Arnd, Johann - Vorrede zum 1. Buch der "6 Bücher vom wahren Christentum"

Was für ein großer und schändlicher Mißbrauch des heiligen Evangeliums in dieser letzten Welt sei, christlicher lieber Leser, bezeuget genugsam das gottlose unbußfertige Leben derer, die sich Christi und seines Worts mit vollem Munde rühmen und doch ein ganz unchristliches Leben führen, gleich als wenn sie nicht im Christentum, sondern im Heidentum lebten. Solch gottlos Wesen hat mir zu diesem Büchlein Ursach gegeben, damit die Einfältigen sehen möchten, worin das wahre Christentum stehe, nämlich in Erweisung des wahren, lebendigen, tätigen Glaubens durch rechtschaffene Gottseligkeit, durch Früchte der Gerechtigkeit. Wie wir darum nach Christi Namen genennet sind, daß wir nicht allein an Christum glauben, sondern auch in Christo leben sollen und Christus in uns, wie die wahre Buße aus dem innersten Grunde des Herzens gehen müsse, wie Herz, Sinn und Mut müsse geändert werden, daß wir Christo und seinem heiligen Evangelium gleichförmig werden, wie wir durchs Wort Gottes müssen täglich erneuert werden zu neuen Kreaturen. Denn gleichwie ein jeder Same seinesgleichen bringet, also muß das Wort Gottes in uns täglich neue geistliche Früchte bringen, und so wir durch den Glauben neue Kreaturen worden sein, so müssen wir auch in der neuen Geburt leben. Summa: wie Adam in uns sterben und Christus in uns leben soll. Es ist nicht genug, Gottes Wort wissen, sondern man muß auch dasselbe in die lebendige tätige Übung bringen.

Viele meinen, die Theologia sei nur eine bloße Wissenschaft und Wort-Kunst, da sie doch eine lebendige Erfahrung und Übung ist. Jedermann studieret jetzo, wie er hoch und berühmt in der Welt werden möge, aber fromm sein will niemand lernen. Jedermann suchet jetzo hochgelehrte Leute, von denen er Kunst, Sprachen und Weisheit lernen möge. Aber von unserm einigen Doktor und Lehrer Jesu Christo will niemand lernen Sanftmut und herzliche Demut, da doch sein heiliges lebendiges Exempel die rechte Regel und Richtschnur unsers Lebens ist, ja die höchste Weisheit und Kunst, daß wir ja billig sagen können: Omnia nos Christi vita docere potest, das ist: Das Leben Christi kann uns alles lehren.

Jedermann wollte gern Christi Diener sein, aber Christi Nachfolger will niemand sein. Er spricht aber Johannes (12, 26): „Wer mir dienen will, der folge mir nach.„ Darum muß ein rechter Diener und Liebhaber Christi auch ein Nachfolger Christi sein. Wer Christum lieb hat, der hat auch lieb das Exempel seines heiligen Lebens, seine Demut, Sanftmut, Geduld, Kreuz, Schmach, Verachtung, ob's gleich dem Fleische wehe tut. Und ob wir gleich die Nachfolge des heiligen und edlen Lebens Christi in dieser Schwachheit nicht vollkömmlich erreichen können, dahin auch mein Büchlein nicht gemeinet, so sollen wir's doch lieb haben und danach seufzen. Denn also leben wir in Christo und Christus in uns, wie St. Johannes (1. Joh. 2, 6) spricht: „Wer da saget, daß er in ihm bleibet, der soll auch wandeln, gleichwie er gewandelt hat.“ Jetzo ist die Welt also gesinnet, daß sie gern alles wissen wollte; aber dasjenige, das besser ist denn alles Wissen, nämlich Christum lieb haben (Eph. 3, 19), will niemand lernen. Es kann aber Christum niemand lieb haben, er folge denn auch nach dem Exempel seines heiligen Lebens. Viele sind, ja die meisten in dieser Welt, die sich des heiligen Exempels Christi schämen, nämlich seiner Demut und Niedrigkeit. Das heißet sich des Herrn Christi geschämet, davon der Herr sagt (Mark. 8, 38): „Wer sich meiner schämet in dieser ehebrecherischen Welt, des wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wenn er kommen wird.“ Die Christen wollen jetzo einen stattlichen, prächtigen, reichen, weltförmigen Christum haben, aber den armen, sanftmütigen, demütigen, verachteten, niedrigen Christum will niemand haben noch bekennen noch demselben folgen. Darum wird er einmal sagen: „Ich kenne euer nicht“ (Math. 7, 23). Ihr habt mich nicht wollen kennen in meiner Demut, darum kenne ich euer nicht in eurer Hoffart.

