Calvin, Jean - Der Brief an die Galater - Einleitung.

Der Wohnsitz der Galater in Asien und die Grenzen ihres Landes sind bekannt, ebenso dass die Völkerschaft aus Gallien, d. h. dem heutigen Frankreich, stammt, worauf auch der Name hinweist. Eine Zeit lang ragten sie an Macht unter den Nachbarvölkern hervor, und ein großer Teil von Kleinasien war ihnen tributpflichtig; später erlosch ihre Tüchtigkeit, und sie ergaben sich einer weichlichen Lebensweise. Daher wurden sie von dem römischen Konsul Manlius (189 v. Chr.) mit leichter Mühe besiegt und standen zur Zeit des Paulus unter römischer Herrschaft. Nachdem dieser ihnen das reine Evangelium verkündet (Apg. 16, 6), waren in seiner Abwesenheit falsche Apostel in die Gemeinden gekommen, die den Samen der reinen Lehre durch falsche und gefährliche Beimischungen verderbt hatten. Sie lehrten nämlich, dass die Christen noch immer die jüdischen Zeremonien zu beobachten verpflichtet wären. Der Irrtum könnte unwichtig scheinen, aber Paulus bekämpft ihn in diesem Brief, als handle es sich dabei um die Hauptsache im christlichen Glauben. Und zwar mit Recht. Denn es ist kein kleines Übel, wenn die Klarheit des Evangeliums verdunkelt, ein Strick um die Gewissen geschnürt, und der Unterschied des Alten und Neuen Testaments aufgehoben wird; außerdem sah er mit diesem Irrtum die verderbliche Meinung verbunden, es lasse sich die Gerechtigkeit vor Gott verdienen. Die ernste Behandlung der Streitfrage mahnt auch uns zu umso größerer Aufmerksamkeit beim Lesen. Auch zeigt ein Blick auf den Gegenstand, dass solche heftige Bestreitung wohl am Platze war. Weil die Galater allzu leichtgläubig und leichtfertig, ja töricht sich vom rechten Lauf hatten abbringen lassen, darum erfolgt der schroffe Tadel, den man nicht etwa wegen der geistigen Stumpfheit dieses Volkes für zu schroff halten darf. Die Epheser und Kolosser sind auch versucht worden, und hätten sie so leicht den Betrügern nachgegeben, so hätte Paulus sie nicht milder behandelt. Die schlimme Sachlage war es, die Paulus zum Schelten nötigte, nicht etwa die Eigenart des galatischen Volksstammes. In den beiden ersten Kapiteln des Briefes streitet der Apostel für das Ansehen seines Apostelamtes, wobei er erst wie gelegentlich am Schluss des zweiten Kapitels auf die Hauptsache, die Frage nach der Rechtfertigung, zu sprechen kommt, die er nachher im dritten Kapitel eingehend erörtert. In diesen beiden Kapiteln hat er immer das eine im Auge, sich als den Hauptaposteln gleich und derselben Ehrenstellung würdig zu erweisen. Aber warum ist ihm die Schätzung seiner Person so wichtig? Ist es doch, wenn nur Christus herrscht, und die Reinheit seiner Lehre unangefochten bleibt, gleichgültig, ob Paulus größer oder kleiner als Petrus ist, oder ob alle Apostel einander gleichstehen. Wenn alle abnehmen müssen, damit Christus allein wachse (Joh. 3, 30), so ist ja der Streit über menschliche Würden unnütz. Warum stellt also Paulus sich den anderen Aposteln gleich? Er hatte doch keinen Streit mit Petrus und Jakobus und Johannes. Weshalb bringt er Männer, welche gleichgesinnt und eng verbunden dastehen, in gegensätzlichen Vergleich? Antwort: die falschen Apostel hatten bei den Galatern, um ihr Ansehen zu mehren, die Namen der Apostel als Vorwand gebraucht, als wären sie von jenen abgesandt. Das war eine vortreffliche Einführung: so schienen sie im Namen der Apostel aufzutreten und aus deren Munde zu sprechen, - und während dem entzogen sie dem Paulus den Namen und das Recht eines Apostels. Sie erhoben gegen ihn den Vorwurf, dass er nicht von dem Herrn als ein Glied des Zwölfapostel-Kreises erwählt, dass er niemals von diesem Kreise als solches anerkannt wäre, dass er seine Lehre nicht nur