Bomhard, Georg Christian August - Predigt am heil. Osterfeste.

Wie freudig schlagen Dir unsere Herzen entgegen, Fürst des Lebens und des Friedens, am frohen Gedächtnißtage Deines Sieges über jeden Feind, Deines Triumphes über Sünde, Welt, Tod und Hölle! Frohlockend heben wir unsere Augen zu Dir auf und sehen in Deinem Hervorgang aus der Gruft den Stein von unsern Gräbern gewälzt, in Deinem verklärten Leibe das Unterpfand unserer eigenen Auferstehung, in Deinem glorreichen, majestätischen, unvergänglichen Leben die Gewißheit unserer eigenen, seligen Unsterblichkeit! Wie herrlich strahlt der Glanz Deines Osterfestes über diese Welt voll Gräber hin und macht die Erde zu einem Vorhof des Himmels! Du lebst und wir sollen auch leben; wir werden, wenn wir Dein Wort halten, den Tod nicht sehen ewiglich; Du siegest und herrschest, und auch wir sollen in Deiner Kraft den Sieg davon tragen, welcher die Welt überwindet; Du bist nach Leiden des Todes mit Preis und Ehre gekrönt worden, und Du willst auch uns, wenn wir Dir gelebt haben und in Dir entschlafen sind, in das himmlische Wesen versetzen. Erinnere uns täglich, daß wir nicht blos Kinder der Zeit, Pilger dieser Erde, sondern daß wir durch Dich Kinder Gottes, berufene Bürger des himmlischen Jerusalems, Erben eines ewigen Reiches sind. Hilf uns so denken, hoffen, wandeln, dulden, kämpfen und sterben, wie es uns die Erkenntniß Deiner Auferstehung gebietet, und führe uns einst an Deiner Gnadenhand durch das finstere Thal zum Licht und wahren Leben, zum Frieden und zur Freude, zum vollen Genuß Deiner Herrlichkeit. Amen.

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ So hören wir den Herrn mit einer hohen Versicherung uns betheuern im achten Kapitel der evangel. Geschichte Sanct Johannis, und welches unter den tausend köstlichen Worten seines wahrhaftigen Mundes könnte willkommener, süßer, tröstlicher für unsere Herzen sein? Wann sollten wir desselben mit größerer Zuversicht, Freudigkeit und Dankbarkeit gedenken als an dem heutigen Feste und einst, wenn wir fühlen, daß sich die letzte unserer Stunden uns nahet? Wodurch hätte der König der Wahrheit dieser theuern Verheißung ein schöneres, gewaltigeres Zeugniß und Siegel geben können als durch seine eigene Auferstehung von den Todten? Nicht sehen, nicht schmecken sollen diejenigen, welche sein Wort halten, den Tod ewiglich, spricht der Herr, und in diesem Ausdruck, den wir wohl erwägen müssen, liegt die Kraft, Wahrheit und Tröstlichkeit dieser Verheißung. Solches haben noch alle erfahren und dankbar bezeuget, die sein Wort gehalten haben und mit ihm im Herzen aus dieser Welt gegangen sind; solches wird unfehlbar uns allen bestätiget werden, wenn wir dieses Wort halten, wenn wir Dem leben, der für uns gestorben und auferstanden ist. Sterben müssen wir freilich alle, in den Tod hinein müssen wir alle, Gläubige und Ungläubige, Kinder Gottes und Kinder der Welt, die so richtig vor sich gewandelt haben und die so auf verkehrten Wegen dahin gegangen sind; den alten Bund: „Mensch, du mußt sterben“, hat der Herr nicht aufgehoben durch den Bund des neuen Testaments; das Gesetz: „Du bist Erde und sollst wieder zur Erde werden, wie du gewesen bist,“ muß an allen vollzogen werden, die in Adam gesündiget haben. Aber der Christ siehet den Tod nicht - in seiner furchtbaren, siegreichen, vernichtenden Gestalt, wie ihn der ungläubige, natürliche Mensch sieht; er schmecket ihn nicht in seiner Bitterkeit, er fürchtet, er entsetzt sich nicht vor ihm, wie diejenigen, die keine Hoffnung haben, er empfindet nichts von seinen Schrecknissen, mit denen er für den Gottlosen gewaffnet ist, sondern er kommt in denselben ganz sanft und stille hinein, voller Ergebung und Hoffnung, wie man bei großer Ermüdung in einen erquickenden Schlaf kommt und aus demselben unversehens zum Morgen, zu einem frohen Erwachen. Ein Christ siehet, wenn es zum Sterben mit ihm kommt, nicht den Tod, sondern Christum seinen Erlöser, Heiland und Seligmacher, nicht den König der Schrecken, sondern den Fürsten des Friedens, nicht das offene Grab, sondern den offenen Himmel, nicht die Verwesung, sondern die Auferstehung und Verklärung, nicht den Zorn Gottes und das bittere Verberben, sondern die herzliche Barmherzigkeit Gottes und das Heil der bessern Welt, die beste Gabe Gottes, das ewige Leben in Christo Jesu unserm Herrn. „Der Tod des Christen“, sagt Scriver, „sieht wohl äußerlich, in dem was vor Menschenaugen ist, dem Tode des Unchristen ähnlich, bringt wohl gleiche Schmerzen, gleiches Abscheiden von der Welt, gleiches Aufhören der Zeit und alles Sichtbaren, gleiches Verwesen des Leibes mit sich für den einen wie für den andern, aber innerlich, geistig, unsichtbar ist zwischen Beiden ein solcher Unterschied wie zwischen Himmel und Hölle. Denn der Christ siehet vom Glanz des Herrn umleuchtet den Tod nicht, gehet durch Sterben hinüber zum Leben, aber der Gottlose, von Finsterniß umgeben, siehet, schmecket, fühlet den Tod ewiglich, denn der zeitliche und der ewige Tod ist bei ihm eins und dasselbe. Der Christ gleichet in seinem Sterben einer edeln Pflanze, die der Gärtner aushebt und in ein besseres Land versetzt, an der über dem Versetzen die äußern Blätter trauern und welk werden, aber das Herzblättlein bleibt frisch und grün und treibt ein größeres, schöneres Gewächs - der Gottlose gleichet in seinem Sterben einem dürren Ast, der abgehauen und in's Feuer geworfen wird.“**

