Bomhard, Georg Christian August - Was unsre evangelische Kirche uns lieb machen muß.

Predigt
am Reformationsfeste über Ps. 26, 8.
von
Pfarrer Bomhardt,
zu Augsburg.

Wir gedenken heute an deine Thaten unter uns, o Herr, wir gedenken an deine vorigen Wunder; wir reden von allen deinen Werken und sagen von deinem Thun. - Gott, dein Weg ist heilig, wo ist solch ein mächtiger Gott, wie du bist? Du bist der Gott, der allein Wunder thut, du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern. Du hast dein Volk erlöset gewaltiglich! Du hast die Bande zerbrochen, womit Menschen dein Wort zu fesseln gedachten, du hast das Licht deines Evangeliums herrlich wieder hervorbrechen lassen aus der Dunkelheit, und den hellen Schein deiner Erkenntniß wieder gnädig in viele tausend Seelen leuchten lassen, daß sie wissen können, was uns von dir gegeben ist. Dafür preisen wir in Demuth deine unendliche Güte, und danksagen dir, o Vater des Lichts, o liebevoller Herr, Beschützer und Erlöser deiner Christenheit, o Geist der Gnade und der Kraft, daß du dein Evangelium unüberwindlich und siegreich erhältst, und deine Gemeinde von den Pforten der Hölle nicht überwältigen lässest! Höre nicht auf. Dreieiniger, deinem Worte immer neue Siege zu geben! Lehre uns die Wohlthaten unsrer evangelischen Kirche immer besser erkennen und lieben, und dir immer herzlicher dafür danken, und mache immer zahlreicher die Schaar deiner Getreuen, die dich hier im Geist und in der Wahrheit anbeten, und dort versammelt werden zu deinen Auserwählten im Himmel. Amen.

„Siehe, ich komme bald, halte, was du hast, daß Niemand deine Krone nehme!“ So hören wir im dritten Capitel der heil. Offenbarung Johannis den Herrn zu dem Engel der Gemeine in Philadelphia sagen. Er gibt diese? Gemeinde in den vorhergehenden Worten vor allen übrigen ein ungemeines Lob, und bezeuget ihr sein Wohlgefallen; er erkennt sie für eine Gemeinde nach seinem Herzen an, der er die schönste Verheißung gibt, über welcher er mit seiner Allmacht und Gnade allezeit walten will. Das - so spricht er zu ihr - das saget der Heilige und der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel David, der aufthut, und Niemand zuschleußt, der zuschleußt und Niemand aufthut - ich weiß deine Werke. Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Thür, und Niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft, und hast mein Wort behalten, und hast meinen Namen nicht verleugnet.„ Die offene Thüre, welche der Herr dieser Gemeine gibt, ist ohne Zweifel die Gelegenheit, die Befugniß, die Bestimmung, das Evangelium auszubreiten auf Erden, ohne daß es Jemanden möglich sein soll, ihr solches zu wehren. Die kleine Kraft, welche diese Gemeinde hat, deutet an, daß sie, besonders in ihrem Anfange von geringer Zahl, von einem kleinen Umfang, von einem unbedeutenden, schwach scheinenden, verachteten Ansehen vor den Augen der Welt sein wird. Der Ruhm, den sie bei dem Herrn hat, und um deßwillen er ihr sein Wohlgefallen bezeuget, ist dieser: „Du hast mein Wort behalten“ - du hast es nicht mit Menschenmeinung und Irrthümer vermischt, nicht verunstaltet, verfälscht, bei Seite gelegt, den Menschen vorenthalten, du hast es behalten, erforscht, geehrt, geprediget als das Wort der ewigen Wahrheit, als das Wort deines Herrn und Königes, als das Licht, den Trost, die Hülfe der Menschen, als eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben. „Du hast meinen Namen nicht verläugnet“ - hast meine Ehre keinem andern gegeben, noch meinen Ruhm den Götzen, obgleich so viele tausend andere das gethan haben, obgleich das Bekenntniß meines Namens mit den schwersten Gefahren, Anfechtungen und. Trübsalen, für dich verbunden war, ob du gleich um meines Namens willen von vielen Mächtigen und Gewaltigen, von unzähligen Thoren und Uebelthätern geschmähet, gehasset und verfolget worden bist. Du aber hast ihn nicht verläugnet, sondern ihn treu und heldenmüthig bekannt vor allen Menschen, als den Namen, der allein den Menschen gegeben ist, darin sie sollen selig werden, in welchem allein sich beugen sollen die Knie aller, die im Himmel, auf Erden und unter der Erden sind, von welchem alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters. „Siehe, sagt nun der Herr weiter, ich werde geben aus Satanas Schule, die da sagen, sie sind Juden, und sinds nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie machen, daß sie kommen sollen und anbeten zu deinen Füßen, und erkennen, daß ich dich geliebet habe.“ Auch die Heuchler und Lügner, welche sich für Kinder des Reichs ausgeben, ohne es zu sein, und die dich schmähen und lästern, sollen eines Tages kommen und bei dir die Wahrheit suchen, von dir lernen, mir die Ehre zu geben, und er' kennen, daß mein Licht und meine Gnade mit dir ist. Weil du, fährt der Herr dann fort, hast behalten das Wort meiner Geduld, so will ich auch dich behalten vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis zu versuchen, die da wohnen auf Erden.“ In den furchtbaren Versuchungen und Anfechtungen, welche gegen das Ende der Welt kommen, und in welchen Unzählige von mir abfallen werden, will ich allmächtig und gnädig dich bewahren, will dir meinen Geist nicht entziehen, der dich bewahren soll vor dem Argen, will in dir ein Volk übrig lassen, das mich kennt und mir dienet. „Siehe,“ schließt mm der Herr, ich komme bald; halt, was du hast, daß Niemand deine Krone nehme!„ Thue auch du deines Theils, was dir geziemt; sei eingedenk einer nahen Zukunft zum Gericht über die Menschen, zur Erlösung der Meinigen! Sorge dafür, daß du dein schönes Lob bei mir nicht verlierest; sei auf deiner Hut gegen Verführer und Irrlehrer, gegen den Betrug der Welt und der eigenen Vernunft, gegen alle Vorspiegelungen und Drohungen des Teufels; fahre fort, mein Wort zu behalten, es lauter und rein zu verkündigen und auszubreiten auf Erden; fahre fort, meinen Namen nicht zu verläugnen, sondern durch Wort und Wandel ihn freudig zu bekennen und zu verherrlichen als den Namen, der über alle Namen ist! Du hast das gute Theil erwählet, das Eine, was Noth ist; du hast die Erkenntniß, das Licht, den Glauben, wodurch man gerecht und selig werden kann. ,Halt, was du hast, daß Niemand deine Krone nehme.“ Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben.„

