Bernhard von Clairvaux - Rede über Psalm 91 v. 15

Er ruft mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Noth, ich will ihn herausreißen und zu Ehren machen.

Er ruft mich an, so will ich ihn erhören. Das ist das Testament des Friedens, der Bund der Gnade, das der Vertrag der Barmherzigkeit und Erbarmung. Er begehrt meiner, so will ich ihm aushelfen; er kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen; er ruft mich an, so will ich ihn erhören. Er sagt nicht: er war würdig, er war rechtschaffen und gerecht, unschuldiger Hände und reines Herzens: darum will ich ihm aushelfen, ihn schützen, ihn erhören. Wenn er das oder ähnliches gesagt hätte, wer könnte dann wohl Vertrauen fassen? Denn wer kann sich rühmen, reines Herzens zu seyn? Aber nun ist bei Dir Gnade und viel Erlösung und wegen dieses deines Gesetzes, Herr, kann ich stehn vor dir. O! gnadenvolles Gesetz, das das Verdienst der Erhörung in das Rufen des Forderns setzt. Er ruft mich an - spricht Er - so will ich ihn erhören. Mit Recht wird der nicht erhört, der sich stellt, als rufe er an und entweder gar nichts fordert, oder ohne rechten Ernst und Andacht. In Gottes Ohren nämlich ist ein heftiges Verlangen, ein lauter Ruf; dagegen aber eine laue Gesinnung eine leise Stimme; und, wie kann eine leise Stimme durch die Wolken dringen? wie im Himmel gehört werden? Damit nämlich der Mensch die Nothwendigkeit des Rufens einsehe, wird er gleich im Anfange seines Gebets daran gemahnt, daß der Vater, zu dem er beten will, im Himmel sey, damit er daran erinnert werde, daß er gleichsam mit Anstrengung sein Gebet dahin werfen müsse. Gott ist ein Geist und im Geiste rufen muß ein jeder, welcher wünscht, daß sein Rufen vor Ihn gelange. Denn so wie Er nicht wie ein Mensch das Gesicht der Menschen ansieht, sondern vielmehr das Herz; so merken seine Ohren mehr auf die Stimme des Herzens, als des Leibes - Er, zu dem wir mit Recht sprechen: Gott meines Herzens 1) Daher kommt es, daß Moses, obgleich er äußerlich schweigt, innerlich sich hören läßt, indem Gott spricht: was schreist du zu mir? (Exod. 14,15.)

Er ruft mich an, so will ich ihn erhören, und das mit Recht. Dieses starke Rufen preßt die Größe der Noth aus. Denn was verlangt er mit seinem Rufen anders, als Trost, Befreiung, Verherrlichung? und wie? wird er denn auch darin erhört, wenn Er für Andere schreit? ich will ihn erhören - heißt es, wann willst du ihn denn erhören, Herr, und, in welchen Dingen? Ich bin bei ihm in der Noth, ich will ihn herausreißén und zu Ehren machen. Dieses Dreifache glaube ich wohl auf das dreitägige Fest2), das wir in den nächsten Tagen feiern werden, beziehn zu dürfen. Auch Er kam ja um unsertwillen in Noth und Schmerz, indem Er, da Er doch Freude haben konnte, das Kreuz auf sich nahm. Aber Alles, was Ihn traf, wie Er es vor seinem Tode vorhergesagt hatte, nahm doch ein Ende, und als Er im Tode ausgerufen hatte, es ist vollbracht! - da feierte er seinen Sabbath. Und die Verherrlichung in der Auferstehung blieb auch nicht aus: am dritten Tage, als es noch sehr frühe war, ging uns die Sonne der Gerechtigkeit auf, aus dem Grabe. So erschien also zugleich die Frucht der Noth, und die Wahrheit der Herausreißung in der Offenbarung der Verherrlichung. Doch scheint es, als wenn wir auch bei uns auf ähnliche Weise jene drei Tage bemerken könnten. Ich bin bei Dir - heißt es - in der Noth. Wann geschieht das anders, als am Tage unserer Noth, am Tage unseres Kreuzes? wann erfüllt wird, was Er selbst sagt, in der Welt habt ihr Angst (Joh. 16,53); und was der Apostel sagt: alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden, (2. Tim. 3,11). Denn eine völlige und vollkommene Befreiung kann vor dem Tage des Begräbnisses nicht statt finden, weil es ein elend jämmerlich Ding ist um aller Menschen Leben von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist (Sir. 40,2). An diesem Tage also - sagt Er - will ich ihn herausreißen, wenn die Welt nichts mehr, weder für den Körper noch für die Seele geben kann. Daß Er uns aber zu Ehren macht, geschieht am jüngsten Tage, am Tage der Auferstehung, wenn das, was in Unehre gesäet ist, in Herrlichkeit wieder aufersteht.

