Binde, Fritz - Im ersten oder letzten Augenblick?

Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns. Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir zwar sind billig darin; denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach zu Jesus: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Lukas 23, 39-43

Zu allem, was dem Menschen schmeichelt und gefällt, ist er schnell bereit. Für die Erfüllung der Geschäfte des Fleisches fehlt ihm gewöhnlich weder Zeit noch Eile. Was seine Seele begehrt, das will sie auch möglichst sofort mit aller Ungeduld haben: Das soll alles im ersten Augenblick da sein. Aber was der Geist Gottes aufgrund des Wortes Gottes vom Menschen fordert und erwartet, nämlich Buße und Bekehrung, dem widersteht und widersetzt sich der Mensch, solange es nur irgend geht; das verschiebt man am liebsten auf den letzten Augenblick. Das ist ein bedeutsames Kennzeichen der gottfeindlichen Menschenart. Diese Art liebt darum auch immer Entschuldigungen und tröstet sich mit trügerischen Hoffnungen. Eine dieser trügerischen Hoffnungen ist das gedankenlose Gerede von der „Schächergnade“. Bekehren kann man sich immer noch!, schwatzt die selbstsichere Art. Erst wollen wir einmal leben und lustig sein, erst einmal in der Welt es zu etwas bringen! Wenn es dann nicht mehr geht mit dem Genießen und Schaffen, wenn man lendenlahm und kreuzmatt geworden ist, nun ja, dann kann man sich ja bekehren! Auf „Schächergnade“ wird man ja immer noch rechnen können. Wenn so ein Übeltäter im letzten Augenblick noch die Seligkeit zugesprochen bekam, dann kann es doch uns im Sterbestündlein nicht fehlen; denn so schlecht wie der Schächer war, sind wir doch gewiß nicht gewesen! Also: „Lustig gelebt und selig gestorben, Das heißt dem Teufel die Rechnung verdorben. “

O Trug! Denn auf diese Weise ist dem Teufel noch nie die Rechnung verdorben worden, wohl aber hat er ungezählten Millionen durch obiges Sprüchlein die Rechnung verdorben. Und damit er sie nicht auch dir verderbe, wollen wir jetzt einmal ehrlich zusehen, was denn eigentlich „Schächergnade“ ist.

Komm, wir mischen uns im Geiste mit hinein in den Zug, der zur „Schädelstätte“ hinaufgeht! Jesu Jüngerschar findest du nicht dabei, die ist geflohen. Dreimal hat ihnen der Meister von seinem Gekreuzigtwerden geredet, dreimal haben sie ihn nicht verstanden. Wie hätten sie ihn auch verstehen können? Die Kreuzigungs-Tötungsart war eine heidnische Tötungsart, von den Römern ins Land gebracht, und bestimmt für entlaufene Sklaven, für Straßenräuber und Aufrührer. Wie hätten sich die Jünger Jesu denken sollen, daß der, den sie als Sohn Gottes und erschienenen Messias Israels erkannt hatten, eines solchen Todes sterben müßte; denn an die Prophezeiung des Propheten Jesaja vom leidenden Messias hat, scheint es, keiner von ihnen gedacht. Nun hatte ihn der eine aus ihrer Mitte verraten, und die anderen hatten sich an seiner schmählichen Gefangennahme derart geärgert, daß sie alle geflohen waren. Wären wir dabei gewesen, so hätten wir es geradeso gemacht; denn die Enttäuschung war zu groß. Und vielleicht hätte sich auch einer von uns wie Petrus wieder zurückgeschlichen und unter die Leute am Feuer im Hof gesetzt, um aus Liebe zum Herrn zu sehen, was nun weiter mit ihm geschehe, und aus Schwachheit des bangen Herzens ihn vor den Leuten am Feuer zu verleugnen.

Nicht den Stangen und Schwertern war Jesus erlegen, nein, freiwillig hat er sich in die Hände der Menschen und Obersten gegeben.

„Wen sucht ihr?“ – „Ich bin's!“ Da lagen sie am Boden. Göttlich und frei hätte er über sie hinwegschreiten können. Er tat's nicht. Er ließ sich binden und abführen. Er wußte sich als Sündenträger, als Opferlamm. So ging er ganz wie ein Schuldiger; aber nicht wie ein Schuldiger vor Menschen, sondern wie der von Gott und vor Gott zur Sünde Gemachte, der doch Sünde nicht kannte. So bot das Gotteslamm seinen Rücken dar den Schlagenden und seine Wangen den Raufenden und verbarg sein Angesicht nicht vor Schmähungen und Speichel. Wie ein Schlachtschaf verstummte er, der sonst mit Vollmacht geredet, vor seinen Scherern. Der Sündlose zur Sünde, der Schuldlose zur Schuld gemacht, bezeugte noch sein Königtum der Wahrheit dem, der haltlos fragte: Was ist Wahrheit? Und hörte dann den Schrei seines Volkes, das Barabbas, den Aufrührer und Mörder rettete, hörte den Wutschrei über sich: „Hinweg mit diesem! Kreuzige, kreuzige ihn!“ Wie er selbst es ihnen zuvor im Gleichnis von den bösen Weingärtnern gesagt hatte, so geschah es nun, durch den Neid der Obersten. Sie scheuten sich nicht vor dem auf die Erde gekommenen lieben Sohn, sondern verwirklichten den Rat ihres Herzens, den Erben zu töten, und stießen ihn hinaus, hinaus aus Volk und Stadt, und töteten ihn. – Es wurden aber auch hingeführt zwei andere Übeltäter, daß sie mit ihm abgetan würden. Der einzige Wohltäter, den die Erde getragen, unter die Übeltäter gezählt und ihnen gleichgerechnet, so ging es zur Richtstätte.

Nachher das Bild: Am Kreuze rechts, am Kreuze links krümmte sich ein schuldiger Aufrührer, das schuldlose Gotteslamm, des größten Aufruhrs, der Gotteslästerung angeklagt, still in der Mitte. Ei, nun konnten die Obersten die Nase über ihn rümpfen! Nun konnten sie mit Fingern auf ihn zeigen und höhnen: Seht, da hängt er, der Lästerer und Volksverführer! Wo ist nun seine Vollmacht? Wo ist seine Wunder- und Zeichenkraft? Wo sind seine Leute? Einer hat ihn verraten und sich erhängt, der andere hat ihn verleugnet, und geflohen sind sie alle! So hat er die Menschen ins Unheil gebracht und sich selbst dazu! Nun mag er es doch beweisen, daß er der Christus, der Auserwählte Gottes ist! Anderen hat er geholfen, nun möge er sich einmal selber helfen! Wir stehen hier und warten darauf, daß er vom Kreuz heruntersteige. Ja, wir wollen sehen, ob Gott, den er seinen Vater nannte und dem er so groß vertraute, ihm nun wirklich helfe!