Es ist die evangelische Kirche, m. Z., von welcher, zu welcher dieses weissagende, ermahnungsreiche, verheißungsvolle Wort des Herrn geredet ist; es ist diejenige Gemeinschaft der Gläubigen, die durch die Reformation gebildet worden ist, auf welche sich diese überaus merkwürdige, erfreuliche Rede und Zusage Christi beziehet. Was kann uns deutlicher an die Ehre dieser Kirche, an das Glück, ihr anzugehören, erinnern? Was schildert uns schöner die Hauptsache, worin ihr Ruhm, ihre Kraft und ihr Heil besteht? „Du hast mein Wort behalten, du hast meinen Namen nicht verläugnet!“ Was fordert uns stärker auf, sie zu lieben, uns ihrer Wohlthaten zu freuen, Gott dafür zu loben, fest zu halten was wir haben, daß uns Niemand unsere Krone nehme? Möge der Herr solche Gesinnung in uns beleben und stärken durch die Feier des heutigen Festes! Wir bitten den Vater des Lichts um diese Gnade.

Text: Psalm 26,.8.

Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses, und den Ort, da deine Ehre wohnet.

Seine Freude an dem Hause Gottes, seine innige Liebe zu dem Heiligthum des Herrn drückt David aus in unserm vorgelesenen Texte. Weil hier die Stimme des Dankes und des Lobes Gottes erschallt, weil ihm hier die großen Thaten und Wunder Gottes geprediget, weil ihm hier die edelsten Wohlthaten für seine Seele dargeboten werden, weil er sich hier des unaussprechlichen Glücks, den allein wahren Gott zu erkennen und zu verehren am lebhaftesten bewußt ist, und die Ehre des Herrn so lieblich und majestätisch in sein Herz glänzt: darum liebet er diese Stätte, und preiset dankbar den, der sich ihm hier so gnädig offenbart. Wie billig sagen wir ganz dasselbe von unserer heiligen evangelischen Kirche, worunter wir jetzt nicht das steinerne Haus verstehen, in dem wir unsere christlichen Versammlungen halten, sondern die große Gemeinschaft aller derer, die sich mit uns des Augsburger Glaubensbekenntnisses freuen. Wie herrlich wohnet in dieser die Ehre des dreieinigen Gottes! Welche Wunder der göttlichen Allmacht und Gnade zu unserm Heil werden uns in ihr geprediget! Wie köstlich sind die Segnungen, die uns in ihr dargeboten werden von unsrer Jugend an, mit denen sich in ihr eine gläubige Seele geschmückt und beseligt sieht! Wie gewiß sollte daher auch die innigste Anhänglichkeit an sie uns alle beseelen, und jeder evangelische Christ von seiner Kirche mit der höchsten Wahrheit sagen: ,Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses, und den Ort, da deine Ehre wohnet!“ Lasset uns deßwegen unter dem Beistande Gottes jetzt mit einander erwägen:

Was unsere evangelische Kirche uns lieb machen muß.