nicht von Christus habe, sondern nicht einmal von den Aposteln. Dadurch wurde nicht nur die Autorität des Paulus erschüttert, sondern wie ein gewöhnliches Gemeindeglied kam er weit unter den übrigen Aposteln zu stehen. Hätte es sich dabei nur um seine Person gehandelt, so hätte es Paulus nicht schwer empfunden, dass man ihn nur für ein Gemeindeglied wie alle anderen halten wollte; aber weil er sah, dass dadurch seine Lehre an Ansehen verlor, durfte er nicht stille schweigen. Das ist ja Satans Kunst, wenn er die Lehre nicht offen umzustoßen wagt, dass er deren Macht durch heimliche Gänge unterwühlt. Es wurde also in der Person des Paulus die Wahrheit des Evangeliums selbst bekämpft. Hätte er sich die apostolische Ehre nehmen lassen, so folgte daraus, dass er sich bis dahin mehr angemaßt hätte, als ihm zukam, und diese falsche Prahlerei hätte ihn auch in anderen Stücken verächtlich gemacht. Damit hätte dann auch seine Lehre ihr Schwergewicht einbüßen müssen, - wenn sie eben nicht mehr als Lehre eines Apostels Christi, sondern eines gewöhnlichen Gemeindegliedes galt. Durch den ihm gegenüberstehenden Glanz hoher Namen wurde der seinige hinfällig gemacht. Denn jene rühmten sich eines Petrus, Jakobus und Johannes nur, um sich apostolisches Ansehen zu verschaffen. Hätte Paulus ihrer Prahlerei nicht männlich Widerstand geleistet, so wäre er der Lüge gewichen, und hätte zugleich zugelassen, dass mit seiner Person die Wahrheit unterdrückt wurde. Darum streitet er ernstlich um beides, sowohl darum, dass er als Apostel vom Herrn eingesetzt ward, als auch darum, dass er um nichts geringer dasteht als die übrigen, sondern gleiches Recht und gleiche Würde besitzt, ebenso wie er den Apostelnamen mit ihnen gemein hat. Paulus hätte auch die Aussendung jener Männer durch Petrus und seine Genossen und ihre angeblichen Aufträge bestreiten können, aber viel mehr Gewicht hat diese Verteidigung, wonach er den Aposteln selbst nicht nachsteht: denn hätte er hierin nachgegeben, so musste jedermann glauben, dass er seiner Sache misstraue. Jerusalem war damals aller Gemeinden Mutter, weil von da aus das Evangelium sich überall hin ausgebreitet hatte, und gleichsam die vornehmste Stätte des Reiches Christi. Wer von dorther in andere Gemeinden kam, wurde mit Recht ehrerbietig aufgenommen. Nun gab es aber viele Leute, die in törichter Eitelkeit damit prahlten, dass sie mit den Aposteln befreundet waren oder wenigstens deren Unterricht genossen hatten. Solchen Leuten gefiel nichts, als was sie zu Jerusalem gesehen hatten, daher sie auch alle anderen dort nicht üblichen Gebräuche verwarfen, ja dreist verurteilten. Ein derartig steifer Eigensinn wird nun vollends verderblich, wenn man verlangt, dass die Sitten einer Gemeinde als allgemeines Gesetz gelten sollen. Aus verkehrter Bevorzugung eines Lehrers oder eines Ortes kommt es leicht dahin, dass man rücksichtslos alle Gegenden und alle Menschen nach dem Sinne eines Menschen, nach der Einrichtung eines Ortes, wie nach einem feststehenden Ideal modeln möchte. Auch ist solche übermäßige Peinlichkeit immer mit sündlichem Ehrgeiz verbunden. Hätten daher jene falschen Apostel nur in üblem Nachahmungseifer versucht, überall die Zeremonien einzuführen, deren Beobachtung sie in Jerusalem gesehen, so hätten sie schon darin nicht leicht gefehlt; denn es ist ungerecht, aus der Gewohnheit sogleich eine feste Regel zu machen. Aber schlimmer war die ruchlose und verderbliche Lehre, dass sie hieraus eine Gewissenssache machen wollten und die Gerechtigkeit vor Gott an die Beobachtung äußerer Satzungen banden. Nun verstehen wir, weshalb Paulus bei der Behauptung seines Apostelamtes so heftig vorgeht und sich mit den übrigen Aposteln in Vergleich stellt.