Und als die Kriegsknechte, die religiösen Obersten seines Volkes so über den unheimlich Seltsamen spotten hörten, da wagten auch sie den blutigen Hohn. Ob es dieselben Schergen waren, die ihn auf Gabbatha ihre Fäuste hatten fühlen lassen und ihren Speichel ins Gesicht geworfen hatten? Ich weiß es nicht. Und wenn es dieselben Schergen waren, so glaube ich, vor dem am Kreuz erhöhten, bleichen, ruhigen Mann waren sie doch wohl für Augenblicke selbst erbleicht; denn einen Eigenartigeren als ihn hatten sie sicher nie aufs Holz genagelt. Und dazu die Überschrift, die besagte: Dies ist der Juden König. Ah, einen König durften sie richten helfen! Da mögen sie doch wohl ein wenig scheu nach ihm geblickt haben!

Und wie mag sein Gewand, um das sie das Los warfen, ihnen begehrenswert erschienen sein. Aber als die Obersten mit lachendem Hohn den unheimlich seltsamen König am Richtpfahl zu verspotten begannen, da zerbrach die Scheu der Kriegsknechte vor solchem Spottbilde wohl wie zerschlagenes Glas. Ah, nur ein Scheinkönig war er, ein Betrüger, Verführer und Aufrührer! Belustigt traten sie hinzu, reichten ihm Essig und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ – Verhöhnten ihn die religiösen Obersten als den „Auserwählten Gottes“, so verspotteten ihn nun die Kriegsknechte als „der Juden König“. Der „Auserwählte Gottes“ kümmerte sie nicht; aber daß der unter die Verbrecher gezählte, angenagelte Seltsame ein König sein wollte und doch offensichtlich keiner war, das interessierte sie. War er doch der Juden richtiger König, so sollte er sich jetzt helfen durch Herbeirufung seiner Getreuen, seiner Streiter, seiner Mächtigen, damit sie kämen zu seiner Befreiung. Er rief aber nicht, und es kam auch niemand, der sein Untertan sein wollte.

Also waren die Kriegsknechte fertig mit diesem machtlosen Scheinkönig und sahen nur noch die Spottfigur in ihm. Aber auch der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns! – Ich denke, die beiden Übeltäter werden die Erstauntesten gewesen sein an jenem Tage. Sicher hatten sie nicht erwartet, unter so viel Gepränge zu Tode geführt zu werden. Ein großer Haufen Volkes, viele Frauen, die klagten und weinten, dazu die Obersten und Schriftgelehrten, welch ein Auflauf und Aufwand! Bald aber werden sie gemerkt haben, das Gedränge und Gepränge galt nicht ihnen, sondern einem Dritten, der ihr Todesgefährte sein sollte. Wie mögen sie den angeschaut, wie den Sonderbaren gewertet haben! Daß der allerdings nicht in ihre Gesellschaft gehörte, war ihnen wohl schnell klar geworden. Wer mochte er sein, was mochte er getan haben? Eine hohe Person mußte er sein; denn seinetwegen weinten die Töchter Jerusalems und seinetwegen rannten die Obersten des Volkes. Aber wohl erst als er angeheftet ans Kreuz in ihrer Mitte hing, fand ihre staunende Neugierde einigermaßen eine Antwort. Denn da lasen sie über seinem eigenartigen Haupte die Aufschrift: „König der Juden. “ Ei, welch vornehme Sterbensgesellschaft: Ein König wird mit uns abgetan! Und gar der Christus, der Messias selber soll er sein! –

Wie mögen sie mit schmerzverrenkten Hälsen den Kopf nach ihm gedreht und in seinem Angesichte nach seiner König- und Messiasschaft geforscht haben! Aber auch ihr Staunen ward zum Spott, als sie die Vorübergehenden die Köpfe über ihn schütteln sahen und lästern hörten: „Der du den Tempel Gottes zerbrichst und baust ihn in drei Tagen, hilf dir selber! Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!“ Aha, ein Schwindler also, der sich für Gottes Sohn ausgab und in drei Tagen den Tempel, den er zerbrochen, wieder aufbauen wollte, und der nun schmählich wie sie selbst am Kreuz hing! Also er ein angenagelter, aufrührerischer Betrüger und Gotteslästerer und sie beide gehängte Räuber; da war er ja wohl noch der größere Verbrecher unter ihnen und der lächerlichere jedenfalls.

Als dann gar die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten ihm ihren Spott ins Angesicht hinaufsandten, da wurde der Übeltäter Meinung nur bestätigt und interessant bekräftigt. Und als dann gar die Kriegsknechte, deren Fäuste sie vorhin so kurzerhand ans Holz gehangen, im Anschluß an die frommen Obersten sich lustig über ihn machten, da wurde den beiden Räubern die peinliche Richtstätte derart zum Theater, das ihr qualvolles Sterben würzte und erleichterte, daß auch sie den zu schmähen begannen, der mit ihnen gekreuzigt war. Denn sie schmähten ihn zunächst beide, wie uns Matthäus 27,44 und Markus 15,32 berichtet wird. Nicht einmal sie, die Räuber oder gar Mörder, wollten zu ihm gehören, sondern nahmen Partei gegen ihn und schlugen sich zu seinen Feinden, zu den ehrbaren Obersten und den handfesten Schergen. Ah, wie mag das ihrer verbrecherischen Natur wohlgetan haben, als Gehängte noch einen neben sich zu haben, den sogar sie noch ein Recht, zu schmähen hatten! So wußten sie sich doch wenigstens noch im Tode am Schandpfahle eins mit allen rechtlichen Leuten gegen den schändlichen und lächerlichen Mann in ihrer Mitte. Nun aber gib acht, lieber Hörer! Denn nun setzt die sogenannte „Schächergnade“ ein, von der du so viel schwatzest und so wenig verstehst. Räumlich, obgleich beide Räuber Schmäher Christi waren, so gelangte doch nur der eine von ihnen zur Buße, zum Glauben und zur Seligkeit. Es hat also nicht jeder „Schächer“ „Schächergnade“, selbst dann nicht, wenn er neben Christus am Kreuze hängt! Höre! –: Nur den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen und nur den Demütigen gibt Gott Gnade! Wer beides nicht ist, wer in Unaufrichtigkeit und Selbstsicherheit bleibt, dem wird auch die Sterbestunde keine Gnade bringen können; das gerade beweist das Verhalten des Schächers zur Linken, der ungerettet den Tod fand.