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ O theure Verheißung, unschätzbare Hoffnung! Was wären wir ohne sie, o meine Zuhörer - was wäre unser Dasein, was wären alle unsere Güter, Arbeiten, Freuden, Kräfte, Wünsche, Hoffnungen ohne diese Gewißheit, ohne diese helle Aussicht in das Zukünftige, ohne das Kleinod, welches vorhält Gottes himmlische Berufung in Christo Jesu unserm Herrn? „Was soll ich für Freude haben, der ich im Finstern sitzen muß und das Licht des Himmels nicht sehe?“ antwortete dort der alte blinde Tobias dem Engel des Herrn auf dessen freundlichen Gruß: „Gott gebe dir viel Freude!“ So würden wir alle denken müssen, wenn wir noch in Finsterniß und Schatten des Todes säßen und das Licht der Welt, den Herrn und sein ewiges Leben nicht sähen. Was soll ich für Freude haben an allem, was ich auf Erden besitze? Es ist alles ganz eitel und wird mich nach wenigen Tagen verlassen. Was soll ich für Freude haben an meinen Geliebten und Freunden? Sie sind alle hinfällig und sterblich und können mir in jedem Augenblick ans immer genommen werden. Was soll ich für Freude haben an allen nützlichen Erkenntnissen und Erfahrungen, Kräften und Gaben, womit meine Seele geschmückt ist? Sie welken dahin mit dem sterbenden Leibe und werden bald ein schnöder Raub des Todes und der Vernichtung sein. Was soll ich für Freude haben an den Arbeiten, womit ich mich beschäftige, an den nützlichen Werken, die ich vollbracht habe, an den edeln Saaten, die ich mit Schweiß und Mühe hier ausstreue? Sie gehen unter in dem schnellen Strom der Zeit und werden auf keinen Fall mir selbst eine dauernde Frucht bringen. Was soll ich für Freude haben unter dem Joch des Elends, unter der Last großer Schmerzen, in langwieriger Schwachheit und Bekümmerniß, beim Verluste derer, die meinem Herzen am theuersten sind, beim Gefühl meiner dahinsinkenden Kräfte, in den trüben Tagen des Alters, beim Blick in mein nahes offenes Grab? Was soll ich für Freude haben, der ich im Finstern sitze und das Licht des Himmels nicht sehe? So würde unsere gerechte bittere Klage lauten ohne den Tag, den heute die Christenheit feiert, ohne das frohe, herzerhebende, die Welt mit dem Licht des Himmels überstrahlende Ostern! Preis ihm, dem Todesüberwinder! Durch ihn ist Sterben uns Gewinn - durch ihn sollen wir erlöst vom Dienste des vergänglichen Wesens und versetzt werden in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes im Himmel.

„So Jemand wird mein Wort halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich“ - dieses lasset uns heute mit Preis und Dank vor dem Angesichte unseres Gottes erwägen, zuvor aber noch das Frohlocken unserer Herzen laut werden lassen in dem Gesange des 1. Verses des Liedes 133: „Lobt den Höchsten, Jesus lebet“

Text: Evangelium am Osterfeste.

