Zürnen beweise, daß er noch ein Pharisäer sei, der mehr die eigene denn Gottes Ehre suche. Da rief Tauler aus: „Wahrlich, Ihr seid der erste, der mein Gebrechen mir offenbart hat. Nun will ich suchen, mit Gottes Hilfe und Eurem Rat mein Leben zu ändern. Seid von nun an mein geistlicher Vater und laßt mich Euren armen, sündigen Sohn sein!“ Solches versprach Nikolaus willig und gab ihm gar einfache Lehren: „Lerne vor allem den eigenen Willen brechen und auf Gottes Stimme horchen, nicht wieder hinter sich und nicht den Kreaturen nachsehen, dafür aber Christi Lehre und Leben allezeit bedenken und danach leben.“ Deshalb solle er einige Jahre das Predigen ganz unterlassen und sich tiefer in die Schrift versenken.

Das war eine harte Forderung für Tauler, die ihm Schmach und Spott bei den eigenen Ordensgenossen eintrug. Dazu wurde er krank, geriet in Armut und Not. Aber er hielt in so harter Schule aus, suchte und fand den wahren Frieden, so daß er sprechen konnte: „Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Darauf ermahnte ihn Nikolaus, fortan in solchem Frieden festzustehen. Jetzt solle er auch wieder anheben zu predigen und den Mitchristen den Weg zum ewigen Leben zu zeigen. „Nun ist's nicht mehr not, daß ich Euch lehre, dieweil Ihr den rechten Meister gefunden habt, dessen Werkzeug ich nur gewesen bin. Den höret und seid Ihm gehorsam! Das ist mein letzter Rat, den ich Euch gebe.“

Tauler nahm nun zu im göttlichen Leben und wurde immer mehr von der Gnade des Heiligen Geistes erfüllt. Die weiten Hallen der „Neuen Kirche“ konnten die Menge der Andächtigen nicht fassen, welche zu seinen Predigten sich drängten. Manche wurden so tief ergriffen, daß sie wie ohnmächtig hinsanken. Trotz des Papstes Verbot fuhr er fort zu predigen, und es wäre dem kühnen Mann wohl übel ergangen, hätte nicht der Rat der Stadt seine starke Hand über ihn gehalten. Als der „schwarze Tod“, diese furchtbare Pest, die Stadt heimsuchte, da sah man ihn mitten unter den Kranken und Sterbenden stehen, sie tröstend und das Sakrament ihnen reichend.

Von seinen Predigten bezeugt Luther, daß er weder in lateinischer noch in deutscher Sprache je eine gesundere und mit dem Evangelium mehr übereinstimmende Theologie gefunden habe. Deshalb hat Luther auch das Büchlein, das gemeinhin „die deutsche Theologie“ genannt wird, wieder neu herausgegeben. Wenn es nicht von Tauler selber verfaßt ist, so stammt es doch jedenfalls aus dem gleichen Kreis der „Gottesfreunde“ und gibt die Summa des Evangeliums so klar und köstlich wieder wie keine andre Schrift des Mittelalters.

5. Im Zeitalter der Reformation

So ging das Mittelalter zu Ende. Mit der Reformation brach eine neue Zeit an. Staunend vernahmen die Waldenser in ihren Waldtälern die Kunde von dem Auftreten Luthers in Deutschland und Zwinglis in der Schweiz.

Sollte es möglich sein, daß das teure Gotteswort, welches sie allein in der weiten Christenheit unter viel Gefahr und Drangsal von Geschlecht zu Geschlecht sich bewahrt hatten, nun frei und öffentlich an vielen Orten gepredigt wurde, daß Tausende und aber Tausende derselben Lehre des Evangeliums zujauchzten, welche Rom stets als Ketzerei verdammt und verfolgt hatte? Solche Kunde war fast zu schön, zu wunderbar, als daß man sie leichthin glauben konnte. Doch immer neue Boten bestätigten die ersten Berichte; endlich mußte man das Wunderbare glauben. Ja, der Allmächtige hatte abermal gesprochen: „Es werde Licht!“. Er hatte das Licht hervorbrechen lassen aus der Finsternis und einen hellen Schein gegeben in vieler Herzen, zu erkennen den wahrhaftigen Heiland und in Ihm Vergebung der Sünden zu gewinnen, Leben und Seligkeit. Mitten im tiefsten, hoffnungslosen Verderben der Kirche schuf Gott ein Neues. Der schnödeste Mißbrauch des Heiligen, der Ablaßhandel Tetzels, mußte dazu dienen, der Christenheit die verlorenen Schätze des Evangeliums wiederzugeben. O, welch eine Tiefe der Weisheit Gottes! Wie gar unbegreiflich sind Seine Wege!

Als nun die Talbewohner, die Waldenser, nicht mehr daran zweifeln konnten, daß das Unglaubliche wirklich geschehen sei, zauderten sie nicht, sondern sandten ihre besten Männer hinüber, daß sie mit eigenen Augen sähen, mit eigenen Ohren vernähmen, was sich dort jenseits der hohen Alpen zutrug; daß sie mit den teuren Gottesmännern, den Reformatoren, Zwiesprache pflegten über die wichtigsten Stücke des gemeinsamen Glaubens. Die Abgesandten der Waldenser - es waren die Barben Martin aus dem Tal von Lucerna, Georg Morel und Peter Masson aus der Provence - fanden gar herzliche Aufnahme, wohin sie kamen, in Zürich bei Zwingli, in Basel bei Ökolampadius und Capito, in Straßburg bei Bucer. Diese alle waren voll Lobes und Dankes, daß Gott jenem kleinen Häuflein ungebildeter Bergbewohner die Gnade verliehen hatte, durch die Jahrhunderte hindurch im rechten Gottesdienst zu verharren, gleich jenen 7000 in Israel zu Elias Zeiten, welche ihre Knie nicht gebeugt hatten vor Baal.

In eingehenden Unterredungen wurde den schlichten Evangelisten manche Schriftstelle noch deutlicher ausgelegt, und als sie nun in die heimischen Täler zurückkehrten, brannten sie darauf, ihren Volks- und Glaubensgenossen zu berichten von allem, was sie gelernt und erfahren hatten.

In dem abgeschlossenen, wilden Tal von Angrogna kamen im Jahr 1532 die Abgeordneten aller Waldensergemeinden zusammen. Bis aus den fernen Bergen Kalabriens am Südende der langgestreckten italienischen Halbinsel, wo auch seit alters Waldenser ansässig waren, eilten sie herbei. Auch einige Reformatoren der Schweiz waren der Einladung gefolgt, namentlich Farel, der später mit Calvin so treu zusammenarbeitete, und Olivétan aus Genf. Das waren reichgesegnete Tage; ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Waldenser hebt mit der Synode von Angrogna an. In brüderlichem Austausch, unter ernstlichem Gebet wurden alle wichtigen Lehren durchgesprochen und in einem gemeinsamen Glaubensbekenntnis niedergelegt, damit es forthin die Grundlage der Waldenserkirche bilde.

Gottlob, sie brauchten an ihrem alten Bibelglauben nichts Wesentliches zu ändern. Aber zwei wichtige Beschlüsse wurden gefaßt: Zum ersten wollten sie ihre Gottesdienste künftighin nicht mehr im geheimen, sondern öffentlich halten und sich noch besser in Gemeinden mit eigenen, fest angestellten Predigern gliedern, während die alten Barben bisher durchweg Wanderprediger gewesen waren. Dagegen sollte der Besuch der Messe, der ihnen bisher nicht so schlimm schien, unterbleiben, weil die Anbetung der Hostie gegen das klare Wort Gottes verstoße und man aller Heuchelei absagen müsse. - Zum andern wurde Olivétan beauftragt, für die Waldenser eine neue Bibelübersetzung anzufertigen, denn die alte war doch recht mangelhaft; und die armen Waldenser legten bare 1500 Taler zusammen, um diese Übersetzung in Lausanne drucken zu lassen und in ihren Tälern zu verbreiten. Sie waren sich dessen wohl bewußt, daß sie durch diese Beschlüsse Roms Zorn und Feindschaft aufs neue erregen würden; aber sie waren in der brüderlichen Gemeinschaft stark geworden, um alles zu wagen und ihren Glauben noch offener denn zuvor vor den Menschen zu bekennen in der getrosten Zuversicht auf ihres Herrn Beistand.

