Arnd, Johann - Vom neuen innerlichen Menschen

Allmächtiger Gott, offenbare an uns deine Schöpfungskraft, daß wir dein Werk werden, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken. Schenke dein Heil um Christi willen unseren Seelen, damit die Freude in ihm unsere Starke werde. Gib uns deinen Geist der Kindschaft, der unserm Geist Zeugnis gebe, daß wir deine Kinder sind und uns täglich von aller Befleckung des Geistes und des Fleisches reinige, auch zu allem Guten kräftig antreibe. Hieraus wird die Willigkeit und das Vermögen bei uns entstehen, daß wir aufrichtig unser Leben lang, ohne knechtische Furcht, mit heiliger Ehrerbietung im kindlichen und zuversichtlichen Wesen uns dir, unserm Herrn, mit allem, was wir sind und haben, gänzlich aufopfern, in deinem Dienst beständig bleiben und im Guten täglich wachsen und zunehmen zur Verherrlichung deines großen Namens. Amen.

Gleichwie ein Pfropfreis, in einen guten Samen eingepfropft, in demselben grünet, blühet und Frucht bringt, außer demselben aber verdorrt: also ist der Mensch außer Christo nichts denn ein verfluchter Weinstock und alle seine Werke sind Sünde.

Wie kann ein toter Mensch gehen, stehen und etwas Gutes tun, wenn man ihn nicht zuvor lebendig macht? Also, weil du in Sünden tot und Gott abgestorben bist, kann ja kein Gott wohlgefällig Werk von dir geschehen, wenn du nicht zuvor in Christo lebendig gemacht wirst.

Sündigen hat der Mensch wohl können, aber sich selbst nicht wiederum gerecht machen. Verlieren hat er sich selbst wohl können, aber nicht selbst wieder finden. Töten hat er sich selbst wohl können, aber nicht selbst wieder lebendig machen. Dem Teufel hat er sich können unterwürfig machen, aber vom Teufel erretten, hat er sich selbst nicht gekonnt.

Gott hat das göttliche Blut Christi zu unserer Arznei und zur Reinigung unserer Sünden gemacht. Diese köstliche Arznei können wir nun aus eigenen Kräften und Vermögen nicht annehmen; denn wir sind gar zu krank. Wir widerstreben dieser himmlischen Kur von Natur. Darum darfst du, o getreuer und heilsamer Arzt, nicht auf mich warten, sonst werde ich nimmermehr gesund; sondern ziehe mich jetzt zu dir. Reiß mich von mir ganz hinweg und nimm mich ganz an, wenn du mich ganz heilen willst (Hohelied l, 4). Lassest du mich in meiner Krankheit liegen, so muß ich ewig verderben. Darum bekehre mich, Herr, so werde ich bekehret (Jer. 31, 18). Heile mich, so werde ich heil. Hilf mir, so wird mir geholfen; denn du bist mein Ruhm (Jer. 17, 14).

Das Herz ändern, zu Gott wenden und von bösen Lüsten reinigen, dazu gehört göttliche Kraft.

Soviel ein Mensch ihm selber abstirbt, soviel lebet Christus in ihm. Soviel die böse Natur im Menschen abnimmt, soviel nimmt die Gnade in ihm zu; soviel das Fleisch gekreuzigt wird, soviel wird der Geist erwecket und gestärket. Soviel der äußere Mensch verweset und getötet wird, soviel wird der innere Mensch erneuert.

Unser Dichten und Trachten geht nur darauf, daß wir in der Welt etwas bedeuten, einen großen Namen vor ändern erlangen, ein sinnliches Vergnügen in den nichtigen Dingen dieser Welt genießen, und vergängliche Schätze der Erde sammeln mögen … Laß uns Christi Kraft zur wahren Sinnesänderung erfahren. Pflanze in uns heilige Begierden, die auf dich, das allerhöchste Gut, unsern größten Wohltäter allein hingerichtet seien. Laß uns täglich uns und der Welt absterben, damit wir dir in Christo ein reines Opfer werden!