Es bedarf des Nachweises über die Frage, mit deren Beantwortung wir uns jetzt beschäftigen wollen, es bedarf dieses Nach, weises für nicht wenige der Mitglieder unserer evangelischen Kirche. Denn es herrscht über diesen hochwichtigen Punkt leider bei Vielen eine große Unwissenheit, und daher auch oft eine große Gleichgültigkeit gegen eine Wohlthat Gottes, die nicht hoch genug geschätzt, nicht herzlich genug verdankt werden kann. Wo einst vielleicht der Eifer in manchen Stücken zu weit gegangen ist, und eine Bitterkeit des Herzens, eine Verachtung und Abneigung gegen Andersdenkende hervorgebracht hat, die wir keineswegs zu loben willens sind, da geht in unsern Tagen hinwiederum die Lauheit, die Kälte, die Gleichgültigkeit viel zu weit, und führt zu einer höchst undankbaren, thörichten und schädlichen Geringschätzung der köstlichen Segnungen die uns der heutige Tag ins Gedächtniß zurückruft. Wir gehen fürwahr nicht darauf aus, euch mit Religionshaß gegen die Bekenner einer andern Konfession zu erfüllen. Wollte Gott, daß auch die letzte Spur desselben aus allen Christenherzen schon verschwunden wäre, und daß alle die Wahrheit ihres Glaubens den andern hauptsächlich durch die Liebe beweisen möchten, durch Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem heiligen Geist! Aber wir gehen mit allem Fleiße darauf aus, wir halten es für eine unserer theuersten Amtspflichten, euch mit der aufrichtigsten Werthschätzung und Liebe zu der Kirche zu erfüllen, der ihr durch die Gnade Gottes angehört, und die einen ihrer schönsten Vorzügen auch darin besitzt, daß sie nichts von Haß und Verfolgung gegen die irrenden Brüder weiß. Wir wünschen euch mit der wärmsten Dankbarkeit für eure Berufung zur evangelischen Kirchengemeinschaft zu beseelen, und euch in dem Entschlusse zu befestigen, das Heil derselben euch und euren Kindern ungeschmälert zu erhalten. Fragen wir in dieser Absicht, was unsere evangelische Kirche uns lieb machen muß, so könnten wir hier allerdings alles dasjenige nennen, was überhaupt das Christenthum Wohlthätigers, Herrliches und Göttliches enthält, und wodurch uns dieses zum köstlichsten Kleinod und Schatz unserer Seelen gemacht wird. Denn die Kirche ist es, durch deren Vermittelung dieser Schatz unsern Seelen zu Theil wird. Weil jedoch dessen auch die übrigen christlichen Confessionen sich rühmen, und allerdings in gewissem Betracht nicht mit Unrecht, so müssen wir hier diejenigen Punkte hervorheben, um derer willen unsere Kirche ausschließlich uns als die getreueste und beste Pflegerin der göttlichen Gnadenschätze erscheinen muß. Hierüber ließe sich nun unendlich viel sagen; wir müssen uns jedoch nur auf einige wenige Punkte beschränken. Lieb machen muß uns unsere evangelische Kirche:

1.