Solcher Glaube ist nicht zuschanden geworden. Zwar suchten die Widersacher dass neu aufflammende Glaubensleben zu unterdrücken; hin und her mußten sich die Talbewohner ihrer Haut wehren. Es haben auch in jenen Jahren einige Zeugen ihren Glauben mit dem Tod besiegelt, wie jener Catelan Girardet aus St. Jean im Tal der Lucerna, der um 1535 zum Feuertod verurteilt wurde. Schon hatte man ihn auf dem Holzstoß an den Pfahl gebunden, da ließ er sich zwei Kieselsteine bringen, hob sie hoch und rief mit lauter Stimme: „Ihr armen Leute, die ihr meint, durch solche Verfolgung unsre Kirche zu zerstören! Wahrlich, das wird euch ebensowenig gelingen, als es mir möglich ist, in meinem letzten Augenblick diese Steine zu verzehren.“ - Doch fanden solche Verfolgungen damals nur hier und da statt. Wie in unserm Vaterland Kaiser Karl V. durch seine Kriege gegen Franz I. und gegen die Türken 25 Jahre lang gehindert wurde, seine bösen Pläne gegen das Evangelium zur Ausführung zu bringen, so waren es in Italien die Kämpfe zwischen Frankreich und Savoyen, welche den Waldensern eine lange Zeit verhältnismäßiger Ruhe verschafften.

Denn obwohl beide Mächte dem Evangelium in gleicher Weise feindlich gesinnt waren, so wurden sie doch durch ihre politischen Händel zu sehr in Anspruch genommen, um sich viel um die religiösen Fragen zu kümmern. Namentlich in den Jahren, als Frankreich Piemont und Savoyen erobert hatte, hütete es sich wohl, die neuen Untertanen durch Verfolgungen zu erbittern. So konnte sich die evangelische Lehre gerade unter dem Schutz der französischen Waffen immer weiter ausdehnen; nicht nur in den Tälern der Alpen fiel ihr ein Dorf nach dem andern zu; selbst in der Hauptstadt des Landes, in Turin, bestand eine blühende Waldensergemeinde. Hin und her wurden Kirchen erbaut, während bis dahin die Gottesdienste in den Häusern oder auch im Freien, unter den dichtbelaubten Kastanienbäumen abgehalten worden waren. Es war eine Zeit der Blüte und des Wachstums, wie die Waldenserkirche sie noch nie erlebt hatte. Wohl konnte man die Hoffnung hegen, daß in kurzem hüben und drüben der Alpen das Panier des Evangeliums siegreich wehen würde. Ergoß sich doch von dem benachbarten Genf aus durch das unermüdliche Wirken des geistesmächtigen Calvin ein starker Strom evangelischen Lebens in alle romanischen Länder.

Da brachte das Jahr 1559 einen unerwarteten Umschwung. Durch das siegreiche Vordringen der spanischen Truppen wurde Frankreich genötigt, auf seine bisherigen Eroberungen zu verzichten und dem savoyischen Fürstenhaus dessen Erblande, Piemont und Savoyen, wiederzugeben. Und seltsam! Während die Waldenser bisher unter fremder Herrschaft eine ziemliche Ruhe genossen hatten, brach mit der Rückkehr des angestammten Herrschers eine Zeit härtester Drangsale an. Denn Emanuel Philibert von Savoyen war ein naher Freund jenes schrecklichen panischen Königs Philipp II., den man wohl „den Teufel des Südens“ genannt hat, der wie kein andrer das Evangelium verfolgt hat, wo er nur konnte. Kein Wunder, daß Philibert, kaum in sein Land zurückgekehrt, ein Edikt ausgehen ließ, in dem er streng verbot, andre als römisch-katholische Prediger zu hören. Jeder Übertreter solle mit 100 Talern Gold gebüßt, beim zweitenmal aber zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt werden.

Man kann sich denken, daß die Kunde von diesem harten Edikt wie eine Bombe unter die friedlichen Talbewohner fiel. Sogleich sandten sie ihre Abgeordneten an den Hof des Fürsten mit einer ebenso ehrerbietigen wie freimütigen Vorstellung. Darin hieß es: „Durchlauchtigster Fürst und Herr! Es bleibt eine ewige Wahrheit: Himmel und Erde werden vergehen, aber das Wort Gottes bleibt ewiglich. Ist nun unser Glaube das lautere Wort Gottes, wie wir ganz und gar überzeugt sind, und nicht irgendein Menschenwerk, so wird keine menschliche Macht ihn jemals zerstören können. - Ew. Durchlaucht wissen nur allzu gut, welche schrecklichen Verfolgungen man schon vor vielen Jahren gegen die Anhänger unsers Glaubens verhängt hat, daß aber dieselben, statt gedämpft und ausgehungert zu werden, dadurch nur erstarkt und an Zahl gewachsen sind. Ist dies nicht Beweis und Zeugnis genug, daß das Werk nicht aus Menschen, sondern aus Gott ist? … Die Türken, Juden und Heiden, selbst die wildesten Völker leben bei ihrer eigenen Religion, und niemand sucht sie mit Gewalt davon abzubringen. Wir aber, die wir dem allmächtigen Gott und unserm einigen Herrn und Seligmacher Christus Jesus in wahrem Glauben dienen und einerlei Evangelium und Taufe mit Ihnen haben, wir sollten nicht geduldet werden?! - Wir flehen demnach zu Ew. Durchlaucht so gepriesenen Gottesfurcht und bitten um unsers Heilands und Erlösers willen, uns, dero allergehorsamste und treuste Untertanen, bei dem lautern, reinen Evangelium Gottes zu schützen und zu erhalten und uns nicht zu Dingen zu zwingen, welche wider unser Gewissen streiten. Für solche gnädige Erhörung unsrer Bitte werden wir nicht aufhören, täglich von Herzen zu Gott zu beten, daß Er Ew. Durchlaucht bis ins späteste Alter in vollkommenstem Wohlsein erhalten möge.“

Doch alles Flehen und Bitten war vergeblich. Der Herzog, durch den Papst und den Jesuitengeneral Pater Lainez angestachelt, sandte ein Heer von 6 - 7000 Mann, noch durch französische Hilfstruppen verstärkt, in die Täler, um die Ketzerei auszurotten. La Tour (italienisch Torre Pellice), der Hauptort der Waldenser, nebst manchen Dörfern wurde teils mit Gewalt, teils mit List gewonnen. An den Gefangenen verübten die Soldaten unmenschliche Grausamkeiten: In Angrogna schnürten sie einen 60 jährigen Mann auf den Tisch fest, schlitzten ihm den Leib auf und banden auf die Wunde ein Gefäß mit Käfern, die in den Leib krochen und den Unglücklichen unter den schrecklichsten Schmerzen zu Tode marterten. Um den viehischen Gewalttaten zu entgehen, stürzten sich verfolgte Jungfrauen in den Abgrund. Was fliehen konnte, das floh in die unzugänglichen Berge oder in die Verstecke der Höhlen.

Die Männer aber griffen in der Verzweiflung zu den Waffen, und es gelang ihrer Tapferkeit, in den natürlichen Festungen ihrer Berge dem Feind zu widerstehen, ja sogar ihm bedeutende Verluste zuzufügen, so daß nach einjährigem erbittertem Ringen der Herzog erkannte, es sei unmöglich, das tapfere Völklein zu überwinden. Er ließ sich auf Verhandlungen ein, und zu Cavor wurde am 5. Juli 1561 ein förmlicher Friede geschlossen. - In dem Friedensvertrag wurde den Waldensern zum erstenmal eine gewisse, wenn auch noch mannigfach beschränkte Religions- und Gewissensfreiheit zugesichert: „Es soll ihnen erlaubt sein, an den gewöhnlichen Orten zusammenzukommen, zu predigen und Gottesdienst zu halten. Den Geistlichen ist es unverwehrt, ihre Kranken zu besuchen, auch außerhalb der Täler; nur dürfen sie dort keine Versammlungen halten, ebensowenig in La Tour und in Villar, wo der Herzog eine Festung errichten läßt. Dagegen soll in allen Kirchspielen, wo die Waldenser ihren Gottesdienst halten, zugleich auch Messe gelesen werden.“ Die entflohenen Waldenser aber durften zurückkehren und ihre zerstörten Wohnungen wieder aufbauen.

So eng umgrenzt uns auch die gewährten Rechte und Freiheiten erscheinen, die Waldenser waren doch von Herzen dankbar dafür; denn nun war ja ihre Religion endlich als zu Recht bestehend anerkannt. Wie oft auch späterhin der Vertrag von Cavor gebrochen wurde, er blieb doch bis ins 19. Jahrhundert hinein die Rechtsgrundlage für die Waldenserkirche.