Ein Mensch, der nichts sein will und sich für nichts hält, ist die Materie, woraus Gott etwas macht, und herrliche weise Leute vor ihm. Ein Mensch, der sich vor Gott für den Geringsten achtet, für den Elendesten, ist bei Gott der Größte und Herrlichste; der sich für den größten Sünder hält, ist bei Gott der größte Heilige … Denn gleichwie Gott Himmel und Erde aus Nichts gemacht hat zu einem herrlichen und wunderbaren Gebäude, also will er den Menschen, der auch nichts ist in seinem Herzen, zu etwas Herrlichem machen … Also achtet sich ein recht elend Herz nicht wen eines himmlischen Segens und Trostes. Und wenn ein Mensch soviel Tränen vergösse, als Wasser im Meer ist, so wäre er doch nicht wert eines himmlischen Trostes; denn es ist lauter unverdiente Gnade … Wir sind nichts, ach Gott, sei du in Christo unser alles.

Wer gen Himmel will, muß vom Himmel sein und eine neue Geburt von oben herab haben, ja er muß durch den gen Himmel kommen, der vom Himmel kommen ist. Der ist die Himmelsleiter, die Pforte, der Weg, die Wahrheit, das Licht und Leben.

Es ist nichts Gutes an mir. Willst du mich heilen, Herr, so mußt du mich gar neu machen. Ja, spricht der Herr Jesus, das kann ich, ich kann einen neuen Menschen aus dir machen, eine neue Kreatur. Das wird in diesem Leben angefangen und in der Auferstehung der Gerechten vollendet. Unterdessen will ich heilen deine Gebrechen, deinen schwachen Glauben, deine Ungeduld, deine kalte Liebe, blöde Hoffnung, dein krankes Gebet und deine Schwachheiten, daß dir derselben keine schaden soll.

Wenn Gott das Herz fordert, so fordert er den ganzen Menschen mit Leib und Seele und allen Kräften. Derselbe muß Gott gleich sein und in Christo erneuert werden. Und so müssen wir im neuen geistlichen Leben und im Geiste wandeln.

Alles, was er geschaffen hat im Himmel und auf Erden mit aller seiner Weisheit und Güte, und alles, was er jederzeit wirkt und tut, das tut er und hat alles darum getan, daß er uns dadurch rufe und lade zu unserm Ursprung und wiederbringe in sich.

Du kennst den rechten Weinstock Christus nicht recht, wenn nicht seine Liebe, sein Leben, seine Tugend in dir wirket und wohnet. Darum, wer nur weiß, daß Christus für ihn gestorben ist, empfindet aber seine Liebe, ja sein ganzes Leben nicht in ihm, der kennet Christum nur halb und ist nicht mit ihm vereinigt, sondern lässet es nur einen bloßen Buchstaben und Wissen sein.

Himmlischer Arzt, ich bringe zu dir eine tote Seele, mache sie lebendig; eine kranke Seele, heile sie, ein Herz, das leer ist, erfülle es mit deiner Gnade, mit deinem Geist, mit deiner Liebe, mit deiner Sanftmut, mit deiner Demut, mit deiner Geduld. In dir habe ich volle Genüge, du bist mir alles, bleibe ewig in mir und laß mich ewig in dir bleiben.

Wo der wahre Glaube ist, da ist Christus mit aller seiner Gerechtigkeit, Heiligkeit, Verdienst, Gnade, Vergebung der Sünden, Kindschaft Gottes, Erbe des ewigen Lebens, das ist die neue Geburt, die da kommt aus dem Glauben an Christum. Denn Christus und der Glaube vereinigen sich miteinander, also daß alles, was Christus ist, unser wird durch den Glauben, wo aber Christus wohnet durch den Glauben, da wirket er auch ein heiliges Leben, und das ist das edle Leben Christi in uns. Wo aber Christi Leben ist, da ist lauter Liebe, und wo die Liebe ist, da ist der Heilige Geist und das ganze Reich Gottes … So aber Christus in dir wohnet und in dir wirket, so ist alles das Gute, so du tust, nicht dein, sondern deines einwohnenden Königs in dir. Gottes Kraft ist's, die in uns wirkt.

In Christo bin ich bereits selig, mit ihm bin ich bereits auferstanden und gen Himmel gefahren und in das himmlische Wesen versetzt. Darum habe ich in Christo Jesu, meinem Herrn, schon das ewige Leben und warte nun auf die Offenbarung der künftigen Herrlichkeit.

Gott hat sich durch das geschenkte ewige Gut uns zu eigen gemacht, auf daß er uns dadurch ihm hinwieder zu eigen machte.

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