Die Gewißheit, daß sie dem Willen Christi gemäß ist. Nicht als vollkommen, in keiner Rücksicht mehr einer Verbesserung bedürftig und fähig, wollen wir hiemit die Verfassung, die Einrichtungen, Gewohnheiten und Gebräuche unserer Kirche euch darstellen. Die Kirche in ihrer äußerlichen Erscheinung und Gestaltung in der Zeit wird von Menschen gebildet, berathen, verwaltet und regiert, von Menschen, die, wenn sie auch Erleuchtete und Gläubige sind, und unter dem Einflusse des höchsten Herrn und Regenten seiner Kirche stehen, doch noch immer ihre menschlichen Schwachheiten und Fehler haben, und „nicht so viel wissen, nichts so vollkömmlich treffen können, wie der Allmächtige; von Menschen, unter deren Händen sich Vieles verschlimmert, was anfangs trefflich gewesen ist, und wiederum vieles Mangelhafte und Unvollkommene nach und nach verbessert wird. Aber daraufkommt Alles an, ob eine Kirche in ihrem Glaubensbekenntnisse dem Worte Gottes durchaus gemäß ist; ob ihre Verfassung in der Hauptsache den Befehlen des Herrn und den Anordnungen seiner heiligen Apostel entspricht; ob sie auf das Sorgfältigste vor falschen Lehren, vor irrthümlichen Satzungen der Menschen sich hütet, ob sie ihren Mitgliedern nichts vorenthält, daß sie ihnen nicht kund thue den ganzen Rathschluß Gottes zu ihrer Seligkeit; ob sie sich keiner andern als der von Gott gebotenen und geheiligten Mittel bedient, um die Menschen in ihre Gemeinschaft zu ziehen und darin zu erhalten, ob sie keine absichtlichen Mißbräuche, Täuschungen und Irrthümer heget; ob sie dem Herrn in keinem Stücke die Ehre nimmt, um sie der Kreatur zu geben; ob sie das Eine, was Noth ist, die Erlösung, so durch Christum gestiftet ist, die Rechtfertigung allein durch den Glauben an sein Blut, in ungetrübter Klarheit den Gläubigen vorhält, und sich keine falsche Beruhigung der Gewissen erlaubt, ob sie in allen Dingen auf die Heiligung des inwendigen Menschen dringet, und allen bloßen äußerlichen Schein eines gottseligen Wesens, wobei die Kraft desselbigen verläugnet wird, verwirft. Prüfet hiernach die evangelische Kirche, und sehet, ob sie nicht ihren schönen Namen verdient! Stellet bei euch selbst Vergleichungen an, und urtheilet, wo der Vorzug ist! Hält sich unsere Kirche in ihrem Bekenntnisse nicht auf das Strengste an die heiligen Offenbarungen Gottes? Sind nicht alle ihre Lehren auf das festeste begründet in dem Evangelio Christi? Verwirft sie nicht auf das Entscheidenste alles, was nicht das Zeugniß des Heiligen Geistes im Worte Gottes für sich hat? Gibt sie nicht dieses Wort Gottes in die Hände aller ihrer Mitglieder, und ist es nicht ihr ernstlicher Wille, daß dasselbige überall lauter und rein verkündiget, und die Lehre der Diener des Worts darnach geprüfet werden soll? Werden nicht in ihr die heiligen Sacramente ganz nach der Einsetzung Christi verwaltet? Hat sie jemals eine Menschensatzung, eine falsche Lehre durch ihr Ansehen zu beschützen, zu verbreiten gesucht? Wendet sie irgend etwas anders, als Belehrung aus der heiligen Schrift, Warnung, Bitte und Gebet an, um ihre Kinder in sanften Banden zu halten, und hat sie jemals eines Arms von Fleisch begehrt, um den Abfall von ihr zu verhindern und ihr Gebiet zu erweitern? Gibt sie irgend einer Kreatur die Ehre, welche nur dem Herrn allein gebührt, und ist es nicht der Lehrsatz von der freien Gnade Gottes in Christo, auf welchem sie gegründet und erbauet ist? Dringt sie nicht immer und überall mit dem höchsten Ernst auf Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit, auf Heiligung des Herzens, auf einen Glauben, der durch die Liebe thätig ist, und zeigt sie jemals einen andern Weg zur Vergebung der Sünden, zur Gnade Gottes, zum ewigen Leben, als den, welchen der Herr uns genannt hat: „Thut Buße und glaubt an das Evangelium?“ Darum ist es über jeden Zweifel erhaben, daß die evangelische Kirche dem Willen Christi gemäß ist, daß seine Klarheit sich in ihr spiegelt mit aufgedecktem Angesicht. Sie hält sich an Pauli Grundsatz: So auch wir, oder ein Engel vom Himmel euch würde ein Evangelium predigen, anders denn wir euch gepredigt haben, der sei verflucht!“ Sie fürchtet die Drohung, mit welcher der Herr der Kirche das Buch seiner Offenbarungen beschließt: „So Jemand dazu setzt, so wird Gott zusetzen auf ihn die Plagen, die in diesem Buche geschrieben stehn; und so Jemand davon thut von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott abthun sein Theil vom Buch des Lebens, und von der heiligen Stadt, und von dem, das in diesem Buch geschrieben steht.“ - Lieb machen müssen uns unsere evangelische Kirche:

II.