Niemals, meine Zuhörer, ist einem Menschen etwas so ganz Seltsames, Unerwartetes, Wunderbares, Herrliches begegnet, wie diesen frommen Freundinnen des Herrn nach der Erzählung unseres Festevangeliums widerfahren ist, und was könnten wir natürlicher finden als die Schauer des höchsten Erstaunens, der mächtigsten Erschütterung und Bestürzung, von denen ihre schwachen Herzen bei dieser plötzlichen Offenbarung der Allmacht und Herrlichkeit Gottes sich ergriffen fühlen? Sie kommen ein verschlossenes Grab zu besuchen und sie sehen statt dessen eine offene Pforte des Himmels; sie meinen in die Behausung des Moders und der Verwesung zu kommen und sie betreten den hellen Wohnplatz der Unsterblichkeit; sie wollen einen am Kreuz erblaßten Leichnam mit ihren Spezereien salben, mit ihren heißen Thränen benetzen, und sie erblicken Glanz der Engel, der gegen sie herstrahlt, sie hören Botschaft der Engel, die ihnen die prachtvollste, anbetungswürdigste Offenbarung Gottes verkündiget; sie denken einem schauderhaften und bemitleidenswürdigen Anblick entgegen zu gehen und ihnen erscheint das Herrlichste, Preiswürdigste, Seligste, was jemals in eines Menschen Herz gekommen ist; mit Einem Wort, sie suchen den Tod und finden das Leben. Hiemit ist alles angedeutet, alles gesagt, was uns durch Christi Auferstehung und Leben unser Tod sein soll und was jeder gläubige Christ an sich selbst bestätiget sehen und erfahren wird, wenn er im heiligen Namen seines Erlösers in sein Grab sinkt - gänzlich, gänzlich das Gegentheil von dem, was in den Augen des natürlichen Menschen der Tod ist, das ist er für diejenigen, die das Wort des Herrn halten und daher den Tod nicht sehen werden ewiglich, und es gibt keinen wundervolleren Gegensatz als zwischen dem, was der Tod scheint und was er ist für die so durch Christum erlöset sind. Das lasset uns jetzt bedenken, indem ich euch unter dem Beistande Gottes kürzlich darstellen will:

Was unser Tod durch das Leben unseres Erlösers sein soll.

Wir haben unserer heutigen Betrachtung am vergangenen Charfreitag eine andere vorausgehen lassen, welche mit unserer jetzigen in genauestem Zusammenhang steht und ohne deren rechte Beherzigung und Befolgung alles, was wir jetzt zu sagen haben, euch nicht angehen, für euch keine Wahrheit haben würde. Wir haben nämlich, wie ihr euch ja wohl noch erinnern werdet, unter dem Kreuze Christi miteinander erwogen, was unser Erdenleben durch den Tod unseres Erlösers sein soll, und wir haben gesehen, daß es unfehlbar ein tägliches Absterben der Sünde, ein zunehmendes Reichwerden an Früchten der Gerechtigkeit, die durch Christum in uns geschehen, ein kindliches Bauen und Trauen auf die Gnade Gottes in Christo, eine herzliche Danksagung für das bittere Leiden und Sterben des Sohnes Gottes, ein stilles Sehnen nach dem, was droben ist und eine stündliche Bereitschaft zu einem seligen Tode sein soll. Wir haben hiemit erklärt, was das heiße: „So Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ Auf wessen Herz und Leben nun der Tod unseres Erlösers keinen solchen Einfluß hat, wer die Kraft des Glaubens an den Sündentilger in seiner Seele nicht empfindet, wer nicht durch seinen Wandel es beweist, daß er durch Christi Tod der Sünde abgestorben ist und der Gerechtigkeit lebet, für solche ist auch nicht das Wort: „Der wird den Tod nicht sehen ewiglich;“ für solche ist das alles nicht, was wir heute zu sagen haben, solche würden sich auf das Kläglichste täuschen, wenn sie meinen wollten, auch ihr Tod sei durch das Leben Christi verschlungen in den Sieg. Wir wollen ihnen das sofort heute redlich anzeigen und beweisen, damit sie nicht uns beschuldigen können, wir hätten ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Nur „wer an mich glaubet, bezeugt der Todesüberwinder, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“ „Das ist der Wille Deß, der mich gesandt hat, daß wer den Sohn siehet und glaubet an ihn, habe das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.“ Unser Erdenleben muß ein Charfreitag, ein tägliches Versöhnungsfest mit Gott durch den Tod unseres Erlösers sein, wenn unser Tod ein seliges Ostern, ein Durchgang zum wahren vollkommenen Leben durch die Auferstehung Christi für uns werden soll. Ihr aber, die ihr sein Wort zu halten euch befleißiget, schauet den Herrn an, wie er im Lichte seiner Auferstehung uns erscheint und erkennet in ihm, was auch uns verheißen und gewiß ist, was zwar nicht in solcher Majestät, wie in ihm, dem Haupt und Könige, aber doch im milden Abglanz und Widerschein an uns den Unterthanen und Bürgern seines Reiches soll offenbar werden. Durch das Leben unseres Erlösers ist für uns der Tod:

Eine Lösung schwerer Fesseln.