Nicht allein aber ist das gottlose Leben und Wesen Christo und dem wahren Christentum ganz zuwider, sondern es häufet täglich Gottes Zorn und Strafe, also, daß Gott alle Kreaturen wider uns rüsten muß zur Sache, daß Himmel und Erde, Feuer und Wasser wider uns streiten müssen, ja die ganze Natur ängstet sich darüber und will brechen. Daher muß elende Zeit kommen, Krieg, Hunger und Pestilenz. Ja die letzten Plagen dringen so heftig und mit Gewalt herein, daß man fast vor keiner Kreatur wird sicher sein können. Denn gleichwie die greulichsten Plagen die Ägypter überfielen vor der Erlösung und Ausgang der Kinder Israel aus Ägypten, also werden vor der endlichen Erlösung der Kinder Gottes schreckliche, greuliche, unerhörte Plagen die Gottlosen und Unbußfertigen überfallen. Darum hohe Zeit ist, Buße zu tun, ein ander Leben anzufangen, sich von der Welt zu Christo zu bekehren, an ihn recht zu glauben und in ihm christlich leben, auf daß wir unter dem Schirm des Höchsten und dem Schatten des Allmächtigen sicher sein mögen (Ps. 91, 1). Dazu uns auch der Herr vermahnet (Luk. 21, 36): „So seid nun wacker allezeit und betet, daß ihr würdig werden möget, zu entfliehen diesem allen.“ Solches bezeuget auch der 112. Psalm (V. 7).

Dazu werden dir, lieber Christ, diese Büchlein Anleitung geben, wie du nicht allein durch den Glauben an Christum Vergebung deiner Sünden erlangen sollst, sondern auch, wie du die Gnade Gottes recht sollst gebrauchen zu einem heiligen Leben und deinen Glauben mit einem christlichen Wandel zieren und beweisen. Denn das wahre Christentum stehet nicht in Worten oder im äußerlichen Schein, sondern im lebendigen Glauben, aus welchem rechtschaffene Früchte und allerlei christliche Tugenden entsprießen als aus Christo selbst. Denn weil der Glaube menschlichen Augen verborgen und unsichtbar ist, so muß er durch die Früchte erwiesen werden, sintemal der Glaube aus Christo schöpfet alles Gutes, Gerechtigkeit und Seligkeit. Wenn er nun beständig erwartet der verheißenen Güter, die dem Glauben versprochen sind, so entsprießet aus dem Glauben die Hoffnung. Denn was ist die Hoffnung anders denn ein beständiges, beharrliches Erwarten der verheißenen Güter im Glauben? Wenn aber der Glaube dem Nächsten die empfangenen Güter mitteilet, jetzo entspringt aus dem Glauben die Liebe und tut dem Nächsten wieder also, wie ihm Gott getan hat. Wenn aber der Glaube in der Probe des Kreuzes bestehet und sich dem Willen Gottes ergibt, jetzo wächset die Geduld aus dem Glauben. Wenn er aber im Kreuz seufzet oder Gott für empfangene Wohltaten danket, jetzo wird das Gebet geboren. Wenn er Gottes Gewalt und des Menschen Elend zusammenfasset und sich unter Gott schmieget und bieget, jetzo wird die Demut geboren. Wenn er sorget, daß er nicht möge Gottes Gnade verlieren oder, wie St. Paulus (Phil. 2, 12) spricht: „mit Furcht und Zittern schaffet“, daß er selig werde, jetzo ist die Gottesfurcht geboren.

Also siehest du, wie alle christlichen Tugenden des Glaubens Kinder sind und aus dem Glauben wachsen und entsprießen und können nicht vom Glauben als von ihrem Ursprung getrennet werden, sollen's anders wahrhaftige, lebendige, christliche Tugenden sein aus Gott, aus Christo und aus dem heiligen Geist entsprossen. Darum kann kein Gott wohlgefällig Werk ohne den Glauben an Christum sein. Denn wie kann wahre Hoffnung, rechte Liebe, beständige Geduld, herzlich Gebet, christliche Demut, kindliche Furcht Gottes ohne Glauben sein? Es muß alles aus Christo, dem Heilbrunnen, durch den Glauben geschöpfet werden, beides Gerechtigkeit und alle Früchte der Gerechtigkeit.