Die Bande, durch welche sie zusammen gehalten wird. Sie hat kein sichtbares Oberhaupt, dem sie sich unterwirft, keine äußerlichen Zwangsmittel, um ihre Mitglieder zu beherrschen und zur Erreichung ihrer edeln Absichten zu gelangen. Wie der evangelische Christ unter allen Menschen am wichtigsten der weltliche Obrigkeit gehorcht, die Gewalt über ihn hat, nicht aus Noth allein, sondern um des Gewissens willen, so kann er hingegen in allem, was seine religiöse Ueberzeugung, was sein Gewissen, was göttliche Dinge betrifft, schlechterdings keinen äußerlichen Zwang, keine menschliche Gewalt und Herrschaft für gültig erkennen und hält fest an dem schönen Wort: „Ihr seid theuer erkauft, darum werdet nicht der Menschen Knechte!“ „So bestehet nun in der Freiheit, damit euch Christus befreiet hat, und lasset euch nicht wieder unter das knechtische Joch fangen!“ Aber hat deswegen die evangelische Kirche etwa keine Bande, die ihre Mitglieder zusammenhalten, keinen Schiedsrichter, dem sie sich unterwirft, keine Bedingnisse, ohne deren Erfüllung man ihr nicht angehören kann? O sie wird durch die heiligsten Bande, durch den erhabensten Herrn zusammengehalten und zur Einigkeit im Geiste verbunden! Das standhafte Zurückweisen alles blos menschlichen Ansehens und Gebietens in göttlichen Dingen; die demüthige Unterwerfung unter die Aussprüche der heiligen Schrift; die feste Uebereinstimmung in den Grundlehren des Evangeliums, wie solche in dem Augsburger Glaubensbekenntnisse enthalten sind; das treue Verbleiben bei den von Christo eingesetzten Sacramenten; die christliche Achtung der Menschenwürde und Rechte in allen Mitgliedern unsers Geschlechtes; die schonende Duldung, womit sie jede Meinungsverschiedenheit behandelt, welche nicht die Grundwahrheiten des Christenthums betrifft; das gemeinschaftliche Emporstreben zu jeder Art der höhern menschlichen Bildung und Vollkommenheit; und vor allem die Liebe, die Liebe zu Jesu Christo unserm Herrn - das sind die starken, geistigen Bande, durch welche alle wahren Mitglieder unserer Kirche sich mit einander innigst verknüpft und verbunden fühlen, und ein großes Ganzes bilden, das nicht auf eine blos scheinbare lockere Weise, sondern im Geist und in der Wahrheit unauflöslich vereiniget ist. Was auch gegen diese Grundsätze hie und da von einzelnen und öfters von vielen ihrer Mitglieder gesündigt worden ist, die Kirche selbst hat noch nicht das Geringste in ihrem Bekenntnisse geändert, hat noch keines von diesen Banden aufgelöst, will und wird von diesem Geiste beseelt, durchdrungen bleiben bis ans Ende der Tage. Ihr Fels, auf den sie sich gründet, und den die Pforten der Hölle nie überwältigen werden, ist das Bekenntniß: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Ihr Grundsatz ist: „Einen andern Grund kann zwar Niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. So aber Jemand auf diesen Grund bauet, Gold, Silber, Edelstein, Holz, Heu, Stoppeln, so wird eines Jeglichen Werk offenbart werden, der Tag wirds klar machen, denn es wird durchs Feuer offenbar werden, und welcherlei eines Jeglichen Werk sei, wird das Feuer bewähren.“ Ihr Band des Friedens ist „Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch alle, und durch euch alle, und in euch allen!“ Lieb machen muß uns unsere evangelische Kirche:

III.

Der Blick auf die christlichen Völker, die ihrer Wohlthaten noch gänzlich entbehren. Nicht unsre deutschen Mitbrüder von einer andern Konfession kann ich hier meinen. Sie sind nicht mehr diejenigen, die von dem wohlthätigen Lichte, welches die Kirchenverbesserung des sechszehnten Jahrhunderts verbreitet hat, gar nichts empfangen haben; sie stehen längst in viel zu genauer äußerlicher und innerlicher Berührung mit der evangelischen Kirche, als daß sie nicht an dem Geist, der diese durchdringet, an den Verbesserungen, die von ihr ausgegangen sind, an den Wohlthaten, womit sie die Menschheit gesegnet hat und noch täglich segnet, mehr oder minder Theil nehmen sollten. Sie mögen es erkennen und zugeben oder nicht, so ist es doch für den Kenner der Geschichte eine offenkundige Sache, daß auch sie der Reformation ungemein viel zu danken haben, und daß es durch dieselbe jetzt auch bei ihnen in vieler Rücksicht ganz anders aussieht, als vormals. Es leuchtet das Licht in einem Hause durch die Fenster auch denen, die sich draußen in der Nähe befinden, wenn gleich weniger hell, als denen im Hause. Jene christlichen Völker meine ich, die fern von aller Gemeinschaft mit unserer Kirche geblieben sind, die sich den edeln Wahrheiten, welche durch die Reformation wieder an das Licht gekommen sind, auf das Hartnäckigste verschlossen, und mit den grausamsten Maaßregeln widersetzt haben, bei denen noch jetzt ziemlich die nämliche Finsternis? herrscht, wie sie im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts die Christenheit bedeckte. Ihr Zustand ist im Ganzen bekannt genug, die neueste Zeitbegebenheiten haben ihn kund gemacht, und Mir haben oft genug Gelegenheit, von ihnen zu hören. Sind sie erleuchtet diese Völker? Man weiß, daß die Wissenschaften bei ihnen in der Regel nur wenig gepflegt werden, daß sie an Geistesbildung gegen die andern um mehr als ein Jahrhundert zurück sind. Sind sie frei? Man weiß, daß sie sich nicht unter der Herrschaft der Gesetze, sondern der Willkühr befinden, daß sie im Vergleich mit andern christlichen Nationen an großen Mängeln der Verwaltung leiden. Sind sie ihrem Regenten treu? Man weiß, daß sie von traurigen innern Zerrüttungen und Spaltungen, von einem finstern Geist der Unzufriedenheit und des Widerstrebens furchtbar erschüttert werden. Sind sie gesittet, mit christlichen Tugenden geschmückt? Man weiß, daß große Rohheit, schädlicher Aberglaube, bittere Religionsverachtung dort häufig gefunden wird, daß ein todtes Ceremonienwerk das ganze Christenthum der Meisten ist, daß grobe Laster ungescheut im Schwange gehen. Sind sie glücklich? Man weiß, daß ihre Länder kaum die Hälfte der Einwohner haben, die sie haben könnten, daß es ihnen an vielen der nützlichsten Anstalten und Einrichtungen fehlt, daß Millionen von großem Elend gedrückt werden. O welch eine Sehnsucht regt sich dort bei Unzähligen nach Wohlthaten, die wir durch die Reformation längst schon genießen! Welch eine Entbehrung solcher Segnungen, die uns so natürlich, so nothwendig und unentbehrlich geworden sind, daß wir ihrer oft kaum mehr groß achten - welch ein Kämpfen um die Erlangung solcher Güter, deren wir uns im Ueberfluß erfreuen, die aber ohne den Einfluß der evangelischen Kirche nicht vorhanden sein können! So richte denn deinen Blick oft auf das Ganze und Große, auf ganze Länder und Völker, wenn du dich deiner evangelischen Kirche recht freuen und von ganzem Herzen sagen willst: Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses, und den Ort, wo deine Ehre wohnet! Lieb machen muß uns unsere evangelische Kirche:

