Engels, Jakob Gerhard – Die Taufe mit dem Heiligen Geist

„Ihr sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden.“
Apg. 1, 5.

„Ihr sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden.“ Damals rief es der Herr seinen Jüngern zu, nun darf ich es auch euch und mir zurufen: Ihr sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden. „Ihr“, das heißt: Ihr nach eurer ganzen Persönlichkeit, nach eurem ganzen Menschen sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden. Legt daheim in der Stille kniend die Hand auf diese große Verheißung und bittet den Herrn: Tauche alles an unserem Menschen in den Heiligen Geist ein! Die Taufe wurde ja in der apostolischen Zeit so vollzogen, daß der ganze Körper, nicht nur ein Glied, ins Wasser getaucht wurde, zum Zeichen und zum Bekenntnis, daß alles an uns unrein ist, daß alles gewaschen werden muß. So ist’s auch mit der Geistestaufe. Sie ist ein Unter- oder Eintauchen in den Heiligen Geist, so daß Geist, Seele und Leib davon ergriffen werden. Wir sollen so völlig in den Heiligen Geist getaucht werden, daß nichts unberührt bleibt, wir sollen so tief in den Heiligen Geist getaucht werden, daß wir gleichsam den Boden unter seinen Füßen verlieren. O, völliger und tiefer in die Geistestaufe hinein!

Der Verstand, die Erkenntnis, die von Natur verfinstert und gänzlich unwissend in geistlichen Dingen ist, soll durchdrungen werden vom Heiligen Geist, so daß wir erleuchtete Augen und Klarheit ins Wort Gottes bekommen. Ja, der Geist wird uns in alle Wahrheit leiten. — Auch der Wille soll eingetaucht werden in den Heiligen Geist und dem Willen Gottes untergeordnet werden. Den eigenen Willen brechen tut weh; aber einen zerbrochenen Willen haben, ist etwas unaussprechlich Wohltuendes. — Auch die Gemütsbewegungen, die beim natürlichen Menschen in Unordnung geraten sind, sollen vom Heiligen Geist geregelt, besänftigt und stille gemacht werden. Die Glieder, die man so oft in den Dienst der Sünde gestellt hat, sollen nun durch die Geistestaufe zum Dienst des Herrn gebraucht werden.

Aber wie wird die Geistestaufe an uns vollzogen?

Zunächst laßt mich sagen: Nicht mehr in solch auffälliger, sichtbarer Weise, wie bei der ersten Ausgießung des Heiligen Geistes, wo es sich um die Stiftung der christlichen Kirche handelte. Die Geistestaufe ist etwas Heimliches, Innerliches, Geistliches, nicht mehr ein Rauschen, sondern ein unmerkliches, sanftes Säuseln, wie Tersteegen es beschreibt:

Du Atem aus der ew’gen Stille,
durchwehe sanft der Seele Grund!

Mögen wir ihn auch nicht kommen hören, und mögen wir das innerliche Durchsalben nicht spüren, so treten doch nach außen die Früchte hervor.

Zum anderen. Wir haben die Geistestaufe nicht als totes Kapital in Händen, daß wir sie auch nur für einen Augenblick ohne Verbindung mit unserem Heiland haben könnten. Wenn wir in der Gemeinschaft mit unserem Heiland leben und mit ihm im Glauben zusammengewachsen sind, wie die Rebe mit dem Weinstock, so läßt unser Haupt Jesus Christus stets neue Einflüsse seines Geistes in uns einströmen. Aber sobald wir von ihm treten, hört das Strömen des Geistes auf, und wir sind so geistesleer und unrein wie ehedem.

Zum dritten wird die Geistestaufe an uns vollzogen, indem allerlei Demütigungen, Zerbrechungen, Unterweisungen ihr vorhergehen und nachfolgen. Ich habe es erfahren, und du erfährst es auch: wie zerbricht der Herr! Er tut es gründlich. Er sagt zu uns, den Seinen: „Du mußt herunter, liebe Seele! Du mußt noch demütiger werden.“ Als ich diesen Morgen meinen Lebensweg übersah, habe ich mich tief, tief geschämt. O, dieser Weg der Zerbrechung mag oft sehr schwer, beschämend und schmerzlich sein, es mag durch äußere und innere Leiden gehen, aber sie sind unbedingt nötig, um mehr Heiligen Geist zu empfangen. Wir wollen uns gern zerbrechen lassen und auf die letzte Bank setzen.

Zum vierten geschieht die Geistestaufe an uns, indem wir dem Herrn stille halten, wenn er seine Finger auf diese oder jene wunde Stelle bei uns legt, die noch nicht geheiligt ist. Unser ganzer Mensch nach Leib, Seele und Geist soll ja mit dem Heiligen Geist getauft sein, auch die Glieder des Leibes. Hast du — ich will nur eins nennen — eine geheiligte Zunge und ein geheiligtes Ohr? O halte dem Herrn stille, wenn er strafend mit dem Finger auf deine Zunge und dein Ohr hinweist! Laufe nicht aus seiner Schule, ob es dir auch schwer wird. Bitte ihn: „Entdecke alles und verzehre, was nicht in deinem Lichte rein!“ Der Geist, der das Unreine aufdeckt, wird es auch verzehren. Der Gott aber des Friedens heiligt uns durch und durch!

Der Geist weht, wo und wie er will. Wir wollen am Flehen bleiben:

O, Heil’ger Geist, kehr’ bei uns ein! Amen.

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