Mit Ende des zweiten Kapitels folgt sodann der Übergang zur Sache selbst, dass wir nämlich aus Gnaden gerechtfertigt werden vor Gott und nicht durch die Werke des Gesetzes. Der Beweis ist dieser: Wenn die Zeremonien die Kraft zur Rechtfertigung nicht in sich tragen, so ist ihre Beobachtung nicht notwendig. Gleichwohl redet Paulus nicht bloß von den Zeremonien, sondern allgemein von den Werken, weil sonst der ganze Beweis kraftlos sein würde. Scheint dies jemandem allzu weit abliegend, so bedenke er zweierlei. Erstlich konnten diese Fragen nicht anders entwickelt werden, als mit Hilfe des allgemeinen Grundsatzes, dass wir gerechtfertigt werden allein durch Gottes Gnade, was nicht nur die Zeremonien, sondern auch andere Werke ausschließt. Sodann war Paulus nicht so sehr wegen der Zeremonien erregt, als vielmehr wegen der gottlosen Meinung, das Heil werde durch Werke erworben. Es ist also wohl bedacht, wenn er hier soweit ausholt und auf den rechten Grund zurückgeht, um den Lesern zu zeigen, dass man hier nicht um des Kaisers Bart streitet, sondern um das Allerwichtigste: um den Weg des Heils.errschaft Paulus war gar nicht in der Lage, sich auf die Verhandlung der Zeremonien zu beschränken, sondern musste in dieser prinzipiellen Frage notwendig weitergreifen, - ähnlich wie auch Apg. 15, 2 die Apostel bei dem Streit über die Notwendigkeit der Zeremonien von dem unerträglichen Joch des Gesetzes und von der Vergebung der Sünde aus Gnade reden. Nur durch den allgemeinen Grundsatz konnte der besondere Irrtum wirksam zurückgewiesen werden. Ebenso würde ich z. B. bei Besprechung der Speisegesetze die allgemeine Frage heranziehen, wie weit menschliche Überlieferungen das Gewissen binden dürfen, und dabei etwa auf den Grundsatz verweisen (Jak. 4. 12), dass nur ein einiger Gesetzgeber ist.

Im Anfang des vierten Kapitels spricht Paulus von dem rechten Gebrauch der Zeremonien und der Ursache ihrer Einsetzung, doch zeigt er auch, dass sie jetzt abgeschafft sind. Er musste ja dem törichten Einwurf begegnen, wozu denn die Zeremonien da seien, ob sie nutzlos gewesen seien, ob sich die Väter des alten Bundes zwecklos mit ihnen zu tun gemacht hätten? Er stellt kurz beides fest: ihrer Zeit waren sie nicht überflüssig, jetzt aber sind sie durch Christi Kommen abgeschafft, welcher die Wahrheit und das Endziel derselben ist: daher man in ihm allein bleiben muss. Kurz wird der Unterschied unserer Lage von der der Väter berührt, woraus dann die Verkehrtheit der Lehre der falschen Apostel sich ersehen lässt, welche die Klarheit des Evangeliums mit den alten Schattenbildern verdunkelt hatten. Einige erbauliche Ermahnungen sind der Lehre beigefügt. Zum Schluss ziert eine schöne Allegorie die Beweisführung.

Das fünfte Kapitel mahnt die Leser, die durch Christi Blut erworbene Freiheit zu bewahren, damit sie nicht ihr Gewissen durch die Aufsätze von Menschen umgarnen lassen. Gleichzeitig erinnert Paulus an das rechte Maß der Freiheit. Auch zeigt er bei der Gelegenheit, welches die wahren Tugendübungen der Christen sind, damit sie nicht sich zwecklos mit den Zeremonien beschäftigen und darüber die Hauptsache außeracht lassen.

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