Bernhard von Clairvaux - An den Magister Heinrich Murdach.

Du liest, wie ich höre, die Propheten; aber verstehst Du auch, was Du liest? Denn wenn Du es verstehst, müßtest Du merken, daß überall der Sinn der prophetischen Schrift Christus ist. Wenn Du den aber ergreifen willst, dann kannst Du es leichter durch Nachfolge als durch Lesen erreichen. Denn schon ist er aus dem Versteck bei den Propheten vor die Augen der Fischer getreten; schon ist er von dem bewaldeten Berge hinausgeschritten auf das freie Feld des Evangeliums. Wer Ohren hat zu hören, der höre ihn rufen im Tempel: Wer dürstet, der komme zu mir und trinke1), und: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken2). O wenn Du nur einmal etwas von dem Mark des Getreides, mit welchem das himmlische Jerusalem gesättigt wird, kostetest! Wie gern würdest Du die jüdischen Schriftgelehrten an ihren Brotkrusten nagen lassen! O wenn ich Dich nur einmal in der Schule der Frömmigkeit unter dem Lehrer Jesus als Genossen hätte! - Glaube mir, Du wirst mehr in Wäldern als in Büchern finden. Bäume und Steine werden dich lehren, was Du von den Schulmeistern3) nicht hörst. Träufeln die Berge nicht Süßigkeit, und Hügel lassen Milch und Honig herabströmen, und Täler sind reich an Getreide? - Noch vieles drängt sich mir hierüber auf die Lippen; aber da es Dir nicht auf Lesen, sondern auf Hören ankommt, so öffnet Gott Dein Herz in seinem Gesetze und in seinen Geboten.

Quelle: Neukauf-Heyn - Evangelisches Religionsbuch

1)
Joh. 7, 37
2)
Matth. 11, 28
3)
den Scholastikern
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