Am allerwenigsten aber empfängt ein Unaufrichtiger und Selbstsicherer die vielgenannte „Schächergnade“; denn diese war und bleibt eine so einzigartige Gnade, wie wir gleich sehen werden, daß es einfach eine Gedankenlosigkeit und eine Anmaßung zugleich ist, von ihr verallgemeinernd zu reden. Fünf Kennzeichen sind es, die den sogenannten „Schächer zur Rechten“ von dem „zur Linken“ unterscheiden, und diese fünf Kennzeichen sollen uns jetzt verdeutlichen, was „Schächergnade“ in jener Stunde war.

Der „Schächer zur Rechten“ strafte seinen Mitverbrecher wegen mangelnder Gottesfurcht: das ist das erste Kennzeichen der „Schächergnade“. Welch eine außerordentliche Gnade muß das gewesen sein, in jener Stunde aus einem Schmäher Christi einen Mahner zur Gottesfurcht zu machen! Was muß der Räuber zur Rechten am Kreuz durchlebt haben, um zu einer solchen Umwandlung reif zu werden! Ich denke, die allererste Gnade die er empfing war die: Gott schenkte ihm ein geöffnetes Ohr. Etwas in diesem Räuber muß dennoch aus der Wahrheit gewesen sein; denn er hörte zweifellos mit Nachdenken Jesu Stimme. Vielleicht gerade während er noch gleichwie der andere schmähte, hörte das schon natürlich wache, nun aber von Gott geöffnete Räuberohr, wie Jesus sprach: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun. “ Diese wundersamen hohen Worte der Demut und Liebe des gepeinigten Gottessohnes scheinen auf die übrigen Schmäher und Lästerer nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. Vielleicht aber fielen gerade diese Worte durch das begnadigte Ohr des Räubers zur Rechten hinein in sein Herz und begannen da jene gewaltige Erschütterung einzuleiten, die so schnell zum vollen Wunder der „Schächergnade“ ausreifte. Vielleicht hielt der Räuber mitten im Schmähen erschrocken inne und mußte plötzlich sinnen: Wie, der Geschmähte da in der Mitte betet? Seit wann beten denn die am Schandpfahl hängen? Und er spricht zum Himmel empor: „Vater“? Hat er denn Gott zum Vater? Das würde ja kein Hoherpriester zu sagen wagen! Und der da sagt's vom Fluchholz aus? Steht der so zu Gott? Hat der vom Kreuz aus einen solchen offenen Himmel über sich? Er, der unter die Übeltäter Gezählte? Er, der von den frommen Obersten seines Volkes Verspottete und Verhöhnte? Gibt es denn vom Fluchholz aus einen Weg zu Gott? Und: „Vergib ihnen“ bittet er? Sollten die Pharisäer nicht für ihn, den Verbrecher, um Vergebung bitten? Und er, der Verurteilte, bittet für sie? Sind denn sie die Schuldigen, die der Vergebung bedürfen, und ist denn er – der Unschuldige? Und er bittet tatsächlich für seine Feinde, die ihm ihren Hohn ins Gesicht werfen ? Welch unerfindlicher Mensch! Und: „Sie wissen nicht, was sie tun“, sagte er? Wie, sind denn seine Richter die Unwissenden, und ist denn er, der Gerichtete, der allein Wissende hier? Entsetzliches, qualvolles Rätsel! Hat denn er den Schlüssel zu diesem Rätsel? Was weiß er denn? Wer ist er denn? Wenn er nun doch der Christus, der Messias wäre? Wenn er nun doch als König da hing?

Ich glaube, von nun an konnte der Räuber zur Rechten kein Auge mehr von Jesus lassen, und nun ward auch sein Auge, das scharfe Räuberauge, gottbegnadet, und sah und schaute und sah. Kein Auge in der wilden Runde glich jetzt dem seinen. Wie mag es sich festgesogen haben an dem edlen Dulderangesicht! Wie mag es jede Regung und Bewegung dieses Angesichtes beobachtet haben! Bis das Bild und Wesen des Gottessohnes derart lichtklar in das Räuberherz fallen konnte, daß dies Herz am Kreuze bebend jubeln konnte: Und der Geschmähte in unserer Mitte ist doch der Messias, ist doch der Christus; ist doch der Gottessohn!

Und vielleicht gerade währenddem krampften sich Herz und Mund des Räubers zur Linken in schmähendem, herausforderndem Hohn zusammen, der die Lästerung gebar: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns!“ Diese scheinbar um Hilfe flehenden Worte waren deshalb nichts als eine Lästerung, weil sie ohne jede Gottesfurcht nur der Selbstsucht dienten und die Ohnmacht Jesu verspotteten. Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?“ – O Wunder der „Schächergnade“, die aus einem gekreuzigten Räuber einen Prediger der Gottesfurcht machte! Mit welcher Gottesmacht muß diese Gnade dies Herz ergriffen und umgewandelt haben, daß es, aufs erschütterndste von der Furcht Gottes befallen, dem gegenüber hängenden Genossen des Verbrechens ein strafender Mahner zur Gottesfurcht werden konnte! „Und du fürchtest dich auch nicht“, das besagt: Alle die hier den Mann in der Mitte verspotten und höhnen, sind ohne Furcht Gottes, und nun fürchtest auch du dich nicht, zu lästern? Jene da zu unseren Füßen sind bis jetzt noch in keinem äußeren Gericht; aber du, der du gleichwie der Geschmähte und ich am Kreuze hängst, du solltest, da du doch im gleichen Gerichte bist, verstummen mit deiner Lästerung, gleichwie auch ich verstummt bin! Sieh, teurer Hörer, das ist die erste Wirkung der „Schächergnade“: mit von Gott geöffneten Ohren und Augen in dem verschmähten und gelästerten Gekreuzigten den erschienenen Gesalbten Gottes und Erretter der Menschen erkennen und angesichts der unvergleichlichen Hoheit seines Liebens und Leidens derart von der Furcht Gottes hingenommen werden, daß man es dem Mitverbrecher strafend zurufen muß: Auch du fürchtest Gott nicht; denn auch du wagst es, Christus zu lästern?