Als in den nächsten Jahren der Herzog wiederum, durch die Papisten angereizt, strengere Edikte gegen seine besten Untertanen ergehen ließ und 1565 sogar befahl, daß alle, welche nicht nach der römischen Religion leben wollten, in Zeit von zwei Monaten seine Staaten verlassen müßten oder aber mit dem Tod und dem Verlust aller ihrer Güter bestraft werden sollten, - da schlossen sich die Waldenser aufs neue zu einem festen Bund zusammen. Sie gelobten zwar ihrem „Herzog und der Obrigkeit Gehorsam in allen Dingen, die sie uns befehlen, sofern sie solches den göttlichen und weltlichen Rechten sowie dem Wort Gottes gemäß tun.“ Zugleich aber versprachen sie „einander mit Rat und Tat unverbrüchlich beizustehen, wo immer die Not es erfordert.“ - Außerdem riefen sie die Fürsprache der ihnen wohlgesinnten Herzogin an, sowie des Kurfürsten von der Pfalz. Diesen Bemühungen schenkte Gott unerwarteten Erfolg. Die strengen Edikte wurden teils widerrufen, teils beiseitegelegt, so daß sich die Waldenserkirche forthin, solange Herzog Philibert lebte, verhältnismäßiger Ruhe erfreute und das Andenken dieses Fürsten, der im übrigen durch seine tüchtige und gerechte Verwaltung dem Lande viel Gutes tat, noch heute bei ihnen hochgehalten wird.

Unter seinen Nachfolgern fehlte es zwar nicht an Gewalttaten und Bedrückungen mancherlei Art. Aber die langwierigen Kriege mit Frankreich und Spanien brachten den Herzögen andre Sorgen. Zudem erwarben die Waldenser durch tapfere Verteidigung der Alpenpässe wiederholt große Verdienste um das Land. Deshalb ließ man sie einigermaßen in Ruhe und suchte sie mehr durch allerlei Schliche und Verlockungen als durch Gewalt ihrem Glauben abwendig zu machen. Für manche mußte die Heirat mit einer reichen katholischen Erbin die Lockspeise bilden; andre wurden durch Zusicherung von Straflosigkeit für Vergehungen hinübergezogen. Ein leichtsinniger Waldenserbursche hatte sich durch die Habsucht verleiten lassen, aus der katholischen Kirche zu La Tour kostbare Kleinodien zu entwenden. Auf Kirchenraub stand sonst die Todesstrafe. Da der Schuldige aber versprach, in die Messe zu gehen, wurde sei Prozeß niedergeschlagen. - Wahrlich, um solchen Gewinn wollen wir Rom nicht beneiden! Ein besserer wurde ihm aber selten zuteil. Der Erzbischof von Turin kam mit großem Gefolge nach La Tour, um den armen Leuten durch die Prachtentfaltung des römischen Gottesdienstes Eindruck zu machen. Kapuziner und Jesuiten überschwemmten die Täler und scheuten kein Mittel und keine Kosten, einzelne herüberzuziehen, namentlich solche, die in Kirchenbuße genommen waren oder mit ihren Nachbarn in Prozeß lebten. Aber im Ganzen war die Beute, die sie machten, sehr gering. Ein Geschichtsschreiber jener Zeit, namens Brez, erklärt, er glaube nicht, daß man unter allen Waldensern, welche jemals übergetreten seien, einen einzigen anführen könne, der solches aus Überzeugung getan hätte. Leidenschaften, Vorteile, Verbrechen waren stets die einzigen Ursachen.

Als eine furchtbare Pest im Jahr 1630 die Täler verwüstete und alle Geistlichen, bis auf zwei, Opfer der Pflichttreue wurden, mit welcher sie die Kranken und Sterbenden besuchten, frohlockten die Gegner und hofften, mit den hirtenlosen Herden leichteres Spiel zu haben. Aber aus Genf erbat und erhielt man Ersatz für die Verstorbenen, ebenso aus Frankreich, wo damals die Hugenotten, unter dem Schutz des Edikts von Nantes, in Frieden ihres Glaubens leben konnten.

Rom erkannte, daß es andrer Mittel bedürfe, um diese Glaubensfestung zu erobern, und zögerte nicht, sie anzuwenden.

6. Das Jahr 1655

Alle vorangegangenen Verfolgungen, so viele ihrer waren, übertraf die schreckliche Heimsuchung von 1655. Mit blutroter Flammenschrift steht dies Jahr in der Waldensergeschichte verzeichnet.

Kurz vorher war in Turin nach dem Muster der römischen Mutteranstalt ein Zweig der Propaganda fidei, d.h. „zur Ausbreitung des römischen Glaubens“ und zur Ausrottung der Ketzer gegründet worden. Das wurde die furchtbarste Batterie, welche man jemals gegen unsre armen Vorfahren gerichtet hatte, sagt ein Waldensergeschichtsschreiber. Denn dieser Verein, welchem die ersten Herren und Damen des Hofes angehörten, hetzte und schürte nun so lange, bis der schwache Herzog Karl Emanuel II. seine Einwilligung zu dem teuflischen Plan gab, den der Marquis von Pinasse ersonnen hatte.

Derselbe zog an der Spitze eines Heeres von 16.000 Mann in die Täler unter dem Vorwand, die Grenze zu beschützen, und beredete die Vorsteher der Waldenserdörfer, zum Beweis ihres Gehorsams gegen den Herzog die Soldaten einige Tage in ihre Häuser aufzunehmen. Die frommen Leute ließen sich durch die heiligsten Versicherungen betören und willigten ein. Als aber in der Frühe des 24. April von der Höhe Castellas bei La Tour das verabredete Zeichen gegeben wurde, fielen die Soldaten mit dem Ruf: „Schlagt die Hunde tot!“ über ihre arglosen Hauswirte her, und es begann ein Morden und Schlachten, ein Sengen und Brennen wie nie zuvor. Männer und Weiber, Greise und Kinder, es wurde alles hingemordet ohne Unterschied des Alters und Geschlechts. Und die tierische Wut der Soldaten begnügte sich nicht damit, ihre Opfer zu erschlagen, sondern sie ersann neue, unerhörte Martern. Säuglinge wurden an der Brust der Mutter aufgespießt oder vor ihren Augen an den Felsen zerschmettert. Frauen und Mädchen wurden auf unsagbare Weise verstümmelt, geschändet und langsam zu Tode gequält. Die Männer schleppte man auf den steilen Felsen, welcher wie ein Riesenhorn den Ort La Tour überragt, und stürzte sie von der schroffen Höhe in den Abgrund. Andern wurde Pulver in den Mund getan und angezündet, daß es den Schädel zerriß und das Gehirn weit umherspritzte.

Doch ich kann und mag nicht alle die unmenschlichen Greuel und Schandtaten berichten, welche diese Teufel in Menschengestalt an ihren wehrlosen Opfern verübten. Pastor Johann Leger, der Moderator oder Superintendent der Waldenserkirche, hat sie hernach durch die Berichte von Augenzeugen mit genauster Angabe der Namen, Tage und Umstände urkundlich festgestellt und in seiner „Geschichte der Waldenser“ der Nachwelt überliefert zur ewigen Schmach für die Mörder und derer, die sie im Namen der Religion angestiftet hatten, aber auch zum ehrenden Gedächtnis für die, welche allen Martern zum Trotz unerschütterlich bei ihrem Glauben verharrten. Daniel Rambaut ließ sich lieber alle Finger abhauen, einen nach dem andern, als daß er ein Ave-Maria betete statt des Vaterunsers. Der Bauer Johann Paillas wurde von den Mönchen an das Schicksal erinnert, welches nach ihm seine Frau und seine elf Kinder treffen würde. „Ich erbitte für sie keine andre Gnade,“ war die Antwort, „als daß sie meinen Fußtapfen folgen möchten!“ - Frauen wetteiferten an Standhaftigkeit mit den Männern und gingen Psalmen singend dem Tod entgegen.

So entsetzlich schnell, so unerwartet war das Verderben über die friedlichen Leute hereingebrochen, daß ihre Dörfer und Städte verheert, geplündert, niedergebrannt wurden, ohne daß sich jemand zur Wehr setzte. Auf die Flüchtlinge wurde von den Soldaten Jagd gemacht wie auf das Wild und ihrer viele getötet, ehe sie die schützenden Schlupfwinkel der Berge erreichten. In den Straßen, an den Wegen, auf den Feldern lagen die Leichen der Ermordeten, auf den Pfählen der Zäune sah man abgehauene Köpfe und Gliedmaßen aufgespießt; in der Bergwildnis irrten wehklagende Frauen, deren Männer umgebracht waren, jammernde Kinder, die umsonst nach der Mutter schrien. Das Volk der Waldenser, das die Jahrhunderte überdauert hatte, schien mit einem Schlag ausgerottet. Die Feinde triumphierten. Doch sie frohlockten zu früh. Wohl waren an die 4.000 Unschuldige in dem furchtbaren Gemetzel niedergemacht, und gegen 2.000 sollen durch Frost und Hunger das Leben verloren haben. Dennoch hatten sich viele Waldenser flüchten können. Frauen und Kinder verbargen sie in Höhlen; sie selbst verschanzten sich auf den Bergen, um die teure Heimat bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen und das Blut der Brüder zu rächen. Josua Janavel hieß der Führer der todesmutigen Schar, welche das Felsennest Roras verteidigte. Die Aufforderung, sich zu ergeben und binnen 24 Stunden zur Messe zu gehen, beantwortete er mit dem Ruf: „Lieber den Tod als die Messe!“ Mehreren tausend Soldaten leistete die kleine Schar tapfersten Widerstand, kämpfend zogen sie von einem Felsen, von einem Tal zum andern, immer tiefer in ihre Berge hinein. Durch Zuzug von Flüchtlingen und von Glaubensgenossen aus Frankreich wuchs ihre Zahl, bis sie es wagen konnten, ihrerseits feindliche Trupps anzugreifen und in die Flucht zu schlagen, ja selbst mehrere Dörfer mit stürmender Hand wieder zu nehmen und durch plötzliche Überfälle die Feinde in Schach zu halten.