So sehen wir es an dem Herrn. Der Anschein vor Menschenaugen war anders; von den schwersten unauflöslichsten Fesseln belastet dachten sich jene frommen Weiber den Herrn, als sie zu seinem Grabe gingen, in einem Kerker wähnten sie ihn, der nicht enger, finsterer, schauderhafter sein konnte, in einer Gefangenschaft, ans welcher keine Befreiung jemals möglich sei, in einer Kraftlosigkeit und Ohnmacht, mit welcher nichts zu vergleichen ist und welche eben der Tod heißt. Wie sehr hatten sie sich geirrt; wie vergeblich waren die Thronen gewesen, mit denen sie sein Begräbniß gefeiert und jetzt sich seinem Grabe genähert hatten! Ja er hatte schwere drückende Fesseln getragen, so lang er noch in der Knechtsgestalt hier wandelte, so lang er noch mit Fleisch und Blut gleich den Menschenkindern bekleidet war, so lang er noch aus Liebe zu uns und uns zu Gute das Joch der Armuth, der Erniedrigung, der Arbeit, des Hasses von der Welt, der Lästerung und Verfolgung getragen hatte, so lang er arm war, um uns durch seine Armuth reich zu machen, so lang er versucht wurde und leiden mußte, um ein barmherziger Hoherpriester für uns vor Gott zu werden, so lang er den allerhärtesten Kampf stritt, um uns den allergrößten Sieg zu erringen; er hatte die schwersten Fesseln getragen damals, als er „unsere Krankheit auf sich nahm und unsere Schmerzen auf sich lud,“ damals, als er um unsertwillen sich gefangen nehmen und binden, von einem ungerechten Richter sich zum andern führen, schmähen, verurtheilen, geißeln, mit Dornen krönen ließ, als er auf dem blutigen Rücken sein Kreuz nach Golgatha trug und mit durchbohrten Händen und Füßen an dasselbe geschlagen wurde, - Aber alle diese Fesseln sind nun gelöst, gebrochen, von ihm genommen im Augenblick, als er sein Haupt am Kreuz geneigt hatte und verschieden war; seine Kreuzesnägel sind aus seinen Wunden gezogen, seine Dornenkrone ist in seinem Grabe zurück geblieben, seine Knechtsgestalt ist zur Siegesgestalt geworden, er weiß von keinem Schmerz, von keinem Uebel, von keiner Schwachheit, von keinem Druck irgend eines Leidens mehr, und zwar nicht blos für eine kurze Zeit, sondern für alle Ewigkeit - er ist auferstanden, er wandelt in einem neuen Leben voll der unbeschränktesten Kraft, Freiheit, Hoheit und ungestörter ewiger Wonne.

Aehnliches begibt sich mit denen, die in ihm entschlafen sind, wiewohl es scheint, als seien sie von den härtesten Fesseln beschwert, wenn ihre Augen erlöschen, wenn ihr Blut erstarrt, wenn ihre Hände ohnmächtig herabsinken, wenn ihr Herz stille steht und im Tode bricht, wenn es scheint, als seien sie in den ärgsten Kerker verschlossen, wenn ihr Leib in das Grab sinkt. Gerade das, das ist ihre Befreiung von allem, was ihnen hienieden lästig, beengend, drückend, beschwerlich war, das ist die vollkommene, oft ersehnte Lösung aller harten Bande, in denen Armuth, Sorge, Verfolgung, Krankheit, Alter, Gebrechlichkeit, Noth und Elend sie vielleicht viele Jahre lang gefesselt gehalten hatte; das ist die Erfüllung des oft so sehnlichen Wunsches, der frohen Zuversicht: „Wenn mein Geist in Aengsten ist, so nimmst Du dich meiner au -“ „Sie legen mir Stricke auf dem Wege, da ich gehe, ich kann nicht entfliehen, Niemand nimmt sich meiner an; nun Herr, führe Du mich aus dem Kerker, daß ich danke und lobe!“ Das ist der Triumph: „O Herr, ich bin Dein Knecht! ich bin Deiner Magd Sohn, Du hast meine Bande zerrissen, Du hast meine Seele vom Tode befreit, mein Auge von den Thränen, meinen Fuß vom Gleiten, ich will wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen; Dir will ich Dank opfern und des Herrn Namen verkündigen.“ Das Sterben des Christen, das ist die Erhebung zu der Kraft und zu der Herrlichkeit der Kinder Gottes im Himmel. - „Da liegt Schwachheit und Verdruß ewig unter ihrem Fuß.“ Nicht so lang noch „der sterbliche Leichnam die Seele beschweret und die irdische Hütte den zerstreuten Sinn drücket,“ nicht so lange noch die Natur, die Elemente, die Menschen, die Jahre, die Wechsel des Schicksals ihren Einfluß, ihre Gewalt über uns haben, können unsere oft so drückenden Fesseln gelöst werden, sondern dann nur, wenn wir nicht mehr das Bild des irdischen, sondern das Bild des himmlischen Adams an uns tragen, wenn es von uns heißt: „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, keine Qual rühret sie weiter an,“ Dem edeln Johannes seine Fesseln abnehmen, seinen Kerker aufthun, das konnten seine treuen Jünger mit aller ihrer Liebe nicht, aber das Schwert des Tyrannen konnte es durch Gottes Zulassung in einem Augenblick. Darum ist unser Tod durch das Leben unseres Erlösers auch:

Ein vollkommener Sieg über alle unsere Feinde.

Was tritt uns darin deutlicher vor die Seele? Freilich besiegt von seinen Feinden, gegen die er seit Jahren gekämpft hatte, überwunden von dem Haß der Welt, von der Schandthat der Bosheit, von den Mißhandlungen der Gottlosen, von den bittern Pfeilen des Todes, von der Gewalt der Hölle, niedergeworfen in den blutigen Staub, hingestreckt auf immer schien der Held, dem die Völker anhangen sollten, der Starke, der mit allmächtigen Kräften gewirkt hatte und dazu erschienen war, daß er die Werke des Teufels, Sünde und Tod zerstöre. Sie hatten es lange gewünscht, seine Widersacher, jetzt schien es ihnen gelungen, sie hatten es oft versucht, jetzt glaubten sie es vollständig hinausgeführt und ihr Hohngelächter unter seinem Kreuz, ihr Spott, ihr Triumphgeschrei bewies es. Von den Seinigen aber hörte man die Klage: „Ach, daß der Held umkommen ist, der Israel beschirmet und errettet hat!“ Den gefallenen, wenn gleich ehrenvoll und glorreich gefallen, den überwundenen Kämpfer Gottes glaubten jene frommen Weiber zu finden und seine Niederlage beweinen zu müssen.