Nun willst du leichtfertiger Mensch von „Schächergnade“ reden? Dein ganzes Leben war bisher eine einzige Lästerung Christi. Gebot um Gebot Gottes hast du übertreten, Sünde auf Sünde gehäuft, ohne dich dabei im Geringsten um den Gottessohn zu kümmern, den eben deine Sünde mit ans Kreuz gebracht hat. Kamst du aber irgendwie in die Enge, wo alle Selbst- und Menschenhilfe versagte, da fiel dir vielleicht der Gekreuzigte wieder ein und sollte dir gerade gut genug sein, deiner Selbstsucht zu dienen. Schleunigst sollte er dir aus deiner Not, in die dich dein Sündendienst gebracht hatte, heraushelfen. Daran wolltest du dann seine Christusmacht erproben und erkennen. Sag, war das nicht der reinste Hohn auf den Gottessohn?

Sag, glichest du da nicht ganz und gar dem „Schächer zur Linken“, der doch unerrettet in seiner Sünde starb? Und du willst dich auf „Schächergnade“ verlassen? Hast dich vielleicht in Krankheitsnot, wenn dir, wie einst dem Pharao, die Frösche bis ans Bett gingen, einmal selbstsüchtig nach Jesus umgesehen; aber sobald du wieder ein wenig Luft kriegtest, Christus von neuem mit der Fortsetzung deines ichsicheren Sündendienstes gelästert. Und nun schwatzest du seit Jahren weiter von „Schächergnade“? Hoffest immer noch dreist auf ein bißchen verlegenes Händefalten und ichsüchtiges Bittgestammel in deiner Sterbensnot? O unaufrichtiger Sünder, wie betrügst du dich! Sieh dir den „Schächer zur Rechten“ an und lerne von ihm beizeiten Jesus in Gottesfurcht zu erkennen und die Mitgenossen deiner Sünden zur Gottesfurcht zu ermahnen; aber höre auf, von „Schächergnade“ zu schwatzen! Denn wann hast du schon einmal einen Jesusschmäher wegen mangelnder Gottesfurcht gestraft? Hattest du nicht am Familientisch, am Arbeitstisch, am Stammtisch, in der Straßenbahn, in der Eisenbahn genug Gelegenheit dazu? Aber siehe, dir mangelte die Gottesfurcht gleichwie jenen!

Und nun laß uns das zweite Merkmal der „Schächergnade“ finden. Es ist das: Der „Schächer zur Rechten“ strafte und verurteilte sich selbst. Die Gottesfurcht, zu der er in der gnadenreichen Erkenntnis des Gekreuzigten reif geworden war, hieß ihn nicht nur den lästernden Genossen strafen, sondern hieß ihn sich selbst richten. „Wir sind mit Recht im Gericht; wir empfangen, was unsere Taten wert sind“, sprach er aus. Dieses Selbstgericht fehlte dem Räuber zur Linken wohl ganz und gar. Er wollte nur, Jesus Christus sollte ihnen vom Kreuz herunterhelfen. Er sah in dem Gericht, das er am Kreuze empfing, sicher nur einen wohlgelungenen Gewaltstreich der Menschen, aus dem er durch einen Gewaltstreich Christi befreit sein wollte. Heraus aus diesem fatalen Todesgericht! das war sein einziger Wunsch; von Selbstverurteilung keine Spur.

Der Räuber zur Rechten aber stellte fest: Wir sind mit Recht in diesem Gericht; wir empfangen nur, was unsere Taten wert sind. Er wollte nicht vom Kreuz herunter, nicht aus dem Gericht heraus, sondern es mit vollem Gewichte erleben. Die Gottesfurcht, die er als „Schächergnade“ empfangen, hatte ihn wesentlich zur Selbsterkenntnis, zur Selbstbeschämung und zur Selbstverwerfung gebracht; und das sind immer die drei Stufen aufrichtiger, wahrer Buße. Nun aber denkst du, teurer Hörer, jener „Schächer“ habe ja auch alle Ursache zur Buße gehabt; denn wer als ein Räuber oder vielleicht gar Mörder zum Tode verurteilt am Galgen hängt, der darf sich wohl endlich schuldig sprechen. Du hast recht. Aber nun redest ja auch du so gerne von „Schächergnade“, auf die du dich für dein Sterbestündlein vertröstest. Also mußt du dich doch auch endlich einmal schuldig sprechen; denn Gnade brauchen doch nur die Schuldigen, und eben die „Schächergnade“ brachte ja damals die Schulderkenntnis und damit die Buße. Meinst du denn aber, du seiest erst im Sterbestündlein schuldig vor Gott und jetzt noch nicht? Und meinst du denn, du seiest jetzt viel, viel besser und viel, viel weniger schuldig vor Gott als jener „Schächer“, und dennoch hoffst du auf „Schächergnade“ für dein Ende? Welch ein Widerspruch! Sich im Leben über jenen Schächer erheben und sich im Sterben seine „Schächergnade“ aneignen wollen, welche Gedankenlosigkeit! Aber so ist der Mensch: Im Dünkel will er leben und aus Gnade will er sterben! So machen es von Haus aus alle!

O, wie viele Millionen mögen schon ichsicher-pharisäisch auf jenen armen „Schächer“ herabgeschaut haben und doch zugleich nach seinem Gnadentod geblinzelt haben! Ihre Schlußfolgerung war dabei meist diese: Wenn dieser Räuber und Mörder als Verbrecher am Kreuze gewissermaßen im letzten Augenblick noch Gnade empfing, wie viel mehr ich ehrbarer Mensch mit meinen so viel geringeren Sünden! Sieh, dieser selbstbetrügerische Gedankengang soll dir heute gründlich ausgetrieben werden. Du willst dich über jenen „Schächer“ erheben? Hast nicht auch du alle Gebote Gottes übertreten? Sieh an des Räuber zur Rechten ehrliche Buße und ihre rechtschaffenen Früchte, und du? Wer unter dieser Hörerschar hat noch nie gelogen? Wer hat noch nie begehrt in seinem Herzen mit unreinem Begehren? Wer hat noch nie gehaßt? Niemand unter uns kann aufstehen und antworten: „Ich!“ Also sind wir eine Versammlung von in sich selbst Verlogenen, Unreinen und Totschlägern!