IV.

Die Erinnerung an die Menschen Gottes, die ihr zur Zierde gereichen. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, - spricht der Herr, beide, die falschen und die wahren Christen; und man hat die ächten Mitglieder seiner Kirche von jeher an den edeln Früchten der Gerechtigkeit erkannt, welche ihre Kenntniß der heilsamen Wahrheit, ihr Glaube an den Sohn Gottes , ihre Liebe zu ihm, ihr Bleiben an seiner Rede, ihre Nachfolge in seinen Fußstapfen, ihre Vereinigung mit ihm durch seinen Geist in ihnen hervorgebracht hat. Wir sind weit entfernt, es läugnen zu wollen, daß es auch andern Konfessionen niemals an würdigen, gläubigen Bekennern des Herrn, an lebendigen Gliedern seines heiligen Leibes gefehlt hat, denn sie haben ja auch dieselbigen Gnadenmittel, die uns gegeben sind zu unsrer Seligkeit, wir verlangen nur von ihnen dieselbe gerechte Anerkennung auch für unsere Kirche. Was nun die Menschen Gottes betrifft, die vor den Zeiten der Reformation von Anbeginn her der christlichen Kirche zur Zierde gereicht haben, so versteht sich von selbst, daß sie auch uns angehören eben so wohl als jenen, aus deren näheren Gemeinschaft die evangelische Kirche ausgetreten ist, nicht weil sie wollte, sondern weil sie dazu genöthiget wurde. Und nach dieser , Trennung sehet unsere Kirche an, ob es ihr an ächten Bekennern und Nachfolgern Christi jemals gemangelt hat, ob sie nicht zu jeder Zeit reich gewesen ist an erleuchteten und gläubigen Freunden des Herrn, an treuen Zeugen seines seligmachenden Evangeliums, an eifrigen Thätern seines göttlichen Willens, an glänzenden Spiegeln seiner Ehre, an großen Zierden unsers Geschlechts in einem jeglichen Stande! Ob nicht die edeln Stifter der Kirchenverbesserung in jedem Betrachte zu jenen Menschen Gottes gezählt werden müssen, in denen sich die Klarheit des Herrn spiegelt mit aufgedecktem Angesicht; ob nicht der Geist der Wahrheit, des Glaubens der Kraft, der Selbstverläugnung und Aufopferung für das allgemeine Beste, des tapfern Widerstands gegen alle seelenverderbliche Tyrannei, der Hochachtung und sorgfältigsten Pflege jeder nützlichen Kunst und Wissenschaft, der demüthigen Verzichtleistung auf alles eigene Verdienst vor Gott, der freudigen Zuversicht auf die freie Gnade Gottes in Christo, des ernstlichen Dringens auf Buße und Heiligung des Herzens, des unermüdlichen Strebens nach jeder Art der christlichen Vollkommenheit- sehet, ob dieser Geist, welcher die Reformatoren beseelte, nicht in Millionen ihrer Anhänger sich mächtig bewiesen hat, ob er nicht noch immer alle wahren Mitglieder unsrer Kirche durchdringet? Wer vermag sie alle zu nennen, nur die berühmtesten Namen, die ihr zur Zierde gereichen, die vortrefflichen Regenten, die erleuchteten Gottesgelehrten, die gesegneten Kenner und Beförderer jeder edeln Wissenschaft, die gottbegeisterten Redner und Sänger heiliger Lieder, die ehrwürdigen Stifter menschenfreundlicher Anstalten, die großen Staatsmänner, Weisen, Helden, Wohlthäter ganzer Nationen, die aus dem Schooß unserer Kirche hervorgegangen sind, die gottergebenen tugendhaften Seelen aus ihrer Mitte, die nie heilig genannt und gesprochen zu werden begehrten, aber mit Freuden Märtyrer ihres frommen Glaubens wurden und zu der Menge derer die im Himmel versammelt worden sind, die nun mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen prangen, denn sie sind aus großen Trübsalen kommen, und haben ihre Kleider gewaschen und helle gemacht im Blute des Lammes? Wo ist eine andere Kirche, die solch eine Liebe für die Wohlfahrt aller Menschen, für das Heil der Seelen, solch einen Eifer für die Ehre des Herrn, für die Förderung seines Reiches, für die Ausbreitung und Verkündigung seines Wortes, für die Erweckung Israels, für die Bekehrung der Heiden, für die Berufung aller derer, die noch fern sind beweiset, die solche Schaaren von Evangelisten erziehet und alle Jahre aussendet in die entlegensten Länder, um Seelen von der Finsterniß zum Licht und aus der Gewalt des Satans zu dem lebendigen Gott zu bekehren? Ja, „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses, die Kirche, wo deine Ehre in solchen Gesinnungen wohnet.“ Lieb machen muß uns unsre evangelische Kirche:

V.

