Beza, Theodor von - Aus der Schrift gegen die Vorwürfe des Joachim Westphal (1559)

Vor allem behaupte ich, daß nur wenige und unschädliche Ceremonien in der Kirche üblich sein sollen. Denn davon abgesehen, daß wir Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten sollen, müßte uns schon die Erfahrung durch das Beispiel Derjenigen warnen, welche ehemals den Ceremonien kein Maß und Ziel setzten und dadurch die Gottesverehrung nicht allein nicht beförderten, sondern sie ganz zu Grunde richteten. Wir meinten daher, daß man vielmehr auf Abschaffung als auf Einführung von Ceremonien bedacht sein müsse. Allerdings kommt hier der verschiedenartige Genius der Völker und der Grad des Fortschrittes, den das Wort Gottes bei ihnen gemacht hat, in Betracht. Wenn wir jedoch bei denjenigen Völkerschaften, die uns anvertraut sind, die Abstellung vieler Dinge erlangt haben, die noch in den sächsischen Kirchen gebräuchlich sind, und deren Abschaffung auch vielleicht anderswo als bei uns nicht mit dem Erfolg von Statten gegangen wäre, warum machst du uns das zum Vorwurf und stellst uns deshalb verleumderisch als von den andern Kirchen abgefallen dar, um uns verhaßt zu machen? Wir verhehlen es uns allerdings nicht, daß man anderswo nach unsrer Ansicht vielleicht in der Reinigung der Kirche von allem papistischen Unrath zu furchtsam war und zum Theil noch ist; ja, wir glauben, daß gar Manches stattfindet, was durchaus nicht zu dulden ist. Die Frage wegen des Chorhemdes ist allerdings in unsern Augen nicht so wichtig, daß wir dieser Kleidung wegen den Fortgang des Evangeliums auch nur im Geringsten gestört sehen möchten. Aber wir glauben, daß diejenigen klug und recht gethan haben, welche jenen ganzen, eher für Schauspieler als für Diener des Evangeliums passenden Anzug als heidnischen Ueberrest aus der Kirche entfernten. Die Erfahrung hat gezeigt, daß er vielfach schaden, in keiner Weise aber nützen kann, weshalb wir die Wiedereinführung desselben keineswegs unter die gleichgültigen Dinge rechnen können. - Bilder und Bildsäulen in den Kirchen aufstellen ist unseres Dafürhaltens durch Gottes ausdrückliches Verbot in der heiligen Schrift mehr als hundert Mal untersagt. Was sollen sie an diesem Orte, wenn sie nicht verehrt werden dürfen? Sollen sie etwa zur Erinnerung dienen? Wer aber ist weiser, wir oder der heilige Geist? Und obgleich wir gern annehmen, daß diejenigen, welche sie zuerst in die Kirche brachten, die Erinnerung im Auge hatten, so sollte uns doch die Abgötterei, die bis auf den heutigen Tag noch im Schwange ist, belehren, daß sie in den Kirchen durchaus nicht zu dulden sind.

Was des Herrn Abendmahl betrifft, so haben wir uns immer befleißigt, eine solche Lehre zur Geltung zu bringen, welche die Sacramente nicht ihres Gehaltes beraubt und das Gemüth zum Himmel erhebt; weshalb wir bei der Feier des Abendmahles ein feierliches Gebet sprechen, und außerdem so einfach als möglich zu Werke gehn. Das Knieen am Tische, welches und uns vorhältst, kennen unsre Kirchen nicht allein nicht, sondern sie haben sogar nicht einmal etwas davon gehört. Dessenungeachtet kommt es uns aber nicht in den Sinn, wegen dieses freien Gebrauches Jemanden zu verdammen.