Denn gerade Jesus sagt uns: „Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichtes schuldig“, was Johannes erklärt: „Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger“ (Matth. 5,22; 1. Joh. 3,15); und hier ist nicht nur der leibliche Bruder gemeint. Sind wir da nicht alle gerichtsreif? Da sehen wir: Nur der platte Mangel an Selbsterkenntnis, also die dünkelhafte Unwissenheit, kann sich über den „Schächer“ erheben und doch zugleich seine „Schächergnade“ begehren.

Diese dünkelhafte Unwissenheit muß jetzt, wo du diese Worte hörst, ein Ende finden. Es hat jeder von uns genug getan, um dafür gehängt zu werden. Also wage du nicht mehr zum „armen Schächer“ von der vermeintlichen Höhe deiner Ehrbarkeit hinab zu blicken, und dich dabei seiner Gnade zu getrösten, sondern lerne du nachdenklich zu ihm hinaufblicken als zu einem Manne, der zwar mit Recht empfing, was seine Taten wert waren, der aber zugleich Gnade empfing zur Buße, nämlich vor dem Christus Gottes zur Selbsterkenntnis, Selbstbeschämung und Selbstverwerfung gelangte und rückhaltlos sich selbst verurteilte. Und dann verliere mit deinem Dünkel auch dein Murren! Denn wie oft schon murrtest du gegen Gott, warum dir dies und jenes geschehe und womit du dies und das verdient habest, du seiest doch immer so brav gewesen. Auch du bist noch jederzeit mit Recht im Gerichte Gottes gewesen. Beuge dich unter dies Urteil und Gericht Gottes als ein überschuldeter Übertreter und Sünder und wage nicht weiter auf „Schächergnade“ zu warten, um Buße zu tun vor dem heiligen Gott!

So lerne das dritte Merkmal der „Schächergnade“ kennen; es ist: Der Räuber zur Rechten stellte sich auf die Seite Christi Jesu zur Stunde, wo alle von Jesus wichen. Das war etwas so Einzig- und Eigenartiges, daß die Gnade, die dazugehörte, selbst als eine ganz einzigartige aufgefaßt werden muß. Und tatsächlich: Ich mag das ganze Evangelium, ja das ganze Neue Testament durchforschen, ich finde keine Gnade mehr, die dieser „Schächergnade“ an die Seite gestellt werden könnte. Höre! –: Entgegen den religiösen Obersten des jüdischen Volkes, entgegen den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, entgegen den Juden, die höhnend am Kreuze vorbeigingen, entgegen dem ganzen jüdischen Volke, das wie aus einem Munde rief: „Hinweg mit diesem! Kreuzige, kreuzige ihn!“ entgegen den Kriegsknechten, die ihren Spott mit dem Gerichteten trieben, entgegen dem lästernden „Schächer zur Linken“, entgegen all diesem hohen und niedrigen Menschenhaufen stellte sich der „Schächer zur Rechten“ auf Jesu Seite. Alle diese Widersacher Jesu waren davon überzeugt, Jesus habe etwas sehr Ungeschicktes, Ungeziemendes, und des Todes würdiges getan. Ja, sogar die Jünger Jesu waren von ihrem Meister gewichen, weil sie ihn nicht mehr verstanden hatten und wagten sich nicht mehr zu dem zu bekennen, der so schmählich am Kreuze hing. Da, als die vielen Feinde den Gekreuzigten so laut versöhnten und die wenigen Getreuen so schreckensstumm von ihm gewichen waren, da, als alles nur den Gerichteten sah, da stellte sich dieser „Räuber zur Rechten“ auf Jesu Seite und rief es vom Richtholz aus seinem Mitverbrecher und damit allen Widersachern unter Christi Kreuz zu: „Dieser hat nichts Ungeziemendes getan!“

Wunderbar! Als alle Jesus schuldig sprachen, da sprach dieser Räuber ihn frei! Als die Nachfolger Jesu bis auf einige wenige von ihm gewichen waren und furchtgelähmt oder schmerzverzehrt niemand mehr von ihnen für den Meister zeugen mochte, da ergriff dieser Übeltäter Partei für Jesus und bezeugte laut dessen Unschuld! Was war das? Das war „Schächergnade“! O wundersame, einzigartige „Schächergnade“! Mein teurer Hörer, siehst du, was damals vorging? Gott redete aus dem Munde eines Übeltäters, eines gehängten Räubers, vom unschuldigen Sterben des Sohnes seiner Liebe! Gott begnadigte einen gerichteten Räuber zur Erkenntnis Christi und befähigte den Übeltäter zur Ausrufung der Unschuld des Gotteslammes! Ein gerichteter Verbrecher mußte den ans Fluchholz gehefteten Gottessohn vom Urteil der jüdischen Obersten und des ganzen jüdischen Volkes lossprechen! –Siehe, das war „Schächergnade“! Nicht wahr, du siehst ein, daß das eine ganz unvergleichliche Gnade war, die du einmal in Ehrfurcht derart werten lernen sollst, daß dir das platte, mißbräuchliche Geschwätz von „Schächergnade“ dabei vergehen soll. Du sollst einsehen, welch eine einzig kostbare Gnade jene „Schächergnade“ war. Nicht Maria, die Mutter Jesu, nicht die Frauen, die am Kreuz standen, nicht Johannes, der vordem an Jesu Brust gelegen, hatten in jener Stunde diese Zeugengnade über Jesus, sondern der mitabgetane Übeltäter hatte sie als „Schächergnade“.

Mithin war damals „Schächergnade“ nicht nur Gnade, in vor Jesu Leiden erlangter Gottesfurcht andere zur Gottesfurcht zu ermahnen, ferner nicht nur Gnade zur Buße für die eigenen Sünden, sondern auch Gnade zum Zeugen von Jesu reiner Hoheit und leidensschwerer Unschuld. Wer also im Hinblick auf jenen Räuber zur Rechten Jesu „Schächergnade“ für sich erwartet, der weiß jetzt, diese Gnade brachte auf die Seite Jesu entgegen einem ganzen Volk. Willst du, teurer Hörer, es wagen, mit deinem Bekenntnis zu Jesus zu warten bis zu deiner Sterbestunde? Hast du nicht stündlich Gelegenheit, auf Jesu Seite zu treten? Für ihn Partei zu ergreifen entgegen den Spöttern am Familientisch, am Arbeitstisch, am Stammtisch, in der Straßenbahn und Eisenbahn, entgegen der öffentlichen Meinung, entgegen der modernen Zeitrichtung, entgegen der Presse, entgegen dem allergrößten Teil unseres Volkes, entgegen aller Welt?