„Wir aber hofften, er sollte Israel erlösen,“ klagten die frommen Wanderer nach Emmahus. - Eitle Klage, vergeblicher Kummer! Schon hatte er gesiegt, der majestätische Sieger über alle seine Feinde, über Welt, Sünde, Tod und Teufel; der Held, von dem geschrieben stand: „Gürte Dein Schwert an Deine Seite, Du Held und schmücke Dich schön, es müsse Dir gelingen in Deinem Schmuck; zeuch einher der Wahrheit zu Gute, die Elenden bei Recht zu erhalten, so wird Deine rechte Hand Wunder beweisen; scharf sind Deine Pfeile, daß die Völker vor Dir niederfallen mitten unter den Feinden des Königes.“ „Der Herr sprach zu meinem Herrn, setze Dich zu meiner Rechten, bis ich Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße lege. Der Herr wird das Scepter Deines Reiches senden aus Zion: Herrsche unter Deinen Feinden. Nach Deinem Sieg wird Dir Dein Volk williglich opfern, in heiligem Schmuck. Deine Kinder werden Dir geboren, wie der Thau aus der Morgenröthe. Der Herr zu Deiner Rechten wird zerschmeißen die Könige zur Zeit seines Zorns; er wird richten unter den Heiden, er wird große Schlacht thun; er wird zerschmeißen das Haupt über große Lande. Er wird trinken vom Bach auf dem Wege, darum wird er das Haupt empor heben.“

„Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben und durch sein Erkenntniß wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen, denn er trägt ihre Sünden; und ich will ihm große Menge zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben.“ In seiner tiefsten Erniedrigung, in seiner scheinbaren völligen Niederlage, im Sterben seiner Knechtsgestalt am martervollen Kreuze, darin hatte der Sohn Gottes und der Menschen Sohn den Schritt zur Wiederannahme seiner göttlichen Gestalt, zu seiner höchsten Erhöhung, zu seinem allmächtigen und ewigen Triumphe über jeden Feind gethan, und wo ist nun die Hand, die Bosheit, die Gewalt, die ihm noch zu mächtig wäre, die ihm noch ein Leid thun könnte auf dem Throne seiner Herrlichkeit?

Mit ihm, durch ihn ist auch uns der Sieg gegeben; durch sein Leben triumphirt der Christ im Tode, indem er zu unterliegen scheint, über alles, was ihm feindlich war. Ach, hier ist unser Dasein in mancher Rücksicht oft ein Kampf, ein Ringen mit manchen mächtigen Gewalten, die uns zu überwinden drohen, die uns zu immer neuen Anstrengungen, Arbeiten, Sorgen, Befürchtungen, zur beständigen Wachsamkeit und Verteidigung auffordern, die uns oft zu dem Seufzer veranlassen: „Muß nicht der Mensch immer im Streit sein auf Erden und feine Tage sind wie eines Tagelöhners Tage“, die unsere leibliche oder geistliche Wohlfahrt bedrohen, wenn wir ihnen unterliegen. Wie das Erdenleben Christi selbst es gewesen ist, so ist auch das Leben der Seinigen hienieden ein fortgesetzter Kampf gegen die gefährlichsten Feinde, nur mit dem Unterschiede, daß ihn Welt und Sünde nur von außen angreifen konnten, dagegen die Sünde auch inwendig in uns selber ist, und mit unserm Fleisch und Blut, mit unserm eigenen Herzen leicht einen Bund macht, weshalb der Herr uns ermahnt: „Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach,“ und sein Apostel: „Leide dich als ein guter Streiter Jesu Christi, Niemand wird gekrönet, er kämpfe denn recht.“ Nun, mag uns dieser Kampf oft sauer genug und nicht immer siegreich von uns gekämpft werden, mögen wir von unserer Schwachheit und von der Starke des Feindes uns öfters schmerzlich betrübt fühlen, wir wissen, daß dieß nicht immer so sein wird, daß ein Tag kommt, wo es von dem gläubigen Christen, von dem guten Streiter des Herrn in Vollkommenheit gelten wird: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat; Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat, durch unsern Herrn Jesum Christum!“ Durch unsern Tod über die Welt und über alle ihre Anfechtungen erhöht mit unserm sieggekrönten, ewig herrschenden Erlöser auf das Innigste vereint, werden wir erfahren: „Wer überwindet, der wird alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein; werden wir dahin kommen, wo kein Leid und kein Geschrei, keine Sünde und kein Tod mehr sein wird und Gott wird abwischen alle Thränen von unsern Augen.“ Nicht während seiner mühseligen Wanderungen, Arbeiten, Anfechtungen, Gefahren, Kämpfe und Leiden, sondern am Rande des Grabes, im Angesicht seines nahen Todes ruft Sanct Paulus, ruft jeder treue Streiter Christi freudig aus: „Ich habe einen guten Kampf gekämpfet, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten, - hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter mir geben wird an jenem Tage, nicht allein aber mir, sondern allen, die seine Erscheinung lieb haben.“ Eben so deutlich erscheint uns durch das Leben unseres Erlösers unser Tod:

Als ein Hingang in die seligsten Verbindungen.