Unterdessen hatte die Kunde von den unerhörten Greueln, deren Zeugen die stillen Alpentäler gewesen, ganz Europa durcheilt und wohl überall Abscheu und Entsetzen hervorgerufen; in den evangelischen Völkern aber hatte sie tiefstes Mitleid und werktätiges Erbarmen mit dem Jammer der verfolgten Brüder geweckt. Die benachbarte Schweiz war die erste, welche zu Hilfe eilte. Sofort wurde in den evangelischen Kantonen ein allgemeiner Buß- und Bettag ausgeschrieben, reiche Sammlungen für die Ausgeplünderten veranstaltet und eine Gesandtschaft aus den angesehensten Männern an den Herzog von Savoyen abgeordnet, ihn um Schonung der eigenen Untertanen zu bitten. Nicht minder tätig war man in Holland. Amsterdam brachte an einem einzigen Tag 86.000 Gulden auf, um die Leiden der Waldenser zu lindern. Die andern Städte folgten dem Beispiel.

Der Große Kurfürst verwandte sich nebst andern deutschen Fürsten für die Verfolgten. Am wirksamsten aber griff Oliver Cromwell, der tatkräftige Regent von England (Lordprotektor war sein Titel), die Sache an. Er spendete nicht bloß aus der eigenen Tasche 2000 Pfund Sterling, sondern wies seinen Gesandten in Paris an, bei dem französischen Hof die ernstesten Vorstellungen dagegen zu machen, daß Frankreich solche Greueltaten dicht an seiner Grenze geduldet, ja sogar durch Hilfstruppen befördert habe. In Paris kannte man Cromwell genügend, um zu wissen, daß er imstande sei, zum Schutz seiner Glaubensgenossen die Waffen zu ergreifen, und riet deshalb dem Hof von Turin, mildere Saiten aufzuziehen. Dort setzte man nun an die Stelle offener Gewalttat List und Verschlagenheit.

Weil der Hof sich dem gemeinsamen Drängen der sämtlichen protestantischen Staaten Europas nicht zu widersetzen wagte, schloß man zum Schein Frieden und gewährte in dem „Gnadenpatent von Rivoli die meisten der alten Gerechtsame, welche schon im Frieden von Cavor verliehen waren. Aber man war keineswegs gewillt, zu halten, was man versprochen hatte. In jeder erdenkbaren Weise wurden die Waldenser weiterhin gequält, gedrückt, mißhandelt. Namentlich die Besatzung von La Tour plagte die protestantischen Einwohner der Stadt und Umgebung mit Plündern, Erpressen und noch schlimmern Gewalttaten dermaßen, daß sie zuletzt ihre Wohnungen preisgaben und in den entferntern Ortschaften Unterschlupf suchten. Die geistlichen Führer der Waldenser, sonderlich der treffliche Pfarrer Johann Leger, wurden als Hochverräter des Landes verwiesen. Den erneuten Vorstellungen der fremden Gesandten begegnete man mit dem Vorgeben, daß man es mit Rebellen zu tun habe, die sich gegen die Obrigkeit auflehnten und zum Gehorsam gezwungen werden müßten. -

In der Tat brachte man die armen Leute, die so gern in Frieden gelebt hätten, durch die Zerstörung ihrer Häuser, die Vernichtung ihrer Ernte und andre Schandtaten so weit, daß sie abermals zu den Waffen griffen, um unter Führung des tapfern Janavel Frau und Kind, Haus und Hof zu verteidigen. Bei La Tour und Angrogna widerstanden sie siegreich den herzoglichen Truppen und führten in ihren Bergen, wo sie jeden Fußpfad, jeden Schlupfwinkel kannten, den Kleinkrieg mit soviel Erfolg, daß der Herzog endlich des fruchtlosen, aber kostspieligen Ringens mit den tapfern Bergbewohnern müde wurde. Zudem war seine bigotte Mutter Christine und seine Gemahlin Franziska, die beide den Haß gegen die Ketzer geschürt hatten, rasch nacheinander gestorben. Deshalb gönnte er in den letzten Jahren seinen geplagten Untertanen einigermaßen Frieden, so daß sie ihre zerstörten Häuser aufrichten, die brachliegenden Äcker und verwilderten Weinberge wieder bauen und an Stelle der abgehauenen Kastanienbäume, welche besonders in den höhern Tälern die halbe Nahrung liefern müssen, neue pflanzen durften. Allzulange sollte freilich die Ruhe nicht währen.

Zum Gedächtnis der zahllosen Opfer jenes furchtbaren Jahres, deren Namen kein Grabstein, kein Denkmal aufbewahrt, stehe hier das Klagelied, welches Milton, der berühmteste geistliche Dichter Englands, bei der Kunde von jenen Greueln anstimmt:

Räch', Herr, der Heil'gen Mord! ach, ihr Gebein,
Auf kalten Alpenfelsen liegt's erstarrt.
Den alten Glauben hat dies Volk bewahrt,
Als unsre Väter beteten vor Holz und Stein.

Vergiß sie nicht, gedenke ihrer Plag'! -
Ach, in der Hürd', von alters her bewohnt,
Erwürgte Deine Schaf' das Heer von Piemont,
Daß Mutter bei dem Kind zerschmettert lag.

Von Berg und Tal zu Dir der Jammer fleht!
Sä' auf Italia der Opfer Blut,
Wo dreifach Tyrannei noch fest besteht;

Daß komme ein Geschlecht, so groß als gut,
Ein Volk, das Deine Wege willig geht,
Das zeitig flieht vor Babels Weh und Wut.

7. Heinrich Arnaud und die glorreiche Rückkehr

Ludwig XIV. hatte 1685 das Edikt von Nantes aufgehoben und jegliche Ausübung des evangelischen Gottesdienstes in seinen Landen untersagt. Durch diesen Gewaltakt vertrieb er Zehntausende seiner besten und fleißigsten Untertanen aus dem Land. Und weil er fürchtete, daß die Hugenotten Südfrankreichs an den benachbarten Waldensern Halt und Stütze fänden, so drängte er den jungen Herzog Viktor Amadeus II. von Savoyen, mit jenen ein gleiches zu tun. Ja, er drohte, mit einem Heer von 14.000 Mann selber die Ketzer aus ihren Tälern zu verjagen und sie für sich in Besitz zu nehmen.

So erschien denn schon im Januar 1686 ein Gesetz, welches dem französischen glich wie ein Ei dem andern, so daß kein Zweifel blieb, woher beide stammten. Darin wird die früherhin gewährleistete religiöse Duldung feierlich und förmlich aufgehoben, jeglicher evangelische Gottesdienst, auch in Privathäusern, strengstens verboten. „Alle Kirchen und Kapellen der Waldenser sollen niedergerissen werden. Alle Pfarrer und Lehrer, die nicht katholisch werden, haben binnen 14 Tagen das Land zu räumen bei Todesstrafe und Verlust ihrer Güter. Dagegen soll solchen, die sich bekehren, ihre Besoldung um ein Viertel erhöht werden. … Alle Kinder sind forthin katholisch zu taufen; wenn sich die Eltern dem widersetzen, so ist der Vater mit fünf Jahren Galeere zu bestrafen, die Mutter mit Ruten zu schlagen.“

Soviel Sätze, soviel Keulenschläge für die standhaften Bekenner. Vergeblich waren diesmal alle Vorstellungen der Schweizer Kantone und der evangelischen Fürsten Deutschlands.

Auf Frankreichs Beistand trotzend, das schon 10.000 Mann unter dem berühmten Feldherrn Catinat in die Alpen entsandt hatte, verweigerte der Hof von Turin jegliches Zugeständnis. Von zwei Seiten rückten gewaltige Heere in die Täler, welche schon so oft der Schauplatz greulicher Verwüstungen gewesen, und diesmal gelang es, sie zu überwältigen. Es fehlte an tüchtigen Führern, an Einheit und Entschlossenheit. Einige Trupps wurden durch Hinterlist überwunden; man versprach ihnen freien Abzug, wenn sie die Waffen niederlegten, und nahm dann die Wehrlosen gefangen. Auch die letzte Bergfeste, Pré de Tour, die so manchem Sturm getrotzt, wurde erobert. Von Maultieren ließ man Kanonen in die benachbarten Berge hinaufschleppen, ihre Kugeln zerstörten die kunstlosen Verschanzungen und zerschmetterten die Verteidiger.