Die Kindertaufe betreffend haben wir schon zur Genüge dargethan, daß wir sie nicht anders denn als Heilsbad der Wiedergeburt auffassen. Indessen glauben wir, daß unser Heil nicht von dem Sacrament der Taufe abhängt, sondern von der Annahme der Kindschaft nach den Bundesworten: „Ich will dein und deiner Kinder Gott sein.“ (Genes. 7,7); und wir sorgen dafür, daß diese Annahme bei den Kindern der Christen durch das Sacrament der Taufe nach dem Worte Gottes besiegelt werde. Diejenigen Eltern, welche hierin lässig sind, werden von uns mit der gehörigen Strenge zurechtgewiesen. Weil aber in die Kirche Alles mit Würde und Anstand geschehen soll, so wird bei uns nur im Hause des Herrn zu gewissen Stunden, und zwar durch den Diener des Herrn getauft. Stirbt ein Kind vor der Taufe, so zweifeln wir dessenungeachtet nicht im Mindesten an seiner Seligkeit. - Wir halten keine Haustaufe, wenn wir sie aber billigten, so müßte sie von Predigern verrichtet und die Frauen müßten von dieser Verrichtung ganz fern gehalten werden. Denn diese Mißbräuche sind aus einer unsrer Meinung nach ganz falschen Vorstellung entstanden, daß nämlich die Taufe zur Seligkeit unumgänglich nöthig sei, während doch der Mensch zuvor von Gott als Kind angenommen und dann erst getauft wird. Denn wenn dieses nicht der Fall wäre, warum begehrte man doch von den Erwachsenen zuerst ein Bekenntniß ihres Glaubens, ehe sie getauft werden? Wir taufen die Kinder der Christen, weil wir sie schon im Mutterleibe als von Gott angenommen betrachten. Daß du aber daraus folgerst, wir lehrten, die Kinder der Christen würden ohne Sünde geboren, ist doch wahrlich eine allzu arge Verleumdung.

Die Privatcommunion, welche wir nicht reichen, begehren unsre Kranken auch gar nicht; denn sie wissen, daß ihre Seligkeit nicht absolut von den Sacramenten abhängt, weil nicht die Entbehrung, wohl aber die Verachtung derselben heilsgefährlich ist. Als Verächter des Sacramentes kann aber nicht derjenige angesehen werden, dem der Herr nicht erlaubt, die Kirche zu besuchen. - Die Privatcommunion scheint uns aber auch der Natur des Sacramentes zu widerstreiten, welches ausdrücklich als eine Gemeinschaft (Communio) bezeichnet wird. Wenn jedoch anderswo diese Sitte ohne Aberglauben und ohne Aergerniß und zur Erbauung der Kirche beobachtet wird, und wenn es die Schwäche im Glauben also erheischt, so wollen wir deswegen die Kirche nicht trennen. Dagegen soll man aber auch uns erlauben, zu beurtheilen, was für unsre Kirchen beizubehalten ersprießlich ist.

Die Eintheilung des Decalogs, welche das Verbot des Bildergebrauchs mit dem ersten Gebot verbindet, weisen wir aus zwei Gründen zurück: Erstens, weil auf diese Art jenes zweite Gebot ganz aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden ist – und zweitens, weil bei dieser Eintheilung das zehnte Gebot zerrissen wird. Uebrigens ist unsre Eintheilung nichts Neues. Gleichwohl wollen wir wegen der andern Eintheilung, wenn nur das Bilderverbot gehörig herausgestellt wird, mit Niemandem streiten.

Die Festtage betreffend, wissen wir, Gott Lob! welche Freiheit die Kirche hierin besitzt, und wir halten so sehr auf diese Freiheit, daß uns selbst die Verschiedenheiten, welche in unsern Kirchen herrschen, hierin nicht anstößig sind. Die Erfahrung hat es übrigens zur Genüge bewiesen, daß die Ueberzahl der Festtage eine Unzahl von Lastern erzeugt und unterhalten hat.

Die Postillen anlangend, ist es gewiß, daß dieses Zerschneiden des Wortes Gottes der ursprünglichen, reinen Kirche unbekannt gewesen und im Orient und Afrika nie Geltung erhalten hat. Einige vermuthen, daß die Sitte der Vorlesung der Pericopen aus Berücksichtigung derer entstanden ist, die zu einem vollständigen Lesen oder auch Anhören der Bücher alten und neuen Testaments weniger befähigt waren. Wie aber, wenn diese Sitte vielmehr die Lässigkeit der Bischöfe selbst zur Ursache hätte, als ob es schon an einer gewissen Anzahl von Abschnitten genug wäre? Der Nachlässigkeit der Geistlichen ist es sodann zuzuschreiben, daß das Verlesen und Erklären jener Abschnitte bald ganz aufhörte und dann nichts als die Messe blieb, und diese in fremder Sprache ohne Dolmetscher, gegen das ausdrückliche Gebot des Apostels. Es wuchs dann die Menge der Fest- und Heiligentage so sehr, daß die römische Kirche einen jeglichen Tag einen Feiertag nannte, einem jeglichen, wahren oder falschen Märtyrer oder Bekenner sein Evangelium bestimmte, bis es der Satan dahin brachte, daß unter tausend Geistlichen kaum Einer in seinem Leben die Schrift nur einmal ansah. Schon der Name „Postille“ weist auf die Barbarei hin, in welcher er entstand, und das Zusammenhängende so zu zerreißen, ist unverzeihlich. Daher finden in unsern Kirchen fortlaufende Erklärungen der heiligen Bücher statt, und wir ermahnen das Volk oft und dringend, daß es anhaltend und nicht nur von Zeit zu Zeit die Predigt besuche, damit es mit desto mehr Frucht die ganze Lehre in ihrem Zusammenhange auffassen lerne.