Zwar freilich der Anschein am Charfreitag war ein ganz anderer. Losgerissen von dem schönen Kreis der Seinigen, getrennt von denen, die ihn so zärtlich liebten und die auch ihm so sehr am Herzen gelegen, geschieden auf immer von dem herrlichsten gesegnetsten Wirken und in die tiefste Einsamkeit und Verborgenheit, in die entlegenste, unerreichbarste Ferne gegangen, so schien der Herr, als er am Kreuz vollendet hatte und in das Grab verschlossen war. Einen starren Leichnam, dessen Augen sich nie wieder dem Licht öffnen, dessen Ohren nie mehr ihre Stimmen hören, dessen Lippen nie mehr mit ihnen reden, dessen Hände nie wieder liebend und segnend sich nach ihnen ausstrecken würden, das meinten die treuen Freundinnen Christi zu finden, als sie voll Traurigkeit an sein Grab kamen. Bitterer, herzdurchschneidender Gedanke, noch einmal die geliebte Gestalt des Schönsten und Besten unter den Menschenkindern zu sehen und dann auf ewig nicht wieder. Aber der Herr ist nicht hier, er ist auferstanden, er kehrt zu den Seinigen zurück und offenbart sich ihnen in seiner ganzen Freundlichkeit und Leutseligkeit, er ist forthin bei ihnen allen überall an allen Orten und alle Tage bis an der Welt Ende und ist zugleich auch wieder in die vollkommenste Gemeinschaft getreten mit allen Bewohnern einer höheren Welt, mit allen Heerschaaren, die droben im Lande der Vollendung sind, und verbindet mit seiner Allgegenwart und mit seinem allmächtigen Leben seine Gemeinde im Himmel und auf Erden.

Etwas von diesem Glanz der Herrlichkeit Christi wird auch uns schmücken, wenn wir in ihm entschlafen sind, eine Erhebung in die glücklichste Gemeinschaft, ein Hingang in die seligsten Verbindungen soll durch sein Leben auch unser Tod sein. Ja wir verlassen sterbend unsere irdischen Verbindungen, unsere Lieben, mit denen wir in treuer Freundschaft innig vereinigt waren und dieses Scheiden hat sein Schmerzliches, wie das des Scheidens unseres Erlösers für die Seinigen hatte; aber wir verlassen sie nur auf eine kurze Zeit, im Grund nur auf wenige Tage, wie es dort der Fall war, und wären es auch manche Jahre, die doch wie ein Geschwätz vorüber gehen, wie ein Dampf sind, der eine kleine Zeit währet, darnach verschwindet er. Aber wir treten in schönere, reinere, glücklichere, dauerhaftere Verbindungen ein, als sie hier möglich sind im Lande der Prüfung und Unvollkommenheit, wir kommen dahin, wo die innigste Freundschaft, die treueste Liebe, der beglückendste Umgang, die ausgewählteste Gesellschaft uns erfreut, wo die Zierden unseres Geschlechts aus jeglichen Zeiten zu finden sind, die Frommen des alten und neuen Testaments, die Märtyrer der Wahrheit, die Helden des Glaubens, die brennenden und scheinenden Lichter der Welt, die Fürsten im Reiche Gottes, die vier und zwanzig Weitesten um den Stuhl des Lammes, die großen Schaaren, die Niemand zählen kann, aus allen Völkern, Leuten und Zungen, die mit weißen Kleidern angethan ihre Palmen tragen, die Cherubim und Seraphim, die mit ihren unvergänglichen Lobgesängen den Ewigen preisen. Wir gehen dahin, wo uns mit offenen Armen die Unsrigen willkommen heißen, die vor uns in dem Herrn entschlafen sind, auf deren Wiedersehen in langer, tiefer Sehnsucht unsere Herzen sich freuten, wo nach drei Tagen, nach drei Stunden - denn in der Ewigkeit sind keine Erdenjahre, ist keine Zeit mehr - auch diejenigen bei uns sein werden, die unsern Heimgang mit ihren heißen Thränen begleitet hatten, wie Maria und Magdalena und Salome das Scheiden des Erlösers. Und dieses alles ist doch nur ein Geringes gegen das Schauen unseres Heilandes von Angesicht zu Angesicht, gegen die Erfüllung seines Wortes: „Ich will euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin.“ Wo ist ein Christenherz, dessen höchste Hoffnung nicht die Bitte des Sohnes Gottes ist: „Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die Du mir gegeben hast, daß sie die Herrlichkeit sehen, die Du mir gegeben hast, denn Du hast mich geliebet, ehe die Welt gegründet war.“ Wir gehen dahin, wo wir den Herrn schauen und bei ihm daheim sein werden allezeit. O wie lieblich sind die Wohnungen des Friedens, die der eingeborne Sohn im Vaterhause uns bereitet hat - wie tröstlich klingt durch die Nacht des Sterbens und des Scheidens die Verheißung: „Ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll Niemand von euch nehmen.“ Dort heißt es, wie der Apostel sagt, von den Gläubigen: „Ihr seid gekommen zu der Stadt des lebendigen Gottes und zu dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel und zu der Gemeinde der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten und zu Gott dem Richter über alle, und zu dem Mittler des neuen Testaments, Jesu.“ Es soll aber auch durch das Leben unseres Erlösers unser Tod sein:

Eine schöne Verklärung unseres irdischen Leibes.