Was so oft der alte böse Feind zu erreichen gedachte, jetzt war es gelungen. Alle Waldensertäler samt den Höhen ihrer Berge waren in den Händen der Feinde: ihre Bewohner besiegt, gefallen, gefangen. 3 - 4000 hatten im Krieg das Leben verloren, an die 14.000 schmachteten in den Gefängnissen, die übriggebliebenen irrten planlos in den Gebirgen umher oder retteten sich in die nahe Schweiz. Todesgrauen lagerte über dem blutgetränkten Tälern, rauchende Trümmer nur bezeichneten die Orte, wo fromme Menschen in Treue und Fleiß gearbeitet und ihrem Gott gedient hatten. 2000 Kinder wurden ihren Eltern entrissen und an katholische Familien verteilt, um im römischen Glauben erzogen zu werden. Das Los der Gefangenen aber war so schrecklich, daß binnen Jahresfrist an die 5000 dahinstarben.

Als die Nachricht von diesem Jammer zu den Schweizern drang, sandten sie von neuem Abgesandte, um für die Gefangenen wenigstens die Erlaubnis zur Auswanderung zu erbitten. Die Ernährung und Bewachung so vieler Tausende, welche allen Quälereien und Bekehrungsversuchen zum Trotz standhaft an ihrem Glauben hielten, mochte auf die Dauer dem Herzog selber unbequem und kostspielig erscheinen. Dennoch zögerte er lange, bis zum 30. November, als schon die Bergketten tief im Schnee lagen und ein eisiger Wind dem seltenen Wanderer das Blut erstarren machte. Bestand der teuflische Plan, daß Frost und Schnee vollends vertilgen sollte, was Schwert und Hunger übriggelassen hatte? Wenigstens wurden die Abziehenden mit Kleidern und Lebensmitteln so erbärmlich versehen, daß ihrer viele auf den Schneefeldern des Mont Cenis umkamen, nicht weniger als 86 an einem Tag.

An der Schweizer Grenze wurden sie herzlich willkommen geheißen, durch Speise und Trank erquickt und mit warmen Decken gegen den eisigen Wind geschützt. Als die jammervolle Schar, einem wandelnden Leichenzug ähnlich, sich den Toren Genfs näherte, kam ihnen der ganze Rat von Genf entgegen, um diese Helden des Glaubens und der Geduld Christi zu begrüßen. Die Bürger wetteiferten, die Armen in ihre Häuser aufzunehmen und zu pflegen, obgleich schon viele flüchtige Hugenotten aus Frankreich in der Stadt weilten. Was Genf, Bern und Basel, überhaupt die evangelischen Orte der Schweiz, an diesen Märtyrern getan, das soll ihnen unvergessen bleiben. Unser Herr Christus hat's ihnen reichlich vergolten und wird's ferner tun.

Aber auf die Dauer konnten so viele Tausende in der Schweiz nicht bleiben. Und als der schlimmste Winter vorüber war, zogen sie weiter nordwärts, nach Württemberg, der Pfalz, Hessen, bis nach Hannover und Brandenburg, um dort unter dem Schutz evangelischer Fürsten sich eine neue Heimat zu gründen, wo sie in Frieden ihres Glaubens leben und ihrem Gott dienen könnten

Aber seltsam! So furchtbar Schweres sie in ihren heimatlichen Bergen erlitten hatten, viele konnten doch die Sehnsucht nach den hohen Alpen nicht überwinden. Unwiderstehlich zog sie das Heimweh dorthin, wo ihre Wiege gestanden; in der Fremde fühlten sie sich unglücklich. Da reifte in dem Kopf des Pastor Heinrich Arnaud, welcher in eigener Person einige Wanderzüge nach Württemberg geführt und dort angesiedelt hatte, ein verwegener Plan: Er wollte mit denjenigen Waldensern, welche in den neuen Wohnorten nicht heimisch werden konnten, nach Piemont zurückkehren und den väterlichen Boden mit den Waffen in der Hand wieder erobern.

Da er in seiner Jugend in holländischem Kriegsdienst gestanden und es darin bis zum Kapitän gebracht hatte, sich auch der Gunst Wilhelms von Oranien, des mächtigen Beschützers der Protestanten, erfreute, so war er wie kein andrer zu solchem überkühnen Unternehmen befähigt. Doch zahllos waren die Hindernisse, welche sich ihm in den Weg stellten. In aller Heimlichkeit mußten die Waldenserkrieger sich ausrüsten und sammeln, um nicht von den Landesbehörden an ihrem Ausmarsch gehindert zu werden. Trotz aller Vorsicht wurde der Plan ruchbar. Viele der Zuziehenden wurden zurückgehalten, kaum mehr als 800, höchstens 900 erreichten am 16. August 1689 im Dunkel der Nacht den Sammelplatz im Wald von Prangins am Genfer See. Dort warf sich Arnaud mit seinen Gefährten auf die Knie und flehte mit heißer Inbrunst, daß der Gott, welcher vorzeiten das Volk Israel durchs Rote Meer und durch die Wüste ins Land ihrer Väter nach Kanaan zurückgeführt, auch ihnen in der Feuersäule voranziehe, mit starker Hand und ausgerecktem Arm den Weg bahne mitten durch die Feinde. - Hoher Glaubensmut erfüllte die Krieger. Auf wenigen Kähnen setzte man über den See und begann die Berge Savoyens zu erklettern. Äußerst beschwerlich waren diese Märsche, denn die großen Straßen mußten sie meiden, um nicht verraten zu werden; auf halsbrecherischen Pfaden, über das hohe Gebirgsjoch des Mont Cenis ging's bei strömendem Regen vorwärts, nur vorwärts, damit die savoyischen Truppen nicht Zeit fänden, sich zu sammeln.

Zu spät! Beim Abstieg vom Mont Cenis in den Oberlauf des langgestreckten Tales von Susa trat ihnen an der Brücke, die bei Salabertrand über die reißende Dora führt, ein weit überlegener Heerhaufe entgegen und empfing die Nahenden mit furchtbarem Feuer. Doch diese hatten sich nach Arnauds Weisung sofort platt zur Erde geworfen, und die Kugeln zischten über ihre Köpfe, ohne Schaden zu tun. Schon aber ziehen im Rücken feindliche Kompanien heran, um die Gefährdeten zwischen zwei Feuer zu nehmen. Da springen die vordersten auf, und mit dem Ruf: „Mut, Kameraden, die Brücke ist unser!“ werfen sie sich so ungestüm auf die Feinde, daß diese über den Haufen gerannt werden und talabwärts flüchteten mit dem Geschrei: „Sauve qui peut!“ („Rette sich, wer kann!“. - An die 600 Mann kostete die Feinde diese Niederlage, während die Waldenser nur 15 Tage beklagten.

Der Schrecken von Salabertrand ging vor ihnen her. Ein Ort nach dem andern öffnete ihnen die Tore und ließ sie durchziehen. Überall nahmen sie aus Vorsicht einige der angesehensten Bürger oder Edelleute, dazu Priester und Mönche als Geiseln mit sich, hielten im übrigen die strengste Manneszucht und bezahlten in barem Geld das Brot und Fleisch, das die Bauern ihnen lieferten. - Am Fuß des Berges Pis trafen sie abermals eine Schar von 8700 Piemontesen und warfen sie über den Haufen. Endlich, nach zehn Tagen unaufhörlichen Marschierens, Kletterns und Fechtens erreichten sie die heimatlichen Täler und hielten bei Praly den ersten Gottesdienst. Es war eine gewaltige Predigt über das Psalmwort: „Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend an, aber sie haben mich nicht übermocht. Der Herr, der gerecht ist, hat der Gottlosen Seile abgehauen.“ (Ps. 129, 2.4). Wie buchstäblich traf das hier zu bei den kühnen Streitern! Wie dankten sie dem Allmächtigen, daß Er ihnen bis hierher durchgeholfen über Bitten und Verstehen!