Was die Schmähungen gegen die Märtyrer Gottes 1) anlangt, die du ohne Scheu und Scham ausgespieen, während die Tyrannei des Papstthums noch täglich neue Märtyrer unsern Versammlungen entreißt, so magst du selbst zusehen, wie du sie vor dem Herrn verantworten kannst. Ihre Schriften sind vorhanden, welche mit deinem Willen oder gegen denselben ihr Andenken der Nachwelt erhalten werden. Vor allen christlichen Kirchen schäme ich mich, daß in irgend einer derselben ein so muthwilliger Geist aufstehen konnte, dessen Zunge sogar die Todten nicht verschont, sie die im Tode noch von ihren Henkern selbst gerichtet wurden. Der Herr, dem wir die Sache seiner Märtyrer befehlen, wird eine solche unmenschliche und mehr als barbarische Schmach nicht ungerächt lassen.

Es sind der Zänkereien, Schmähungen, Beschuldigungen und Vertheidigungen schon mehr als genug. Reuen und betrüben muß es uns doch einmal, daß der Fortgang des Evangeliums durch dieses traurige Gezänk schon so viele Jahre hindurch gehindert worden ist. Bis hierher und nicht weiter mit dem Wettstreit im Hasse, der ein Sold unserer Sünde ist. Warum sollen wir nicht auch einen Wettstreit beginnen in der Liebe? Gewiß ist es ja, daß wir gemeinschaftliche Feinde haben; gewiß auch, daß wir Einen Gott, Vater, Sohn und Geist bekennen; gewiß auch, daß wir über das Mittleramt Christi, den Glauben, die guten Werke, das Wort Gottes, die Kirche, die Obrigkeit einig sind. Sind nun die Differenzen, die in der Lehre von den Sacramenten obwalten, von der Art, daß wir uns deshalb zur Belustigung und Freude unsrer gemeinschaftlichen Feinde entzweien sollten? - Wir stimmen darin überein, daß im Abendmahl eine wahre Mittheilung des wahren Leibes und Blutes Christi stattfinde, und bekennen, daß Christus so gegenwärtig sei, daß er mit seinem Fleische und Blute uns wahrhaft speise zum ewigen Leben. Nur in der Art und Weise der Mittheilung liegt der Streitpunkt, insofern wir uns mit einer geistlichen Mittheilung durch den Glauben begnügen. Wir übersehen es zwar nicht, daß diese Streitfrage mit zweien andern zusammenhängt, aber ich bitte doch zu bedenken, von welcher Art dieselben sind. Daß Christus gen Himmel gefahren und das himmlische Reich für uns in Besitz genommen hat, und daß wir durch seine Macht, Kraft, Gnade und Güte regiert und erhalten werden, das wissen wir, und Alles, was von uns Gutes kommen kann, das schreiben wir ganz allein der Wirkung seines Geistes zu. Einige verwechseln zwar seine Auffahrt mit dem Sitzen zur Rechten Gottes; aber was ist denn in demjenigen, wovon unser Heil abhängt, für eine Verschiedenheit zwischen uns? Wir erkennen an, daß alle diejenigen, welche unwürdig, d.h. ohne Glauben von dem gesegneten Brote essen und von dem gesegneten Kelche trinken, schuldig sind an dem Leibe und Blute des Herrn. Wir sind also im Wesentlichen eins, obschon auch hier eine Streitfrage bleibt, ob nämlich der Unwürdige nur die Zeichen genieße, indem er durch seinen Unglauben den (auch ihm dargebotenen) Leib Christi zurückweiset, oder ob er den Leib selbst unwürdig genieße. Sollen denn wohl die Gemüther der Gläubigen noch länger beunruhigt werden wegen der Frage nach dem Genuß der Ungläubigen?“

Quelle: Heppe, Heinrich - Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche - Band VI

1)
in Frankreich
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