So sehen wir es bei dem Auferstandenen. Zwar der Anschein war anders; von den grausamsten Mißhandlungen zerstört, von den tiefsten Wunden entstellt war der Leib des Herrn in das Grab gesunken, der Geist war aus den Gliedern entwichen, nur Staub zum Staube gehörig schien, was noch übrig war, zur Beute der Verwesung, zum Raub der Vernichtung geworden glaubten die Freundinnen Christi die Hülle des Schönsten unter den Menschenkindern, als sie hingingen ihn zu salben, nicht sowohl uni ihn gegen die Gewalt der Elemente zu schützen, als nur um ihm den letzten Beweis ihrer dankbaren Liebe zu geben. Sie zweifeln wohl nicht an der unsterblichen Fortdauer des göttlichen Geistes, der diese erstarrten Glieder beseelt hatte, aber daß auch dieser furchtbar zerstörte Leib jemals wieder lebendig werden, mit Kraft und Schönheit angethan werden sollte - nein davon kommt ihnen keine Ahnung in den Sinn. Doch siehe, er ist nicht hier, er ist mit dem Leibe neu vereinigt auferstanden; er ist nicht mehr der vorige Leib, sondern mit Verklärung und Unsterblichkeit geschmückt, er hat Eigenschaften, Kräfte, Vorzüge, von denen an dem vorigen irdischen Leibe nichts zu sehen war, er wird sich emporschwingen zum Himmel. Also ist es auch mit den Leibern der Seinigen. Zwar in den Staub kehrt unser entseelter Leib zurück, die Verwesung wird ihm nicht erspart, jenes Wort des Propheten, das nur von Christo galt, dürfen wir nicht auf uns beziehen: „Du wirst nicht zugeben, daß dein Heiliger verwese.“ Der Auflösung in seine Bestandteile, der Vernichtung auf immer scheint unser Leib zum Raub gegeben, wenn er in's Grab verschlossen ist. Aber auch über ihm waltet die ewige Allmacht und Gnade, die Verheißung des Evangeliums, auch ihm ist sein künftiges schöneres Loos, seine neue Geburt, seine Verherrlichung in der Auferstehung Jesu Christi geoffenbart und versiegelt, er gleicht dem Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird, den Wurzeln, die mit Erde bedeckt werden, daß mit der Zeit eine edle Frucht, ein ganz anderes schöneres Gewächs, eine köstliche Blume daraus hervorgehe. Er hat das Wort der h, Schrift: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich ans der Erde wieder auferwecken, und werde mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleische Gott schauen, denselben werde ich sehen, meine Augen werden ihn schauen, kein Fremder.“ Er hat das Versprechen des Heiligen von Israel, der nicht lügt: „Das ist der Wille deß der mich gesandt hat, daß wer den Sohn siehet und glaubet an ihn, habe das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.“ Wir freuen uns mit dem Apostel: „Wir wissen so unser irdisch Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbauet, ein Haus nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“ „Es wird gesäet verweslich und wird auferstehen unverweslich, es wird gesäet in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft, es wird gesäet in Unehren und wird auferstehen in Herrlichkeit, es wird gesäet ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ „In der Auferstehung werden sie den Engeln Gottes gleich sein“, sagt der Herr von seinen Erlösten, Darum triumphiren wir: „Mein Leib und meine Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“ Nichts von uns soll dem Tode zum Raube bleiben; „dieß Verwesliche muß anziehen das Unverwesliche und dieß Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit.“ Alsdann wird erfüllet werden das Wort, das geschrieben siehet: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg - Tod wo ist dein Stachel? Hölle wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum!“ Und denken wir schließlich noch an das, was uns deßwegen gebührt, wenn es mit uns zum Sterben kommt, so ist der Tod der Gläubigen durch das Leben unseres Erlösers gewiß: Ein letztes Zeugniß vor der Welt, daß der Herr wahrhaftig auferstanden ist und lebet und herrschet ewiglich. Das ganze Leben der wahren Christen ist ein Zeugniß von dem, in dessen Namen sich beugen sollen die Kniee aller, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind und von dem alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr aller ist zur Ehre Gottes des Vaters; ihr ganzer Wandel unter ihren Mitmenschen ist ein Beweis, daß der Herr in ihnen lebet, daß Christum lieb haben besser ist, als alles Wissen, daß er denen, die ihn aufnehmen, Macht gibt, Gottes Kinder zu werden, daß er das Leben und das Licht der Menschen ist, daß er die Seinigen mit Früchten der Gerechtigkeit schmückt, die durch ihn in ihnen geschehen zur Ehre Gottes des Vaters, daß ei unser Friede ist und die, so zu ihm kommen, erquicket und ihnen Ruhe für ihre Seelen gibt, daß sie dem leben, der für uns gestorben und auferstanden ist. Ihre höchste Sorge ist, daß Christus an ihnen hoch gepreiset werde, es sei durch Leben oder Tod. Darum ist denn das letzte und schönste Zeugniß, welches sie ihm hienieden geben, der Sinn, mit welchem sie ihrem offenen Grabe sich nähern, ihr Verhalten im Sterben, und wenn dieses Zeugniß nicht oft gegeben und gesehen wird, so ist das eben ein Beweis, daß nicht so viele Christen sind, als sich dafür halten. Ich weiß zwar wohl, meine Zuhörer, es gibt auch eine Entschlossenheit zum Sterben, womit ein Agag spricht: „Also muß man des Todes Bitterkeit vertreiben,“ eine scheinbare Geringschätzung des Lebens und Verachtung des Todes, deren auch der Ungläubige, der Gottlose manchmal fähig sein kann; man hat Menschen gesehen, in denen nicht Christus war und die doch ohne äußerliche Merkmale der Verzagtheit den Tod erduldeten. Es bedarf jedoch keines Beweises, welch' ein Unterschied ist zwischen dem trotzigen Verzichten, womit ein Agag sich in den Tod ergibt, der der fürchterlichen Entschlossenheit, womit ein Judas zum Strick greift, und zwischen der seligen Gesinnung, mit welcher ein Stephanus am Rande des Grabes den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes siehet. Der letzte und schönste Preis, womit ein Christ auf Erden seinem Erlöser die Ehre gibt, ist sein Glaube, sein Trost, sein nach oben gewendeter Blick, seine erhabene feste Hoffnung, womit er im Namen Jesu Christi diese Welt verläßt.