Wohl magst auch du keine Schuld an Jesus gefunden haben, wie ja auch Pilatus keine an ihm gefunden; aber das heißt noch keineswegs auf Jesu Seite getreten sein, wie ja auch Pilatus trotz seiner Worte von der Unschuld Jesu nicht auf die Seite Jesu gekommen war. Vielmehr, wer unter uns fortan von „Schächergnade“ redet, weiß nun: jener nach römischem Recht hingerichtete Räuber zur Rechten war seinem charakterlosen römischen Richter Pilatus eben durch jene Aufrichtigkeit überlegen, die ihm eben jene „Schächergnade“ einbrachte, vermöge derer dieser Verbrecher der wunderbare und allein mutige und wahre Verkündiger der Unschuld Jesu in jener Stunde zu werden vermochte. Und du hältst dich für viel ehrbarer als jener „Schächer“ und für mindestens so aufrichtig wie er, und willst erst in deinem Sterbestündlein auf die Seite Jesu treten? Wem gleichst du? Dem schachernden Pilatus oder dem ehrlich handelnden „Schächer“?

Zur rechten Beantwortung dieser Frage höre nun vom vierten Merkmal der „Schächergnade“. Was ist das vierte Merkmal dieser wundersamen Gnade? Höre! –: Jener Räuber zur Rechten Jesu glaubte in der dunkelsten Stunde der Finsternis an Jesu Christi Macht und Herrlichkeit. Nie gab es eine dunklere Stunde als die Stunde von Golgatha. Jesus selbst hatte es gesagt: „Jetzt ist die Stunde der Finsternis; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen!“ Und wunderbar –: Satan, der Fürst dieser Welt und Fürst der Finsternis, konnte nur aus seinem bisherigen Machtbereiche hinausgeworfen werden, indem Jesus, das Licht der Welt und der Urheber des Lebens, sich in Finsternis und Tod stoßen ließ. Nur indem der Sündlose sich für uns zur Sünde machen ließ (2. Kor. 5,21), konnte das heilige Gottesgesetz vom Sinai erfüllt und das Gesetz der Sünde aufgehoben werden. Nur indem der Wohltäter sich unter die Übeltäter zählen ließ und den satanischen Widerspruch der Sünder bis zum Tode am Kreuze erduldete, konnte der Welt Sünde an ihm gerichtet und durch ihn hinweggenommen werden. Aber was besagte dies? Es besagte, daß der Lichte, Reine, Hohe sich der Nacht, der Dämonie und Niedrigkeit, die in Satans Sündenbereich herrschen, aussetzte bis zum blutigen Schweiß in Gethsemane und bis zum Tod auf Golgatha. Nichts war dem Heiligen Gottes fremder als Sünde und Tod; denn die Sünde ist Auflehnung gegen Gott, und der Tod ist der Sünde Sold. Und nun wurde der Heilige Gottes in sein fremdestes Gegenteil verkehrt, nämlich zur Sünde gemacht! Denn Gott warf unser aller Sünde auf ihn! Und nun schmeckte der Urheber des Lebens für uns der Sünde Sold, den Tod! Welch unausdenkbar erschütterndes Geschehen! Welcher Einbruch in Jesu Reinheit! Welcher Anprall Satans, der des Todes Gewalt hat! Welch schwarze Machtstunde der Finsternis! Welch unvergleichliches Erliegen des Reinen! Und schließlich welch unvergleichliches Siegen des Gotteslammes, als es ausrief: „Es ist vollbracht!“ –

Ich muß hier etwas einschalten. Nie werde ich vergessen, wie einst nach einem Vortrag ein junger Mann, der sich als Student vorstellte, an mich herantrat und in überlegener Selbstweisheit etwa so zu reden begann: „Na, hören Sie mal, Jesus soll doch Gottes Sohn gewesen sein; da war ihm ja die ganze sogenannte Leidensgeschichte die reinste Spielerei! Ich bitte Sie, was ist denn für einen, in dem Gott selber steckt, das bißchen Blutschweiß und die sogenannte Kreuzesqual!“ – Ich mußte das Herrchen fragen: „Haben Sie eine Ahnung von der Ursache alles Leidens in der Welt?“ Er sah mich verständnislos an und ich konnte fortfahren: „Die Ursache alles Leidens in der Welt ist das Wuchten von Gegensätzen in der Welt. Je größer die Gegensätze, desto größer das Leiden. Nun hat es nie einen größeren Gegensatz in der Welt gegeben, als den zwischen Gott und Satan, Christus und Belial, Reich des Lichts und Reich der Finsternis, Reich Gottes und Reich dieser Welt. Und darum hat nie einer zwischen größeren Gegensätzen gestanden, als der Mittler zwischen Gott und Menschen Jesus Christus. Nie hat sich einer fremder auf Erden gewußt, als er; er, der von oben her war, unter denen, die von unten hier sind, er, der Himmlische unter den Irdischen, der Gerechte unter den Ungerechten, der Reine unter den Unreinen, der Sündlose unter den Sündern! Und darum hat es auch nie einen gegeben, der mehr gelitten als er; denn nie hat einer die teuflische Macht der Sünde und finstere Gewalt des Todes bitterer zu schmecken bekommen als der fleischgewordene heilige Urheber des Lebens, Jesus Christus, das Licht und der Erlöser der Welt. “

Ja, und das alles gehört in die Stunde der Finsternis von Gethsemane und Golgatha. O wie dunkel war es da geworden! So dunkel daß Jesus schon zuvor von jener Stunde sagen mußte: „Wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde!“ (Luk. 12,50. ) So dunkel, daß, als er in jene Stunde eintrat, nicht allein in sie hineingehen wollte, sondern nahm Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus zu sich, und fing an zu trauern, zu zittern und zu zagen und sprach zu ihnen: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!“ (Matth. 26,37-38; Mark. 14,33-34. ). Kein Zittern und Zagen als Furcht vor den bevorstehenden körperlichen Leiden war es wohl, sondern das trauernde Grauen seiner Seele vor dem Unheimlichsten, das es für ihn gab, nämlich daß der Sündlose nun zur Sünde gemacht werden mußte. Das vollzog sich in Gethsemane. Dort nahm das tadel- und makellose Gotteslamm der Welt Sünde auf sich. Und das vollendete sich bis zum Sterben auf Golgatha, wo das Opferlamm die auf sich genommene Sünde ans Holz hinauftrug, um für sie den Tod zu schmecken.