Der Gedanke an die großen Thaten Gottes, die für sie geschehen sind. Hat sich jemals, seit der Stiftung des Christenthums, irgend etwas auf Erden als ein Werk Gottes, von ihm selbst sichtbarlich empfangen, beschützt, fortgeführt, erhalten, gesegnet und gekrönet bewiesen, so ist es die Reformation; lassen sich irgendwo die leuchtenden Spuren der göttlichen Vorsehung und Regierung leicht erkennen und nachweisen, die Rathschlüsse des Alleinweisen, die Thaten des Allmächtigen, die Segnungen des Allgütigen, die Gerichte des Heiligen und Gerechten, die Worthaltungen des Treuen und Wahrhaftigen, die Verherrlichung des Königs der Ehren, die Gänge des guten Hirten, der selbst seine Heerde weiden und sie lagern, das Verlorne suchen, das Verirrte wiederbringen, das Verwundete heilen und des Schwachen und Kranken pflegen will, wie es recht ist, die Wirkung des Heiligen Geistes, der zu manchen Zeiten sich über Tausende zugleich ausgießt, und weit und breit seine Gewalt offenbart - lassen sich diese irgendwo mit Augen sehen und mit Händen greifen, so ist das der Fall bei der Vorbereitung, Entstehung, Ausbildung, Bewahrung und Ausbreitung der evangelischen Kirche. Es ist eine Lust für den Kenner ihrer Geschichte, solches zu betrachten. Es kommt da ein Zeugniß um das andere: „Das hat Gott gethan, und ist ein Wunder vor unsern Augen;“ es meldet sich hier eine Erinnerung um die andere: „Ist der Rath oder das Werk aus Menschen, so wirds untergehen, ist's aber aus Gott, so könnt ihrs nicht dämpfen.“ Es ruft hier eine Stimme nach der Andern: „Kommt her, schauet die Werke des Herrn, der so wunderbar ist mit seinem Thun unter den Menschenkindern;“ es tritt hier ein Beweis nach dem andern auf: „Des Herrn Rath ist wunderbar, aber er führt es herrlich hinaus.“ Es zeigt sich da eine Bestätigung über die andere: „Des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiß; wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke hallen, und von Herzen dir nachwandeln, die durch das Jammerthal gehen und machen daselbst Brunnen, und die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt.“ Es erscheint hier ein Glanz der ewigen Ehre und Majestät unsers Herrn Jesu Christi nach dem andern, und setzt es in das hellste Licht: „Dein Wort ist eine rechte Lehre, Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses ewiglich;“ - „Ich selbst will euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Lehre und Weisheit;- „Ich selbst will eine feurige Mauer um dich her sein, und will darinnen sein, und will mich herrlich darinnen erzeigen;“ - „Es hilft keine Weisheit, kein Rath, kein Verstand wider den Herrn, Rosse werden zum Streittage bereitet, aber der Sieg kommt von dem Herrn.“ O Herr, unser Heiland und Seligmacher! Mächtig und glorreich hast du einst deine Kirche auf Erden gegründet, und durch große Diener deines Wortes, durch heilige Werkzeuge deiner Gnade und Treue sie ausgebreitet unter den Menschen; und mächtig und glorreich hast du deine Kirche im Laufe der Zeiten wieder gereiniget, geläutert und erneuert, durch treue Knechte, durch reichbegabte Boten deines Evangeliums, durch auserwählte Rüstzeuge deiner Gnade hast du sie wieder in ihrer alten Würde und Hoheit dargestellt, hast du es abermals bestätiget, was dein wahrhaftiger Mund geredet hat: „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzet hat, müssen ausgeräutet werden“ - „Fürchte dich nicht, du kleine Heerde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben!“ Lasset uns heute einen dankbaren gerührten Blick der Erinnerung auf einen trefflichen Mann werfen, durch den vornehmlich der Herr diesen eben angeführten Spruch seines Mundes der evangelischen Kirche erfüllt hat, auf Gustav Adolph, König von Schweden. Es werden übermorgen gerade zweihundert Jahre, daß dieser fromme Held unsers Glaubens bei Lützen in der Schlacht gefallen ist, sein edles Blut für die Erhaltung unserer Kirche vergossen hat. Geehrt, in Ruhm und Segen grünend sei unter uns für und für sein Gedächtniß! Gelobt sei der Herr, der ihn erweckt, gerüstet, gesalbet, zur Beschirmung unserer edelsten Rechte und Güter gesendet und gesegnet hat! Auch er muß genannt werden, wenn von den großen Thaten Gottes die Rede ist, die unsere Kirche verherrlichet haben, um welcher willen wir sagen: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses, und den Ort, da deine Ehre wohnet.“ Lieb machen muß unsere evangelische Kirche vornemlich noch endlich:

VI.