Aber die schwerste Arbeit stand noch bevor. Denn von Westen und Osten zogen nun französische und piemontesische Heere gegen das verwegene Häuflein, das zwei mächtigen Fürsten Trotz zu bieten wagte, um es mit eisernen Klammern zu umschließen und zu zermalmen. Da versammelten sie sich am Sonntag, dem 1. September, auf der Waldwiese Sibaaud, oberhalb des Ortes Bobi (italienisch Bibio), und schwuren Mann für Mann, Hauptleute und Gemeine, einander Treue bis in den Tod zu halten, sich niemals zu trennen noch zu entzweien, „nachdem Gottes Gnade uns glücklich in das Erbe unserer Väter zurückgeführt hat, um hier den reinen Dienst unsrer heiligen Religion wiederherzustellen, und wir entschlossen sind, das große Werk zu vollenden, welches der allmächtige Gott bisher so wunderbar zu unsern Gunsten lenkte. Wir alle geloben unserm Herrn und Heiland Jesus Christus, unsre ganze Kraft der Errettung unsrer Brüder aus den Händen des grausamen Babylons (Roms) zu weihen und mit ihnen bis in den Tod das Reich des Herrn wieder aufzubauen und zu behaupten.“

Arnaud sprach den Eid vor; die ganze Schar erhob die rechte Hand und sprach ihn nach. Das ist das Rütli der Waldenser. Von dieser Stätte ist den Waldensertälern, wie einst den schweizerischen Eidgenossen von jenem Rütli am Vierwaldstätter See, die Sonne der Freiheit aufgegangen. Deshalb ist sie zur steten Mahnung an die Treue der Vorfahren bei der 200 jährigen Gedächtnisfeier mit einem schlichten Denkmal geschmückt worden, auf dem die Namen aller Waldensergemeinden eingegraben sind.

Um der Umklammerung und Vernichtung durch die feindliche Übermacht zu entgehen, zog sich Arnaud nun mit seinen Getreuen beim Herannahen des Winters auf den festen Punkt La Balsille (italienisch Balziglio) zurück. Im Rücken schützte ihn der Kamm der Hochalpen mit den Felsenhörnern Les quatre deuts (die vier Zähne), vor ihm lag das unwegsame Tal von St. Martin, durch welches der Bergstrom Germanasca sprudelnd und schäumend sich Bahn bricht. Dort gruben sie Hütten in die Erde und umgaben den Platz mit einem Kranz von Verschanzungen, welche, terrassenartig sich übereinander erhebend, den Verteidigern immer neue Stützpunkte boten. Die Kriegsunruhen und ein besonders zeitiger Schneefall hatten die Bewohner der umliegenden Weiler gehindert, das spärliche Korn einzuernten. Das fand sich unter der schützenden Schneedecke noch wohl erhalten, wurde auf der kleinen Dorfmühle gemahlen und so ein großer Vorrat Mehl gewonnen. Schon rückten auch die Belagerer heran, 10.000 Franzosen unter Führung des Marschalls Catinat, dazu 12.000 Piemontesen überschwemmten die Waldensertäler, besetzten die Dörfer, Höhen und Pässe, damit der Gegner nirgends entwischen könne, und wähnten das kleine Häuflein, das kaum noch 400 Mann zählte, durch ihre Übermacht bald zu zwingen.

Aber da hatten sie sich verrechnet. Arnaud hatte beim Bau der Schanzen zwischen die Steine Dornen und Buschwerk legen lassen, mit den Zweigen nach außen; darin verwickelten sich die anstürmenden Truppen und fielen reihenweise unter dem wohlgezielten Feuer der Belagerten. Ein Sturm nach dem andern wurde unternommen, aber einer wie der andre siegreich abgeschlagen und der Oberst von Parat, der in eigener Person seine Truppen anführte, gefangengenommen. Wohl wurde das Dörflein Balsille am Fuß des Berges zerstört, eine benachbarte Mühle ging in Flammen auf, die Feste selbst blieb unbezwungen.

Nun versuchte man es mit Drohungen und Versprechungen; Wie könne ein so geringes Häuflein es wagen, dem mächtigen König von Frankreich zu trotzen. Sie sollten sich ergeben, dann wolle man ihnen freien Abzug nach der Schweiz gestatten und jedem von ihnen noch 500 Louisdor als Reisegeld mitgeben. Andernfalls müßten sie Mann für Mann über die Klinge springen. - Allein bei den tapfern Eidgenossen verfing weder Drohung noch Bestechung. „Wir sind keine Untertanen des Königs von Frankreich,“ war die Antwort, „und er ist nicht der Herr dieses Landes. Darum können wir uns mit seinen Truppen nicht in Unterhandlungen einlassen. Mit der Hilfe des Herrn der Heerscharen wollen wir hier auf dem Erbe unsrer Väter leben oder sterben.“

Marschall Catinat, wütend darüber, daß vor diesem Felsennest sein wohlerworbener Kriegsruhm zuschanden werden sollte, entschloß sich zu einer regelrechten Belagerung. Alle Bauern der Umgebung wurden aufgeboten, um mit unendlicher Mühe und großen Kosten Wege in die Felsenwände des Tales zu brechen, auf denen Kanonen herbeigeführt werden konnten. Während diese von einem Felsen gegenüber die Feste mit Kugeln überschütteten und klaffende Breschen in die kunstlosen Wälle rissen, kletterten die Pioniere an der Berglehne aufwärts, verbarrikadierten jeden gewonnenen Punkt mit Erdschanzen und rückten den Belagerten immer dichter auf den Leib. Wie tapfer sich diese auch verteidigten und in wiederholten Ausfällen dem Feind schwere Verluste zufügten, langsam mußten sie doch weichen und eine Terrasse ihrer Festung nach der andern aufgeben, bis sie auf der letzten, eng zusammengedrängt, nur noch dem nahen Tod ins Auge sehen konnten. Denn auch die Berge in ihrem Rücken waren von Catinats Truppen erklettert und jeglicher Rückzug abgeschnitten. Sie beschlossen, bis auf den letzten Mann ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, und bereiteten sich auf ihr Sterbestündlein.

Da fiel einem ihrer Hauptleute ein, daß er einst als Knabe, um verirrten Ziegen nachzuspüren, auf Händen und Füßen einen schmalen Felsspalt hinuntergeklettert sei bis zum Bett des tosenden Wildbachs. In dichtem Nebel, den Gott sandte, wurde der halsbrechende Abstieg gewagt, barfuß, um nicht auszugleiten und kein Geräusch zu machen, das ihre Flucht verraten könnte. - Doch einem der Kletternden entgleitet der Feldkessel und rollt polternd von einer Klippe zur andern. Die französische Schildwache am andern Ufer ruft: „Qui vive?“ („Wer da?“). Weil aber die Waldenser keine Antwort gaben, beruhigte sie sich wieder. Durch das Steingeröll des Bergstroms geht's aufwärts, dann in eine Seitenschlucht hinein, wiederum an den steilen Felswänden empor, - und das Häuflein ist der todbringenden Umklammerung entronnen.

Als die Franzosen am nächsten Morgen den letzten entscheidenden Sturm wagen, finden sie das Felsennest leer, den Vogel ausgeflogen. Wohl jagten sie nun, wütend, daß ihnen der Fang entgangen, in hitziger Verfolgung den Entronnenen nach, von einer Bergkette, von einem Felsental zum andern. Da aber gebot Gott der Herr den racheschnaubenden Verfolgern Einhalt.

Während Arnaud mit seinen Getreuen den ganzen Winter und den halben Frühling durch bis Mitte Mai in der Bastille standhaft aushielt, hatten sich die politischen Verhältnisse gewaltig geändert. Herzog Amadeus von Piemont, schon lange ärgerlich über Ludwig XIV., der ihn wie einen Vasallen, nicht wie einen Verbündeten behandelte, war dem europäischen Bund (Koalition) beigetreten, welcher der maßlosen Ländergier des französischen Königs ein Ziel setzen wollte. Die Bundesgenossen von gestern - heute waren sie Feinde, die er je eher desto lieber aus dem Lande vertreiben wollte. Dafür war ihm der Beistand Arnauds mit seiner Heldenschar sowie der übrigen Waldenser, die noch hin und her in den Bergschluchten ihr Leben fristeten, sehr willkommen. Aus den Gefängnissen, von den Galeeren wurden sie entlassen, aus der Schweiz und aus Württemberg, aus der Pfalz und aus Brandenburg zurückgerufen, um für den Fürsten, der sie schier zu Tode gehetzt, Blut und Leben zu opfern.

Gar tapfere Taten vollbrachte die Waldenserhilfstruppe unter Arnauds Führung in den Kriegen gegen Frankreich. Arnaud wurde darüber höchlich belobt und den Waldensern religiöse wie bürgerliche Freiheit mit den feierlichsten Verträgen zugesichert. Wenn sie aber gehofft hatten, nun endlich Ruhe genießen und in Frieden ihres Glaubens leben zu dürfen, so sahen sie sich wiederum bitter getäuscht. Am damaligen Turiner Hof schien man Eide nur zu schwören, um sie baldmöglichst zu brechen, feierliche Edikte zu erlassen, um sie nach wenigen Jahren aufzuheben. Obgleich der Herzog, von den Franzosen schwer bedrängt, persönlich bei den Waldensern Zuflucht gesucht und längere Zeit mitten unter ihnen in dem kleinen Bergdorf Roras gelebt hatte, vergaß er die geschworenen Eide wie die empfangenen Wohltaten, sobald er wieder Luft gekriegt, und begann die „Talleute“ nach Art seiner Vorfahren zu quälen und zu bedrücken.