Du mußt dich aber wohl vorsehen, daß du ja beileibe deine Werke und anfangenden Tugenden oder Gaben des neuen Lebens nicht mengest in deine Rechtfertigung vor Gott. Denn da gilt keines Menschen Werk, Verdienst, Gaben oder Tugend, wie schön auch dieselben seien, sondern das hohe vollkommene Verdienst Jesu Christi, durch den Glauben ergriffen. Darum siehe dich wohl vor, daß du die Gerechtigkeit es Glaubens und die Gerechtigkeit des christlichen Lebens nicht ineinander mengest, sondern wohl unterscheidest, denn dies ist das ganze Fundament unserer christlichen Religion.

Nichts desto weniger aber mußt du dir deine Buße lassen einen rechtschaffenen Ernst sein, oder du hast keinen rechtschaffenen Glauben, welcher täglich das Herz reiniget, ändert und bessert. Sollst auch wissen, daß der Trost des Evangeliums nicht haften kann, wo nicht rechtschaffene wahre Reue und göttliche Traurigkeit vorhergehet, dadurch das Herz zerbrochen und zerschlagen wird, denn es heißet: „Den Armen wird das Evangelium geprediget“ (Matth. 11,5). Und wie kann der Glaube das Herz lebendig machen, wenn's nicht zuvor getötet wird durch ernstliche Reue und Leid und wahre Erkenntnis der Sünden? Darum sollst nicht gedenken, daß die Buße so schlecht und leicht gehe. Bedenke, wie ernste und scharfe Worte der Apostel Paulus gebrauchet, da er gebietet, das Fleisch zu töten und zu kreuzigen samt den Lüsten und Begierden, seinen Leib aufzuopfern, der Sünde abzusterben, der Welt gekreuziget zu werden. Wahrlich dies geschiehet nicht mit Zärtelung des Fleisches. Die heiligen Propheten malen auch die Buße nicht lieblich ab, wenn sie ein zerbrochen zerschlagen Herz und einen zerknirschten Geist fordern und sagen: Zerreißet euere Herzen, heulet, klaget und weinet. Wo findet man jetzo solche Buße? Der Herr Christus nennet sich selbst hassen, verleugnen, absagen alledem, was man hat, will man anders sein Jünger sein. Solches gehet wahrlich nicht mit lachendem Munde zu. Dessen allen hast du ein lebendig Exempel und Bild in den sieben Buß-Psalmen. Die Schrift ist voll des göttlichen Eifers, dadurch die Buße nebst ihren Früchten erfordert wird bei Verlust der ewigen Seligkeit. Darauf kann der Trost des Evangeliums seine rechte natürliche Kraft erzeigen. Beides aber muß Gottes Geist durchs Wort in uns wirken.

Von solcher ernsten wahrhaften innerlichen Herzens-Buße und von derselben Früchten handelt dies mein Büchlein und von der Praxis und Übung des wahren Glaubens, auch wie ein Christ alles in der Liebe tun soll; denn was aus christlicher Liebe geschiehet, das gehet auch aus dem Glauben. Es sind aber in demselben, sonderlich im Frankfurtischen Druck, etliche Reden nach Art der alten Skribenten, Taulers, des Thomas von Kempen und anderer, mit eingemischet, die das Ansehen haben, als wenn sie menschlichem Vermögen und Werken zuviel zueignen, dawider doch mein ganzes Büchlein streitet. Darum soll der christliche Leser freundlich erinnert sein, daß er fleißig sehe nach dem scopo „Zweck“ und Ziel des ganzen Büchleins, so wird er befinden, daß es vornehmlich dahin gerichtet ist, daß wir den verborgenen angebornen Greuel der Erbsünde erkennen, unser Elend und Nichtigkeit betrachten lernen, an uns selbst und an allem unserm Vermögen verzagen, uns selbst alles nehmen und Christo alles geben, auf daß er alles allein in uns sei, alles in uns wirke, allein in uns lebe, alles in uns schaffe, weil er unserer Bekehrung und Seligkeit Anfang, Mittel und Ende ist.

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