Das Bewußtsein des Guten, daß sie unsern Seelen schon erzeigt hat. Die wahrhaft gläubigen, erweckten, aus dem Wasser und Geist wiedergebornen Mitglieder unserer Kirche meine ich hiermit. O möchtet ihr alle zu denselben gehören! An diese wende ich mich mit froher Zuversicht, indem ich den nothwendigsten und triftigsten Grund nenne, warum unsere Kirche uns unaussprechlich theuer ist. Zwar auch alle die übrigen, wie ferne von dem Sinne des wahren Christen sie auch noch sein mögen, haben von ihrer Geburt an große Vorzüge, theure Rechte, schätzbare Wohlthaten im Schooß unserer Kirche empfangen; aber sie verstehen und genießen doch nur das Wenigste davon. Sie eifern vielleicht für unsere Kirche, doch mit Unverstand; sie schlagen durch ihren Sinn und Wandel ihre treue Mutter, die Kirche, täglich in das Angesicht zum Dank für ihre Wohlthaten. Nur die Gläubigen wissen die Wohlthaten des Evangeliums nach ihrem wahren Werth zu schätzen. Wenn ihr die h. Schrift in euern Händen habt und euch mit Freuden und mit Preis Gottes oft selbst daraus erbauet und tröstet, wenn sie euch lieblich leuchtet als ein Licht, das da scheinet an einem dunkeln Orte, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in euern Herzen; wenn euch das Evangelium lauter und rein gepredigt wird, und diese edle Predigt je mehr und mehr euern Verstand erleuchtet, euer Gewissen erwecket und schärfet, euern Willen heiliget und Gott unterthänig macht, euer Herz beruhiget, erhebet, mit Liebe und Vertrauen zu eurem Erlöser, mit einem sanften und stillen Geiste, mit den köstlichsten Hoffnungen, mit seligen Vorgefühlen des Himmels erfüllet; wenn euch im heiligen Abendmahle in dem Kelch des neuen Testaments das Blut des Here n erquickt, das für euch und für viele vergossen ist zur Vergebung der Sünden, euch mit Kräften einer bessern Welt beseelt und auf das innigste mit dem Fürsten des Lebens verbindet; wenn ihr dem pharisäischen Selbstbetruge, der Selbstgerechtigkeit, die auf des Gesetzes Werke bauet, auf immer den Abschied gegeben, und den Frieden eures Gewissens, die unerschütterliche Gewißheit eurer Begnadigung und Rechtfertigung in dem Grundsatz gefunden habt, aus welchem die evangelische Kirche hervorgegangen ist, den sie als ihr theuerstes Kleinod festhält: „So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben;“ wenn der Sohn Gottes euch im vollen Glanz seiner Herrlichkeit, seiner göttlichen Freundlichkeit und Leutseligkeit, als unser alleiniger Fürsprecher bei dem Vater, der gerecht ist, als der Anfänger und Vollender unsers Glaubens erschienen ist: wenn ihr gelernt und euch gewöhnt habt, den Gott, der ein Geist ist, nicht mit bloßen äußerlichen Gebehrden und Zeremonien, sondern im Geist und in der Wahrheit anzubeten; wenn ihr am Ende eures Erdenlebens mit der herzerfreuenden Gewißheit von hinnen scheiden könnet, sofort nach dem Tode des Leibes von den Gnadenhänden eures Erlösers aufgenommen zu werden, in die selige Ruhe des Volkes Gottes im Himmel eingehen zu dürfen: so wisset ihr, daß die evangelische Kirche die weise und gütige Mutter ist, durch welche euch Gott diese unaussprechlichen Wohlthaten erzeigt hat, die euch zu Kindern Gottes und Miterben Christi erziehet.

Darum lobet den Herrn, der solche große Gnade an euch gethan hat! Segnet die Gemeinschaft der Gläubigen, die durch die Reformation gebildet worden ist; habet lieb den Ort, die Gemeinde, wo so reichlich die Ehre des Herrn wohnet! Der Herr der Kirche schmücke uns alle je mehr und mehr mit seinen besten Segnungen, und führe uns durch sie dahin, wo noch unendlich prachtvoller, als hier auf Erden, seine Ehre wohnet, wo die wahren Mitglieder seiner herrlichen Gemeinde aus allen Zeiten, Ländern, Völkern und Confessionen sich zusammen finden, und dem, der auf dem Stuhle sitzt, in seliger Eintracht ihr ewiges Halleluja rufen! Amen.

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