Viele, die auf des Herzogs Ruf zu seiner Hilfe herbeigeeilt waren, mußten die Täler wieder verlassen unter dem Vorwand, daß ihre Wiege auf französischem Boden gestanden. Diese Ausweisung traf auch Heinrich Arnaud, ja ihm wurde sogar als einem „Landesverräter“ der Prozeß gemacht, ungeachtet allen Einspruchs der protestantischen Mächte. Zwar wollte ihn Wilhelm von Oranien unter den glänzendsten Bedingungen mit dem Titel eines Obersten an seinen Hof ziehen. Der treue Mann erwählte aber viel lieber mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, als in Pracht und Glück an des Königs Hof zu glänzen. Das hohe Ansehen, dessen er sich in der ganzen protestantischen Welt erfreute, benutzte er dazu, das Los seiner ausgewanderten Glaubensgenossen, die in den fremden Landen viel Schweres tragen mußten, nach Möglichkeit zu erleichtern.

Zu seinem Wohnsitz wählte er die neugegründete Waldensergemeinde Schöneberg im württenbergischen Oberamt Maulbronn und hat dort noch 12 Jahre als schlichter Pfarrer im Segen wirken können. Seine neue Heimat verdankt ihm unter anderm die Einführung der Kartoffel, welche in den Waldensertälern schon lange angebaut wurde, in Schwaben aber noch unbekannt war.

Als ein achtzigjähriger Greis ist er dort am 8. September 1721 im Frieden seines Gottes entschlafen und in dem schlichten Dorfkirchlein am Fuß des Altars beigesetzt worden. Eine Gedenktafel tut der Nachwelt kund:

„Du siehst hier die Asche Arnauds. Seine Taten aber, seine Kämpfe, seinen unerschütterlichen Mut vermag niemand darzustellen. Wie der Sohn Isais allein gegen Tausende der Philister kämpfte, so hielt auch er allein dem Heer und Feldherrn der Feinde stand.“

An Stelle des alten Holzkirchleins erhebt sich heute ein schöner Steinbau. Aber Arnauds Andenken bleibt in diesem in Ehre und Segen.

8. In unsern Tagen

Wollten wir die Schicksale der Waldenser im 18. und 19. Jahrhundert genauer verfolgen, so müßten wir noch manche Seite füllen. Aber diese endlose Kette von Bedrückungen und Quälereien, von beschworenen und wieder gebrochenen Verträgen, von geistlicher und weltlicher Tyrannei Glied nach Glied aufzurollen, hat keinen Zweck. Es genügt zu sagen, daß dieses Volk aus Stahl und Eisen so unerschütterlich wie nur je an seinem Glauben festhielt, daß sie zugleich dem angestammten Herrscherhaus die Treue bewahrten, die ihm so oft gebrochen worden war.

Anderthalb Jahrzehnte lang, unter dem Regiment Napoleons I., genossen sie völlige Freiheit und Gleichberechtigung. Denn dieser abgesagte Feind des Papstes wußte ihre Tapferkeit und Freiheitsliebe zu schätzen. Als Feldherr zollte er dem kühnen Zug Arnauds über die Alpen ungeteilte Bewunderung.

Doch mit der Rückkehr des alten Herrscherhauses nach Piemont im Jahr 1815 begannen wieder die alten Bedrückungen, welche nur durch wiederholte Einsprache der protestantischen Großmächte je und dann gelindert wurden. Namentlich haben Preußens Könige sich der Bedrängten kräftig angenommen, und ihr Gesandter in Turin, der fromme Graf Waldburg-Truchseß, war ihr warmer Freund und Beschützer, dessen Tod (1844) alle Talbewohner beweinten, als sei ihnen ein Vater gestorben.

Mit dem Preußen wetteiferte der Engländer Beckwith, der den Dienst seines irdischen Kriegsherrn aufgeben mußte, seit er in der Schlacht von Waterloo ein Bein verloren hatte, und forthin alle seine Kraft und Zeit und Vermögen in den Dienst des himmlischen Königs stellte. Seiner eigenen Freigebigkeit und seiner kräftigen Fürsprache bei den reichen Landsleuten verdankt es die Waldenserkirche vornehmlich, daß sie ordentliche Schulen, höhere und niedere, für Knaben und Mädchen gründen konnte, ihren Kranken und Siechen Pflegehäuser errichten, überhaupt ihr ganzes Kirchenwesen aus tiefster, fast bettelhafter Dürftigkeit in einen leidlich geordneten Zustand überführen dürfte.

Er tat noch mehr! Durch seine persönliche Einwirkung - er lebte seit 1815 in La Tour - wie durch den Einfluß befreundeter englischer Geistlicher gelang es mit der Zeit, den Rationalismus, dessen erkältender Hauch auch in jene weltfernen Täler gedrungen war und die alten Bekennergemeinden eingeschläfert hatte, zu überwinden und neue Glaubensfreudigkeit und heiligen Missionssinn in den geistigen Nachkommen des Petrus Waldus zu wecken. Und als nun im Jahr 1848 eine freiheitliche Verfassung mit den alten Bedrückungen und Beschränkungen aufräumte, als mit der Aufrichtung des Königreichs Italien 1859 das ganze Land bis an die Tore Roms und 1870 sogar bis zum Vatikan dem Evangelium geöffnet wurde, da waren die Waldenser auf dem Plan.

Hatten sie 1848 ihrem irdischen König den Dank abgestattet für die Befreiung aus jahrhundertelanger Knechtung, indem sie dichtgeschart durch die Hauptstadt zum Schloß zogen, ihrem Fürsten die so lange verfemte Waldenserfahne zu überreichen unter dem Zujauchzen des ganzen Volkes - jetzt entfalteten sie mit noch größerem Eifer das Panier Christi, bewiesen dem himmlischen Herrn und König, der sie so wunderbar bewahrt und erlöst hatte, ihre Treue und Dankbarkeit, indem sie aus La Tour und Angrogna, aus Perosa und Pomaretto und all den Städten heldenhaften Martyriums zahlreiche eifrige Zeugen hinaussandten, um ihren ehemaligen Bedrängern feurige Kohlen aufs Haupt zu sammeln und ihren unter Menschensatzung und Aberglauben hart geknechteten Landsleuten die Botschaft von der freien Gnade Gottes in Christus zu bringen.

Da gewann das alte Siegel der Waldenser „Lux lucet in tenebris“ (das Licht leuchtet in der Finsternis) neuen Sinn und Glanz; denn soviel an ihnen war, suchten sie das Licht hoch auf den Leuchter zu stellen, daß es leuchte allen, die im Hause, im Land Italien, wohnen. Mit Unterstützung von England, Holland, Deutschland und der Schweiz gründeten sie in Florenz eine eigene kleine theologische Fakultät mit tüchtigen Lehrern (Professor Combat, Geymonat u.a.), sammelten in Turin, Mailand, Livorno, Genua, Neapel und vielen andern Städten, ja selbst im päpstlichen Rom und bis hinunter zu den Bergen Kalabriens, hinüber nach Sizilien, kleiner oder größere Gemeinden, bauten ihnen Kirchen und Schulen, trugen das Gotteswort durch Evangelisten und Bibelboten in Märkte und Dörfer, kurz, sie sind recht eigentlich eine Missionskirche für ganz Italien geworden, wie General Beckwith es schon 1848 mit prophetischem Blick vorausgesagt hatte.

Solche Missionsarbeit ist doppelt nötig, freilich auch doppelt schwierig in einem Land, das durch den unmittelbaren Druck der Herrschaft des Papstes und der Jesuiten teils in starren Aberglauben, teils in baren Unglauben versunken ist. Da muß der Sämann geduldig warten, bis er empfängt den Morgen- und Abendregen, und inzwischen unermüdet fortfahren mit seiner Sämannsarbeit. - Die Seele derselben ist der Missionsausschuß der Waldenserkirche und sein Vorsitzender der Pastor Prochet in Rom.

In 50 Kirchen, 70 Stationen und 15 Außenplätzen predigen heute (geschrieben im Jahr 1906) Waldensergeistliche ihren italienischen Landsleuten das Evangelium. Natürlich sind die armen Talbewohner nicht imstande, diese ausgedehnte Missionsarbeit ganz aus eigenen Mitteln zu erhalten, sondern bedürfen die tatkräftige Unterstützung der altprotestantischen Länder.

Ihr Missionsdrang hat sie sogar über das Weltmeer hinüber nach Afrika getrieben, wo sie im Verein mit der Pariser Missionsgesellschaft unter dem Volk der Bassutos und der Barotse am Sambesi arbeiten.