Zur Finsternismacht der Sünde kam die wehe Einsamkeit in jener dunklen Stunde. Es will mich immer in tiefster Seele erschüttern, wenn ich bedenke, daß der, welcher mühselige und beladene Menschen zu sich gerufen, um ihre Seele zu beruhigen und ihnen zu helfen, nun umgekehrt die Menschen zu sich rief, daß sie ihm beistehen sollten, weil nun seine eigene Seele zitterte und zagte und betrübt war bis an den Tod. Der Meister bittet die Lehrlinge, daß sie bei ihm bleiben möchten mit Wachen und Beten im Dunkel der Stunde der Finsternis! Und nun kommt das Wehe: Er wußte zuvor, daß die drei besten Schüler seiner Klasse in Gethsemane ebenso und noch trauriger versagen würden, wie sie bereits versagt hatten auf dem Berge der Verklärung und anderswo. Dort auf dem „heiligen Berge“ hatten sie von Schlaf beschwerte Augen, und hier im Dunkel des Gartens Gethsemane und im ungleich größeren Dunkel der Stunde der Finsternis schliefen sie ein vor Traurigkeit, indes ihr Meister unter dem Anprall der Obrigkeit der Finsternis mit dem Tode rang!

Und in Schrecken und Verwirrung nur zu einem Petrusschwertstreich wach geworden, flohen sie nachher alle. Jesus war allein. Es war wahr geworden: Der Hirte war geschlagen, die Herde zerstreut. Es war wahr geworden: „Ihr werdet mich alle verlassen!“ In jener Stunde der Finsternis glaubte niemand mehr an ihn. Sie waren alle an ihm irre geworden. Hätte man damals die Jünger befragt: Nun, wie steht's mit eurem Messias? sie hätten betrübt und verwirrt gestammelt: Wir dachten . . . , wir glaubten . . . , wir hofften . . . Aber nun ist alles vorbei! Wer hätte das gedacht! – Und wie mögen Johannes und die Frauen gehofft haben, der Sohn Gottes, der doch eben noch den Lazarus vom Tode auferweckt hatte, werde sich von den drei Nägeln des Kreuzholzes losreißen, um in siegreicher Macht seine Hoheit und Herrlichkeit zu erweisen. Und nichts von dem geschah? Ach, sie alle verstanden das Kreuz nicht! Dreimal hatte ihnen Jesus seine Gefangennahme aufgrund des Verrats, seine Geißelung und Kreuzigung vorausgesagt, und nicht ein einziges Mal hatten sie seine Rede begriffen. Wie hätten sie auch das Unmöglichste für möglich halten können: der Gesalbte Gottes am heidnischen Schandpfahl! So war ihnen nichts übriggeblieben als Verwirrung, Flucht, Verleugnung, ja Ärgernis – und Trauer.

Und in dieser dunkelsten Stunde der Finsternis lernte der Räuber zur Rechten an Jesu Herrlichkeit glauben! Siehe, das war „Schächergnade“! O, ich kann das Wunder dieser „Schächergnade“ gar nicht leuchtend genug malen! Ich kann die Einzigartigkeit dieser Gnade gar nicht deutlich genug darstellen! Ich wiederhole, ich mag das ganze Neue Testament durchforschen, ich finde kein größeres Gnadenwunder darin, als dies: Der Räuber zur Rechten lernte in der dunkelsten Stunde der Finsternis an Jesus glauben! Nie vorher, nie nachher hat ein Mensch unter solchen Umständen an den Gottessohn glauben gelernt wie dieser Räuber zur Rechten! Höre –: Als alle aufhörten an Jesu Christi Herrlichkeit zu glauben, da fing er an zu glauben! Als alle am Sohne Gottes irre wurden, da wurde er klar an ihm! Als alle sich am gekreuzigten Messias ärgerten, da begann er sich seiner zu freuen! Als alle an Christi Königsmacht verzweifelten und die Feinde über den Machtlosen triumphierten, da nannte ihn der Übeltäter „Herr“!

Als niemand mehr mit Christi Zukunftsgröße rechnete, da sah der Räuber in dem verhöhnten angenagelten Manne den Herrn eines überweltlichen, übergewaltigen Reiches! Und als niemand es mehr der Mühe für wert hielt, an den Gekreuzigten eine Bitte zu richten, da konnte der arme Schächer zur Rechten zu dem Mitgehängten in der Mitte glaubensvoll und hoffnungsselig beten und den Verworfenen und Verlästerten bitten: „Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Als niemand mehr irgend etwas von dem in Schwachheit und Armut am Kreuze hängenden Christus erhoffte und erwartete, da erhoffte und erwartete dieser Übeltäter zur Rechten von ihm Errettung und Seligkeit als Teilhaben an Christi ewigem, himmlischem Reiche! Und als der Sohn Gottes nichts mehr tun konnte, als nur noch für der Welt Sünde zu sterben, als er weder mehr mit Vollmacht zu predigen noch in göttlichem Wohltun zu heilen vermochte, da schenkte er vom Kreuze herab, noch ein einziges letztes Mal mit Vollmacht den göttlichen Mund zum Prophezeien öffnend, dem mitgehängten Räuber zur Rechten das Paradies! Siehe, das war „Schächergnade“!

Welch unvergleichliche, einzigartige Gnade! Ich wiederhole: Nie vorher, nie nachher hat je ein Mensch unter solchen Umständen und in dieser Bedeutungsgröße an Christus glauben gelernt. Alle haben es leichter gehabt als der Schächer zur Rechten, der in der dunkelsten Stunde der Finsternis glauben lernen mußte, als alle aufhörten zu glauben. Aber eben deshalb hat keiner größere, seltenere, leuchtendere, wunderbarere Gnade gehabt als eben er, dieser mitangenagelte Gefährte Jesu in jener finsteren Golgathastunde. Er glaubte, wo gar nichts mehr zu glauben war. Er hoffte, wo gar nichts mehr zu hoffen war. Und er empfing und wurde am Fluchholz reich, als weder Reichtum noch Fülle mehr da waren, sondern Jesus in leerster Armut neben ihm am Holz hing. Vor solcher Schwachheit Gottes hat außer ihm nie einer an Gottes Kraft geglaubt. Vor solcher Torheit Gottes hat außer ihm nie einer Gottes Weisheit geschaut. Vor solcher Armut Gottes hat außer ihm nie einer auf Gottes Reichtum vertraut. Nie ist einem Menschen außer ihm in solcher dunklen Enge das Auge für die lichte, hohe Weite des Himmelreiches aufgegangen. Siehe, das war „Schächergnade“!

