Arnd, Johann - Vom wahren Glauben

Du Geist des Glaubens, lehre uns, Jesum heilsam erkennen, erwecke in uns ein Verlangen nach seiner Gerechtigkeit und laß uns in ihm beständig erfunden werden, daß wir seine Gnadengüter gewinnen und seine Kraft zur täglichen Heiligung in uns erfahren. Amen.

Der Glaube ist eine herzliche Zuversicht und unbezweifeltes Vertrauen auf Gottes Gnade, in Christo verheißen, von Vergebung der Sünden und ewigem Leben, und durch das Wort Gottes und den Heiligen Geist angezündet. Durch diesen Glauben erlangen wir Vergebung der Sünden, ganz ohne weiteres Verdienst, aus lauter Gnade (Eph. 2,8), um des Verdienstes Christi willen, auf daß unser Glaube einen gewissen Grund habe und nicht wanke. Und diese Vergebung der Sünden ist unsere Gerechtigkeit, die wahrhaftig, beständig und ewig vor Gott ist.

Die Erkenntnis Gottes, die im Glauben besteht, ist nicht ein bloßes Wissen, sondern eine fröhliche, freudige, lebendige Zuversicht, wodurch ich Gottes Allmacht an mir kräftig und tröstlich empfinde, wie er mich hält und trägt, wie ich in ihm lebe, webe und bin, daß ich auch seine Liebe und Barmherzigkeit an mir fühle und empfinde. Siehe, das ist der Glaube, der in lebendiger, fröhlicher Zuversicht besteht, nicht im bloßen Schall und Wort. Und in dieser Erkenntnis Gottes müssen wir nun täglich als Kinder Gottes wachsen, daß wir immer völliger darin werden. Dieser Glaube ist eine geistliche, lebendige himmlische Gabe, ein Licht und eine Kraft Gottes.

Das ist die Art eines rechten Glaubens, wenn das Herz wider und über alle Vernunft sich gewiß und unverzagt auf Gott verläßt und nicht zweifelt.

Der Glaube macht gerecht, weil er Christum ergreift in seiner ganzen Person, ganzem Amt, Verdienst, Erlösung, Gerechtigkeit, sich denselben zu eigen macht, ihn anzieht als Kleid des Heils und einen Rock der Gerechtigkeit.

Gleichwie aber unser gnädiger, lieber, himmlischer Vater den Grund unserer Seligkeit und Gerechtigkeit in den tiefen Abgrund seiner Barmherzigkeit gelegt hat, in seine ewige Liebe, in seinen lieben Sohn, in sein allfreundliches Vaterherz: also hat er auch denselben in die Tiefe unseres Herzens in den innersten Grund unserer Seele gelegt; auf daß durch das neue göttliche Licht und die Kraft des Glaubens, den er in uns durch den Heiligen Geist wirket, allein Christi Gerechtigkeit ergriffen und uns aus Gnaden, allein durch den Glauben zugerechnet und geschenkt werde ohne alle unsere vorhergehenden und nachfolgenden Werke.

Sobald ein wenig, ja das allergeringste Vertrauen auf Menschenwerk oder eigene Ehre, eigene fleischliche Liebe, Würdigkeit, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Geschicklichkeit mit eingemischet wird, so ist der Glaube nicht rein, lauter und unbefleckt, ja es ist ein falscher Glaube, ja der Glaube höret auf, denn sobald der Glaube an etwas anders haftet, als an der lautern Gnade Gottes in Christo, so ist er kein rechter Glaube und ist von der Gnade abgerissen, ja die Gnade ist verworfen, so ist denn auch keine Vergebung der Sünden aus Gnaden da, so ist denn auch kein beständiger Trost da, so ist auch keine rechte, reine, lautere Liebe Gottes da, sondern eigene Liebe, so ist auch keine rechte Hoffnung da, denn der Hoffnung Art und Eigenschaft ist, daß sie alles um Christi willen erwartet, nicht um eigener Würdigkeit willen, so ist auch keine rechte Ehre Gottes da, denn so gibt der Mensch Gott nicht allein die Ehre, sondern ihm selbst, so ist auch keine rechte Liebe des Nächsten da, welcher Art ist, daß sie alles lauter, umsonst, ohne Ansehung der Belohnung tut, sondern alles aus reiner Liebe Gottes, aus demütiger Dankbarkeit für die große Gnade Gottes.

Er läßt durch sein Wort und seinen Geist in unsern Herzen den Glauben wirken und anzünden, auf daß wir durch denselbigen dieses unaussprechlichen Schatzes der Gerechtigkeit Christi teilhaftig werden können.

So ist der schwache Glaube auch ein Glaube. Denn es stehet unsere Seligkeit nicht auf der Würdigkeit unseres Glaubens, wie stark oder schwach derselbe sei, sondern auf Christo, welchen der Glaube faßt und ergreift.

Wenn man über den schwachen Glauben klagt, so merkt man, daß ein kämpfender Glaube da ist, und das ist eben der rechte Glaube. Denn es ist ein steter Kampf des Glaubens und Unglaubens im Menschen. Der Glaube muß hier stehen unter vielen Schwertern der Anfechtung.

Ja, sprichst du: ich fühle fast keinen Glauben in mir. So frage ich dich, ob du auch gerne wolltest glauben? Wenn du das fühlst, das ist ein Glaube, denn Gott muß auch das Wollen in uns wirken. Wenn du mithin gerne wolltest glauben, so fühlst du Gottes Wirkung in dir, und hast die tröstliche Hoffnung, daß, der das Wollen in dir wirket, der werde auch das Vollbringen wirken.

Ein anderes ist Christus in seiner Person für uns. Ein anderes ist Christus in unserer Person in uns. Was nun Christus ist für uns in seiner Person, in seiner Menschwerdung, Leiden, Sterben, Auferstehung und Himmelfahrt, das ist er ihm nicht selbst, sondern uns zu gut, zu nutz und ewigen Seligkeit und eben dies allein ist vollkommen und unsere einige Gerechtigkeit, darinnen der Glaube lebet. Was aber Christus ist in uns, in unserer Person, durch seine Einwohnung, Wirkung, Geist und Gnade, das ist alles unvollkommen, Stückwerk und Flickwerk wegen unserer sündigen Natur, die kein Mensch in diesem Leben ablegen kann.

Darum müssen wir im Verdienste Christi allein ruhen und uns allezeit für große Sünder in Adam und für große Heilige in Christo achten, alsdann sind wir ohne all unser Zutun selige Menschen durch Christi Verdienst und gnadenreiche Menschen durch Christi Einwohnung, Wirkung, Geist und Gnade in uns.

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