Weil die steinigen Alpentäler die wachsende Volkszahl nicht mehr ernähren konnten, wanderten viele nach den großen Hafen- und Handelsstädten von Südfrankreich, wo sie als fleißige ehrliche Arbeiter sehr geschätzt sind. Andre zogen noch weiter und gründeten in Süd- und Nordamerika neue Gemeinden, in denen die heimischen Sitten und der alte Väterglaube treu bewahrt werden. So hat sich das kleine Völkchen schier über alle Erdteile verbreitet und ist wiederum so recht ein Volk in der Diaspora (Zerstreuung) geworden, hin und her zerstreute Lichtpunkte, die leuchten in der Finsternis. Aber der eigentliche Schwerpunkt der Waldenser liegt nach wie vor in den „Tälern“.

Den Leser, der mir bisher durch so viele Greuel und Schrecken gefolgt ist, lade ich ein, zum Schluß noch einen kurzen Besuch dort zu machen, denn das lohnt sich wohl. Auch ist die Reise nicht allzu beschwerlich, seit von Turin aus eine Bahn zu den Westalpen gebaut ist bis La Tour, wie es französisch, oder Torre Pellice, wie es auf Italienisch heißt. Denn in diesen Tälern herrscht noch ein seltsames Sprachengemisch. Die amtliche Sprache ist natürlich das Italienische, die meisten Bewohner aber sprechen französisch, weil sie es von früher her gewohnt sind, und in den entlegenen Alpentälern hat sich noch die uralte Waldensermundart erhalten, welche dem sogenannten provencalischen Dialekt des Mittelalters nahe verwandt ist.

Eine ähnliche Mischung bietet La Tour in religiöser Hinsicht. Die Hälfte der Bewohner sind Katholiken, meist herbeigezogen durch die Fabriken, welche sich allmählich in dem breiten Tal aufgetan haben. Ihr Rauch und Lärm bildet einen unangenehmen Gegensatz zu der ländlichen Stille ringsum, zu den üppigen Weingärten, wo die Reben an starken Pfählen wie Laubengänge hochgezogen werden, und zu den saftiggrünen Maisfeldern. Seltsam muten den Fremdling auch die flachen, mit riesigen Steinplatten gedeckten Hausdächer an. Über dem Städtchen ragt, halb drohend, halb schirmend ein steiles Felsenhorn empor, von dessen Gipfel vorzeiten so mancher Bekenner in den Abgrund hinabgestürzt worden ist.

An dem Fuß dieses Berges lagern sich jetzt die Gebäude, welche den sichtbaren Mittelpunkt der kleinen Waldenserkirche bilden; zuoberst das Krankenhaus von schönem, schattenreichem Garten umgeben; weiter unten das einfache, aber sehr würdige Gotteshaus, ihm gegenüber die Lateinschule und zur rechten Hand das sogenannte „Haus der Waldenser“. Dort befindet sich die Bibliothek und das Museum mit wertvollen Schriften, Bildern, Waffen, Denkmünzen und ähnlichem aus der glorreichen Geschichte des Heldenvolks. Dort versammeln sich auch jedes Jahr zur Synode die Pfarrer und Ältesten der Waldensergemeinden zur Beratung und Ordnung der gemeinsamen Angelegenheiten. Denn diese Kirche, welche so lange und hart unterdrückt wurde, hat jetzt vollkommene Freiheit, sich selber zu regieren, ohne daß der Staat sich im geringsten einmengt. Sie wählt selber ihre oberste Behörde, die „Tafel“ - wir würden es etwa „Oberkirchenrat“ nennen - aus den erfahrendsten Pfarrern und Ältesten, welche die Beschlüsse der Synode auszuführen und die gemeinsamen Gelder und Geschäfte zu verwalten hat.

Es ist eine Erquickung, mit diesen würdigen, schlichten Männern zu verkehren, die sich über jedes Zeichen der Teilnahme an ihrer wunderbaren Geschichte, über jeden Gast aus evangelischen Landen so herzlich freuen und ihn mit brüderlicher Liebe aufnehmen. Und doch, so wohl es uns bei ihnen wird, wir dürfen uns nicht allzulange aufhalten, wollen wir noch eine alte, ungemischte Waldensergemeinde besuchen. Denn solche haben sich nur in den äußersten Winkeln der Täler, dicht am Hochkamm der Alpen, erhalten, wohin der Pfiff der Lokomotive und der Rauch der Schornsteine noch nicht gedrungen ist, z.B. in Bobio, vier Stunden oberhalb Torre Pellice, am Ausgang (oder eigentlich am Anfang) des Tales der Lucerna.

Wem es vergönnt war, dort einem Gottesdienst beizuwohnen in der geräumigen, aber schmucklosen Kirche mit ihren weißgetünchten Wänden, dem massiven Gestühl und den vierkantigen Holzpfeilern, welche die flache Decke tragen, der wird solchen Besuch nie vergessen.

Nun strömen sie herein, die kräftigen, untersetzten Gestalten der Talbewohner und Alpenhirten, mit braungebranntem Gesicht und wetterharten Zügen, als habe die hundertjährige Verfolgung so tiefe Furchen in ihr Antlitz gezogen. Dort sitzen die Frauen, die in ihren zierlichen, schneeweißen Häubchen einen so freundlichen Anblick bieten, daß man sich fast in eine Diakonissengemeinde versetzt fühlt.

Einig haben über die weiße Haube einen schwarzen Schleier gelegt - sie sind in Trauer. - Gottlob, heute sind's nur wenige. Wie viele mögen deren vor 200 oder 300 Jahren gewesen sein, die um ermordete und hingeschlachtete Väter, Gatten, Brüder, Kinder trauern mußten!

Wie sich nun der Gemeindegesang erhebt, vollstimmig und kräftig, daß seine Töne das ganze Gotteshaus füllen, wie die Gläubigen andächtig lauschen dem Evangelium, das der Schullehrer von einem kleinen Katheder herab verliest, den Worten der Predigt, welche dann von der höhern Kanzel herab erschallen - mich dünkt, diese Männer und Frauen wären noch heute imstande, wo es not täte, für das teure Wort Gottes Hab und Gut, Blut und Leben zu opfern. Und ist's nicht, als wollten sie zu solchem Martyrium sich stärken, da sie nun herantreten zum Altar - vielmehr zu dem Tisch des Herrn, der aus massiven Bohlen kunstlos gefügt und mit grobem Linnen gedeckt ist - um den Leib Christi zu empfangen, der für uns gestorben ist, das Blut, für viele vergossen zur Vergebung der Sünden?

Der Pfarrer hat die Worte der Einsetzung über dem Brot und Wein ausgesprochen, nun tritt ihm ein Ältester zur Seite; jener reicht den Kelch, dieser bricht das Brot, während der Lehrer von dem Katheder ausgewählte Bibelstellen vorliest.

Wohl ist das heilige Mahl dasselbe an jedem Ort und wirkt den gleichen Segen, wo immer es im Glauben genossen wird. Dennoch wird mir jener Abendmahlsgang in Bobio vor andern unvergeßlich bleiben inmitten jener Zeugengemeinde, deren Väter ihr Blut vergossen hatten, um dies kostbare Gut sich zu erhalten an Stelle der römischen Messe, die man ihnen aufzwingen wollte.

Hier im Kirchlein zu Bobio hatten Arnauds Mannen ihre Hand in Gott gestärkt, ehe sie droben auf dem Hügel Sibaaud sich erhoben zu dem heiligen Eidschwur, miteinander zu siegen oder zu sterben.

Und wie der mächtige Steindamm, aus unverwüstlichen Felsgestein zusammengefügt, sich quer durchs Tal zieht, um Jahr für Jahr die verheerenden, wilden Bergwasser von dem friedlichen Ort abzuwehren, so haben jene Tapferen sich den heranbrausenden Fluten des Verderbens entgegengeworfen, welche 1689 die gesamten Täler verwüsteten, haben dort in La Balsille mit ihren Leibern den unüberwindlichen Damm gebildet, welcher die Waldenser vor der Überflutung durch die wilden Wogen des päpstlichen Glaubenszwanges und des römischen Aberglaubens schützte.

Da sprach der Allmächtige zu den Fluten: Bis hierher und nicht weiter! Hier sollen sich legen deine stolzen Wellen. - Da rettete Seine Hand das Häuflein Streiter, da befreite Sein Arm das Volk der Märtyrer, bis in unsern Tagen Sein Geistesodem sie zu Zeugen, zu Bekennern, zu Missionaren machte für ein ganzes, großes Land.

O welche eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind Seine Gerichte und unerforschlich Seine Wege!“ (Röm. 11,33).

Möge der Gott ihrer Väter mit den Enkeln sein, den Opfermut ihnen stärken, den Zeugenmut mehren, daß sie die hohe Aufgabe erfüllen, welche ihnen geworden, daß heller und heller

das Licht leuchtet in der Finsternis!

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