Und du siehst nun hoffentlich ein, daß alles, was du dir im öden Nachschwätzen bisher über die „Schächergnade“ gedacht hast, nichts als platte Gedankenlosigkeit war. Denn höre! –: Wieviel helle, lichte Stunden deines Lebens hat Gott dir bisher geschenkt, in denen du Gelegenheit hattest, Jesus zu erkennen, und du willst dich auf „Schächergnade“ für deine Sterbestunde vertrösten? Sag, spielst du da nicht mit dem Dunkel jener Golgathastunde? Sag, spielst du da nicht mit dem Dunkel deiner eigenen Sterbestunde? Denn abgesehen davon, daß jene „Schächergnade“ aus der dunklen Golgathastunde eine einzigartige war und nie wiederkehrende ist, was weißt denn du von dem Dunkel deiner Sterbestunde? Meinst du, da brauchtest du nur die Hände zu falten und die Lippen zum Gebetsstammeln zu bewegen, und so wie man durch Handbewegung oder Bitte das elektrische Licht aufleuchten läßt, so könntest du dann das Himmelslicht zu Erhellung deiner Sterbestunde einschalten und den Kraftstrom der Gnade deinem auslöschenden Leben zuwenden? Du irrst dich! Gnade Gottes ist kein Spielzeug für schlauen, launigen Menschenwillen! Nie wird die Gnade Gottes denen zu Diensten stehen für die Sterbestunde, die diese Gnade ein Leben lang in Leichtsinn oder Eigensinn geschmäht haben, und sich auf einen frommen Kunstgriff vor ihrem Abschiednehmen vertrösten!

Und damit du den Ernst dieses Falles ganz verstehst, höre jetzt das letzte, nämlich lerne verstehen das fünfte Merkmal der „Schächergnade“. Was ist das fünfte Merkmal? Es ist dies: Der Räuber zur Rechten lernte im ersten Augenblick an Jesus glauben! Wie heißt die Überschrift dieses Vortrages? „Im ersten oder letzten Augenblick?“ lautet sie. Du meintest, „Schächergnade“ sei etwas für den letzten Augenblick; darin bestehe ihr Sinn und Wert. Ich sage dir aufgrund des Wortes Gottes: „Schächergnade“ war damals etwas für den ersten Augenblick; darin bestand ihr eigentlicher Sinn und Wert. Denn es ist überwiegender Grund da, anzunehmen, daß dieser Räuber zur Rechten Jesus weder vorher gesehen noch gehört hat. Er wird weder unter einer Predigt Jesu gesessen noch Wundertaten Jesu beobachtet haben. Ich glaube, erst am Kreuz ist er seiner recht ansichtig geworden. Festgehalten am Fluchholz hing er nun dem Heiligen Gottes gegenüber. Und nun höre die Frage! Wann entschied sich der Räuber für Jesus? In Zusammenfassung alles dessen, was ich aufgrund des biblischen Berichts bisher habe ausführen dürfen, antworte ich: Der Räuber zur Rechten entschied sich für Jesus im selben Augenblick, in dem die „Schächergnade“ zur Erkenntnis Jesu ihm geschenkt wurde, also im ersten Augenblick.

Und der inneren Entscheidung folgte gleich die äußere, öffentliche. Er strafte den zur Linken wegen mangelnder Gottesfurcht. Er bezeugte im öffentlichen Selbstgericht die bei ihm eingetretene Sinnesänderung, die Buße. Er trat, einem ganzen Volk mit seinen religiösen Obersten zum Trotze, auf die Seite Jesu und sprach den Verworfenen öffentlich los vom Urteil der Juden und Römer. Er bezeugte vor allen Umstehenden seinen Glauben an die Herrschaft Christi und bat ihn öffentlich um Aufnahme in sein Reich. Wo fand man je solch einen prompten Glaubensgehorsam und solch einen schnellen Zeugenmut? Wohl handelte es sich um einen dem Tod geweihten Menschen, der nicht Zeit mehr zum Zaudern hatte; aber sterben nicht täglich Tausende im Zaudern?

Nämlich: Du Mensch, der du ein Leben lang von Jesus Christus gehört und gelesen hast, du Mensch, der du die Bibel und eine bald zweitausendjährige Geschichte des Wirkens Jesu auf Erden als Lehr- und Anschauungsmittel besitzest, du Mensch, an dessen Herzenstüre die Gnade Gottes ach so oft, so oft angeklopft, du Mensch, der du den Zug des Vaters im Himmel zu seinem geliebten Sohne Jesus hin so vielmals in deinem Innersten verspürt hast, du wagst es, von „Schächergnade für den letzten Augenblick“ zu reden?!

Sieh, das hört von heute ab auf! Hinweg mit all deinem unaufrichtigen Drehen und Wenden! Hinweg mit all den inneren und äußeren Gründen, mit denen du nur die Sache in der Schwebe zu halten suchst, und die Entscheidung für deinen Lebensretter und Lebensherrn hinausschieben willst! Hinweg mit allem Leichtsinn und Eigensinn! Hinweg mit aller Welt-, Sünden- und Eigenliebe! Hinweg mit allem Dünkel des Wissens und Tuns! Hinweg mit jeder Lüge deines verlogenen und verlodderten Herzens! Hinweg mit jedem religiösen Selbstbetrug! Hinweg zuerst und zuletzt mit dem gedankenlosen, gewissenlosen, gottlosen Gerede von der „Schächergnade“, als der Gottesgnade, die deiner warte für deine Sterbestunde!

Der du längst genug von Jesus weißt, lange genug von ihm gesucht bist, werde endlich ehrlich vor ihm: gib ihm heute, gib ihm jetzt, gib ihm in diesem Augenblick Wille, Herz und Leben!

autoren/b/binde/binde_-_im_ersten_oder_letzten_augenblick.txt · Zuletzt geändert: von aj