Hier beim Eingang in das finstere Thal, vor dem die irdische Natur sich entsetzt, wo die äußerste Ohnmacht und Hilflosigkeit den Menschen ergreifet, wo die Wellen und Wogen des Jammers über ihm zusammenschlagen, daß hie eine Tiefe und da eine Tiefe brauset, wo jede andere Hoffnung aufhört und wie ein dünner Reif ist von der Sonne vertrieben und von ihrer Hitze verzehret, wo die Künste der Heuchelei und Verstellung verschwinden und der verborgene Mensch des Herzens offenbar wird, wo die besten Freunde nur noch Thränen und Gebete für uns haben - hier gibt der Christ seinem Erlöser die Ehre und prediget noch einmal mit schon erbleichenden Lippen den, der die Auferstehung und das Leben ist, der uns verheißen hat: „So Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ O ein schöner erhabener Anblick, dieses letzte Zeugniß, das ihm die Seinigen geben! Ich sehe wohl bei dem sterbenden Christen die Unruhe des letzten Kampfes, die Schmerzen der zusammenbrechenden Leibeshütte, die Thränen des Abschieds von den Seinigen, das Seufzen: „Die Angst meines Herzens ist groß, führe mich aus meinen Nöthen“, den Dornenkranz, der sein Haupt drückt, das Kreuz, au welchem er mit Christo leidet - allerdings; aber ich sehe auch seine Ergebung: „Nicht wie ich will, Vater, sondern wie Du willst“; seine Festigkeit: „Wenn mich der Herr auch tödten wollte, will ich dennoch auf ihn hoffen“; seine Gewißheit: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt“; seine Zuversicht: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Wert verkündigen“; seine Freudigkeit: „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“; seine Ueberzeugung: „Der Herr wird mich erlösen von allem Uebel und mir aushelfen zu seinem himmlischen Reiche“; seinen Sieg: „In dem Allen überwinden wir weit um deßwillen, der uns geliebet hat.“ Ich sehe einen Menschen, der an dem Triumphwagen seines Erlösers sich hält, einen Helden, der die Welt überwindet, einen Erlöseten, dessen Kerker sich aufthut, einen Geist, dem der Geist Gottes Zeugniß gibt, daß er ein Kind Gottes ist, einen Seligen, der die Kräfte der zukünftigen Welt schmecket, der mit Christo zu gleichem Tode gepflanzt ihm auch in der Auferstehung gleich sein wird, dem die Engel Gottes zurufen: „Die Heiligen des Höchsten werden das Reich einnehmen und werden es immer und ewiglich besitzen“, den sein Herr und Heiland in seine allmächtigen Arme, an sein treues Jesusherz nimmt und ihm sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

O möge mein Ende so von Dir Zeugniß geben, Fürst des Lebens, Herr, der unsere Gerechtigkeit ist. Herzog unserer Seligkeit! Möge, was meine Lippen jetzt in der Kraft des Glaubens an Dich, in der Wahrheit Deines Wortes ausgesprochen haben, mein Herz, das Herz aller dieser Christen erfüllen, stärken, beseligen, wenn es im Tode brechen soll! Mögen wir alle durch Deine Barmherzigkeit es erfahren!

Jesus lebt, nun ist der Tod
Mir der Eingang in das Leben,
Welchen Trost in Todesnoth,
Wird es meiner Seele geben,
Wenn sie gläubig zu Ihm spricht:
Herr, Herr, meine Zuversicht. Amen.

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