Woran merken wir aber, daß Er bei uns ist in der Noth? Eben daran, daß wir in der Noth sind. Denn wer könnte sie ohne Ihn tragen, ohne Ihn bestehn, ohne Ihn aushalten? Meine lieben Brüder, laßt es uns eitel Freude achten, wenn wir in mancherlei Anfechtungen fallen, nicht nur weil wir durch viele Anfechtungen eingehn müssen in das Reich Gottes, sondern weil der Herr nahe dem angefochtenen Herzen ist. Und ob ich schon wanderte im finstern Thal - spricht der Psalmist - fürchte ich doch kein Unglück: denn du bist bei mir. (Cap. 23,4) So ist Er also bei uns alle Tage, bis an das Ende der Welt. Wann aber werden wir bei Ihm seyn? Dann, wenn wir Christo entgegen durch die Luft entrücket und so immer bei dem Herrn seyn werden. Wann aber werden wir mit Ihm offenbar werden in der Herrlichkeit? Dann, wann Christus unser Leben sich offenbaren wird. Bis dahin muß fürwahr unser Leben verborgen seyn, so daß die Noth dem Herausreißen, und das Herausreißen dem zu Ehren machen, vorangeht. So spricht nun der Erlösete: Sey nun wieder zufrieden3), meine Seele; denn der Herr thut dir Gutes. Denn du hast meine Seele aus dem Tode gerissen, meine Augen von den Thränen, meinen Fuß vom Gleiten. Ich werde wandeln vor dem Herrn, im Lande der Lebendigen. (Cap. 116, 7-9) Ich will ihn herausreißen, und zu Ehren machen. Glücklich ist der, der dich indessen zum Tröster und Beistand hat, dich den Beistand im Glück, wie in der Noth! Aber wie viel glücklicher der, den du herausgerissen und befreit hast von so großer Noth! O! wie viel glücklicher der, der schon entrissen ist dem Stricke des Jägers und sicher gestellt, so daß Täuschung seine Seele nicht mehr berücken, noch Bosheit seine Erkenntniß verblenden kann. Weit aber vor allen andern ist der der Glücklichste, den du hinweggenommen hast zu dir, und erfüllt mit den Gütern deines Hauses, und verkläret in deine Klarheit.

Und nun, meine Kindlein, laßt uns schreien gen Himmel; und unser Gott wird sich unsrer erbarmen. Laßt uns gen Himmel schreien, weil unter dem Himmel alles Mühe und Elend und Eitelkeit und Trübsal des Geistes ist. Dazu ist ja das menschliche Herz böse und unergründlich, und zu allem Bösen geneigt. In mir, das ist in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes. Das Gesetz der Sünde wohnet in demselben, und gelüstet wider den Geist. Endlich hat auch mein Herz mich verlassen, und mein Leib ist todt wegen der Sünde. Es ist aber genug, daß jeder Tag seine Plage habe, und die Welt liegt im Argen. O! wie verderbt ist in allen Dingen der gegenwärtige Weltumlauf! wie schändlich streiten die weltlichen Lüste gegen die Seele. Dazu kommen die Fürsten dieser Welt, die Gewaltigen der Finsterniß, die mächtigen Geister der Bosheit in der Luft, und unter ihnen die Schlange, die listiger ist denn alle Thiere des Feldes. Dies alles geschieht also unter der Sonne, dies alles geschieht unter dem Himmel. Wo hast du deine Zuflucht vor diesem allem? Wo hoffst du gegen dieses alles Trost und Hülfe zu finden? Wenn du es in dir suchst, so ist dein Herz vertrocknet, und du wirst dich der Vergessenheit übergeben finden, gleich einem Todten. Suchst du es unter dir, so beschweret der sterbliche Leichnam die Seele. Suchst du es um dich her, so drückt die irdische Hütte den zerstreuten Sinn. Suche es also über dir, aber sey vorsichtig, um an den Schaaren in der Luft vorbeizukommen. Denn weil sie wissen, daß alle gute Gabe, und alle vollkommene Gabe nur von oben herab kommt, so haben sich Räuber mitten auf den Weg gelagert. Gehe also hindurch, gehe hindurch durch diese so wachsamen Bösewichter, welche unermüdlich wachen und lauren, daß keiner zu jener Stadt hindurchkommen. Wenn sie dich auch wund schlagen, so laß ihnen den Mantel, wie ihn in Aegypten Joseph der Ehebrecherin ließ, laß ihnen die Leinwand, und flieh' mit jenem Jüngling im Evangelio nackend von ihnen. Hatte Gott etwa nur Hiobs Mantel und Leinewand in die Hand des Gottlosen gegeben? auch seine ganze Habe und sein Fleisch hatte Er in seine Gewalt gegeben, nur schone seine Seele - gebot Er. Darum also aufwärts das Herz, aufwärts das Geschrei, aufwärts die Sehnsucht, aufwärts den Wandel, aufwärts den Wunsch des Herzens - ja alle deine Erwartung sey aufwärts gerichtet. Schreie gen Himmel, damit du gehöret werdest, und der Vater im Himmel dir Hülfe sende aus dem Heiligthum, und dich beschütze aus Zion. Er wird dir Hülfe senden in der Noth, wird dich herausreißen aus der Noth, und dich zu Ehren manchen in der Auferstehung. Großes ist das - aber Herr, du hast Großes verheißen. Auf deine Verheißung hin hoffen wir, daher wagen wir zu sagen:

Wenn wir mit frommen Herzen schreien,
mußt du deiner Verheißung wegen uns erhören.4)

Amen.

Quelle: Sander - Der Menschenfreund, Achter Jahrgang

1)
Ps. 73, 26. Gott, meines Herzens Trost.
2)
Der Tag des Todes Christi - Charfreitag, - der Ruhe Christi im Grabe - der große Sabbath - und der Auferstehung Christi - Ostern. Diese Predigten wurden nämlich in den Fasten gehalten; um - wie er selbst sagt, durch den Trost und die Herzerquickende Speise des Wortes Gottes seinen Mönchen die Beschwernisse des Fastens zu versüßen. Diese Predigt als die letzte fiel grade in die heilige Charwoche.
3)
Nach der hebräischen und lateinischen Uebersetzung: Kehre zurück zu deiner Ruhe.
4)
Worte aus einem Kirchenlied für die Fasten.
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